Frank Dangmann mit dem Team 2006 in Kroatien

Einander nichts vormachen

Nach 20 Jahren Leben mit dem Jahresteam

Interview

Frank, Hanne und du, ihr seid erst im dritten Jahr „Hauseltern“ in der Scheffelstraße, aber schon alte OJC-Hasen. Als junges Ehepaar wart ihr bereits in den neunziger Jahren im Quellhaus im Einsatz, und du selbst hast 1985/86 den damals 16-monatigen Zivildienst in der Bensheimer OJC-Jahresmannschaft absolviert. Wenn du zurückschaust – was hat dir das bedeutet?

Wir haben mit bis zu acht Männern und den Haus­eltern als Großfamilie zusammengelebt, das war für mich eine sehr prägende Zeit. Ich lernte, mich überhaupt als Mensch wahrzunehmen und eine Sprache dafür zu entwickeln. Das kannte ich so vorher nicht. Die Stille am Morgen mit geistlichen Erkenntnissen ist das eine, eine Empfindung für mich selbst zu bekommen, wie es mir geht, was mich ärgert, was mir Angst macht, dafür Worte zu finden und sich mitzuteilen, ist das andere. Dass man sich so entwickeln und reifer werden kann, war für mich neu.

Hast du das in deiner Familie nicht erfahren?

Meine Eltern haben sich relativ früh scheiden lassen, ich habe dann mit meiner Mutter und meiner ein Jahr jüngeren Schwester zusammengelebt. Tagsüber waren alle außer Haus, es gab nur wenig gemeinsam verbrachte Zeit. Bei Konflikten schien mir Trennung immer der einfachste Weg. Es fällt mir schwer, Schwäche zuzugeben, Bedürftigkeit zu formulieren. Das entspricht bis heute meiner Struktur, auch wenn ich gelernt habe, elegantere Lösungen zu finden.

Dann war die Dichte des Mannschaftslebens sicher eine Herausforderung für dich.

Nach dem etwas distanzierten Zuhause musste ich auf einmal das Zimmer teilen! Wir trafen uns jeden Morgen zum Austausch. Das war mir völlig fremd. Ich entwickelte eine Taktik, um dem Austausch zu entgehen: einmal verschlafen, einmal im Austausch das Wort weitergeben, einmal was sagen und dann hatte ich Spüldienst, da waren schon vier Tage gestaltet. Irgendwann wurde ich gefragt, was mir daran so schwer fiele. Ich habe mich damit auseinandergesetzt und es einfach geübt. Viel gelernt habe ich durch die Aufrichtigkeit von Männern wie Hermann (Klenk), der auch mal Fehler bekannt oder von eigenen Anspannungen berichtet hat. Es war für uns junge Männer unglaublich wichtig zu sehen, dass die älteren Männer auch ihre Kämpfe hatten, nicht geistlich abgehoben über den Dingen schweben. Das fand ich sehr ermutigend.

Ihr hattet einen strammen Arbeitsplan damals, viele Baustellen ...

Ich hatte meine Ausbildung als Elektroinstallateur abgeschlossen und durfte in Bensheim eigene „Projektchen“ tätigen. Das war toll, ich war ja erst seit wenigen Monaten Geselle!    Ehrlich sein aber war die viel größere Herausforderung für mich. Da fragte Elke Pechmann an einem Morgen, wer mit dem Staubsauger nasse Sachen aufgesaugt habe, das traf mich ins Mark, denn ich hatte einfach die Abflüsse ausgesaugt.

Du, der Elektriker?!

O ja. Zuzugeben, dass ich das war und nicht einfach zu schweigen, war schwierig. Aber ich durfte erfahren: Es gibt ein Leben nach dem Fehler.

Dein Mannschaftsjahr muss auf beiden Seiten tiefen Eindruck hinterlassen haben, denn du bist zurückgekommen...

Nach dem Zivildienst ging ich zuerst wieder in meinen Beruf, heiratete, machte meinen Techniker und meinen Meister und war drei Jahre als Meister angestellt. Dann wurden Hanne und ich von der OJC gefragt, ob wir für drei Jahre in die pädagogische Arbeit einsteigen würden.

Kam das aus heiterem Himmel?

Wir hatten schon früh eine Vision von gemeinsamem Leben. Wir fanden es spannend, wenn Christen, wie in der Apostelgeschichte, mit­einander an einer Sache arbeiten, ein Ziel haben, das über den eigenen Horizont hinausgeht. Weil sich so Kräfte bündeln und zugleich in großer Freiheit Leben geteilt werden. Als die Anfrage kam, mussten wir uns entscheiden: Wollen wir weiter die Vision pflegen oder wollen wir einen konkreten Schritt wagen? Heute sind wir froh, dass wir ihn gemacht haben, denn wir haben schon nach kurzer Zeit gemerkt, dass unser Herz für die Arbeit hier schlägt. So kam es, dass wir von 1994 bis 2000 mit Hermann und Friederike Klenk für die Begleitung der jungen Männer und Frauen im Quellhaus zuständig waren, ich für die Männer und Hanne für die Frauen. Wir waren im Alter viel dichter an den Freiwilligen dran als an Hermann und Friederike. Heute könnten die, die zu uns kommen, schon meine Söhne oder Töchter sein.

1998 bist du selbst Vater geworden. Hat das euer Miteinander verändert?

Die Ärzte hatten Hanne und mir gesagt, dass wir keine Kinder bekommen können. So waren wir auf ein Leben mit der Jahresmannschaft eingestellt. Wir waren eigentlich immer als Ansprechpartner verfügbar, haben unser Wohnzimmer mit ihnen geteilt, sie wuselten in unserer Küche herum. Zurückziehen konnten wir uns nur ins Schlafzimmer im Stockwerk darunter. Da gab es einen Vorhang und wenn wir den zugezogen haben, war für jeden klar: Nicht stören! Mit Claudio, unserem Ersten, ging es zunächst harmonisch so weiter. Die Mannschaft fand das toll, Hanne konnte sich relativ gut abgrenzen und wir hatten ein freundliches und pflegeleichtes Baby. Claudio genoss die Jahre als Kleinkind in einer Herde von jungen Männern. Erst als Linus hinzukam, wurde es schwieriger. Wir haben gemerkt, die Familie braucht einen größeren Raum und klarere Abgrenzung.

Jedes Jahr eine neue Mannschaft im Haus. Wie geht ihr, wie gehen eure Kinder damit um?

Das ist unterschiedlich. Jede Mannschaft entwickelt ihren eigenen Rhythmus. Manche haben ihr Tempo den Kindern angepasst, andere waren ganz stark auf sich fixiert. Wenn die Kinder von der Schule kamen, brauchten sie einen geschützten Landeplatz. Zum gemeinsamen Leben gehörte, dass wir oft Mittagsgäste am Tisch hatten. Das mussten wir begrenzen und als Eltern ganz für die Jungs da sein. Es gab ein bis zwei Jahre, in denen die Kinder Großfamilie nicht so toll fanden. Wir haben viel von den Erfahrungen der Familien aus den Anfängen der OJC profitieren können, als man es mit dem „Großfamiliendasein“ auch übertrieben hatte, was eine Belastung für die Eltern-Kinder-Beziehungen war. Jede Familie macht wahrscheinlich ihre eigenen Fehler, auch wir mussten lernen, Klein- und Großfamilie in gute Balance zu bringen.

Irgendwann wart ihr keine Hauseltern mehr.

Mit dem Leiterwechsel 2000 wurde auch der Generationenwechsel eingeleitet. Die OJC hielt ein Sabbatjahr, die pädagogische Arbeit im Quellhaus wurde dafür ganz eingestellt und wir organisierten die Betreuung der Mannschaft im Dorf neu. Als die­ OJC vor einigen Jahren das Haus in der Scheffel­straße bezog, starteten dort die beiden jungen Familien Schneider und Mascher die FSJ-Arbeit mit einer Männer-WG. Nachdem Konstantin Mascher zum Prior gewählt wurde und diese Arbeit abgab, haben wir Dangmanns uns – mit den inzwischen größeren Söhnen – wieder auf ein Leben mit den jungen Leuten eingelassen. Das fordert uns heraus, aber es ist auch eine schöne, bereichernde Arbeit.

Was bereichert dich darin?

Na ja, es nötigt mich, an meinem eigenen Charakter zu arbeiten. Es passiert mir immer wieder, dass ich leichtfertig über das Handeln anderer urteile. Auch, wenn es mich gar nichts angeht oder ich nicht involviert bin, gebe ich meinen Senf dazu. Und das kritisch oder ablehnend. Damit habe ich schon oft andere verletzt. Ich versuche, mir dann die biblischen Impulse über den Umgang mit der Zunge vor Augen zu halten und mich im keuschen Reden zu üben, sprich lieber einmal darüber zu schlafen. Mein Sohn Linus sagte einmal, was er von mir wirklich lernen könne, wäre, sich zu entschuldigen. Dann im Nachsatz: Ich hätte ja auch reichlich Übung darin. Jetzt werde ich 50 und hoffe, dass ich da noch nicht am Ende bin.

Mit vier jungen Männern in einem Haus – bringt dich das manchmal an die Grenze?

Konflikte gibt es immer wieder. Wie parken wir die Fahrräder in der Garage? Welche Regeln gelten für die Nutzung des Autos? Wenn ich die Wäscheberge auf der Couch im WG-Wohnzimmer sehe, denke ich, so war das bei uns damals auch, da hat sich nichts verändert. Die Männer müssen erst lernen, ihren Alltag selbstverantwortlich zu strukturieren. Ihnen dabei zuzusehen, strapaziert meine Geduld schon manchmal. Entscheidend ist, dass wir die Dinge ehrlich und auf Augenhöhe ansprechen, dann finden wir gute Lösungen. Freitag ist für mich ein stressiger Tag, weil ich gerne meine Projekte abschließen möchte, um sie nicht mit in die nächste Woche zu nehmen. Da war ich abends noch angespannt, während in der WG über mir das Wochenende ausbrach. Die Männer schauten Filme, luden die FSJ-Frauen ein – oft war es laut bis nach Mitternacht. Es war eine besondere Erfahrung, als ich mein Bedürfnis nach Ruhe am Freitag formulieren konnte und die Männer darauf eingegangen sind. Wenn sie dann mal am Samstag Party machen, bin ich schon etwas entspannter.

Als Hausvater hättest du das einfach verordnen können...

Ja, aber so wollen wir nicht miteinander leben. Wir sind eine Lebensgemeinschaft von Mündigen in einem Haus, da den Chef rauszuhängen, empfinde ich als nicht angemessen. Wir begegnen uns ja auf drei Ebenen: Als Brüder beim Abendmahl oder im Austausch, da sind wir alle gleich. Mein Assistent auf der Baustelle allerdings muss machen, was ich vorgebe, ob es ihm gefällt oder nicht. Und dann gibt es noch die freundschaftliche Ebene, die Kumpel, die einander zum Geburtstag oder zu einer Partie Skat einladen. Ich muss schon mal überlegen, was auf welche Ebene gehört, es immer wieder transparent machen und den Männern klar vermitteln, damit sie es nicht als Willkür empfinden.

Was fasziniert dich am gemeinsamen Leben besonders?

Ich mag die Unterschiedlichkeit der Charaktere, das finde ich sehr anregend. Jeder hat so seine Art und Weise, jeder bringt seinen Humor und seine Gaben ein. Das macht es bunt und abwechslungsreich. Von jedem kann ich irgendwas lernen, da werde ich immer wieder überrascht.

Teilen ist zur Zeit auch anderswo schwer angesagt. Wie handhabt ihr das auf der materiellen Ebene?

Wenn ich am Sonntagmorgen einen Engpass habe, schleiche ich mich schon mal in die Männerwohnung, schneide mir ein Stück Butter ab und nehme mir zwei Eier. Grundsätzlich muss aber besprochen sein, wo die Grenzen sind. Das letzte Bier würde ich nicht aus dem Kühlschrank nehmen. Und natürlich fülle ich den Kühlschrank auch wieder auf. Wir möchten es gerne großzügig handhaben. Tagsüber sind die Wohnungen nicht abgeschlossen, und wir sind in 22 Jahren Großfamilie nie bestohlen worden. Das scheint mir auch ein Segen des gemeinsamen Lebens zu sein.

Was möchtest du den Männern gerne mitgeben?

Erlebnisse im Geistlichen wie im Zwischenmenschlichen, die ihnen helfen, ihr Leben zu gestalten. Ich freue mich daran, wenn sie flügge werden, ihre Ausbildung machen oder studieren, Familie gründen. Und wenn sie nach Jahren mit Ehefrau und Familie zu uns kommen, erfüllt mich das immer mit großem Stolz. Wenn ich bei manchen den Eindruck habe, dass sie sich nicht groß weiter entwickelt haben, frustriert es mich und ich frage mich ernsthaft, ob ich nicht alles gegeben habe, oder ob die Konstellation nicht gepasst hat. Ich weiß, dass Gott mit jedem, auch mit mir, noch einen langen Weg gehen muss. Und das wir nicht alles in einem Jahr lernen können. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die angestoßen werden.

 Welche Veränderungen kannst du durch das geteilte Leben bei dir selbst feststellen?

Ich denke, es gehört zum Privileg der Jungen, an allem zu rütteln und auch Werte zu hinterfragen: Dient es dem Wachstum, ist es zum Leben nötig? Manches darf überdauern, aber wir leben nicht nach der Formel: „Das war früher so und so bleibt es“. Es ist oft anstrengend, wenn bestimmte Fragen immer wieder gestellt werden, aber es hält einen letztlich in Bewegung. Das andere, was mich die jungen Männer lehren, ist Geduld. Ich muss dran bleiben, prüfen, was sachlich richtig ist und Dinge langsam wachsen und reifen lassen.

Was lockt nach so vielen Jahren noch?

Wir dürfen uns zeigen, wie wir sind, aber auch den anderen hinter die Fassade schauen. So kann Vertrauen wachsen. Das gemeinsame Arbeiten im Alltag, aber auch die  Auslandsaufenthalte, wo der Kulturschock noch dazu kommt, schweißen das Team zusammen. Wenn uns Ehemalige besuchen, ist der Umgang sehr vertraut, wir brauchen einander nichts vorzumachen. Man kennt sich, hat ja miteinander gelebt und ausgetauscht. Dieser Umgang ist sehr befreiend.

Hast du es jemals bereut, dein Leben so vorbehaltlos zur Verfügung zu stellen?

Trotz aller Bruchstückhaftigkeit und Unvollkommenheit, die das gemeinsame Leben mit sich bringt, lohnt es sich immer, in junge Menschen zu investieren. Mit Udo Jürgens singe ich: „Ich würde es wieder tun.“    

Die Fragen stellten Mitsch Fliedner und Birte Undeutsch.

Von

  • Frank Dangmann

    ist als Elektromeister zuständig für die Haustechnik, Ansprechpartner für die Männer-WG in dem Haus in der Scheffelstraße

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