Wir Sterblichen

Das Leben hört buchstäblich
bis zu unserem letzten Augenblick,
bis zu unserem letzten Atemzug
nicht auf, Sinn zu haben.
Viktor E. Frankl

Liebe Gefährten,

die sprichwörtliche Lizenz zum Töten gibt es nur im Film, und auch nur für einen Doppelagenten mit 007 Status. In actionreichen Szenen wird einer nach dem anderen umgenietet und die Welt von fiktiven Bösewichten befreit. In unseren Nachbarländern Schweiz, Niederlande und Belgien ist die Lizenz zum Töten allerdings keine Fiktion mehr, sondern traurige und makabre Realität. Das „Töten auf Verlangen“ hat jüngst auch in unserem Land für heftige Diskussion in der Öffentlichkeit gesorgt. Laut Umfragen befürworten 60 Prozent der Deutschen die Zulassung privater Sterbehilfe-Organisationen und zwei Drittel der Befragten sind dafür, „dass man das Leben schwerkranker Menschen, die keine Chance mehr zum Überleben haben, auf ihren Wunsch hin beendet.“

Paradoxe Zeiten

Wir leben in paradoxen Zeiten: Noch nie ging es dem Menschen der nördlichen Hemisphäre materiell so gut. Noch nie verfügte er über so viel Lebens- und Freizeit. Noch nie war die medizinische Versorgung so fortgeschritten. Trotz dieser zivilisatorischen Errungenschaften wünschen offensichtlich immer mehr Menschen den assistierten Tod: Jeder Mensch dürfe über sich und sein Leben selbst bestimmen und habe das Recht auf seinen eigenen Tod. Wir müssen in einer Zeit, in der durch hochtechnisierte medizinische Möglichkeiten das Sterben hinausgezögert werden kann, es respektieren, wenn unheilbar Kranke bestimmte Maßnahmen zur künstlichen Lebensverlängerung ablehnen. Jeder hat seinen „eigenen Tod“ und wir tun gut daran, ihn an  der Hand eines Menschen sterben zu lassen und diesen letzten Weg so erträglich wie möglich zu gestalten. Doch was ist mit denen, die durch  die Hand eines Anderen sterben wollen und denjenigen, die das Anliegen unterstützen? Das fünfte Gebot steht diesem Wunsch entgegen: „Du sollst nicht töten“ oder wie der Philosoph Robert Spaemann es ausdrückt: „Es gibt kein gutes Töten.“ Diese Grenze gilt auch in Hinblick auf den Freitod. Wie dürfte der Mensch, der sich selbst nicht ins Dasein rufen kann, sich selbst ins Jenseits befördern? Dem leidenden Hiob bleibt im Angesicht seines Schöpfers nur eine angemessene Handhabe – diesem die Oberhoheit über sein Leben und Sterben zuzugestehen: „Der Herr hat’s ge­ge­ben, der Herr hat’s genommen“ (Hiob 1, 21).

Als Christen sollten wir hellhörig sein, wenn Menschen den Tod herbeisehnen und darüber Verfügungsrecht wollen. Was außer der natürlichen Angst vor einem leidvollen Sterbeprozess könnte hinter diesem dringlichen Wunsch stehen? Welche tiefe Verunsicherung, Verzweiflung und welche Befürchtungen treiben Menschen dazu, dem Sterben auf gewaltsame Weise zuvorzukommen? Wie viel an diesem Wunsch ist wirklich der Selbstbestimmung und dem freien Wille geschuldet? Wie viel interessegeleiteten Einfluss auf unsere Urteils- und Entscheidungsfähigkeit hat die antizipierte zukünftige Hilflosigkeit? Und unser eigenes Leiden als Belastung für die Umwelt?

Der berechtigte Wunsch nach dem erlösenden Tod gebietet Anteilnahme, Beistand, Trost und das Lindern von Schmerz. Das Signal, das aus dem Deutschen Bundestag kommt, ist ermutigend und klar: Die Hospizarbeit und die Palliativmedizin sollen unbedingt ausgebaut werden.

Dammbruch

Noch hellhöriger müssen wir werden, wenn Menschen den befreienden Tod ihrer Angehörigen herbeisehnen- und führen. Belgien hat das Töten auf Verlangen von unheilbar kranken Erwachsenen jetzt auch auf Kinder ausgeweitet; in den Niederlanden wurde schon Ende 2005 die Euthanasie bei Neugeborenen mit einer Behinderung freigegeben. Noch weiter geht die Forderung der Philosophen Alberto Giubilini und Francesca Minerva: Eltern sollen auch ein gesundes Neugeborenes zur Euthanasie freigeben dürfen, wenn die Existenz des Kindes für die Mutter zu einer „unerträglichen“ psychischen oder finanziellen Belastung wird. „Abtreibung nach der Geburt“ heißt das salonfähig. Die beiden leiten aus dem Recht, Kinder bis kurz vor  der Geburt töten zu dürfen, die moralische Freiheit ab, sie ggf. nach  der Geburt zu töten. Denn eine Gesellschaft, die sich an das eine gewöhnt hat, wird wenig Argumente haben, das andere auszuschließen.

Die verschleiernde Sprache einer Kultur des Todes hat sich in unseren Herzen und Köpfen festgeschrieben. Deren Tücke demaskiert der emeritierte Professor für christliche Sozialwissenschaften ­Manfred Spieker: Im Gewand der Fürsorge verspricht sie, dem Menschen das Leid zu ersparen, „indem sie den Leidenden beseitigt“ (S. 8).

Dem Ende entgegenleben

Ein interkultureller Vergleich zeigt: Wir West­europäer tun uns schwer damit, die Angst vor dem Tod und die Kränkung, die er für uns Sterbliche­ bedeutet, zu artikulieren. Er passt nicht in unser optimiertes und planorientiertes Leben. Hinzu kommt, dass das Sterben immer seltener in den eigenen vier Wänden stattfindet, es wird aus­gelagert, institutionalisiert und professionalisiert. Es braucht unter uns statt einer Kultur des Todes die Besinnung auf eine Kultur des Sterbens, die diesen sinnlos scheinenden letzten Lebensvollzug in einen größeren Sinn- und Bedeutungsrahmen zu stellen vermag. Der Mensch ist bereit und fähig, viel zu tragen und zu ertragen, wenn er darin einen Sinn erkennt. „Das Leben hört buchstäblich bis zu unserem letzten Augenblick, bis zu unserem letzten Atemzug nicht auf, Sinn zu haben.“, so der KZ-Überlebende Viktor E. Frankl.

Das Wissen des Menschen um seine Sterblichkeit­ bestimmt seine Haltung zum Leben. Aus gutem Grund fleht der Psalmist um ein rechtes Verständnis: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ (Psalm 90,12). Bemerkenswert ist, dass diese Bitte nicht indivi­duell, sondern gemeinschaftlich formuliert ist. Am Umgang mit dem Ende formt sich unsere Kultur, er prägt auch zutiefst unsere Wahrnehmung voneinander: An unseren Alten, die auf den Tod zugehen, können wir immer wieder beobachten, wie diese letzte Strecke sie noch einmal verändert und sie „himmelsfähiger“ werden lässt. Wer kennt das nicht: Großeltern oder Eltern, die souverän, oft „hart“ und streng im Leben mit sich und anderen umgegangen sind, werden nun weich, zugänglich und bedürftig – und gerade dadurch in unerwarteter Intensität empfänglich für Zuwendung und Liebe. Ein besonderer Moment für jene, die sie als Vertraute begleiten. Nicht selten wird diese schwierige Zeit zu einer kostbaren Phase der Befriedung und Versöhnung zwischen den ­Generationen. Hanne Dangmann nennt sie „Zeiten tiefster Nähe“ (S. 12).

Die wahre Majestät

Himmelsfähig werden bedeutet loszulassen – auch sich selbst – und zu lernen, das Unabwendbare anzunehmen. Auf diesen letzten Akt der Hingabe können wir bereits im Zenit unserer Kraft zugehen. Der Theologe und alte OJC-Freund Friso Melzer rät nebst bewährten auch zu unorthodoxen Übungen, die uns ermutigen, die eigene Sterblichkeit ins Auge zu fassen (S. 28). Ein großer Trost ist zu wissen, dass uns nicht das Nihil, sondern die Vollendung erwartet und dass wir auf den ewigen Sabbat des Schöpfers zugehen. Die Predigt von Pfarrer Stefan Kunz macht auch angesichts von Schmerz und Verlust, die der Tod immer bedeutet, Lust auf die Ewigkeit (S. 31). So wandelt sich das Sterben, der durch den Sündenfall determinierte Tiefpunkt menschlicher Existenz, zu einem Wende- und Höhepunkt, wie Klaus Sperr es formuliert, an dem der Sinn unseres in Christus bereits auf ewig geborgenen Lebens auf einmalige Weise zum Leuchten kommt (S. 18). An Jesus Christus wird die wahre Würde des sterblichen und sterbenden Menschen offenbar. Er hat nicht nur den eigenen Tod bis zum Ende ertragen, sondern auch den aller Menschen. Und ebenso den Schmerz über das Leiden und Sterben derer, die wir lieben. Die Passionszeit lädt uns ein, unser Leben und unser Sterben in die Hände des Vaters zu befehlen.

Alltagstauglich. Himmelwärts

Die Jünger, die den Schrecken über den Tod Jesu noch kaum verwunden hatten und gerade lernten, der Freude über seine Auferstehung Raum zu geben, ereilte mit seiner Himmelfahrt nicht nur ein neuerlicher Abschied, sondern ein erneuter Schock. Seitdem übt sich die Kirche darin, diesen Schritt Jesu zu feiern. Mit seiner Himmelfahrt hat unser Herr die Regentschaft über den Kosmos ­angetreten und wird sein Heilswerk vollenden, wenn er wiederkommt. Bis dahin heißt es für uns, die geistlichen Antennen immer neu auf den Himmel auszurichten, um wirklich alltagstauglich zu sein. Den Himmelfahrtstag am 14. Mai 2015 möchten wir wieder mit Ihnen gemeinsam begehen und haben ein erfrischend vielfältiges Programm für alle Generationen zusammengestellt (S. 38). Die Festpredigt hat uns Pfr. Hanspeter Wolfsberger (Betberg) zugesagt. An diesem Tag gibt es auch die Gelegenheit, die Klanginstallation auf dem Erfahrungsfeld, das neue Schlosstor und die neuen, farbigen Fenster der Michaelskapelle auf Schloss Reichenberg zu besichtigen. Am Nachmittag wartet ein umfangreiches Seminarangebot mit Themen, die für das Leben, für den Alltag und für den Himmel fit machen, Impulsen für die Seele und für unsere Beziehungen und heißen Eisen mit gesellschaftlicher Brisanz. Als besonderen Gast werden wir Gabriel Stängle begrüßen, der die Aufsehen erregende Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“  initiiert hat. Wir freuen uns, dass er den diesjährigen Stiftungspreis der ojcos-stiftung  entgegennehmen wird. Damit zeichnet die ojcos-stiftung  Menschen, Initiativen und Projekte aus, die sich u. a. in den Bereichen Ehe, Familie und christliche Anthropologie verdient gemacht haben. Kommen Sie und lassen Sie uns an diesem Tag den Auferstandenen gemeinsam feiern und loben!

Einander annehmen

Auch in der diesjährigen Jahreslosung geht es um das Loben. Paulus schreibt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, zu Gottes Lob.“ (Römer 15,7). Dieses Wort erinnert uns in besonderer Weise daran, dass wir aufeinander verwiesen und angewiesen sind. Das gilt gerade für das Miteinander von Schwachen und Starken, von Lebenden und Sterbenden. Nur Mut, denn in die Zu-mutung, die wir oft füreinander sind, hat Gott ein Geheimnis gelegt:

Du gibst uns den anderen
und mutest ihn uns zu.
Wir lieben Dich nicht ohne sie,
und werden von Dir nicht ohne sie geliebt.
Lass uns einander zum Segen werden
auf dem Wege zu Dir.

Zum Glück müssen wir den Anderen nicht aus eigenen Kräften heraus aushalten oder gar lieben; Christi Barmherzigkeit macht uns fähig, uns über die zentrifugalen Kräfte der Unterschiedlichkeit­ hinweg immer neu zusammenzuraufen und zu­sammenzufinden und unsere Beziehungen fruchtbar zu gestalten. Auch dieses Jahr bietet wieder viele Möglichkeiten, aneinander zu wachsen, zu reifen und himmelsfähiger zu werden! Wir dürfen immer freier werden von uns selbst, damit die Hoffnung in uns größer werden kann. Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung, durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Römer 15,13)

Ihr

Konstantin Mascher

abgeschlossen am 29. Januar 2015

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal