Eltern-Kind-Beziehung

Heiße Eisen

Was nur ich meinem Kind sagen kann

Gespräch mit Katharina von Däniken

„Sexualerziehung“ – gehört das eigentlich in die Familie?

Unbedingt, denn in der Familie lernen wir die grundlegenden Fähigkeiten, um Sexualität eines Tages erfüllt leben und ausdrücken zu können. Hier lernen Kinder, ihre Gefühle und Sehnsüchte in Worte zu fassen. Hier erleben sie ganz praktisch, wie man körperliche Nähe zulässt und Distanz ­signalisiert. In der Familie erfahren sie bedingungslose Annahme – eine wichtige Voraussetzung, um später die eigene Sexualität annehmen zu können. Unter dem Begriff Sexualität versteht man heute meistens nur jenen Aspekt, der mit dem Geschlechtlichen, dem sexuellen Akt zu tun hat. Sex ist sicher ein wesentlicher Ausdruck der Sexualität, aber umfasst nicht alles. Wenn wir im ParentSTAR Kurs von Sexualität sprechen, sehen wir die Person als eine Einheit von Körper, Verstand, Geist und Seele.


In welchem Alter beginnt Sexualaufklärung?

Bei ParentSTAR reden wir nicht von „Aufklärung“, sondern von Sexualerziehung. Sexualität ist zutiefst ein Beziehungsgeschehen, das durch Eltern, Großeltern und andere Personen geprägt wird, die in Beziehung zum Kind stehen, mit denen sich das Kind verbunden fühlt; sie alle erziehen das Kind. Ist es von Menschen umgeben, die es unangemessen behandeln, geschieht auch Sexualerziehung, die sich aber auf das Kind und seine Entwicklung nicht positiv auswirkt.

Welches Ziel hat Sexualerziehung?

Es ist eine Sache der Atmosphäre zu Hause. Eltern leben vor, hauptsächlich nonverbal, wie Liebe und Beziehung sich ausdrückt. Im Gespräch über Sexualität kann man den Kindern erklären, was wichtig ist im Leben, aussprechen, warum wir gewisse Dinge tun und andere lassen. Als Eltern möchten wir, dass unsere Kinder gut für das Leben als Erwachsene ausgerüstet und vorbereitet sind, so dass sie ihr Leben sinnerfüllt und in innerer Zufriedenheit gestalten können.

Im Grunde ­beginnt die Sexualerziehung schon beim Baby, das wir umsorgen und lieben. Oder wenn wir unserem Kind beibringen, warten zu lernen, nicht alles gleich haben zu müssen, lernt es mit Frustration umzugehen. Wir geben den Werten, die in der Familie ein gutes Zusammenleben ermöglichen, einen Namen und stärken die Kinder darin, dass es sich lohnt, sich Mühe im Miteinander zu ­geben. Das gibt ihnen als Person Selbstwert und Selbstsicherheit.

Welche Kernkompetenzen sollten sie erlangen?

Das A und O ist die Beziehungs- und Liebes­fähigkeit. Das bilden sie aus, wenn sie wissen, dass wir für sie da sind und sie sich auf uns verlassen können. Wir möchten ihnen vermitteln, dass Liebe dort beginnt, wo wir Verantwortung für jemanden oder etwas übernehmen; dass Liebe nicht ausprobiert werden kann, nicht vor allem ein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung für jemanden, die ein Leben lang immer wieder ­bestätigt und bestärkt werden muss; und dass wir Menschen uns gegenseitig brauchen. Wenn ich von der Liebe nur profitieren will, bleibe ich am Ende alleine.

Was sind geeignete Themen, an die man anknüpfen kann?

Das kommt natürlich auf das Alter der Kinder und Jugendlichen an. Die besten Gesprächsanstöße liefern uns alltägliche Begebenheiten, z. B. das Werbebild einer halbnackten Frau. Wir können darüber ins Gespräch kommen, indem wir die Würde der Person ansprechen, oder die Frage stellen, was eine Frau für ein Selbstbild hat, wenn sie sich so zeigt. Wichtig ist, dass wir selbst eine durchdachte Meinung haben und sie mit sinnvollen Argumenten vertreten können.

Das klingt sehr „abgehangen“. Warum ist es für Eltern dennoch oft so schwierig, mit ihren Kindern über diese Dinge zu sprechen?

Vielleicht, weil wir fürchten, als altmodisch zu gelten und uns dadurch lächerlich zu machen. Wir wissen um die Gefahren, die Beschämung und das Scheitern, vor dem wir unsere Kinder bewahren möchten. Liebe, Beziehung, Verantwortung – das sind Wahrheiten, die eigentlich über Generationen gleich geblieben sind. Wer diese Werte nicht teilt – und gerade die Jugend, die alles selbst erkunden will – lehnt vorübergehend alles als altmodisch ab, was wir dann falsch interpretieren. Dabei ist das eine Frage der Lebensreife und Lebensweisheit, für die wir uns nicht zu schämen brauchen. 

Wie finden wir eine gemeinsame Sprache für intime oder gar peinliche Dinge?

Ich fand eine Sprache, als ich staunen lernte, wie wunderbar Gott die Welt geschaffen hat, mich, meinen Mann, meine Kinder. Als ich begriff, dass Gott es so gewollt hat, konnte ich die „peinlichen Dinge“ mit Liebe und Respekt aussprechen. Sie verlieren ihre Peinlichkeit, weil sie von Gott so geplant sind. Andererseits ist unsere Schamhaftig­keit auch etwas Kostbares. Intimität ist ein ver­letzbarer Bereich, der einen Schutzraum und Respekt braucht. Wie zum Beispiel in der Krankenpflege oder ähnlichen Situationen, in denen die eigene Intimsphäre nicht verborgen werden kann, braucht es auch in der Sexualerziehung Umsicht, Sachlichkeit und einen unaufgeregten Respekt. Es kann sehr übergriffig sein, wenn intime Details bagatellisiert, lächerlich gemacht oder übermäßig verbalisiert werden.

Wäre es nicht klüger, die Sexualerziehung den Profis in der Schule zu überlassen?

Sicher, es gibt kompetente und feine Fachleute, und es ist wünschenswert, dass sie im Unterricht versachlichen und ergänzen, was wir Eltern den Kindern fürs Leben mitgeben möchten. Aber das enthebt Eltern nicht der Pflicht, einen Werte­rahmen zu vermitteln und ihren Kindern darüber Rechenschaft zu geben. Die Fragen der Sexualität betreffen das Leben auf so vielen Ebenen; sollten wir gerade das an Fremde delegieren, ohne infor­miert zu sein, welche Standards sie unseren Kindern vermitteln? Ich schau schon genau hin, wenn ich den Eindruck habe, dass vieles im Unklaren bleibt, oder dass Impulse gesetzt werden, die ich für verfehlt halte. Der Schulunterricht betrifft ja unser aller Zukunft! Auch ich muss meinen Teil dazu beitragen, dass meine Kinder, Enkel und Urenkel, die ich hoffentlich noch erleben werde, nach Werten unterrichtet werden, die mich ­getragen haben.

Wie können Eltern ihre Stimme geltend machen und Einfluss nehmen auf Inhalte in Schule und Kita?

Schwierige Frage! Eltern sind die Erstverantwortlichen. Sich vorab informieren, was die Lehrer vorhaben, Einsicht in Lehrmittel nehmen und sich eine Meinung bilden, ist sicher Teil ihrer Verantwortung. Wenn es Dinge sind, die uns gegen den Strich gehen, kann es hilfreich sein, sich mit anderen Eltern zusammenzutun und sich Gehör zu verschaffen. Anerkannte Pädagogen oder Psychologen aus der Fachliteratur zitieren zu können, etwa in Bezug auf die Entwicklungsstufen und altersgerechten Unterricht, ist auch nicht verkehrt.

Wie kommt man mit seinem Kind ins Gespräch, wenn es von sich aus keine Fragen stellt?

Warum Kinder keine Fragen stellen, ist schwer abzuschätzen. Vielleicht interessieren sie sich gerade für ganz andere Dinge oder sie haben eben schon die Nase voll vom Überangebot an sexuellen Infos. Ich nahm z. B. so banale Dinge wie einen Aknepickel zum Anlass, um die Bemerkung fallen zu lassen: „Oh, wohl ein Testosteronschub! Iss weniger Schokolade und Salami, mein Sohn!“ Wenn nicht er, dann fragte bestimmt ein anderer am Tisch: Was ist ein Testosteronschub? Damit ist das Gespräch über ganz alltägliche, menschliche Gegebenheiten eröffnet, denen man dann auch eine entsprechende Wendung geben kann.

