Internationales Begegnungscamp 2015

Diese Brücke trägt

Interkulturelle Begegnung in Reichelsheim

Schon länger wartete ich gespannt auf das Begegnungscamp. Ich stellte es mir wunderbar vor: das tägliche Gemisch von vier, fünf Sprachen, sich in größeren Gruppen kennenlernen und viel Tanz und Musik – wie in vielen Jahren meines Lebens. Ich wuchs als Tochter einer ­Missionarsfamilie in Mnenya und Kondoa,Tansania, und in Nairobi, Kenia, auf. In der amerikanischen Missionsschule war Multikulturalität an der Tagesordnung. Mein Freiwilligenjahr in der OJC war das erste, das ich in der Heimat, aber unter Fremden verbrachte. So war mir vieles hier ungewohnt und ich musste mir meine eigene „deutsche Seite“ neu erschließen.

Wir zogen ins Gästehaus des Jugendzentrums, um dort mit allen vier Gruppen die gemeinsamen zwei Wochen zu verbringen. Zuerst reiste das FSJ-Team aus Selbitz an, das wir bereits von den Seminarwochen kannten. Wir starteten gleich mit einer Party, weil einer von ihnen Geburtstag hatte, und erwarteten gemeinsam „unsere“ ausländischen Gäste: vier junge Männer von „Light in the Darkness“ in Varna am Schwarzen Meer – in Begleitung der Deutsch-Bulgarin Veronika, die uns für die Zeit des Camps als Übersetzerin half. Elias und Batscho waren bereits beim Begegnungscamp 2013 dabei gewesen, die Brüder Mihail und Emanuel kamen neu hinzu. Das ungarische Team kannten wir überhaupt nicht. Sie kommen aus unterschiedlichen Gegenden und engagieren sich in der Roma-Mission der Reformierten Kirche. Szabina, Brigitta, Vivien, Krisztiàn, Ruben und Balàzs sind selbst Roma; Edina arbeitet unter Roma und fühlt sich dort ganz zu Hause. Wie sich bald herausstellte, kannten sich nicht alle, sondern hatten sich für diese Begegnung als Team formiert. Jeder brachte also andere Erwartungen mit.

Damit waren sie in guter Gesellschaft, denn wir alle hatten damit zu tun, uns zu sortieren und unsere Vorstellungen mit den Realitäten des Camps abzugleichen. Als mich die Redaktion im Vorfeld bat, Eindrücke zu notieren und einen Bericht für das Salzkorn zu verfassen, meinte ich, das sei kein Problem. Ich schreibe doch regelmäßig und gerne Tagebuch! Als ich mich aber nach dem Camp hinsetzte, wusste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte – und wie?! So viele Erlebnisse in unterschiedlichster Fasson; so viele Worte, so viele Sprachen, Gesten, Eindrücke, Schicksale! Das In-Worte-Fassen fiel mir schwerer als sonst. Als ich endlich darauf lostippte, kam es zunächst als

Gedicht

Abends beim Feuerschein – die Nacht ist noch lau.
So könnt es immer sein – so, ganz genau.
Zusammen sitzen – reden, singen, lachen;
Zusammen schwitzen – arbeiten, ruhen, wachen;
Zwei volle Wochen – füreinander da sein;
Zwei Worte gesprochen – voreinander wahr sein;
Sich öffnen ein Stück – vor dem noch Fremden,
Spüren das Glück – geteilter Hemden.

Morgens im Gebet – noch ein wenig im Schlaf.
Einer neben dem nächsten steht – halb im Schlaf.
Gemeinsam Gebete sprechen – jeder, was ihm frommt.
Vokabeln radebrechen – jeder, wie es kommt.
Zusammen am Mittagstisch – Geschichten austauschen;
Zusammen jeden Tag frisch – ein Sprachgewirrrauschen;
Zusammen bestehen – die „Kämpfe“ mit Kommunizieren;
Entspannen und gehen – Spaß beim Musizieren.

Mittags im Schatten – die Sonne brennt heiß.
Wo bleiben die Matten? – Es rinnt uns der Schweiß.
Doch ist man zusammen – und hat so viel Freude;
Schweißt das zusammen – so viele Leute;
Zwei volle Wochen – so schnell vorbei;
Zwei Wort nur gesprochen – dass es so sei;
Geöffnet ein Stück – vorm andern sein Herz;
Gespürt sehr viel Glück – und nun Abschiedsschmerz.

So trennen sich Wege – hier Tschüss und da Ciao.
Und Kontaktpflege? – Dass man doch daran bau!
Die Zukunft ungewiss – wer weiß es genau?
Was Gott zusammenwarf – wird zeigen sich. Schau!

Ja, genau so war es: Der Fokus lag auf dem G wie Gemeinschaft – und wie

Gebet und Gesang

Wir begannen morgens in der Regel mit einem viertelstündigen Morgengebet. Obwohl das keine Pflicht, sondern ausdrücklich ein Angebot war, kamen wir alle recht regelmäßig. Wir schätzten und wünschten die Gemeinschaft miteinander und mit Gott – eine gute Grundlage für den langen Tag. Morgengebet wie auch das Mittagsgebet wurde abwechselnd von den Länderteams geleitet. So gaben wir einander auch Anteil an unserer jeweiligen Art zu beten und Gott zu loben. Das Singen war ein weiterer zentraler Anknüpfpunkt. Es dauerte nicht lange, bis ungarische, bulgarische, englische und deutsche Lobpreislieder in den verschiedenen Konstellationen zu jeder Zeit überall erschallten.

Gestaltung und Gespräch

Seminareinheiten mit Kommunikationsübungen zum gegenseitigen Kennenlernen und Teamarbeit wechselten sich mit den Arbeitseinsätzen auf dem OJC-Gelände sowie auf öffentlichen Plätzen der Gemeinde Reichelsheim ab. Jeden Morgen wurde­ ein dreisprachiger Tagesplan erstellt – schon allein das war eine Herausforderung! Anfangs war da noch diese Unsicherheit: Wie sollen bzw. können wir uns überhaupt verständigen? Deutsch und Englisch von unserer Seite, Ungarisch und Bulgarisch – darauf wurden wir „vorbereitet“ und hatten die nötigsten Vokabeln auf kleinen Zetteln, aber auch Türkisch vonseiten der Roma aus Varna, und immer wieder ein wenig Romanes. Verständigung schien schier unmöglich!

Gelächter

Doch wir merkten bald, welche Kommunikationsmittel am nützlichsten sind. Verständigung geschieht in der Aktion – beim Spielen und Arbeiten; mit Gestikulieren gelang es ab und zu, aber das Wichtigste war das Lachen! Wir lachten über Übersetzungsversuche, über unsere Bemühungen, die fremden Worte richtig auszusprechen, über Missverständnisse, (Wort-)Witze und deren Erklärung in einer anderen Sprache; aber auch beim Fußballspielen und Tricks-Nachahmen, in der Spülküche und auf dem Bau.

Gedenken, Geschichten

Auch das Weinen hatte seinen Platz. Bei den Erzählabenden zum Beispiel, die besonders kostbar waren. Je eine der Gruppen durfte sich vorstellen. Persönlich und authentisch konnten wir einander Einblick geben in das, was unsere Herzen besonders bewegte: Unsere Erlebnisse und Hoffnungen, der Auftrag unserer Gemeinschaften – das, wofür wir uns einsetzen. Wir merkten, wie eng eigene Erfahrungen aus der Kindheit, positive wie ­negative, die Leidenschaft einer Person prägten. Lachen und Weinen waren bei der Arbeit und in der Freizeit gleichermaßen­ wichtig. Auf Ausflügen in die Natur, bei der Stadt-Besichtigung, ja selbst beim Gang durch die Dokumentationsstätte des Roma-Holocausts in Heidelberg waren sie ein Signal der Verbundenheit und Anteilnahme.

Geduld, Geduld, Geduld!

