Internationales Begegnungscamp 2015

Unsere Stunde kommt noch

Ein junger ungarischer Roma macht Hoffnung

Aufgezeichnet von Krisztina Balogh

Mein Leben war bis zu meinem zehnten Lebensjahr ein einziges Leiden. Ich wusste, ich will das nicht, möchte ausbrechen, anders leben,“ – so begann Krisztián Lakatos am Ungarn-Abend im interkulturellen Begegnungscamp der OJC. Mit den gleichen Worten begann er wenige Wochen später auch das Gespräch mit Krisztina Balogh, die ihn über sein Engagement in der Roma-Mission der Reformierten Kirche in Ungarn befragte. Hier also das ermutigende Zeugnis eines jungen Mannes, der uns ein Freund und Bruder geworden ist.

Krisztián ist 27 Jahre alt, lebt heute in Bodaszőlő in Südungarn und ist Roma. Sein Vater hatte die Familie verlassen, als er drei Jahre alt war. Seine Mutter musste ihn und weitere vier Kinder unter sehr schwierigen Umständen durchbringen. „Die Siedlung Nagy-Sándor bei Debrecen war wie ein Getto. Drei Reihen Häuser, in allen wohnten Roma. Es gab weder Wasser noch Licht, dafür scharenweise Ratten und rund um die Siedlung viel Müll.“ Von hier aus besuchte Krisztián die Schule und kümmerte sich außerdem um die jüngeren Geschwister. Mit elf Jahren lernte er Gott kennen. „Ich begann damals zum Gottesdienst zu gehen – alleine. Die Kirche lag eine halbe Stunde Fußmarsch von zu Hause entfernt. Weil ich zunehmend das Gefühl hatte, die anderen fänden es unangenehm, dass ein Zigeuner in der Kirchenbank sitzt, blieb ich nach einer Weile weg. Die Pfarrerin besuchte mich eines Tages in der Siedlung und ermutige mich, dranzubleiben. Es täte mir bestimmt gut! Bald darauf wurde ich regelmäßiger Besucher der Gemeinde der Roma-Mission unseres Kirchenkreises.“

Währenddessen häuften sich die Probleme zu Hause.­ Als die Großmutter erkrankte, musste Krisztián ganz allein für seine Geschwister sorgen. In der Klasse wurde er wegen seiner Herkunft gehänselt. „Ich habe viel Gemeinheit erlebt. Es war so unerträglich, dass ich mich oft stundenlang auf dem Klo versteckte oder Krankheit vortäuschte, um nicht zum Unterricht gehen zu müssen. Nicht, weil ich nicht lernen wollte, sondern weil ich mir als uncool vorkam und ständig dem Spott der anderen Jungs ausgesetzt war. Ich hatte keine Markenklamotten. Wir heizten mit einem Holzofen und meine frisch gewaschenen Kleider rochen immer nach Rauch.“

Irgendwann war das Maß voll, Krisztián gab auf, er hatte in dieser Welt nichts verloren. „Ich besuchte zwar noch den Gottesdienst, war aber so ermattet von den inneren Kämpfen, dass ich mit Gott haderte: Wie kannst du, wenn es dich gibt, so viel Leiden zulassen? Ich fühlte mich von ihm im Stich gelassen. Mit vierzehn versuchte ich, mich zu erhängen. Aber der Ast brach ab.“ Trotz der ungeheuren Leere, die er nach seinem Selbstmordversuch empfand, ging er weiterhin ­in die Gemeinde. „An diesem Ort fühlte ich mich angenommen, geliebt und umsorgt. Heute danke ich Gott für diese Menschen, die immer zu mir hielten, auch wenn ich in Schwierigkeiten war. Inzwischen sind Gott und die Gemeinde für mich wie ein Zufluchtsort, wo ich mit meinen Problemen landen kann.“ In den folgenden Jahren gab es auch Rückschläge. „Als Teenager dachte ich irgendwann, ich müsste werden wie die, die mich quälen. Ich blieb von Gottesdienst fern und begann, mich richtig gemein zu verhalten. Was man mir antat, gab ich eins zu eins zurück. In der Tiefe aber litt ich zunehmend darunter.“ Kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag geriet Krisztián in eine tiefe Krise. „Es wurde unerträglich. Meine Mutter konnte nicht für uns da sein, ich war mit den Geschwistern überfordert, fühlte mich einsam und wollte nicht mehr leben. Ich schluckte eine Menge Pillen und betrank mich. Just in diesem Zustand erreichte mich ein Freund, ein Theologie­student, am Telefon. Ich erzählte ihm, wie es um mich steht. Er verwickelte mich so lange in ein Gespräch, bis er bei mir eintraf und mir helfen konnte. Gott hatte seinen Diener geschickt, damit ich am Leben bleibe!“

