Mit ungeteiltem Herzen

OJC-Weihnachtsaktion 2016

Der Ur-Impuls der OJC-Weihnachtsaktion hält an

Es begann vor 44 Jahren mit einem Flüchtlingsstrom. Die Flucht vieler Pakistanis vor dem blutigen Bürgerkrieg gab den Impuls für das, was als „Weihnachtsaktion“ inzwischen fest im Auftrag und Jahresrhythmus der OJC etabliert ist. Einige Dutzend Projekte von engagierten Christen in zahlreichen Ländern haben wir seither mit Spenden aus dem Freundeskreis nachhaltig fördern können. Mittlerweile könnte man unsere Kontaktpflege mit den Partnern, das Sammeln von Spenden und die Budgetierung als routiniert bezeichnen. Doch Erfahrung, Routine und die Dynamik der Abläufe darf uns nicht vergessen lassen, dass das Herzstück der Aktion die ganz persönliche Anteilnahme ist. Freundschaft in Verbindlichkeit ist das Scherflein, mit dem wir in Reichelsheim und die Freunde zu Hause dazu beitragen, dass junge Menschen weltweit in Jesus Christus Heimat, Freundschaft und Richtung finden. Wir erinnern uns daran, wie es begann:

Tagebuchbericht 1. Oktober 1971

In der Stille des frühen Morgens taucht immer wieder der Gedanke an die 8 Millionen Flüchtlinge auf, die aus Ost- und Westpakistan nach Indien strömen. Ich sehe die Ereignisse des 11. Februar 1945 so deutlich vor mir, wie seit vielen Jahren nicht mehr: Der Tag, an dem wir, meine Eltern, Geschwister und fast alle Bewohner unserer schlesischen Heimatstadt in wenigen Stunden unser Zuhause und alle Geborgenheit und Sicherheit verlassen mussten. Keiner von uns wusste, wohin es gehen sollte ... Später das Flüchtlingslager: 5000 Menschen in Baracken mit Betonfußboden ohne Stroh. Ein Wasserhahn, vor dem wir morgens in langer Schlange warteten. Glücklich war, wer eine Waschschüssel besaß! Es gab keine Waschräume ... Mitten in die Erinnerung kommt ein klarer, neuer Gedanke: Wir sollten 200.000 DM für das Versöhnungszentrum Rajmohan Gandhis in Indien sammeln. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Flüchtlinge brauchen mehr als Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Gebraucht wird ein wirksames Mittel gegen die Krankheit der Herzen, Hoffnung gegen Verzweiflung, Bitterkeit, Neid und Hass. Der Gedanke erschreckt mich so, dass ich ihn erst nicht wie sonst aufschreibe. Das ist doch absurd! 200.000,- DM –  nur etwas mehr hat unser Haus in Mannheim gekostet. Eine Summe, die nur mit großen Hypotheken und Sicherheiten aufzubringen ist! So etwas kann man nicht sammeln! Mir fällt unsere eigene Armut ein, unser tägliches Angewiesensein auf die kleinen Beiträge, die unsere Freunde überweisen, damit die Großfamilie leben und ihre Arbeit tun kann. Selbst unser Jahresetat umfasst keine 200.000,- DM! Ich will den Gedanken einfach nicht weiterdenken.

2. Oktober:
Unmissverständlich und klarer als zuvor der gleiche Gedanke: 200.000,- DM für das indische Zentrum. Diesmal will ich es aufschreiben und austauschen. Das Ergebnis ist entmutigend: Die Freunde auf der Tagung lächeln.

3. Oktober:
Trotzdem wage ich es, den Gedanken in der Großfamilie auszusprechen. Große, ungläubige Augen! Aber – wie wir uns im Austausch angewöhnt haben: kein Kommentar.

4. Oktober:
Am Frühstückstisch:
„Hast du den Tisch mit den Schmucksachen gesehen?“ Eine trägt ein neues Armband, das mir wegen der originellen künstlerischen Gestaltung auffällt. „Ich habe es Anne-Eva abgekauft.“ Nach der Mahlzeit versammelt sich die Gemeinschaft um den Tisch, auf dem Anne-Eva ihren Schmuck ausgelegt hat. Wunderschöne Stücke, an jedem steht ein Preisschild. Die Flüchtlinge in Indien haben der jungen Krankenschwester keine Ruhe gelassen: „Du kannst etwas für sie tun! Es würde dir gleichzeitig helfen, deine Eitelkeit abzubauen. Verkaufe deinen Schmuck, der Erlös könnte ein Anfang für die Indienaktion sein. Jetzt oder nie“ – sie hat den Gedanken sofort in die Tat umgesetzt. „Später hätte ich den Mut dazu nicht mehr gefunden.“

