Schleusenwärter der Liebe Gottes

Schleusenwärter der Liebe Gottes
© Brian Snelson

Essay über das Empfangen und Weitergeben

Wir erinnern uns: Bei der Beschreibung des Wesens der Liebe Gottes benutzt Luther das Bild des Fließens. Gottes Liebe saugt nicht das Gute aus, das es in anderen findet, wie die verzerrte menschliche Liebe das tut. Luther sagt, dass sie „sich verströmt und Gutes schafft“ 1. Das Bild vom Fließen illustriert die einseitige Bewegung von Gottes Geben – von Gott zu uns.

Was passiert mit diesem Strom, wenn er uns erreicht? Hört er auf, nachdem er das Geschenk abgeliefert und damit seinen Auftrag erfüllt hat? Dann wären wir nur Empfangende, aber keine Gebenden und damit das Gegenteil von dem, was an Gott das Göttlichste ist. Gott wäre ein reiner Geber, aber wir würden nichts geben; wir würden von Gott empfangen, aber gegenüber unseren Nächsten würden wir nicht geben, sondern nur nehmen, ob nun durch legitimen Tausch oder durch Gewalt. Gott hat uns jedoch dazu erschaffen, dass wir so sind und handeln wie er, und daher darf Gottes Gabenstrom nicht aufhören, wenn er uns erreicht hat, sondern der Fluss von innen nach außen muss weiterfließen. Gott gibt uns seine Gaben nicht nur, damit sie uns guttun, sondern damit wir sie an andere weitergeben. Dieses Weitergeben, dieses Teilhaben an Gottes Geben, ist das Vierte, wozu Gottes Geschenke uns verpflichten.

In seiner Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520), einer Art Zusammenfassung des christlichen Glaubens, nimmt Luther das Bild vom Fließen wieder auf und wendet es nicht nur auf Gott an, sondern auch auf die menschlichen Empfänger seiner Segnungen: „Von Christus her fließen sie [Gottes Güter] zu uns; denn er hat sich in seinem Leben unser angenommen, als wäre er das gewesen, was wir sind. Von uns aus sollen sie denen zufließen, die sie brauchen, und zwar ebenso völlig; ich muss sogar meinen Glauben und meine Gerechtigkeit vor Gott für meinen Nächsten einsetzen, um seine Sünden zu decken, und muss diese auf mich nehmen und darf nicht anders tun, als wären sie mein Eigen, eben so wie Christus uns allen getan hat.“ 2

Wir sind nicht „Endstation“ im Strom der ­Gaben Gottes, sondern „Durchgangsstation“. Die Gaben fließen in uns hinein, um anschließend weiterzufließen. Von Christus fließen Gaben zu jedem Einzelnen von uns, und von uns strömen sie weiter zu den Menschen, die sie brauchen. Wie Christus sich „unser angenommen“ hat, „als wäre er das gewesen, was wir sind“, so bedecken wir die ­Sünden unseres Mitmenschen, „als wären sie mein Eigen“. Wir sind gleichzeitig Empfangende und Gebende. Wir empfangen von Christus, und im Umgang mit unseren Mitmenschen geben und empfangen wir voneinander.

Um diesen Gedanken zu verdeutlichen, benutzte Luther das Bild eines Kanals: Wir sind die Kanäle, die Gottes Gaben zu unseren Mitmenschen bringen. Dies ist ein gutes Bild, bis auf die Tatsache, dass ein Kanal Güter lediglich transportiert, aber selber nichts von ihnen hat. Wir dagegen profitieren von Gottes Gaben, die wir unseren Mitmenschen weitergeben. Mit anderen Worten: Wir empfangen die Gaben nicht nur, wir werden durch sie geprägt und verändert.

Luther glaubte, dass Christus – oder, genauer, Gott in Christus – die Quelle aller Gaben und das Vorbild für unser menschliches Geben ist. Und dann ging er noch einen entscheidenden Schritt weiter: Christus, so glaubte er, ist auch der eigentlich Handelnde bei unserem eigenen Geben. Unser Geben ist sozusagen ein Echo von Christi Geben. Und hier kommen wir zu dem Gedanken des „in uns wohnenden Christus“.

In Galater 2, 19 – 20 schreibt Paulus: „Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Das Leben des Gläubigen gehört nun paradoxerweise einerseits ihm selber („was ich jetzt lebe“) und andererseits doch nicht ihm selber („doch nun nicht ich“), sondern Christus („Christus lebt in mir“). Es ist nicht nur so, dass Christus seine Gaben in uns hineinfließen lässt, er lässt sie auch aus uns hinausfließen, als der, der in uns wohnt, uns motiviert und durch uns handelt. Das meint Luther mit seiner auf den ersten Blick so merkwürdigen Aussage, dass ein Christ ein „Christus“ für seine Mitmenschen ist: „... ich will meinem Nächsten gegenüber auch eine Art Christus werden, wie Christus es mir geworden ist, und will nur noch das tun, wovon ich sehe, dass es ihm nötig, nützlich und heilbringend ist, weil ich doch durch meinen Glauben alles in Christus ­zur Genüge habe.“ 3 Das Fließen der Gaben Gottes von uns zu unseren Mitmenschen ist das Überfließen der Gaben, die Christus mit seiner Gegenwart in uns hineingelegt hat. Zum Fluss der Gaben in uns hinein und aus uns heraus kommt es da, wo wir die eine große Gabe Gottes empfangen: den Christus, der in uns wohnt und durch uns wirkt. Der Gedanke vom in uns wohnenden Christus hilft uns, das Problem zu lösen, das wir damit haben könnten, Gottes Werkzeuge zu sein, nämlich dass wir nur noch bloße Mittel zum Zweck sein könnten. Gott ist nicht wie ein Zimmermann, der seinen Hammer schwingt – ein bloßes lebloses Werkzeug. Wir sind auch nicht ein „Hammer“, der lebendig ist und einen eigenen Willen hat; auch dann wären wir bloße Mittel, nur sozusagen freiwillig, was etwas (aber nicht viel) besser wäre, als ohne unsere Einwilligung „benutzt“ zu werden. Luther hat die Art, wie Gott in uns arbeitet, in einer klassischen Formulierung so beschrieben: Wenn Gott in uns wirkt, tut er das nie ohne uns. Was heißt es, dass Gott sowohl in uns als mit uns wirkt? Indem er in uns Wohnung nimmt, kommt Gott in den Kern unseres Ichs, die Schaltzentrale unseres Willens. Gott ist in dem „Raum“ unseres „Ichs“, das sagt: „Ich will dies“ oder: „Das will ich nicht.“ Ich will, denke und handele, doch gleichzeitig handelt Christus in mir und durch mich. Paulus hat dies mit dem Bild vom Sterben und Auferstehen umschrieben. Das alte Ich ist gestorben und ein neues Ich geboren – ein Ich, in dem der schenkende Gott lebt und anderen seine Gaben gibt. Wir sind nicht leblose Werkzeuge in Christi Hand. Christus beugt unseren Willen auch nicht; wir geben nicht gegen unseren Willen. Wir sind keine widerspenstigen und murrenden Diener Christi. Der in uns wohnende Christus macht uns zu willigen Gebern. Wir sind fröhliche Teilhaber am Beschenken der Welt durch Christus.

Aber ist damit nicht unser Ich verschwunden und durch Christus ersetzt worden? Was sonst könnte das „Sterben“ des Ichs bedeuten? Doch in Wirklichkeit ist es nicht verschwunden, sondern es ist wiedergeboren worden als ein neues Ich und hat sich damit überhaupt erst richtig gefunden. Christi Gegenwart in uns hat uns befreit von dem Kreisen um uns selber und uns in zwei Richtungen geöffnet: zu Gott hin, um im Glauben seine guten Gaben in Empfang zu nehmen, und zu unserem Nächsten hin, dem wir diese Gaben in Liebe weiterschenken. „Aus dem allem folgt der Schluss“, beendet Luther sein Von der Freiheit eines Christenmenschen, „dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und in seinem Nächsten: in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe.“ 4

Aber warum soll man nicht „in sich selbst“ leben? Ist das nicht das, wozu unser Ich da ist? Nein, es ist lediglich das, was es gerne möchte. Tatsache ist: Wer nur in und für sich selbst lebt, der verliert sich. Er sucht nur sein eigenes Wohl, und je mehr er das anstrebt, umso unbefriedigter wird er. Das ist das Paradoxe an der Selbstliebe: Je mehr wir unser Ich füllen, umso hohler tönt das Echo seiner Unerfülltheit und Leere. Der Mensch, der in und für sich selbst lebt, bleibt auf eine unheimliche Weise unbefriedigt und unersättlich. Gott hat uns dazu erschaffen, dass Christus in uns wohnt, und daher bekommen wir erst dann Erfüllung, wenn wir aus dem Brunnen der ewigen Liebe lebendiges Wasser schöpfen und an unsere Nächsten weiterreichen. Das Paradox der wahren Liebe ist das genaue Gegenteil des Paradoxes der Selbstliebe: Das Ich, das wahrhaftig liebt, geht aus sich hinaus, um bei Gott und bei seinem Nächsten zu wohnen, und erst dann ist es wirklich zu Hause. Wo dies geschieht, sind wir aus dem Land der Ichbezogenheit über die Brücke in das Land der echten, erfüllenden Großherzigkeit gegangen.

