Open Petition Bildungsplan 2015

Vielfaltsgepinsel

Wie der Bildungsplan 2016 Toleranz verordnen will

Kein Bildungsplan 2015

In der baden-württembergischen Bildungspolitik gibt es in den letzten Jahren viele Baustellen. Beim Lesen des 2013 vorgelegten Arbeitspapiers1 der rot-grünen Landesregierung jedoch konnte man den Eindruck gewinnen, im Ländle sei der sexuelle Notstand ausgebrochen, dem nur mit dem Bildungsplan beizukommen wäre. Der Realschullehrer Gabriel Stängle hinterfragte mit einer Petition diesen unvermuteten Aktionismus und forderte die Verantwortlichen im Landtag auf, die Leitprinzipien nach den Vorgaben des Grundgesetzes und der Landesverfassung zu überarbeiten. Statt sich einer sachlichen Diskussion zu stellen, stellte die Regierung auf Durchzug. Aus der Debatte wurde eine mediale Schlammschlacht – mit Demonstrationen und Gegendemonstrationen. Die Landesregierung verschob die Einführung um ein Jahr und die grün-rote Mehrheit im Petitionsausschuss lehnte die Petition ab, ohne auf die Inhalte im einzelnen einzugehen. Seither heißt es, die „Kritiker müssen nun einfach warten“. Gabriel Stängle beschreibt im Folgenden, inwiefern die Debatte um den -Bildungsplan in Baden-Württemberg die freiheitliche Ordnung und das Grundverständnis von Bildung, Partizipation und Demokratie in der Bundesrepublik auf die Probe stellt. (red)

Toleranz oder Akzeptanz?

Toleranz war gestern, heute gilt sie als unzu­reichend. Nach klassisch-liberalem Verständnis bezieht sich die Forderung der Toleranz auf Fragen des Glaubens, der persönlichen Überzeugungen und des Gewissens und ist von der Einsicht geprägt, dass die eigenen Vorstellungen nicht mit Gewalt durchgesetzt werden können. Das heißt, der Andersdenkende ist zu dulden, auch wenn man seine Überzeugung und Praktiken miss­billigt. Demgegenüber führen Interessenvertreter lesbischer, schwuler, bisexueller, transsexueller, transgender, intersexueller und queerer Gruppen (LSBTTIQ) häufig das Goethe-Zitat ins Feld: „Dulden heißt beleidigen.“ Und damit soll jetzt Schluss sein. Die Toleranzforderungen sollen unter anerkennungs- und identitätspolitischen Vorzeichen erweitert werden. Es geht um zwei zentrale Forderungen: Erstens nach rechtlicher Anerkennung, bei der der Rechtsanspruch von Einzelnen auf Minderheitengruppen ausgedehnt wird, auf Grund von erlebter Diskriminierung. Zweitens nach „wertschätzender Anerkennung“, die einer Gruppe oder Einzelnen einer Gruppe zugesprochen wird.

Diese Verschiebung hat grundlegende Auswirkungen: Zum einen zielt „Akzeptanz von Vielfalt“ langfristig auf eine „Essentialisierung“ der jeweiligen Gruppen. Ich bin das, was mich von den anderen unterscheidet, und den Anderen nehme ich nur über das wahr, was ihn von mir unterscheidet. Diesen Unterschied definiere ich als seine ursprüngliche Wesenheit (Essenz). Das heißt, Schüler werden zu Repräsentanten dieser vermeintlichen Gruppen reduziert, sei es als Schwule, Muslima, Sinti oder als Transsexuelle. 2 Zum anderen wird der Unterschied zwischen dem Begriff der Toleranz und jenem der Akzeptanz verwischt, was langfristig dazu führt, dass die Haltung der Toleranz in ihrer ursprünglichen Bedeutung aufgelöst wird. Das freiwillige gegenseitige Dulden weicht dem autoritativen Einfordern dessen, was die Obrigkeit im Sinn des gerade politisch Korrekten anordnet. Zum Dritten gehen die propagierten pädagogischen Ansätze zur Akzeptanzförderung meist von einem arg verkürzten anthropologischen Verständnis aus. Aus pädagogischer Perspektive ist das Repertoire der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ schlicht mangelhaft.

