Angstfrei. Gastfrei

Wie Jesus uns lehrt, nicht nur die Herzenstür zu öffnen

von Kosta Milkov

 

Vor einem Monat verbrachte ich einige Tage in Oxford. Auf dem Weg zum Sonntagsgottesdienst trat ich in die Keble-Kapelle, in der sich das Originalbild „Licht der Welt” von Holman Hunt befindet. Im Licht der Scheinwerfer betrachtete ich die Gestalt Jesu, wie er an eine Tür ohne Klinke klopft. Ich kenne sowohl die Vorgeschichte des Bildes als auch den Vers aus der Offenbarung, der Hunt inspiriert hatte: Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und sie öffnet, zu dem kehre ich ein und werde mit ihm speisen und er mit mir (Off. 3,20). Die Worte sind an die Kirche der Endzeit gerichtet, sie folgen den sieben warnenden Sendschreiben an die Gemeinden Kleinasiens.

Abraham und die Orientalen

In der beschaulichen Einsamkeit der Kapelle sann ich über die Worte und das Bild nach. War ich doch selbst blind, taub und zu armselig und träge, um auf das Klopfen Jesu an meiner Herzenstür zu reagieren. Meine Gedanken wanderten von mir selbst zu den Dingen, die uns alle bewegen, insbesondere die eskalierende Flüchtlingskrise infolge der Gewalt im Nahen Osten und Nordafrika. Der europäische Kontinent heißt die Flut der um ihr Leben fliehenden Schutzsuchenden nicht eben willkommen. Es geht in den Debatten meist darum, welche Gefahr von dieser Menschenmenge, in der Mehrzahl Muslime, für das demokratische Europa und seine jüdisch-christlichen Werte ausgeht. Wäre doch wenigstens die Kirche bereit, dachte ich bei mir, Jesu Aufforderung zu folgen und ihre Herzenstür zu öffnen!

Mein Blick wanderte vom berühmten Original zur Kopie eines anderen berühmten Bildes, zu Rubljows Dreifaltigkeitsikone. Rembrandt nannte dieses Sujet einst „Abraham bewirtet die Engel“. Ich betrachtete Vater, Sohn und Heiligen Geist mit den Augen Rubljows, wie sie sich an der Gastfreundschaft Abrahams erfreuen. Es traf mich tief, dass Abraham sie als drei Orientalen wahrnahm und sie nach dortiger Sitte bewirtete.

Die beiden Gemälde fügten sich für mich zu einem starken Gleichnis für das, was der Kirche geboten ist. Ihre Glieder sollen dem Anklopfen Jesu folgen und öffnen, damit er eintreten und das Agape-Mahl mit ihnen halten kann. Tun sie das, wird sich ihre kleine Tischgemeinschaft weiten und Menschen werden bei ihnen Einlass finden, so wie die drei geheimnisvollen Gäste bei Abraham.

Eine unerhörte Interaktion der Liebe

Das brachte mir die Opferung Isaaks ins Gedächtnis. Wie unerträglich schmerzvoll, ja absurd muss es Abraham vorgekommen sein. Nur wenige Zeilen vor dieser Szene wird ihm und Sarah das ersehnte Kind versprochen. Was soll also die Forderung, Isaak zu opfern? Sie bedeutet, dass Gottes Liebe zu Abraham sich nicht in ethischen und moralischen Forderungen erschöpft, sondern den Ruf in einen Bund, eine Bundesbeziehung darstellt, der von einer hingebungsvollen, Gemeinschaft stiftenden Liebestat besiegelt werden muss. Die Theologen Keil und Delitzsch deuten in ihrem richtungsweisenden Kommentar die prekäre Situation des Abraham als Aufforderung, seine Liebe zu dem Sohn, seinem Fleisch und Blut, zu reinigen und in ihm einzig und allein ein Liebesgeschenk zu sehen: das Eigentum Gottes, das ihm mit der Auflage anvertraut wurde, es jederzeit bereitwillig wieder an Gott auszuhändigen.

Der Genesistext berichtet, dass Abraham bei der Opfervorbereitung jede kleine Vorgabe genau ausführt, ohne sein Handeln an Spekulationen auszurichten, was gemeint sein könnte. Er tut, was ihm aufgetragen ist. Seine Umsicht mag ein Hinweis darauf sein, dass er Raum für Gottes Intervenieren lässt. Er gehorcht ohne Hast, horchend auf das, was Gott gebietet. Er weiß, was auch immer geschieht, für Isaaks und seinen Gottesdienst wird „Gott selbst sorgen“. Wie er einst darauf vertraute, dass Gott Sarah und ihm über alles menschliche Verstehen noch einen Sohn schenken wird, glaubt er nun fest, dass Gott seine Verheißung über sein oder Isaaks Verstehen, über alles menschliche Rationalisieren hinaus erfüllen wird. Und so vernimmt er, nachdem er alle Vorbereitung getroffen hat, in der Stimme des Engels „Höre!“ Gottes Reden, und wieder wartet er auf Anweisung – und erhält sie. Das ist ein Moment des Handelns in gegenseitiger Liebe. Abraham weiß, dass Gottes Verheißung nicht an Vorleistung geknüpft ist und Gott ihn auch liebt, wenn er scheitert. Gott hat ja bereits aus reiner Liebe gehandelt! Und nun freut er sich mit Abraham, dass das Lieben obsiegt.

Liebe ohne Furcht

In Anbetung und Hingabe erfüllt sich die Liebes­handlung – und genau das meint Eucharistie: Dank und Gemeinschaft mit Gott, gegründet in der Hingabe, die von Gott ausgeht und auf die der Mensch Antwort gibt. Abraham nennt den Ort Jahwe Jireh – Gott sorgt. Namensgebungen sind im AT besondere rituelle Handlungen, die einen Menschen oder ein Ereignis charakterisieren. Jahwe Jireh beschreibt Gottes Wesen, bezeugt aber auch Abrahams Liebe, in dessen Gottesfurcht sich genau diese Liebe, die letztlich ohne Furcht ist, offenbart hat.

Wie soll die Kirche der Not von Hunderttausenden begegnen, die vor Krieg, Gewalt, Verelendung und Tod fliehen? Ich bin davon überzeugt, dass tatsächlich die spezifisch jüdisch-christlichen Werte auf dem Spiel stehen: die Flüchtlingskrise ist ihre Nagelprobe. Nicht im Sinne einer fremdenfeindlichen Vorstellung, sie könnten durch die Fremden aufgeweicht oder attackiert werden, sondern umgekehrt: Europa, und insbesondere die Kirche könnte an ihnen scheitern oder es würde sich herausstellen, dass wir sie längst verloren haben.

Es ist noch nicht alles verloren für uns, für die Kirche. Wir brauchen nur auf Jesu Stimme zu hören, ihn hereinzubitten und an den Platz am Kopfende des Tisches führen. Das erinnert uns daran, dass mit den Fremden, die wir willkommen heißen, der dreifaltige Gott Wohnung bei uns nimmt. Wenn das passiert, wird die tätige Liebe alle Furcht austreiben.     

Von

  • Kosta Milkov

    ist Theologe (Dphil in Oxford) aus Mazedonien. Er hat mit seiner Frau Nada das Balkan-Institut für Glauben und Kultur gegründet.

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