Der Strom des Lebens Gottes im Alltag

Der Gedanke, dass Gottes Leben durch uns fließt, ist ein erhabener Gedanke, und wenn wir ihn zu denken wagen, denken wir oft an besondere, heilige Augenblicke und Orte der Begegnung mit Gott. Wenn wir vom Lob Gottes mitgerissen werden, wenn wir im Gebet versunken sind oder vor dem Altar knien, um Brot und Wein zu empfangen - in solchen Augenblicken spüren wir Gottes Nähe und merken, dass er irgendwie in uns ist und wir in ihm.

Und das ist ja alles richtig. Jawohl, Gott thront über unseren Lobgesängen (Psalm 22,4). Jawohl, Gottes Geist selber betet mit, wenn wir beten, manchmal „mit unaussprechlichem Seufzen“ (Römer 8,26). Jawohl, Christus ist wahrhaftig gegenwärtig, wenn wir seinen Leib und sein Blut empfangen. Doch dies sind keineswegs die einzigen Gelegenheiten, in denen wir Gottes Leben in uns erfahren.

Was geschieht mit dem Strom des Lebens Gottes, wenn wir glauben, dass er auf solche besonderen „heiligen“ Augenblicke beschränkt ist? Er fließt in uns hinein, aber die meiste Zeit fließt er nicht weiter zu unseren Nächsten. Wir mögen in der Abendmahlsliturgie hundertmal beten: „Wenn wir vor deinen Tisch treten, lass uns dies nicht tun, um Trost zu empfangen, aber keine Stärkung, oder Vergebung, aber keine Erneuerung“ − wenn wir unseren Blick nicht, bildlich gesprochen, von Gott wieder ab- und zu unserem Nächsten hinwenden, wird der Fluss der Gaben Gottes in uns zum Stehen kommen und wir werden den Sinn der Stärkung und Erneuerung, die wir durch das Abendmahl empfangen, verpassen. Erst wenn wir unseren Nächsten − unseren Verwandten, Freunden und Bekannten − dienen, öffnet die Schleuse sich und der Strom der Gaben und des Lebens Gottes kann weiterfließen.

Dieser Dienst kann in heiligen Stunden und an heiligen Orten geschehen, wenn die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt ist. Alle Glieder haben geistliche Gaben bekommen, um einander zu dienen, ob nun durch Lehren, Ermahnen, Werke der Barmherzigkeit oder auf andere Weise, wie Gott es will (1. Korinther 12). Aber am stärksten fließen Gottes Gaben zu den anderen, wenn die Gemeinde, nachdem sie sich in Gottes Gegenwart hat aufbauen lassen, wieder auseinandergeht und wir wieder zu Hause in unserer Familie oder als Handwerker, Banker, Ärzte, Kellner oder Lehrer an unserer Arbeit sind. Jedes Wort und jede Handlung, jeder Gedanke und jede Geste, sogar der schlichte Akt des Zuhörens kann ein Geschenk und damit ein Echo des Lebens Gottes in uns sein.

Sie sitzen auf dem Sofa, ein Bier oder Wasser in Ihrer Hand, etwas zu knabbern auf dem Tisch, und sehen fern − das ist gewöhnlich. Sie arbeiten bis in die Nacht, nicht um den Lebensunterhalt für Ihre Familie zu verdienen, sondern damit Sie ein größeres Auto in Ihrer Garage stehen haben als Ihr Nachbar − das ist gewöhnlich. Sie stehen von dem Sofa auf, um mit Ihren Kindern zu spielen, oder Sie opfern Ihre Zeit und Kraft, um einem entlassenen Strafgefangenen zu helfen oder einen einsamen älteren Menschen zu besuchen − das ist außergewöhnlich. Warum? Weil Sie geben. Jedes Geschenk zerbricht die Barriere zwischen dem Heiligen und dem Profanen und lässt das Heilige in das Profane hineinströmen. Wo wir schenken, wird das Leben außergewöhnlich, weil durch den Schenkenden Gottes eigenes Geben fließt. 

Anmerkungen:

  1. Die Heidelberger Disputation, S. 12
  2. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Calwer Luther-Ausgabe Bd. 2, S. 186
  3. Ebd., S. 183
  4. Ebd., S. 187

Aus: Umsonst. Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Kultur. Brunnen-Verlag, Gießen 2012, S. 60 ff

Von

andere Artikel

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal