Es reicht! Wie das Teilen die Freude vermehrt

Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort,
wo er ganz aufgeht in einer Sache,
ganz hingegeben ist an eine andere Person.
Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst.
Viktor E. Frankl

Liebe Freunde,

die Ereignisse überschlagen sich und die Welt, wie wir sie kennen, gibt es nicht mehr. Die Krisen sind bisher immer in der Ferne eskaliert. Nun rücken sie uns durch die Hunderttausende, die sich auf den Weg gemacht haben, unausweichlich nahe. Es ist ein Gebot der Stunde, am Schicksal der Flüchtlinge Anteil zu nehmen und ihrer dringen­den Not zu begegnen. Es mag sein, dass wir unseren selbst gestellten Ansprüchen und ihren Erwartungen nicht genügen. Das sollte uns aber nicht entmutigen, denn wir dürfen Lernende sein: durch Versuche, auch Fehlversuche hindurch, Lösungen zu finden, die tragen und die hoffentlich alle mittragen können.

Halbherzig oder mit voller Kraft?

Ob wir es auf die lange Sicht schaffen, hängt von vielen Faktoren ab. Materiell gesehen schaffen wir es sicherlich, denn Teilen geht immer. Selbst derjenige, der nur wenig hat, ist in der Lage, mit dem noch Ärmeren oder mit einem Gast sein Mahl zu teilen. Dieser Art von Reichtum begegnet jeder, der für längere Zeit unter Menschen gelebt hat, die aus unserer Sicht arm sind. Eine andere und berechtigte Frage ist, ob wir es schaffen, unseren Lebens-, Glaubens- und Kulturraum auf Dauer mit Menschen zu teilen, die so anders und uns so fremd sind. Es ist unabdingbar, dass die Fremdheit abnimmt und jeder seinen Platz in der veränderten Situation findet. Integration ist eine gesamtgesellschaftliche, generationenübergreifende Aufgabe. Und es geht nicht allein um Sprache, Mentalität, Essgewohnheiten oder um historische Erfahrungen; es geht um den Konsens jener fundamentalen Werte, die eine Gesellschaft erst konstituieren. Wie kann sich das Miteinander in einem so liberalen Land wie dem unseren gestalten, wenn achtzig Prozent der Flüchtlinge, die aus einem stark vom Islam geprägten Kulturkreis – dem Orient – kommen, sich auch zu dieser Religion und ihren Werten bekennen? Der Politikwissenschaftler Samuel R. Huntington schreibt in seinem Klassiker Clash of Civilizations (Kampf der Kulturen): „Solange der Islam der Islam bleibt (und das wird er bleiben) und der Westen der Westen bleibt (was fraglicher ist), wird dieser fundamentale Konflikt zwischen den großen Kulturkreisen und Lebensformen ihre Beziehungen zueinander weiterhin und auch in Zukunft definieren, so wie er sie 1400 Jahre lang definiert hat.“ Huntington schrieb über den Zusammenprall verschiedener Lebenswirklich­keiten noch im globalen wirtschaftlich-kulturellen Kontext. Jetzt stehen wir in Europa vor der neuen Situation, dass sich diese Lebenswelten auf ein und demselben Raum, verstärkt bei uns, begegnen.

Die größte und tiefste Krise, die hier unverhüllt zutage tritt, ist unser eigener, lang gehegter und gepflegter Zwiespalt. Wie reagiert eine sich ihrer geistlichen Wurzeln kaum noch bewusste, säkular organisierte und in zunehmender Atomisierung befindliche Gesellschaft auf eine Religion, die alle Lebensbereiche durchdringt? Es sieht so aus, als würde unser viel beschworenes Toleranzverständnis auf eine harte Probe gestellt: Europa wird seine Bekenntnisscheu neu reflektieren müssen angesichts eines selbstbewusst auftretenden Islam. Christen in Deutschland fragen sich, ob die Kirche einen weiteren Rückzug antritt oder die Chance nutzt, ein einladendes und schärferes Profil in einem multireligiösen Umfeld zu prägen.

Unser Freund Kosta Milkov, Leiter des Balcan Institute for Faith and Culture in Skopje (Mazedonien), sieht die Krise, die auch in seinem Heimatland Spuren hinterlassen hat, als Nagelprobe für die Kirche Jesu. Seines Erachtens ist eine heikle, aber großartige Gelegenheit für sie gekommen, sich auf ihre Kernkompetenz zu besinnen: auf die Gabe, in einer heimatlos gewordenen Welt um das eigene Obdach zu wissen, Obdach zu geben und dabei immer neu die Erfahrung zu ermöglichen, dass Gott selbst Wohnung nimmt, wo er eingeladen wird (S. 186).

Aus der Fülle empfangen …

Bei aller Ungewissheit hilft es, sich am Wesentlichen auszurichten. Die Advents- und Weihnachtszeit ist die Erinnerung daran, dass Jesus als Brückenbauer zwischen Gott und uns Menschen kam. Die Radikalität seines Lebens liegt darin, dass er sich selbst schenkte – nicht teilweise, sondern ganz und ohne Vorbehalte (und ohne unser Zutun). In diesem Geheimnis liegt unser eigenes Ganz-Werden und unser Zeugnis für die Welt; nicht als „widerspenstige und murrende Diener Christi“, sondern als „fröhliche Teilhaber am Beschenken der Welt durch Christus“, so Miroslav Volf (S. 166). Denn allem Tun und Wirken geht das Empfangen voraus. Weil Jesus uns im Teilen des Brotes seinen Leib reicht, können wir als sein Leib zur „ungeteilten Bruderliebe“ gelangen und zu jener Einheit, die wir nur erbitten, aber nicht herstellen können (Klaus Sperr, S. 155).

… und weitergeben

Von Anfang an gehörte das interkulturelle und internationale Engagement zu unserem Auftrag. Auch ganz aktuell haben wir in der OJC als Denk- und Praxiswerkstatt hilfreiche Ansätze entwickelt und zusammengestellt, die die Begegnung und den Austausch mit Migranten befruchten können. Über das ganzheitlich-inspirierende Wochenendseminar Die Fremden verstehen berichtet Ute Paul ausführlich (S. 188).

Wie es sich konkret anfühlt, dem Fremden zu begegnen, schildert Tabita Stegen, die letztes Jahr bei uns ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvierte, in ihrem Bericht vom internationalen Begegnungscamp mit jungen Roma aus Bulgarien und Ungarn (S. 180). Krisztián Lakatos, ein ungarischer Teilnehmer, gab uns ein bewegendes Zeugnis über seinen Lebensweg und formulierte, was ihm in dieser Zeit deutlich wurde: „Die gemeinsamen Tage haben mir noch mal die Augen dafür geöffnet, dass es nicht nur um mich geht, um meine Qualifikation, sondern um uns alle. Darum, meinem Volk beizustehen, Hoffnung zu schenken.“ (S. 184).

Die jährliche OJC-Weihnachtsaktion ist unser Beitrag zum weltweiten Brückenbau durch das Teilen. Es sind kleine, aber wirkungsvolle Projekte, die Menschen vor Ort ermutigen und dazu befähigen, in ihrem Land ein Zeichen zu setzen. Diesmal möchten wir Sie an die Anfänge der Weihnachtsaktion vor 44 Jahren erinnern, wie in den Siebzigern alles mit einem Flüchtlingsstrom aus Pakistan begann und wie es um das in diesem Jahr geförderte Projekt in Pakistan steht (S. 151).

Eintritte und Umzüge

In unserer Kultur gelten hohe Mobilität und die Autonomie des Individuums als erstrebenswerte Güter. Deshalb ist es ein besonderes Zeichen, wenn Menschen bereit werden, das eigene Lebenskonzept hintanzustellen und sich in einen gemeinsamen Auftrag einzugliedern. Dieses Jahr feierten wir mit großer Freude den Eintritt zweier junger Ehepaare in den „Bund der Gefährten“. Hanna und Gerd Epting, Eltern von drei Kindern, schlossen sich nach einem achtjährigen Einsatz mit der Liebenzeller Mission in Patagonien 2009 der OJC an. Das Ehepaar Carolin und Daniel Schneider zog 2010 mit damals noch zwei Kindern aus Darmstadt nach Reichelsheim. Nach ihrer Aufnahme im Rahmen einer internen geistlichen Feier wurden die vier neuen Kommunitätsmitglieder am ersten Sonntag im Oktober von Bischof Jürgen Johannesdotter, dem Beauftragten des EKD-Kirchenamtes für Geistliche Gemeinschaften und Kommunitäten, feierlich eingesegnet. Es ist sehr ermutigend, dass seit der Gründung der Kommunität vor sieben Jahren bereits 15 Personen, 3 Ledige und 6 Ehepaare, das Bundesversprechen abgelegt haben.

So ist unser Generationenwechsel weiter voll im Gange, nicht nur in Reichelsheim, sondern auch in Greifswald. 1997 wurde eine kleine OJC-Zelle nach Vorpommern gerufen, um dort einen Ort der Begegnung, der Hoffnung und der Heilung zu gestalten. Dankbar schauen wir auf fruchtbare Jahre des Dienstes an Menschen und an der Stadt zurück. Nach Rebekka Havemann haben sich nun unsere neuen Kommunitären Daniel und Carolin mit den Kindern Flinn (11), Lina (8) und Levi (4) Anfang August in unsere Auspflanzung umtopfen lassen. Wir wünschen ihnen ein baldiges, Einwurzeln und ihren ureigenen Platz im Ganzen dort.

Mehrgenerationenhaus

Bei allem hingebungsvollen und unermüdlichen Engagement – ein Mitarbeiter im Reich Gottes wird auch einmal alt und darf das auch. Er ist dann kein offensiver junger Christ mehr, bleibt aber im Herzen und in seiner Ausstrahlung ein offensiver Jünger Christi. Das gilt besonders für die Gründergeneration der OJC. Achtzehn Gefährten werden in den kommenden zehn Jahren im aktiven Ruhestand sein. Mit ihnen betreten auch wir Neuland: Wie integriert man diese ruhigere Lebensphase in eine quirlige Kommunität? Welche OJC-gemäße Antwort finden wir in einer Gesellschaft, in der die Generationen zunehmend eigene, nur wenig durchlässige Parallelwelten bilden?

Nach einem längeren Denk- und Gesprächsprozess haben wir nun in unserer Kommunitätswoche im Oktober einstimmig den Bau eines Mehr­generationenhauses beschlossen. Es wird auf dem Grundstück hinter dem Tannenhof, das wir stets als Reserve in der Hinterhand hatten, errichtet werden. Die Vorbereitungen laufen, damit der Bau zügig im nächsten Jahr angegangen werden kann. Hier entsteht Wohnraum in unmittelbarer Nähe des OJC-Zentrums Tannenhof, der für unsere Ruhe­ständler bezahlbar und altersgerecht konzipiert ist, so dass die Generationen einander nachbarschaftlich unterstützen und bereichern können.

Allen, die uns bereits mit Worten, Spenden und zinslosen Darlehen zu diesem Schritt ermutigt haben, einen herzlichen Dank! Wir bleiben auch als Mehrgenerationen-OJC weiterhin auf Ihr Mittragen und Teilen angewiesen.

Ein Letztes im Vorletzten

Der Gründer unserer Gemeinschaft, Horst-Klaus Hofmann, erinnerte uns Anfang des Jahres: Die Psalmen lehren uns, wie wir beten sollen. Die Zeitung lehrt uns, wofür wir beten sollen. Wenn wir uns in die Fürbitte hineinstellen und für die Menschen und die Not der Zeit beten, wird Gott uns seinen Weg mit uns in dieser Welt zeigen. Damit das Volk Gottes in den vorletzten Dingen den Mut nicht sinken lässt, wird es durch die Jahreslosung 2016 ermutigt – im Geist einer letzten Gewissheit: „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jesaja 66, 13).

Bei gutem Trost und mit frohem Geist gehen wir mit Ihnen, unseren Freunden, weiter auf dem Weg in die Zukunft, den Er uns weist. Denn obwohl er reich war, wurde er arm um unseretwillen, damit wir durch seine Armut reich würden (2. Kor 8,9).

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und ein frohes, behütetes neues Jahr wünscht Ihnen  mit der ganzen OJC,

Ihr
Konstantin Mascher
Reichelsheim, den 12. November 2015

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