Die Eltern im sterben begleiten

Zeiten tiefster Nähe

Die Eltern im Sterben begleiten

von Hanne Dangmann

Der nette türkische Gemüsehändler, bei dem ich immer einkaufe, ist sicher schon siebzig, deshalb zucke ich zusammen, als er beim Einpacken der Karotten erwähnt, dass er gleich nach Weihnachten in die Türkei fliegt, um die „alte, kranke Mutter“ zu besuchen: „Wie bitte? Lebt Ihre Mama noch?“ frage ich ungläubig zurück. Ja, sie sei fünfundneunzig, sehr krank und bettlägerig. Als ich nach Hause laufe, macht sich das anfänglich sachte Gefühl richtig breit in mir: „Wie ungerecht, dass Jusuf mit siebzig noch eine Mutter hat, und ich bereits mit einundvierzig elternlos durchs Leben laufe ...“

Ich war in meiner Familie ein echter Nachzügler, meine beiden Brüder waren bereits 15 und 18 Jahre alt, als ich geboren wurde. Somit hatte ich „alte Eltern“ (so hieß das damals noch). Der Abschied von ihnen traf mich in der Hoch-Zeit meines Lebens, als ich grade mal Anfang dreißig war und unser erster Sohn geboren. Krankheit gehörte schon immer zu meinem Leben, denn meine Mutter bekam einen Schlaganfall, als ich 7 Monate alt war. Die komplette linksseitige Lähmung behielt sie ihr ganzes Leben. Sie brauchte ab da eine zweite Hand, die ihr den BH schloss; Brote schmieren und Essen kochen schaffte sie zeitlebens einhändig. Mein Vater war nur 1,65 cm groß, aber ein Fels in der Brandung unserer kleinen 1-Kind-Gemeinschaft mit Rollstuhl und Krücke. Er war eine Autorität, stimmgewaltig und dickköpfig, aber ich konnte ihn als Kind gut um den Finger wickeln. Die Rollen in der Familie waren klar verteilt: Er war der Helfer, Held und Starke, meine Ma die Dankbare, Bedürftige und Kranke. Mein Vater managte erfolgreich unser Leben, auch das meiner kranken Mutter: Er sammelte ihre Krankenberichte, fuhr sie zu jedem Spezialisten, der Hausarzt ging wöchentlich bei uns aus und ein. Aber selbst ist mein Vater bis zu seinem 77. Lebensjahr niemals bei einem Arzt gewesen –  wirklich NIEMALS. Bis unser vertrau­ter Hausarzt ihn mutig ansprach: „Ich überweise Sie einmal zu einem Neurologen. Sie sollten mal ein EEG vornehmen lassen.“ Die Diagnose hat meine Mutter mir am Telefon mitgeteilt: „Verdacht auf fortschreitende Demenz. Der Herr Doktor sagte zu mir:Ihr Mann wird langsam verblöden‘.“ Mein Vater behielt noch eine Weile seinen gewohnt unerschütterlichen Optimismus (mit dem er uns viele Jahre ein unbeschwertes Familienleben beschert hatte, trotz Schlaganfall und Lähmung): „Ach was! Ich fühl mich fit! Das glaub ich nicht, was die da gesehen haben wollen.“ Aber es fiel uns auf, dass er für alltägliche Aufgaben ungewöhnlich lange brauchte, dass er manchmal auf dem Parkplatz suchen musste, bis er sein Auto wiederfand. Er pflegte und versorgte immer noch komplett meine kranke Mutter. Sogar noch, als die unausweichliche Bestätigung für die vormals gestellte Diagnose mit einer – ab jetzt immer wiederkehrenden – Frage von ihm über uns hereinbrach: „Wann fahren wir eigentlich wieder heim?“

Wenn alte Eltern sterben: Zeiten tiefster Nähe
Wenn alte Eltern sterben: Zeiten tiefster Nähe

Das fragte mein Vater erstmals meine Mutter in der Küche seines eigenen Zuhauses. Sie war völlig verdattert, denn er organisierte bis dahin immer noch das gesamte häusliche Leben. „Du bist doch daheim.“ „Ach so.“ Dieser Gesprächsablauf sollte sich bis zum Tod meines Vaters noch unzählige Male wiederholen. Bei einem Gesprächstermin mit unserem Hausarzt informierte ich mich über den Verlauf von Demenz. Er hat mir fast auf den Tag genau vorhergesagt, was uns in den kommenden 3 – 5 Jahren erwarten würde.

Wir mussten alle ausnahmslos unsere Rollen umlernen: Mein Vater war bisher die unangefochtene Führungsfigur unseres Gespanns gewesen, meine Brüder und ich haben nie für unseren Vater etwas regeln, sorgen oder tun sollen. Alles war nun neu: das gemeinsame Verweilen im Arztwartezimmer, die Handreichung beim An- und Auskleiden, später die Hilfestellung beim Essen – es war ein allmähliches gegenseitiges Einwilligen in diese ungewohnte intime Nähe. Es hat eine andere, neue Vertrautheit geschaffen zwischen uns, und unser Vater hat es zugelassen. Während eines Krankenhausaufenthaltes im ersten Jahr nach der Diagnose musste er sich einer kleinen Operation unterziehen und ich besuchte ihn. Er war verwirrt, aber wir konnten uns noch unterhalten. Beim Verabschieden umarmte ich ihn, und er fing bitterlich an zu weinen und fragte mich: „Hanne, wie soll das werden? Mit Mama und mit mir?“ Da hatte sich der Vorhang seiner Verwirrung kurz geöffnet und ganz klar stand alles vor ihm. In diesem Moment konnte er meinen Zuspruch hören und annehmen: Wir kümmern uns, wir sind da!

Bis zu seinem Sterben erreichte ihn dieser Trost: „Wir kümmern uns“. Drei Jahre später lag er mit seiner dritten schweren Lungenentzündung im Krankenhaus und ich saß niedergeschlagen und angstvoll an seinem Bett. Es drehte mir den Magen um, meinen guten, treu sorgenden Vater so leidend und allein im Krankenzimmer liegen zu sehen! Unser zweiter Sohn war gerade ein Jahr alt und ich konnte immer nur stundenweise zu Besuch kommen. Ich schämte mich, dass ich nicht hier bei ihm wachte, bis der Tod endlich kam; dass ich sogar hoffte, er möge doch bitte genau in dieser einen Stunde meines Besuches nicht kommen. Aber eines Tages geschah etwas an diesem Sterbebett: Ich spürte plötzlich, dass ich jetzt bleiben musste. Ich rief daheim an, ich käme erst spät am Abend zurück, mein Papa würde wohl heute sterben. Dann sang und betete ich mit ihm und versicherte ihm, er dürfe nun gehen, wir würden uns um die kranke Mama kümmern. Während dieser Stunden bei ihm tat er seinen letzten Atemzug – und ich war dankbar, ihm soweit wie möglich beistehen zu können. So wie er es all die Jahre für uns getan hatte … das war mir in seinen letzten, bedürftigen Jahren so bewusst geworden. Nach der langen Abwesenheit daheim angekommen, habe ich ­einen tiefen Atemzug an der kuscheligen Kopfhaut meines Einjährigen nehmen müssen, um den Duft von Lebensfreude und Lebendigkeit einzuatmen. Das mühsame Sterben meines Vaters hatte sich auf mein Gemüt gelegt und erschütterte meine Leichtfüßigkeit im Alltag.

Ein Jahr nach dem Tod meines Vaters willigte meine Mutter ein, zu uns nach Reichelsheim in ein Seniorenheim zu ziehen. Sie war mittlerweile rundum pflegebedürftig und lebte schon länger mit einer patenten polnischen Pflegehilfe im behindertengerechten heimischen Bungalow. Es waren zwei wunderbare Jahre, die wir noch zusammen hatten. Sie wohnte fußnah bei uns, mein Mann konnte sie mit dem Rollstuhl abholen, sie saß bei mir in der Küche und fragte interessiert, wie meine Küchenmaschine funktionierte und nach welchem Rezept ich die Lende kochte. Sie genoss die kleinen Enkelsöhne, die ihr einen „Schmatzer“ gaben oder ihre ersten Diktate vorzeigten. Die Diagnose „Hirntumor“ traf uns aus dem Hinterhalt. Irgendwie hatte ich mit einer weiteren Krankheitskatastrophe nicht gerechnet. Als ich dem Krankenwagen folgte, war ich auf einen Hirnschlag oder eine Hirnblutung gefasst und auch auf den nahen Tod. Aber nachdem der Arzt nach der Sonografie von einem „inoperab­len, tennisballgroßen Hirntumor“ berichtete, stand ich fassungslos im Park des Klinikums und grollte lautstark gegen dieses bodenlos ungerechte Übermaß an Krankheit und Leid im Leben meiner Mutter. „Das ist nicht fair“, heulte ich auf der ganzen Heimfahrt. Am Pfingstmontag willigte ich nach längerem Ringen (zum wievielten Mal schon?) ein, dass meine Mama nun noch eine lange Weile sehr krank und besonders pflegebedürftig sein würde. Ich musste es erst bejahen, dass sie so aufwendig und langsam sterben würde − das hätte ich ihr nach viel Leiden im Leben nun im Sterben anders gewünscht.

Diese Gedanken beschäftigten mich während der langen Wochen und Monate an ihrem Bett. Durch Kortisongaben erlangte sie ihr Bewusstsein wieder und konnte sich − dämmrig zwar und immer einschlafbereit − an unseren Besuchen freuen. Ich konnte durch die nahe Unterbringung täglich mehrmals zu ihr gehen; meist habe ich dabei die Mahlzeiten abgepasst und sie gefüttert. Sie blieb – was sie zeitlebens war − eine gute Zuhörerin, gleichwohl sie wahrscheinlich vieles nicht mehr erfassen konnte. Es gab „Engel“ in weißen Kitteln in dieser Zeit im Seniorenheim, die mir in dieser Sterbensnähe zu Weggefährten wurden und meine Mutter fürsorglich pflegten. Unsere beiden Söhne, damals 8 und 5 Jahre alt, besuchten weiterhin die Oma. Sie wussten, dass sie bald in den Himmel umziehen würde. „Oma lächelt immer, wenn wir kommen!“ Ja, das tat sie wirklich.

Erst wenige Tage vor ihrem Tod verlor sie gänzlich das Bewusstsein. Drei lange Tage und zwei Nächte wachte ich an ihrem Bett. Ihre Atmung rasselte − wie dankbar war ich, dass sie, wie auch mein Vater, in ihrer Patientenverfügung in eine atmungserleichternde Morphinbehandlung eingewilligt hatte! Und doch fand ich das langsame Sterben fast unerträglich und habe den über dem Bett hängenden Christus um Hilfe und Erleichterung angefleht. „Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind, bei ihm ist Trost und Heil. Ja, hin zu Gott, verzehrt sich meine Seele, kehrt in Frieden heim“, habe ich wieder und wieder mir selber zum Trost und Halt gesungen. Alle, die hereinkamen und mit mir aus dem Gesangbuch Verse sangen, ein Gebet beteten, sind mir wertvolle Hilfen wider die Verzweiflung gewesen. Meine Mutter passte zum Gehen den kleinen Moment ab, an dem ich zum Kleiderwechseln nach Hause ging; dort erreichte mich der Anruf aus dem Seniorenheim. Ungläubig betrat ich kurz darauf wieder ihr Zimmer, die Hände waren schon gefaltet und eine Kerze brannte.

Die Sterbebegleitung hatte mich nah an den Ausgang des Lebens geholt. – „Alpha“ und „Omega“ waren in einem englischen Bühnenstück, bei dem ich vor vielen Jahren mitgewirkt hatte, auf der Bühne Zeichen für Geburt und Tod der Familienmitglieder, wie sie kamen oder abgingen. Dieses Stück war mir am Krankenbett meiner Mutter eingefallen: mehr als sieben Monate verweilte ich mit ihr vor diesem „Omega“, vor der letzten Tür, bis sie sich öffnete. Es war eine Zeit tiefster Nähe und Intimität, aber auch voller Ambivalenzen und stummer Zwiesprache. Nach ihrem Tod spürte ich eine nie gekannte Schwere, der Eindruck von Leid und Sterben ließ sich nicht so leicht abschütteln. Und doch war es dieses Bild, das mir im „Trauerjahr“ Richtung gab: Ich gehöre noch in die Mitte der Bühne, meine Kinder, mein Mann brauchen mich dort, ich muss mich innerlich und äußerlich wieder dorthin zurückbewegen, wo das Leben stattfindet.

Wenn alte Eltern sterben

Ich beneide den alten Jusuf um seine Mutter, weil ich nun schon einige Jahre meines Lebens ohne Eltern bin. Aber ich habe auch besonders kostbare Erlebnisse und Erfahrungen in dieser Pflege und Krankheitszeit gemacht. Mit meinen Brüdern habe ich ein überraschend enges Zusammenwirken und großes Vertrauen erlebt. Und mir ist, als habe sich ein Bogen geschlossen: Der Anfang meines eigenen Lebens und das Ende des Lebens meiner Eltern waren die Zeiten unserer tiefsten Nähe.

Von

  • Hanne Dangmann

    leitete von 1994 bis 2001 mit ihrem Mann die Jahresmannschaft im Quellhaus und seit 2013 die in der Scheffelstraße. Außerdem ist sie Mitglied im OJC-Priorat.

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