Anne-Evas Beispiel setzte eine Fülle von Ideen frei. Die Gemeinschaft beschloss, mit dem von Irmela verfassten Schauspiel „Wo ist der Dritte“, das bereits in verschiedenen Gemeinden in Süddeutschland gastierte, Spenden für die „Asienhilfe“ zu sammeln. Es kam die stattliche Summe von 11.000 DM zusammen; aber was war das im Vergleich zu den erbetenen und benötigten 200.000? Wie dringend das Geld in Panchgani gebraucht wurde, machte der Brief eines jungen deutschen Theologen, der dort im Einsatz war, deutlich: „Alles läuft auf Hochtouren, um die Gebäude fertig zu bekommen. Viel wird von diesem Zentrum in die Welt ausstrahlen; Panchgani ist wirklich ein ‚Feuer der Hoffnung‘, wie es die größte indische Zeitung ‚Indian Express‘ genannt hat… Aber es müssen auch noch gewaltige finanzielle Wunder geschehen! Täglich müssen wir für Geld beten und sind voller Erwartung und Glauben …“ Da zündete die Idee eines Prospekts, einer „OJC-Weihnachtsaktion“, die dem Freundesbrief im Dezember beigelegt werden sollte. Was danach geschah, übertraf alle Erwartungen. Bis zum Jahresende waren volle 100.000,- DM auf dem Sonderkonto „Asienhilfe“ eingegangen, und bis Mitte März 1972 noch einmal so viel. Nachdem die erste Überweisung am 14. Januar in Indien eintraf, schrieb Michael: „Ich bin hellauf begeistert. Nach allem, was ich in den letzten Wochen in Indien und speziell hier in Panchgani gesehen habe, kann ich von ganzem Herzen sagen, dass diese Investition das absolut Notwendige und Beste ist, was wir als Christen und als Deutsche für das mit vielen Problemen kämpfende Indien und Asien tun können.“

Unsere Projektpartner in Pakistan heute

Auch 2015/16 darf unser Teilen ein Zeugnis der Größe und der Fürsorge Gottes in der Welt werden. Wieder dürfen wir mit Geschwistern auf dem indischen Subkontinent zusammenarbeiten, die ein großes Herz für Menschen in Pakistan haben.

 Seit 2003 engagiert sich der deutsche Verein Lifeline CDS e. V. in Sindh, der südlichen Provinz von Pakistan, mit einem umfangreichen Gesundheits- und Bildungsprojekt. Im Schulzentrum bieten sie Unterricht bis zur achten Klasse und Vorschul­betreuung für Kinder aus allen sozialen Schichten. Den medizinischen Zweig des Dienstes hatte das Ärzte-Ehepaar Dr. Lilith und Dr. Michael Loos bereits 1990 ins Leben gerufen. Neben der Versorgung von mittellosen Patienten gründeten sie ein Projekt zur intensiven Tuberkulose­behandlung. Heute arbeiten sie mit deutschen und pakistanischen Kollegen und in Kooperation mit den Gesundheitsbehörden unermüdlich an der Optimierung der TB-Therapie. Sie dürfen, weil sie hervorragende Ergebnisse vorweisen, im islamischen Pakistan ihre missionarisch-diakonische Arbeit unter den Ärmsten der Armen fortsetzen. Mit einer mobilen Gesundheitsstation kommen sie in die entlegene Provinz und behandeln ­Patienten vor Ort.

Kartar und sein Erstehilfekoffer
Kartar und sein Erstehilfekoffer - selbst gebastelt, tipptopp sortiert und voll einsatzbereit
Kartar als Highschoolschüler
Bei einem Besuch seiner alten Schule präsentiert Kartar stolz die Schuluniform seiner Highschool
Kartar als Klassensprecher
Beliebt bei Mitschülern und Lehrern gleichermaßen - hier als Klassensprecher in der 5. Klasse.
Kartar bei einer Weihnachtsfeier der Lifeline Christian School
Kartar als Drittklässler bei der Weihnachtsfeier der Lifeline Christian School

Kartar aus Pakistan

In unserem Weihnachtsprospekt haben wir Ihnen Kartar vorgestellt, einen Absolventen der Lifeline Christian School. Esther Strickert, die 5 Jahre lang vor Ort gearbeitet hat und ihn persönlich kennt, erinnert sich:

Kartar war mir durch seine Neugier, sein logisches Denken und seine Kreativität aufgefallen. Er besuchte gerade unsere zweite Klasse, als er mir im Schulbus solche Fragen stellte: „Gibt es in Deutschland auch Ziegen? – Trinkt ihr Ziegenmilch? – Ach so, Kuhmilch! Bei uns ist die Kuhmilch nicht gut, wir trinken dafür lieber Wasserbüffelmilch. – Die Kühe stehen auf einer grünen Wiese? Du hast doch erzählt, dass es bei euch im Winter kalt ist und schneit. Was macht ihr dann mit den Kühen?“ In der nächsten Kunststunde setzte er das Gehörte in ein Bild um: Kühe auf einer Wiese und Berge im Hintergrund; alles Dinge, die er aus eigener Anschauung gar nicht kannte.

Kartar, mittlerweile sechzehn, lebt mit seinen Eltern und sechs Geschwistern in einer armen Siedlung außerhalb der Stadt Sukkur. Die Kinder werden angehalten, den Eltern bei deren Arbeit auf dem Markt zu helfen. Sie gehören einem kastenlosen Hindustamm an, dessen Sprache noch nicht verschriftlicht worden ist. Nur etwa 2% der Bageris, so heißt der Stamm, haben Schulbildung genossen, die meisten sind seit Generationen in einem unheilvollen Kreislauf von Armut und Abhängigkeit gefangen.

Vor 20 Jahren hatte ein pakistanischer Pastor in Zusammenarbeit mit Lifeline CDS Kontakt zu den Bageris geknüpft und dort das Evangelium verkündet. Aus seiner Initiative erwuchs die Lifeline Christian School, die vor 12 Jahren gegründet wurde. Kartar gehörte zu den ersten Bageri-Kindern, die mit großer Begeisterung und Ausdauer den Unterricht besuchten. Besonders seine tiefschürfenden Fragen im biblischen Unterricht ließen die Ernsthaftigkeit, mit der er alles Gelernte wahrnahm, spüren. Er ­wurde bald zum Klassensprecher gewählt. Wie stolz war er, als er dabei helfen durfte, das erste Weihnachtslied in seine Muttersprache zu übersetzen! Das geistliche Umfeld in seiner Familie ist ganz anders geprägt. Sie verehrt in einem kleinen selbsterbauten Tempel die Gurus und studiert die heiligen Schriften der Sikh, wozu auch Kartar angehalten wird. Zwischen diesen Welten wird er sich eines Tages entscheiden – und nur, wenn Gott ihm den Mut und den Glauben schenkt, wird er einer der ersten Bageris, die sich zum Christentum bekennen.

Kartar wünscht sich sehr, Ingenieur zu werden. Dass seine Eltern ihn unterstützen, zeigt sich darin, dass sie ihn noch nicht verheiratet haben und auch nicht dazu drängen, Geld zu verdienen. Da wir ihn nach dem Schulabschluss am Ende der achten Klasse gerne weiterfördern wollten, haben wir ihn in einer katholischen Privatschule angemeldet. Er zahlt einen kleinen Betrag selbst, den Rest ergänzen wir durch die Patenschaft einer christlichen Teengruppe aus Deutschland. Er ist weiterhin regelmäßig beim Schuldirektor und dessen Frau zu Gast und bittet sie immer wieder um Rat.

Während seiner Schuljahre bekam er eine schwere Hepatitis-B, die wie die Tuberkulose zu den verheerenden Infektionskrankheiten in Pakistan gehört. Glücklicherweise konnten wir ihn im medizinischen Dienst von Lifeline erfolgreich behandeln. Die Krankheit hat ihn aber sehr geschwächt, und die Behandlung ist noch nicht abgeschlossen. In einem Brief an seine Paten-Teengruppe schreibt er: „Ich möchte Euch viele Grüße aus Sukkur senden. Während meiner Sommerferien habe ich meinem Vater auf dem Markt geholfen, Früchte zu verkaufen und aufgepasst, dass niemand die Früchte stiehlt. In meiner neuen Schule bin ich sehr glücklich. Meinen Freunden und Verwandten aber sage ich meistens, dass keine Schule auf der ganzen Welt so ist, wie die Lifeline Schule! Ich liebe meine Lifeline Schule und wünsche ihr Gottes Segen! Hoffentlich wird sie eines Tages bis zur 10. Klasse gehen. Danke für Eure Gebete für meine Hepatitis-Behandlung.
Euer Freund Kartar.“       

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