Krisztián war jetzt überzeugt, dass Gott noch Pläne mit ihm hatte, und schöpfte neue Hoffnung. In der Berufsschule gelang schließlich der Durchbruch.  „Ich bekam hervorragende Noten und erlernte den Beruf des Kochs. In meiner Siedlung fragten viele skeptisch, ob sich die Anstrengung lohne; als Roma hätte ich eh keine Chance. Ich aber erwiderte, dass ich aus diesem Kreislauf ausbrechen will und ich überzeugt bin, dass Gott mir dabei helfen wird.“

Es war die Gemeinschaft, die ihn immer wieder aus dem Sumpf herauszog. „Sie ist zu einem Teil meines Lebens geworden. Über die Gemeinde komme ich viel in Ungarn rum. Ich durfte auch nach Deutschland, nach Rumänien und in die Slowakei reisen, um mir ein Bild vom Leben der Roma anderswo zu machen. Nach dem Abitur werde ich Soziale Arbeit studieren und mit Kindern aus benachteiligten Schichten arbeiten und ihnen Hoffnung machen: Man kann es auch von sehr tief unten schaffen! Ich will ihnen erzählen, dass sie nicht alleine sind, dass jemand für sie da ist, wenn die Not groß wird. Ich hatte nie einen Vater, aber ich bin ganz sicher, dass ich einen habe, dem ich alles anvertrauen kann, und das ist Gott.“

Eine große Ermutigung war für ihn das interkulturelle Begegnungscamp in Reichelsheim, wo er mit sechs Landsleuten, ebenfalls Roma, zehn Tage mit sechzehn Deutschen und vier bulgarischen Roma verbrachte. „Die gemeinsamen Tage haben mir noch mal die Augen dafür geöffnet, dass es nicht nur um mich geht, um meine Qualifikation, sondern um uns alle. Darum, meinem Volk beizustehen, Hoffnung weiterzugeben. Die Hingabe in Gemeinschaft stärkt uns, während die Angst, zu kurz zu kommen, sehr zerstörerisch ist. Wir haben doch Gottes Zusage, dass Er sorgt, wenn wir bereit sind, uns zu investieren! Und wir müssen nicht allein durchs Leben gehen. Ich habe viele wunderbare Eindrücke von dort mitgebracht und echte Freundschaft, Zuwendung erfahren. Das hat mich sehr gestärkt.“

Krisztián und seine Geschwister unterstützen ein­ander beim Lernen. Sie wollen weiterkommen. „In meiner Familie hatte bisher niemand einen Schulabschluss. Nun habe ich eine abgeschlossene­ Berufsausbildung als Koch und besuche das Abendgymnasium. Ein Bruder ist Meisterfriseur, die Schwester lernt in der Gastronomie, ein anderer Bruder wird Polizist. Wir motivieren uns gegenseitig. Und zugegeben, ich bin streng mit ihnen, denn nur so kommt man zu was – ohne Bildung gelten wir gar nichts.“

Krisztián sieht sich als einen Überlebenden. Noch längst ist nicht alles, wie es sein soll. Er beschreibt seine Situation wie den Versuch, aus einem Vogelkäfig auszubrechen und dabei anderen zu helfen, um die eigene Not nicht sehen zu müssen. Aber er weiß: Gott selbst kümmert sich um seine Seele, rund um die Uhr. Während er früher oft Hass für die Roma empfand und ihnen die Schuld daran gab, Außenseiter zu sein, kann Krisztián heute zu seiner Herkunft stehen und engagiert sich in der reformierten Zigeunermission.

„Ich mache viel im Ehrenamt und gebe das, was ich empfangen habe, weiter, indem ich denen helfe, die selbst in Not sind. Nach meinem Diplom möchte ich mit anderen Roma eine Organisation gründen, um mittellosen Kindern bei ihrer Schul- und Berufsausbildung zu helfen. Wir Roma müssen im Beruf und in der Öffentlichkeit weit mehr als die anderen leisten, um Anerkennung zu finden. Es ist ein steiniger Weg, aber unsere Stunde kommt noch!“              

Aus dem Ungarischen übertragen mit freundlicher ­Genehmigung von Krisztina Balogh, siehe auch hier.

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