Grünes Licht für die Liebe

Worin unterscheiden sich große Sünder von großen Heiligen?
In dem, wie sie ihren Hunger stillen.
                                                 Jason Evert (aus dem Englischen)

Liebe Freunde,

der Weg zur Liebes- und Beziehungsfähigkeit ist holprig und kurvenreich. Die Übergänge markiert in der Regel kein gesicherter Zebrastreifen, und selten steht eine Ampel an unseren Lebenskreuzungen, die vor Fehltritten warnt. Regeln, die gewährleisten, dass Liebe dauerhaft, unfallfrei und immer frisch durchweht bleibt, ohne auszukühlen, lassen sich auch nicht aus dem Straßenpflaster stampfen. Das lehrt uns – Ehepaare und Ledige – täglich das Leben in der Kommunität auf vielerlei Weise. Es gibt uns aber auch täglich begründete Hoffnung, dass das Großprojekt Liebe gelingen kann.

GPS für die Wege der Liebe

Menschen kommen einander gelegentlich in die Quere, und nicht immer ist ein Crash zu ver­meiden. Das gilt für Paare, für Gruppen aber auch für ganze Nationen. In diesem heißen Sommer ist eine erhitzte Debatte darüber entbrannt, ob und wie sich der Kollisionskurs zwischen der EU und Griechenland aufhalten lässt. Im Moment sind die Verhandlungen zum Erliegen gekommen und die Eurozone verklumpt in einem gigantischen Konfliktstau. Bringt der GREXIT die Lösung? Wäre allen mit einem BREXIT gedient, mit dem Großbritannien schon gedroht hat? Längst ist der freudetrunkenen Allverbrüderung aus der EU-Ode die Ernüchterung gefolgt, und auch unsere Liebe zum Großprojekt der Wirtschafts- und Finanzunion wird auf eine harte Probe gestellt. Feindseligkeiten, die wir als überwunden wähnten, werden wieder in weiten Teilen der Gesellschaft vernehmbar.

Wie kann die Bereitschaft zu Solidarität und echtes Interesse am Anderen wachsen? Wie bekommen wir einander und das, was wir uns vorgenommen haben, frisch in den Blick? Was können Christen einer neuerlich sichtbar werdenden Kultur individueller und kollektiver Egozentrik entgegensetzen?

Gerhard Lohfink, selbst Mitglied einer verbindlichen christlichen Gemeinschaft, erläutert uns in seinem Essay über den viel strapazierten Begriff der Nächstenliebe, woran sich echtes, in Gott gründendes Lieben entzündet: am konkreten Menschen, der unseren Weg kreuzt – ob in Freundschaft oder Gegnerschaft: An ihm und mit ihm müssen wir vor allem lernen, uns in Beziehung zu setzen (S. 114).

Das Verlangen nach Liebe ist tief in jedem verankert. Aus Angst, verletzt zu werden, aus Ungeduld oder übergroßem Hunger nehmen wir gern mal ungesicherte Abkürzungen. Genau darin aber unterscheidet sich der Heilige vom Sünder: er stillt­ seinen Hunger bzw. seinen Durst nicht mal eben hier oder dort, sondern sucht die „Quelle des Lebens“ auf. Wir werden freilich weder immun gegen die Versuchungen noch zu Überwindern aus eigener Kraft; aber in Verbindung mit Christus dürfen wir uns darauf verlassen, dass seine Liebe „in unsere Herzen ausgegossen“ ist, eine Liebe, die uns satt macht. In einer meditativen Zwie­sprache über das Wesen dieser Liebe malt Rebekka Havemann uns vor Augen, was wirklich nottut (S. 120). Um festen Liebesboden unter die Füßen zu bekommen, hilft es manchmal, tief in unsere Biographie hinunter zu graben. Rudolf M. Böhm fördert in seiner seelsorgerlichen Tiefenbohrung zutage, wie der Grund beschaffen sein muss, damit die Brücken zu anderen hin tragen (S. 122).

SEXIT aus der Sackgasse

Zur Verkehrstauglichkeit gehört auch, aus Sackgassen wieder herauszufinden und, falls wir auf falschen Kurs geraten, die nächste Ausfahrt nicht zu versäumen. Entscheidender noch als die Fragen nach Grexit oder Brexit ist für die Zukunft der Generationen ein unverzüglicher SEXIT: Der Exit einer verfehlten Sexualpädagogik aus den Schulen und den Köpfen unserer Kinder. Denn was sich da an Vorstellungen von einem geregelten und „sicheren Verkehr“ in EU-Richtlinien und Bildungsplänen niederschlägt, ist jenseits von Gut und Böse. Als würde die mediale Bilderflut nicht Schaden genug in der Vorstellungswelt unserer Kinder anrichten, droht nun auch eine flächen­deckende sexuelle Indoktrination ab der ersten Klasse und die systematische Umprogrammierung des elterlich geprägten Koordinatensystems.

Deutschland ist bekanntlich Spitze und mittlerweile auch Weltmeister im „Pornogucken“. 25 % aller Suchanfragen im Internet drehen sich um Pornografie – Tendenz steigend. Warnung kommt auch von säkularer Seite, denn die Folgen einer sexuellen Enthemmung, die Jugendliche abhängig macht und ihre Beziehungsfähigkeit massiv reduziert, sind bereits alarmierend. Diese macht auch vor unseren Ehen und Gemeinden nicht halt, im Gegenteil, ein prüder Umgang mit dem Thema scheint das Wuchern im Verborgenen noch zu befördern. Wir tun gut daran, in unserem christlichen Umfeld dieses heiße Eisen anzufassen und sprachfähig zu werden, um unseren Kindern und der Jugend angemessen Rechenschaft über unseren Umgang mit Sexualität geben zu können. 

Sehtest für Fahrlehrer

Der Ton in der öffentlichen Debatte hat sich in den letzten beiden Jahren verschärft. Der Bildungsplan 2016 in Baden Württemberg etwa begnügt sich nicht mehr mit der Erziehung der Schüler zur ­Toleranz gegenüber der sog. „sexuellen Vielfalt“. Ihr geht es um die Durchsetzung ihrer Akzeptanz als in gleichem Maße natürlich und erstrebenswert. Das kritisiert der Realschullehrer Gabriel Stängle, der an Himmelfahrt im Rahmen des Tages der Offensive den ojcos-Stiftungspreis entgegen­genommen und von seiner Arbeit berichtet hat. Er warnt vor der direktiven, sich an den lautstark eingeforderten Interessen einer Minderheit orien­tierenden Schulpolitik. Ein Bildungsprinzip, das sich ausdrücklich die Um-Erziehung einer ganzen Generation zum Ziel setzt, höhlt letztlich das freiheitliche  und in der Demokratie bewährte Bildungs- und Schulkonzept aus und degradiert die Schule zum Ort der Indoktrination. (S. 126)„Echte Vielfalt“ lautet auch das Motto für den „Aktionsplan für Akzeptanz vielfältiger sexueller Identitäten“ des Landes Schleswig-Holstein. Anschaulich wird das Programm in dem vom Land finanzierten „Methodenschatz für Grundschulen“, der Leihmutter­schaft, Polygamie und Geschlechtsumwandlung als selbstverständliche „Lebens- und Liebesweisen“ darstellt. Drei Kostproben aus einem dort empfohlenen Diktattext: Marian erklärt ihre Herkunft: „Meine Mama Loris kommt aus Dänemark und hat dort Samenzellen von einem netten Mann bekommen. Dann bin ich in ihrem Bauch gewachsen. In Deutschland hat mich dann meine Mama Dani adoptiert.“ Dilan erzählt von den polyamorösen Beziehungen seiner Eltern: „Zusätzlich zu meinen Eltern gibt es in meiner Familie noch Robin und Noa. Robin ist die Liebste meines Papas und Noa ist die beste Freundin meiner Mama.“ Und Kay sagt zur Geschlechtsumwandlung seines Vaters folgendes: „Mein Vater ist jetzt eine Frau. Sie meint, sie war irgendwie immer schon eine Frau. Ich finde, wir sind eine coole Familie.“ Der Lesben- und Schwulenverband Schleswig-Holstein begründet die Maßnahmen so: „Wir sehen Schulen und insbesondere Grundschulen als zentrales gesellschaftliches Feld, in dem frühzeitig Homophobie und Diskriminierung entgegen gewirkt werden kann.“ Wie wichtig ist es da für Eltern, sich des eigenen Wertesystems bewusst zu sein und es offensiv zu vertreten. Höchste Zeit, dass wir auf die Bremse treten und lautstark hupen, nicht nur in Baden-Württemberg.

Vorfahrt für Eltern

Als Eltern kommt uns die kostbare Verantwortung zu, unsere Kinder zur Liebes- und Beziehungs­fähigkeit zu begleiten, die durch die Unweg­samkeiten des Lebens trägt. Nur ein gut gefüllter Liebes­tank kann das gewährleisten. Der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman schreibt: „Selbstliebe setzt voraus, dass wir geliebt werden oder wenigstens darauf hoffen können. ... Die Selbstliebe beruht auf der Liebe, die andere uns entgegenbringen.“ Was für die Liebe im allgemeinen gilt, gilt auch für die Erziehung zur reifen Sexualität. Was aber sind die Eckpfeiler einer wertorientierten Sexualpädagogik und -erziehung? Als Anregung haben wir erfahrene Fachleute zu Wort kommen lassen: als Experten für Kinder die Eltern Kristin und Daniel Meinzer ­(S. 103), als Expertin für Eltern die Koordinatorin­ von ParentSTAR Katharina von Däniken (S. 132), ­und die Psychotherapeutin Tabea Freitag als Expertin für Schüler und ihre Lehrer (S. 110).

Übungsfeld authentische Erfahrung

Das Wohlergehen der nächste Generation ist uns ­allen von Gott, dem Liebhaber des Lebens, anvertraut und steht auch im Fokus unseres OJC-Auftrages: Wir wollen jungen Menschen in ­Christus Heimat, Freundschaft und Richtung geben. Sichtbar wird dies auch im religions­pädagogischen Erfahrungsfeld auf Schloss Reichenberg. Wer schon länger nicht mehr da war, wird staunen, was sich alles auf dem Gelände und in den Gebäuden getan hat. Wir stehen endlich kurz vor dem Abschluss der Restaurierungs- und Ausbau­arbeiten in der Oberen Burg. Die Pläne für den letzten Bauabschnitt sind genehmigt und der Kostenrahmen sorgfältig abgesteckt. Der Clou: Für jeden Hunderter, den wir mit Ihrer Unterstützung einsammeln, legt die EU einen Fünfziger drauf. Das ist ein unverschämt gutes Angebot! Gehören auch Sie zu den 800 Freunden, die der EU und uns helfen wollen, ihr Geld sinnvoll und nachhaltig zu  investieren? Herzliche Einladung zum Mitmachen! Die beigelegte Spendenaktion gibt detailliert Einblick in unser Vorhaben.

Unser alltagsbezogenes Leben, Glauben und ­Arbeiten mit jungen Freiwilligen bleibt Kernstück der OJC-Arbeit – lokal und international. In diesen heißen Juli-Tagen findet  wieder ein internationa­les Begegnungscamp mit ungarischen und bulgarischen Roma, einer Freiwilligengruppe aus Selbitz und unserem Jahresteam statt. Über 30 junge Menschen aus völlig unterschiedlichen Hintergründen, die sich sprachlich kaum verständigen können, leben zwei Wochen unter dem Dach unseres Jugendgästehauses, arbeiten an verschiedenen Baustellen in Reichelsheim und loben den Schöpfer durch gemeinsames Musizieren und Singen. Für alle Beteiligten ist das ein sehr prägendes und ermutigendes Ereignis.

Nach zweijähriger Pause wird es ab September auch im Schloss wieder ein FSJ-Team geben. Doch in Kürze nehmen wir nach einem ereignisreichen Jahr erstmal Abschied von den je vier Frauen und Männern, die sich mit ihren Ideen, Fragen, ihrem Können und voller Lernbereitschaft mit in unseren Dienst gestellt haben. Wir sind von Herzen dankbar für diese erfüllte Zeit. Möge Gott ihre Sehnsucht dahin stärken und lenken, dass ihr „Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf“ (Bonhoeffer).

Wo auch immer Sie Ihren Sommer verbringen: Ihnen allen Gottes Segen!
Ihr

Konstantin Mascher

Reichelsheim, den 9. Juli 2015

Von

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