Brunnenstube des gemeinsamen Lebens

7 Schritte zum Bibelverstehen

Jeden Mittwoch früh treffen wir uns in der kleinen Kapelle im Haus der Hoffnung und feiern kommunitätsintern Bibelteilen und Abendmahl. Beides erleben wir in unserer kleinen Gemeinschaft in Greifswald als fundamental. Hier liegt die Brunnenstube verborgen, aus der sich unser Miteinander nährt und erneuert, erfrischt und Inspiration empfängt. Jesus, unser Freund und Bruder, der uns im Wort der Schrift und in Brot und Wein begegnet, der sein Leben mit uns teilt, ist in diesen Augenblicken in unserer Mitte erlebbar gegenwärtig. So hat er es ja auch versprochen: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich dabei! Wenn Christus jetzt schon sein Leben mit uns teilt, wie viel mehr haben wir es nötig, uns einander mitzuteilen, auch darüber, wie wir jeweils das Reden Gottes zu uns hören, das Evangelium wahrnehmen und was das Empfangene für unser Zusammenleben bedeutet.

Wachsendes Vertrauen

Neben der Erquickung oder Reinigung, der Ermutigung oder Vergewisserung wirkt diese gemeinsame Zeit für mich wie ein kräftiges Düngemittel, das das Wachsen des Vertrauens untereinander fördert. Wenn einer vom andern hört, wie der Gefährte oder die Gefährtin das Evangelium liest und aufnimmt, wie der Bruder oder die Schwester mit Gott redet, was ihr oder ihm am Wort Gottes heute aufleuchtet, an Liebe entgegenkommt oder auch als Frage bleibt – so stärkt das die Vertrautheit untereinander. In der Gegenwart Gottes wächst die Verbundenheit miteinander.

Was ist das eigentlich, Bibel teilen?

Statt einer klassischen Bibelstunde mit Schriftauslegung durch eine Person steht hier das Hören auf das Wort Gottes, zunächst eines jeden, im Vordergrund. Dazu lesen wir, idealerweise in einer kleinen Gruppe von sechs bis acht Personen, einen Abschnitt aus dem Evangelium nach den „7 Schritten des Bibelteilens“. Diese Gliederung wurde in den Siebzigerjahren in der katholischen Kirche Südafrikas entwickelt. Das „Bibellesen des Volkes“ fand schnell Verbreitung in Afrika, Asien und Lateinamerika. Von dort gelangte es auch nach Europa und wird hier längst in allen Konfessionen ausgeübt.

Wachsende Verbundenheit

In einem Bericht über den Kirchenkongress „Kirche hoch 2“ (Februar 2013) heißt es: „Kleine Christliche Gemeinschaften (KCG) sind sozialräum­lich organisierte Gruppen, die sich als Kirche vor Ort sehen. Sie schlagen nicht irgendeine Bibelstelle beim Bibelteilen auf, sondern oftmals das Evangelium vom kommenden Sonntag. Innerhalb der 7-Schritte-Methode des Bibelteilens, wie sie im Lumko-Pastoralinstitut in Südafrika entwickelt wurde, ist neben dem Wort Gottes der Sendungsauftrag der Gemeinde von großer Bedeutung. Der Handlungsauftrag soll dabei nicht aus dem Bibel­text hergeleitet werden, sondern aus ihm seine Inspiration, seinen Geist, finden und konkret auf die Realität angewendet werden.“

Im Haus der Hoffnung findet das Bibelteilen auch in den verschiedenen Hauskreisen statt, die sich im Lauf der Jahre gebildet haben. Legen wir das Evangelium des kommenden Sonntags zugrunde, so leben die Teilnehmer von Montagabend bis Sonntag mit dem Wort des Lebens für diese Woche und gehen damit auf den Gottesdienst zu. Die 7 Schritte helfen dabei, dass wir im Wort verankert werden und in der Gemeinschaft Jesus begegnen.

Folgende Schritte sind das Fundament des Bibel­teilens:

  1.  Einladen/sich öffnen – in einem Gebet oder Lied lädt die Gruppe den Herrn ein, unter ihnen zu sein, und öffnet sich für ihn.
  2. Lesen – ein Teilnehmer liest den Text laut vor. Eventuell lesen wir auch reihum, jeder oder jede einen Vers.
  3.  Verweilen/vertiefen – jeder Teilnehmer kann einzelne Wörter oder kurze Satzabschnitte mehrmals kommentarlos laut aussprechen; so entsteht ein „Wortraum“, in dem die Facetten des Textes in ihrer Vielseitigkeit zu leuchten beginnen. Anschließend wird der Text erneut von jemandem vorgelesen.
  4. Schweigen – für einige Minuten; in der Stille beginnt der Text zu uns zu sprechen. Die Teilnehmer denken darüber nach, was er für sie und ihr Leben bedeutet.
  5. Mitteilen – jeder teilt den anderen mit, was ihn/sie besonders berührt hat. Dabei sprechen wir möglichst persönlich und konkret. Kein Beitrag wird kommentiert, keiner wird diskutiert. Wie Früchte in einem Korb werden die Beiträge gesammelt.
  6. Austauschen – jetzt erst erfolgt das Gespräch; in ihm suchen die Teilnehmer nach der Bedeutung des Abschnitts für unser persönliches, gemeinschaftliches und gemeindliches Leben; oft ergeben sich daraus neue Impulse für unser Handeln. 
  7. Beten – abschließend kann jeder Dank, Bitten, Fragen oder Lob im Gebet vor Gott bringen. Wir schließen mit einem gemeinsamen Gebet (z. B. dem Vaterunser), einem Lied und einem Segen.

Die Lese

„Was gefällt dir am Bibelteilen“, habe ich einige gefragt, die das in ihrem Hauskreis praktizieren. Es gab unterschiedliche Antworten: Dem einen gefällt, dass jeder etwas beitragen kann, dem andern, dass jede etwas zu sagen hat. Niemand muss sich stundenlang vorbereiten, und: wir „predigen“ einander nicht an. Viele freuen sich auf die gemeinsame Zeit der Stille und erleben sie als Geschenk. Jemand hat angefangen zu verstehen, dass die biblischen Geschichten etwas mit seinem Leben, seinen Sorgen und Freuden zu tun haben, wie auch der inspirierte Austausch, der wiederum für alle anregend ist. Etliche resümierten, dass sie nicht nur Bibellesen lernten, sondern auch anfingen, mit Gott zu reden.

Nicht verschweigen will ich, dass der eine oder andere diese Zeit zuweilen auch als langweilig empfindet. Wenn theologische Fragen aufkommen, dann aber offenbleiben, wenn kein neuer Impuls mitgenommen werden kann oder der Austausch nur an der Oberfläche bleibt. Dann sei empfohlen, die offenen Fragen zu notieren und einen Theologen um Antwort zu bitten; oder einer aus der Gruppe arbeitet sich ein – bei einem nächsten Treffen werden die gefundenen Antworten mitgeteilt und bedacht.

Persönlich erlebe ich unser Bibelteilen am Mittwoch früh als eine sehr inspirierende und ermutigende Zeit, die Stunde des Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit leitet und gleichzeitig das „Band des Friedens“ (Eph 4,3) ist, das uns trotz unterschiedlicher Charaktere und verschiedener Konfessionen zusammenhält, miteinander und zueinander wachsen lässt und befähigt, Gott zu lieben und ihm zu dienen.         

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

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