Den Fremden begegnen. Seminarbericht

Dass die Fronten nicht verhärten

Den Fremden begegnen. Bericht von einem Seminarwochenende

„Grenzziehungen bilden und verstärken Identitäten. Identitäten leben von Abgrenzungen. Je unsicherer man sich ihrer ist, umso stärkere Grenzziehungen werden benötigt. Eine ihrer selbst gewisse Identität verträgt offene Grenzen.“
Theo Sundermeier, Den Fremden verstehen

Wie kostbar und ermutigend ist doch der Austausch von Erfahrungen! Besonders dann, wenn in einer Atmosphäre des Vertrauens auch Zweifel, Frustration und Fragen ihren Platz haben. 23 Männer und Frauen aus ganz Deutschland trafen sich vom 16. – 18. Oktober in Reichelsheim, um gemeinsam über das Thema „Die Fremden verstehen – Vielfalt als Lernfeld und Segen“ nachzudenken. Zum Zeitpunkt der Ausschreibung vor einem Jahr konnten wir nicht ahnen, welche Brisanz das Thema jetzt haben würde. Die Begegnung mit Fremden gehört seit Jahrzehnten zur Wirklichkeit unseres Alltags in Deutschland. Nur, gelingt das auch? Obwohl es uns auf den Nägeln brannte, politische und soziale Fragen zu besprechen, wollten wir einem anderen Punkt auf den Grund gehen: Wie kann die konkrete Begegnung mit Fremden so gelingen, dass die Fronten nicht verhärten (durch Missverständnisse, Vorurteile, Angst, Unkenntnis, Scham usw.), sondern durchlässig werden oder bleiben. Alle Teilnehmenden brachten reichlich eigene Erfahrungen aus ihrem beruflichen oder ehrenamtlichen Engagement mit, sei es im Ausland – also selber als Fremde – oder in Deutschland in kirchlichen oder staatlichen Initiativen oder Einrichtungen. Diese gemeinsame Grundlage ließ das Gespräch besonders fruchtbar werden. Impulse aus theologischer oder kulturanthropologischer Sicht gaben Nährboden und Ausrichtung. Frank Paul führte uns den Gott der Vielfalt im Alten und Neuen Testament vor Augen und Jürgen Friedrich erläuterte anschaulich unterschiedliche Grundeinstellungen von individual- bzw. gruppen­orientierten Kulturen in der Türkei, wie er sie in persönlichen Erfahrungen kennen­gelernt hatte. Außerdem half er uns, den Islam als ­Religion besser zu verstehen und ergänzte seinen Beitrag durch wichtige praktische Tipps für die Begegnung mit Muslimen. Praktische Übungen machten möglich, dass die Erkenntnisse nicht nur theoretisch bedacht, sondern auch leiblich und emotional verankert wurden. Wer zum Thema „Identität und Fremdheit“ zunächst eine kleine Liste von Beschreibungen seiner selbst erstellt, dann die wichtigsten auswählen muss und damit dem eigenen Selbstbild auf die Schliche kommt, hört folgendes Zitat von Theo Sundermeier mit geschärften Ohren:

„Identität wird durch zweierlei konstituiert, durch ihren Grund und ihre Zielsetzung, durch Herkunft und Ausrichtung, durch ihre Vergangenheit und ihre Zukunft. Den Grund der christlichen Identität kann niemand ändern, Jesus Christus. Doch es gehört zur Besonderheit der christlichen Identität, dass sie nach vorne hin offen und nicht festgelegt ist. Ihre Identität ist kein starres Korsett, sondern konstituiert sich jeweils neu in der Begegnung und durch Veränderung. Nur wer sich verändert, bleibt er selbst. Es ist gerade die Begegnung mit fremden Menschen, Religionen und Kulturen, die jene Erfahrung verstärkt, die kennzeichnend ist für alle interreligiösen Dialogsituationen: man wird auf sich selbst verwiesen, muss nach den eigenen Wurzeln fragen und über die Hoffnung Rechenschaft ab­legen, die einen bestimmt (vgl. 1. Petr 3,15)“ (Th. Sundermeier, Den Fremden verstehen, S. 228).

Diese Hoffnung, dass Gott sein Reich in allen Nationen und Sprachen baut, bestimmte auch unsere Feier der Sonntagsbegrüßung. Ein festlich gedeckter Tisch, ermutigende Lieder, Symbole von Licht, Brot und Wein und ein fröhliches „La Chaim!“ (Auf das Leben!) beim Anstoßen gaben uns neu Grund zur Freude. Im „Forum“ am Samstagnachmittag hatten sieben Teilnehmende die Gelegenheit, ihre Wirkungsfelder vorzustellen. Wir erhielten inspirierende Einblicke in das Engagement und die Kreativität, aber auch die Anforderungen, die in der Begleitung von Flüchtlingen und Migranten nötig sind. Viele Projekte waren in christlichen Gemeinden entstanden. Dabei ging es auch um die wichtige Unterstützung und Zurüstung der Mitarbeiter. Alles ermutigende Beispiele eines christlichen Zeugnisses in der Gesellschaft!

Rückmeldungen aus der Runde:

Es war für mich etwas Neues, das Thema „Fremde“ aus einer eher universalistischen Perspektive zu betrachten, ohne sich auf zwei konkrete Kulturen zu spezialisieren. Wie viel Geduld man hier braucht und wie viele Abstriche man von seinen Erwar­tungen machen muss, wurde durch die Übung mit je zugeklebtem Mund, gefesselten Händen und den Kopfhörern bzw. der Augenbinde sehr gut nachvollziehbar.
Marie Mirbach-Harff, Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit

In meiner Arbeit mit Flüchtlingen stellen sich mir täglich neue Herausforderungen. Den Austausch und die Offenheit mit anderen Teilnehmern und mit den Dozenten habe ich als bereichernd erlebt. So kann ich wieder neu in die gemeinsame Gestaltung unseres Mittagstisches gehen und unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter, die überwiegend Flüchtlinge sind, an- und begleiten.

Sarah Hennemann, Café Hope e.V. in Kirchheim unter Teck

Ich bin nach einem 15-jährigen Aufenthalt in Brasilien wieder zurück nach Deutschland gekommen und arbeite in einem Verein, der Menschen aus christlichen Werken unterstützt. Viele sind Missionare und mit dem Thema „Fremdsein“ und „Fremden begegnen“ konfrontiert. Mich haben die Gespräche mit den Teilnehmern, die auch so eine Erfahrung hinter sich haben, ermutigt. Mit Hilfe von praktischen Übungen wurde mir bewusst: Gott ist ein Gott der Vielfalt, und es gibt keine schnellen Lösungen, sondern verschiedene Wege, die Schritt für Schritt beschritten werden wollen.

Sabine Sülzle, Neue Hoffnung e.V.

Dieses Seminar wird im nächsten Jahr wieder angeboten (18.-20.11.2016). Weiterführendes zu diesem Thema finden Sie auch im Salzkorn 2/2015 Anders. Annäherungen an das Fremde, auch als E-Book oder zu bestellen beim OJC-Versand. Als Lektüre empfehlen wir Ihnen Bücher aus der OJC-Werkstatt über interkulturelle Begegnung, Missiologie und interreligiösen Dialog.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

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