Durch die Erzählabende haben sich für uns auch einige Rätsel gelöst. Zum Beispiel die entschiedene Abstinenz der Männer aus Varna. In ihren Clans richtet der Alkohol furchtbare Verwüstung an, deshalb ist es für getaufte Christen ein wichtiges Zeichen, ihre Freiheit vom Alkohol auch durch den völligen Verzicht zu bezeugen. Das zu hören, hat unsere Befangenheit ebenso aufgelöst wie das Befremden bei den Ungarn, die das anfangs als „gesetzlich“ zurückwiesen. Wir lernten auch, die Distanziertheit dessen zu verstehen, der einen Teil seines Lebens auf der Straße verbracht hatte; und ebenso das uns übertrieben scheinende „Kuschelbedürfnis“ dessen, der in Kinderheimen gelebt und gelernt hatte, sich die lebensnotwendigen Streicheleinheiten „abzuholen“.

Gegensätze

Wir staunten, wie unterschiedlich die Gäste waren. Wir konnten Unverständliches ansprechen: Wieso macht ihr das so? Wie sieht das Zuhause einer Roma-Familie aus? Die Bulgaren brauchten Zeit, um aufzutauen, nicht nur, weil sie weder deutsch noch englisch sprachen, auch weil der Umgang zwischen den Geschlechtern in ihrer Welt längst nicht so locker ist wie bei uns. Ich merkte bald, dass sie Frauen nur gewisse Begegnungen erlaubten. Dafür freundeten sie sich mit zwei von unseren Freiwilligen an und pflegten mit ihnen eine besondere Nähe. Die harte körperliche Arbeit nahmen sie sehr sportlich und hätten gern noch Überstunden gemacht; Arbeit im Freien und auf dem Lande, das gibt es bei ihnen im Großstadtgetto nicht. Die Ungarn, die mehr auf die Seminare erpicht waren, suchten vor allem die thematische Herausforderung und die schattigen Plätze. Sie fanden es eher öde, mit Hacke, Schaufel und Pinsel in der Gluthitze zu hantieren – das könnten sie auch zu Hause, meinten sie. Dafür waren sie sehr gesellig und konnten gar nicht genug von Austausch und Gespräch bekommen. Richtig ­gemischt haben sich diese beiden Gruppen vor allem beim Fußball, beim Tanzen und Singen im Hof des Jugend­zentrums – da fand jeder einen Platz!

Gespür

Das Wichtigste, was ich aus dieser Begegnung mitnehme, sind drei Erkenntnisse:

  • Nonverbale Kommunikation klappt nicht nur, sondern ist auch sehr bereichernd und berührend.
  • Aus offener Begegnung erwächst Freundschaft. Ich habe mir vorgenommen, zweien meiner neuen Freunde regelmäßig zu schreiben und wenn möglich, sie irgendwann zu besuchen.
  • Das Klären der Grenzen, auch mit wenigen bis keinen Worten, ist ein Zeichen der Achtsamkeit. Offenheit und Verletzlichkeit brauchen einen guten Rahmen. Weil sich alle an die Regeln hielten, war es gar nicht so schwer. Die wohltuende Atmosphäre von Verständnis und Zuneigung wird mich noch lange wärmen!

Geschenk

Am Ende waren wir uns so nah, als kennten wir uns ewig. Ich fühlte mich wie „daheim“ und war in diesem kulturellen und sprachlichen Durchein­ander ganz bei mir. Das Camp war ein einziges Geschenk: Die pralle Gemeinschaft genießen, dabei aber auch Zeit für mich finden – und so viele Menschen- und Gottes-Begegnungen, dass ich noch Jahre davon zehren kann.

Hier geht es zur Bildergalerie mit weiteren Bildern vom Camp. Außerdem finden Sie hier einen ausführlichen Bericht des Camps von der Vorbereitung bis zum Fazit

Von

  • Tabita Stegen

    19, aufgewachsen in Kenia und Tansania, gehörte zur Jahresmannschaft 2014/15. Heute studiert sie Afrikanistik und Koreanistik in Hamburg

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