Was genau ist Vielfalt?

Der Vielfalts-Begriff erlebt einen regelrechten Boom. Was er aussagt, bleibt aber im Unklaren: Was genau ist mit sexueller Vielfalt im Kontext von Schule gemeint? Existiert in einer gewöhn­lichen Klasse mit 28 Einzelpersönlichkeiten nicht ohnehin eine lebendige Vielfalt? Warum wird die Individualität von Menschen, die ohnehin vielfältig sind, zum anzustrebenden Zustand der Gesellschaft erklärt? Anders gefragt: Stellt Homosexualität wirklich Vielfalt her? Sind die über 95 Prozent der Bevölkerung, die nicht LSBTTI oder Q orientiert sind, sexuell einfältig? Ist nicht per Definition hetero vielfältiger als der Begriff homo? Entsteht in dem besagten schwulen Darkroom, den die Kasseler Soziologieprofessorin Elisabeth Tuider auch pantomimisch im Unterricht umgesetzt sehen möchte, echte „Vielfalt“? Herrscht nicht vielmehr dort, wo ausschließlich schwule Männer anwesend sind, Einfalt? Oder besteht Vielfalt automatisch überall, wo mehrere Schwule anwesend sind? Das alles macht nicht wirklich Sinn bzw. ist in sich widersprüchlich – wie auch das Credo der Vielfalts-Aktivisten. Sie fordern nämlich die Herstellung einer „Gleichheit“, in der alle Menschen nur noch Menschen sind und jede Unterscheidung (lat. discriminatio), da bereits Diskriminierung, unterbleibt. Wir sehen, dass der emphatisch-fordernde Vielfalts-Begriff weder zur Klärung noch zur Lösung real existierender Probleme beiträgt. Er ist zum Kampfbegriff einer politischen Korrektheit geworden, die sich selbst als politisch links und den Gegner als konservativ oder sogar ultrakonservativ bzw. rechts oder gar rechtsextrem definiert. Die aktuellen Leitperspek­tivendes Bildungsplans fordern nicht nur Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen, sondern erheben deren Akzeptanz, also den positiven Zuspruch und das zustimmende Werturteil zur gesellschaftlichen Norm. In Wirklichkeit zeugt dieses verquere Vielfalts-Verständnis von einer dunklen, dumpfen Einfalt und der förmlichen Negierung einer realen Vielfalt. 4

Die Folgen für die schulische Bildung sind verheerend:

  • 
Dieser Vielfalts-Forderung liegt ein natura­listischer Fehlschluss zugrunde. Aus der Tatsache gesellschaftlicher Diversität lässt sich noch keine normative Forderung nach der Wertschätzung der Vielfalt an sich ableiten.5 Das Grundgesetz schützt die Individualität des Einzelnen, aber es stellt nirgendwo ein Vielfaltsgebot auf.
  • Wird die Unterscheidung zwischen Toleranz und Akzeptanz nicht aufrechterhalten, stellt sich in Folge auch eine Verwischung von öffentlicher und privater Sphäre ein. Die Sexualität eines Individuums gehört zur geschützten Privatsphäre, die auch in der Schule zu berücksichtigen ist. Die Landesverfassung (Art. 17) formuliert nicht von ungefähr, dass „in allen Schulen der Geist der Duldsamkeit und der sozialen Ethik“ zu walten habe.
  • 
Eine staatliche Verordnung von „Akzeptanz von Vielfalt“ im Bildungsplan kommt einer Auf­forderung zur Aufgabe des eigenen Werte­systems gleich. Das aber verstößt nicht nur gegen das Indoktrinationsverbot und das Kontroversitätsgebot des Beutelsbacher Konsenses6, sondern auch gegen die Vorgaben des Grundgesetzes und der Landesverfassung. 7
  • Schließlich markiert Vielfalt einen Paradigmen­wechsel im höchsten Bildungsziel, da nicht mehr wie bisher die Menschenrechte, die Erzie­hung zur Demokratie oder die in Art. 20 GG formulierten Staatsziele der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Sozialstaatlichkeit ganz oben auf der pädagogischen Agenda stehen.

Paradiesgärtlein des Gender-Sprechs

In den Leitperspektiven (S.11) findet sich unter den zu erwerbenden Kompetenzen die Entwicklung einer „nichtdiskriminierenden Sprache“. Als möglicher Inhalt wird eine „gendergerechte­ Sprache“ genannt. Was kommt auf uns zu? An österreichischen Hochschulen ist es bereits üblich,­ bei Abschlussarbeiten, die nicht geschlechterneutral formuliert sind, Punkte abzuziehen oder sogar die Arbeit als Ganzes abzulehnen. 8 Sollen­ die Lehrkräfte in Baden-Württemberg bald ähnlich verfahren? Wird dann die feministisch versierte Deutsch-Kollegin einen neutralisierten „dus“-Artikel einführen, die Ethiklehrerin für das „Binnen I, das *, oder _innen“ werben und der Geschichtslehrer sich für das Hornscheidt’sche X aussprechen?9 Bezeichnenderweise wird in dem Forderungskatalog des Beirats des Aktionsplans Für Akzeptanz und gleiche Rechte10 u. a. eine kritische Betrachtung des Dudens angemahnt. All dies erinnert unweigerlich an die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts, bei denen die Manipulation der Sprache im Zentrum des Handels stand.

Vorsicht Eisberg!

Öfter fühle ich mich bei der gegenwärtigen Bildungspolitik an das Bild des Eisbergs erinnert, mit der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ als Spitze. Die größte Gefahr für das Schiff einer freiheitlich-demokratischen Bildung ist der den Augen verborgene Bereich unter der Wasseroberfläche. Hier ist es das affirmative Erziehungsverständnis, das dieser Bildungspolitik zugrunde liegt: Schülerinnen und Schüler sollen gleichsam an eine vorfindliche und in Geltung stehende Sitte gewöhnt und in sie hineinsozialisiert werden. 11 Das, was von oben vorgegeben wird, soll bejaht, bekräftigt, bestätigt und gutgeheißen werden.

 Diese affirmative Pädagogik soll nun ihre Wirkung entfalten

  • 
durch die Überprüfung der Einstellungen und Haltungen gemäß der Vorgaben des Bildungsplans12;
  • durch Förderung der Heterogenität. Durch das­ langfristige gemeinsame Lernen von Schülern mit unterschiedlichem Leistungs- und Begabungsspektrum in einer Klasse soll die „Bildungsgerechtigkeit“ hergestellt werden. Zudem steht das Inklusions-Versprechen im Raum, dass alle, auch alle Kinder mit Behinderung, gemeinsam lernen können;
  • 
durch eine individualisierte „neue Lernkultur“, die sich in einer neuen Schulform ausdrückt – der Gemeinschaftsschule. Dazu gehört auch der Zugriff des Staates auf alle Grundschulkinder durch die verpflichtende Ganztagsschule für alle.

Das affirmative Bildungs- und Erziehungsverständnis ist also kein einmaliger Ausrutscher. Es begegnet einem buchstäblich an jeder Ecke der grün-roten Bildungspolitik. Die darin gemachten Vorgaben zielen auf den ganzen Menschen, was einen gefährlichen Totalitätsanspruch in sich birgt. Jede auf freiheitliche und demokratische Werte setzende Pädagogik der letzten 200 Jahre seit J. F. Herbart hat versucht, der Gefahr eines affirmativen Totalitätsanspruchs entgegenzu­wirken. Dieser Bildungsplan hingegen stellt überall Totalitätsfallen auf und ermutigt die Lehrkräfte, hineinzutappen. Im Zusammenhang mit der sexualethischen Erziehung heißt dies konkret, dass sie Tor und Tür öffnet

  • 
für die Verletzung des kindlichen Schamgefühls durch die kruden Methoden der „Sexual­pädagogik der Vielfalt“.13 Das Übertreten der Schamgrenze bei Kindern ist aber bereits eine Form von sexuellem Missbrauch;
  • 
für die Abkehr von einer Pädagogik vom Kind aus: Bisher hat das Schulgesetz das Kind ­geschützt, nun soll es Lobbygruppen und ­deren Ideologie fördern, denen der mehr oder ­weniger unbeschränkte Zugang in die Schulen ermöglicht wird;
  • 
für die Deklarierung sexueller Vorstellungen und Begehren einer LSBTTIQ-Minderheit als „kindliche Wünsche“. Gerhard Amendt stellt sehr eindrücklich die Übereinstimmungen in den Zielvorgaben politisch organisierter Pädosexueller und der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ heraus – bei aller Unterschiedlichkeit im Vorgehen14 ; 
  • 
für die Etablierung der Vorstellung, dass Wertschätzung, Respekt und Anerkennung durch Indoktrination erzwungen werden können.

Der aktuelle baden-württembergische Bildungsplan, der 2004 eingeführt wurde, war deutschlandweit der erste kompetenzorientierte Bildungsplan und wurde zur Blaupause für alle anderen Bundesländer. Je nachdem, ob und wie sich der künftige, vielfaltsorientierte Bildungsplan ­etabliert, könnte auch dieser als Vorlage für andere Bundes­länder dienen. Daher ist das Eintreten für eine freiheitlich-demokratische Bildung, nicht nur in Baden-Württemberg, eine der wichtigsten Aufgaben unserer Tage.                ν

 Anmerkungen:

1 
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. 2013. Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage und Orientierung zur Verankerung der Leitprinzipien.

2 Diehm, Isabell. 2010. Anerkennung ist nicht Toleranz in: Schäfer, Alfred/ Thompsen, Christiane (Hg.). 2010. Anerkennung. Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh, S. 125–131.

3 Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. 2014. Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage und Orientierung zur Verankerung von Leitperspektiven.

4 Röhl, Bettina. 2014. Vielfalt ist Einfalt.

5 
Dammer, Karl-Heinz. 2014. Einfalt der Vielfalt — Randbemerkungen zu den aktuellen Auswüchsen der Diversitätsdebatte

6 
Der 1976 verabschiedete Beutelsbacher Konsens formuliert die theoretischen Grundlagen der politischen Bildung in Deutschland.

7 
Palm, Ulrich. 2014. Öffentliche Landtags-Anhörung zum Bildungs­plan am 9.05.2014.

8 
Löwenstein, Stephan. 2014. Sprache als Zwangsmittel, in: FAZ vom 30.11.2014.

9 Hornscheidt, Lann. 2014. Es war einmal ein X. Versuch einer ­geschlechtsfreien Sprache, in: Die ZEIT Nr. 50, 4.12.2014.

10  Stuttgarter Nachrichten

11  
Harant, Martin/Dammer, Karl-Heinz. 2013. Affirmative Erziehungspraxis als Neue Lernkultur. Der Bildungsplan 2015 für Baden-Württemberg: Ein Schritt zurück in die Zukunft, in: Viertel­jahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik. 89, Heft 4, S. 607.

12  
Schmoll, Heike. 2014. Der Gesinnungslehrplan, in: FAZ vom 24.01.2014.

13  
Exemplarisch: Voigt, Martin. 2014. Aufklärung oder Anleitung zum Sex?, in: FAZ vom 23.10.2104.

14  
Amendt, Gerhard. 2014. Sollen sich die Kinder doch wehren, in: FAZ vom 31.12.2014.

Von

  • Gabriel Stängle

    ist Realschullehrer (für die Fächer Englisch, ev. Religion, Geschichte) und Theologe. Er ist verheiratet mit Almut, Vater von drei Kindern und lebt in Nagold

    Alle Artikel von Gabriel Stängle

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal