Keine Eile mehr

Keine Eile mehr

Die alte Nachbarin traf ich oft auf der Straße, wenn ich bei Don Cacho an seinem Gemüse­karren einkaufte. Wir plauderten ein paar Sätze, dann zog sie mit ihrem erworbenen Gemüse wieder in ihr winziges Häuschen. Sie bewohnte es gemeinsam mit ihrem Mann. Es sah mehr aus wie ein alter Schuppen. Viel Platz blieb nicht zwischen Bett und Tisch, Herd und Schrank, alles in einem Raum. Der alte Mann fuhr im Rollstuhl vom Bett zum Tisch. Zur Latrine führte ein schmaler Weg, der war für den Rollstuhl zu schmal. Der Mann humpelte auf Krücken hin. Die schwere Arthrose in beiden Hüften machte ihm zu schaffen. Seine alte Frau kochte für ihn jeden Tag gutes Essen.Dann aber starb sie überraschend und er blieb alleine zurück. Die Mittagsmahlzeit übernahm die Tochter, die im Nachbarhaus wohnte.

Ich begann, den alten Mann zu besuchen. Alle nannten ihn nur „abuelo“, Großvater. Ich nannte ihn bald auch so. Immer wieder,  zu verschiedenen Tageszeiten, setzte ich mich eine Weile zu ihm vor sein kleines Haus. Am Anfang wunderte er sich über mein Kommen, allmählich fing er an, auf mich zu warten. Ich lernte, dass er am späten Nachmittag den Wasserkessel aufstellte, um Mate zu trinken. Das wurde unsere Zeit zur Begegnung. Wenn ich mich aus meinem vollen Familienalltag herausgelöst hatte, dauerte es eine ganze Weile, bis ich mich auf sein Tempo eingestellt hatte. Alles ging langsam: die Bewegungen, die Worte. Schwärme von Mücken flogen in der Abenddämmerung um uns herum. Einfach nur sitzen bleiben, die Hände in den Schoß legen, den Zikaden zuhören.

Der Abuelo hatte es nicht mehr eilig im Leben. Manchmal erzählte er davon. Dann rutschte ich auf den vorderen Rand meines Stuhles, um nichts zu verpassen. Zehn Monate lang hofierte er die Frau, die er später heiratete. Sie zogen mit seiner Mutter und einer behinderten Schwester in ein winziges Häuschen. Seine Frau sei so „gut und fleißig“ gewesen. Später, als sie schon ein eigenes Stück Land bearbeiteten, habe sie ihm in einer alten Milchdose das Frühstück aufs Feld gebracht und wenn er mittags zum Essen kam und die Arbeit eilte, sei sie auf den Traktor gestiegen, um einige Runden zu drehen. „Heute frage ich mich, wozu ich so viel gearbeitet habe“, sann der alte Mann. „Neben der Arbeit auf dem eigenen Feld, fuhr ich noch gegen Lohn den Traktor auf den Feldern der Nachbarn. In den Jahren darauf zerstörten zwei große Überschwemmungen alle Erträge. Warum habe ich bloß in einer anderen Gegend noch einmal ein Stück Land erworben und bin nicht gleich in die Stadt gezogen? Damals bekam man noch leicht Arbeit bei der Stadtverwaltung. Ich hätte meiner Frau die schwere Feldarbeit ersparen können.“ Er blickte auf und schaute mich an: „Das alles frage ich mich, verstehst du?“ Ich nickte schweigend. Ich war Zeugin eines vorübergezogenen Lebens. Bedächtig setzte der Abuelo den Ritus des Mateausschenkens fort: einmal für ihn, einmal für mich. „Was hast du mir Gutes zu erzählen?“, fragte er mich in die Denkpause. Ich lachte. „Die Stute hat vor drei Tagen gefohlt! Wir konnten schon Salat ernten! Mein Mann ist bei den Tobas. Ich wüsste gerne, wie ich die Kartoffeln setzen soll.“ Ich lebte ganz im Heute. Die Augen des Abuelo leuchteten. Mit Kartoffeln kannte er sich aus. Und er las jeden Tag in der Bibel und trug ein Medaillon der heiligen Maria um den Hals. Oft lag die Bibel noch aufgeschlagen da, wenn ich kam. Die Erklärungen darin las er auch alle mit. Und das Blättchen vom Sonntag.

In den ersten Monaten meiner Besuche sprach er das Thema Bibel nie mit mir an. Ich war ja nicht katholisch. Er hatte noch nie mit jemandem über den Glauben geredet, der nicht katholisch war.„Liest du auch in der Bibel?“, fragte er eines Tages. Ich machte vorsichtig einen Schritt über die Brücke, die er mir anbot. „Ja, so wie Sie“, antwortete ich. „Und was hast du heute gelesen?“ fragte er weiter. „Von Jesus“, sagte ich. „Lies es mir vor!“ Er baute ein Brückenteil dazu. Sieben Jahre lang saßen der Abuelo und ich immer wieder vor seinem Häuschen. Ich brachte ihm Obst mit. Er hob für mich süße Kuchenstückchen auf. Irgendwann sagte er: „Du bist meine einzige evangelische Freundin!“

Als ich mich im Dezember 2003 für einen zehnmonatigen Deutschlandaufenthalt von ihm verabschiedete, ahnte ich schon, dass es mit ihm zu Ende gehen könnte. Ich schrieb ihm noch zwei Briefe. Der zweite erreichte ihn nicht mehr, da war er schon gestorben. Als er ins Krankenhaus transportiert wurde, ließ er noch Grüße für mich auftragen. Ich wäre so gerne dabei gewesen. Ich hätte ihm dann den 23. Psalm, den vom guten Hirten, vorgelesen. Den liebte er so.     

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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