Außerdem sind Jugendliche gute Beobachter. Wenn man sie fragt, was sie von diesem oder jenem Vorfall halten, kann man staunen, was sie alles beizutragen zu haben!

Was können wir tun angesichts der erotischen Bilderflut, der sie ständig ausgesetzt sind, und die ihre Ideale formt?

Am glaubwürdigsten sind wir, wenn wir aus der eigenen Betroffenheit erzählen, wie schwierig es ist, solche Bilder wieder aus dem Kopf zu kriegen. Oder wie es uns einengt, Idolen nachzueifern, mit denen andere vor allem an uns verdienen wollen. Es ist wichtig, mit den Kindern zu besprechen, was der Mensch zum Gelingen des Lebens braucht und was nur Köder sind, die uns dazu verleiten wollen, mit dem, was wir haben, unzufrieden zu sein.

Klassische Situation: Eltern entdecken, dass ihr Teenager Pornos schaut. Wie geht man damit sinnvoll um?

Da ist ein Gespräch von Mann zu Mann bzw. Frau zu Frau sehr wichtig. Welche Gefühle lösen solche Bilder aus? Welche Sehnsüchte sprechen sie an? Wir können ihnen plausibel machen, was mit uns passiert, wenn Gier und Sucht in diesem intimen Bereich Macht über einen Menschen bekommen. Dass diese Art käuflicher Erotik eine graue Leere hinterlässt und erfüllende Sexualität nur in Verbundenheit mit wirklicher Liebe zu finden ist. Wir dürfen unseren Kindern zumuten, auch in diesem Bereich Selbstbeherrschung einzuüben, und ihnen klarmachen, dass die schnelle Befriedigung die Erlebnisfähigkeit nicht vertieft, sondern abstumpft.

Ab welchem Alter sollte man mit Kindern über verstörende Themen wie Abtreibung, Prostitution und sexuellen Missbrauch reden?

Erst wenn es wirklich nötig wird durch Vorfälle in ihrem Umfeld, die in ihnen das Bedürfnis wecken, darüber zu sprechen. Nicht vorher. Kinder sollen sich vor allem darauf freuen, erwachsen zu werden, auf all das Schöne in ihrer erwachenden Sexualität.

Was unterscheidet den ParentSTAR-Kurs vom herkömmlichen Sexualkundeunterricht?

Grundsätzlich: Programme wie TeenSTAR und ParentSTAR fragen nicht aus, die Intimität jeder Person wird gewahrt: Respekt ist Regel Nummer eins.     

ParentSTAR – ein ganzheitlicher und wertorientierter Zugang für Eltern zu Fragen der Sexualerziehung in der Familie. Im Kurs haben sie die Möglichkeit, dem nachzuspüren, was ihre ­Intuition ihnen sagt und erhalten Anleitung, wo und wie sie in Schule und zivilem Leben noch bewusster und auf konstruktive Art diese Themen ansprechen können. Sie erfahren, wie andere Eltern mit den gleichen Problemen kämpfen. Im Umgang mit dem offensiven medialen und gesellschaftlichen Druck braucht es Überzeugungskraft und Standfestigkeit. Beide Kurse, ParentSTAR Kleinkind/Vorpubertät und ParentSTAR Pubertät dauern 4 x 2,5 Stunden. Da es in Deutschland noch keine ParentSTAR-Angebote gibt, empfehlen wir Eltern die Ausbildungsseminare von TeenSTAR. Das Konzept von TeenSTAR bildet auch die Grundlage der ParentSTAR Kurse.

Von

  • Katharina von Däniken

    Sie ist seit 39 Jahren verheiratet, hat 6 Kinder und 9 Enkel. Sie lebt in der Nähe von Chur/Schweiz, ist Präsidentin und Ausbildungsleiterin von TeenSTAR Schweiz sowie Mitentwicklerin der ParentSTAR Kurse.

    Alle Artikel von Katharina von Däniken

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