"meditatio mortis"

Im Leben sterben lernen

Meditation mit dem Totenkopf

Sterben können ist eine Kunst, die dem Menschen nicht angeboren ist (Gerhard Ruhbach). Diese Kunst wurde von der An­tike durch das ganze Mittelalter hindurch von vielen Menschen geübt. Weltbewältigung statt Weltflucht angesichts des Todes ist die Aufgabe der Zeit – diesem Plädoyer Ruhbachs seien hier einige weitere Überlegungen hinzugefügt.

Aus der Epoche des Barock, des letzten christlich bestimmten Zeitabschnitts unserer Geistes­geschichte, ist uns der Zweizeiler überliefert: Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt (Friedrich von Logau, 1604 – 1655). Dem zur Seite stehen Worte des schlesischen Mystikers Daniel von Czepko (1605 – 1660): Wer vor dem Tode stirbt, darf nicht im Tode sterben, das Leben nach dem Tod ist sein: Er kann es erben. Mensch, scheide dich von dir und lern im Leben sterben, so kannst du durch den Tod dein Heil im Tod erwerben. Angesichts dieser großen Leitworte fragen wir: Wie macht man das?

Besinnung

Jene Zeugnisse des 17. Jahrhunderts gebrauchen das Wort „sterben“ in zweifacher Bedeutung: Einmal meint es das leibliche Sterben, das wir auch Ableben nennen, das ist die Verwandlung des (lebendigen) Leibes in einen (toten) Leichnam; dann aber meint sterben auch das innerliche Sterben, der Welt und dem eigenen Ich absterben, also einen Vorgang, der mit der Nachfolge Christi zusammenhängt. Solch innerliches Sterben wirkt sich im sichtbaren Leben aus. Gerhard Teerstegen hat es im 18. Jahrhundert eindrücklich formuliert: „Wir reisen abgeschieden, mit wenigem zufrieden.“ Das kann einer nur verstehen, wenn er die „meditatio mortis“ im Aufblick zu Christus vollzieht. Meditatio mortis ist ein Nachsinnen, eine Vorbereitung und Einübung ins Sterben. Es geht um eine Praxis dessen, was Paulus mit den Worten ausgedrückt hat: … haben, als hätte man nicht (vgl. 1 Kor 7,29 – 31). Damit ist noch nichts darüber gesagt, wie solche Entsagung im einzelnen Fall aussieht. Hier geht es nur um die Grundhaltung. Diese gewinnen wir, wenn wir erfahren: Alles, was ich bin und habe, kommt von Gott und gehört ihm, ist mir von ihm anvertraut, damit ich es für ihn nutze; am letzten Tage werde ich darüber Rechenschaft ablegen müssen. Wer so lebt (oder sich zu leben bemüht), ist ein wahrhaft freier Mensch. Der kann, wenn Stunden der Not und des Opfers über ihn hereinbrechen, mit Hiob sprechen: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt (Hiob 1,21); und mit Jesus in Gethsemane: … nicht, wie ich will, sondern wie du willst (Mt 26,39), oder kürzer: Dein Wille geschehe!  Klug ist der Christ, der diese Hingabe rechtzeitig vollzieht, dann hat er es in der Stunde der Bewährung leichter; ein anderer fängt da an zu hadern: „Warum kann Gott ... ?“ Doch solches Hadern und Fragen verfehlt den höchsten Herrn. Die meditatio mortis  als Hilfe zum wahren Leben schon jetzt zu vollziehen, ist ein Gebot der Klugheit, weil der so Lebende schon jetzt ganz im Christus-Dienst leben kann. Wer sein Sterben in solcher Weise rechtzeitig vollzieht, erfährt eine hohe Begnadung: An seinem letzten Tag, wenn „sein Stündlein schlägt“, muss er nicht mehr sterben, dann darf er heimgehen zum Vater. So hat auch Jesus niemals von seinem Sterben gesprochen, sondern hat gesagt, er gehe zum Vater (vgl. Joh 14,12; 16,5).

Vorbereitung

Wozu ist die meditatio mortis,  die meditative ­(innerliche) Begegnung mit dem Tode, gut?

Sie will nicht einen bequemen Weg aus der Welt hinaus weisen, vielmehr will sie fähiger machen, den uns aufgetragenen Dienst in der Welt in der rechten Weise zu verrichten: in  der Welt, aber nicht aus  der Welt zu leben und so die Liebe zu leben, zu der wir durch Christus erlöst worden sind. Liedverse laden zur Besinnung ein und Bilder zur Betrachtung. Der innerliche Weg kann bei beiden bis zur Innerung weiterführen. Innerung meint jene Haltung des ganzen Menschen, bei dem ein Gegenüber nicht mehr in einer Entfernung „draußen“ vor mir bleibt (leibhaftig oder geistig „draußen“), sondern in mich eingeht, mich ergreift und in meiner Person-Mitte (in meinem „Herzen“) Wohnung nimmt. Auch wird echte Meditation in äußerer Einsamkeit vollzogen. Wer sie als Übung durchführen will, mag es auf diesem (oder einem ähnlichen) Wege versuchen, der sich für den Verfasser als hilfreich erwiesen hat:

Einübung

1. Man setzt mit einer schlichten Übung ein: mit dem Herschenken zunächst dessen, was man entbehren kann, dann aber dessen, was einem unentbehrlich erscheint. Solche Übungen kennt auch der Höhere Hinduismus, und sie haben sich als rein menschliche Übungen bewährt. Man kann dieses Schenken (wie immer es auch begründet sein mag) üben, aber in Liebe, und man wird Freude daran haben. Neben das Herschenken trete die Besinnung auf das Sterben überhaupt. Dazu leiten manche Gedichte an, vor allem aber die Lieder des Gesangbuchs, denn mancher Choral endet mit dem Blick aufs eigene Sterben. Nur geht es uns nicht um jenes „letzte Stündlein“, sondern um einen Vorgang schon jetzt und hier. Auch der Abend kann einen in diese Richtung einstimmen, der Abend als Sinnbild für den Abend des Lebens, für den Abend der Welt.

2. Die beste Anleitung empfangen wir durch die Dichter unserer großen Passionslieder; denn wer ein gültiges Passionslied schreiben will, muss selbst solchen innerlichen Weg gegangen sein.

Ernst Christoph Homburg (1605 – 1681, ein Zeitgenosse Paul Gerhardts) spricht im Choral (EG 86) „Jesu, meines Lebens Leben, Jesu, meines Todes Tod“ gleich in der Anrede mit dem Wort „Jesu, meines Todes Tod“ das Ziel der meditatio mortis  aus: Der Übende will die Erfahrung ­machen, dass der Tod überwunden, dass er „getötet“ worden ist, mehr noch, dass deshalb auch sein eigenes Sterben nicht mehr den Charakter des bloß Vernichtenden hat. Aufmerksam folgt der Dichter den einzelnen Ereignissen: Lästerreden, Spott und Hohn nimmt er wahr, dazu Speichel, Schläge, Strick und ­Banden. Der Blick wendet sich dann auf den Leib selber: Er sieht die Wunden des ­Leibes, schaut tiefer ins seelische Leiden: wie Jesus verhöhnt und beschimpft worden ist. Zutiefst ergriffen gesteht der Beter, Jesus habe so schwer leiden müssen, weil es darum ging, dass unser Stolz und Übermut gebüßt würden. Aus dieser notvollen Betrachtung findet er wieder in sein eigenes Leben zurück, jetzt aber als Gewandelter: „Nun, ich danke dir von Herzen, Herr, für die gesamte Not“ und nimmt die Erleuchtung mit, die ihm zur treibenden Kraft seines Christen­lebens wird: „Für deine Angst und tiefe Pein, will ich ewig dankbar sein.“ Aus solcher Dankbarkeit erwächst die Bereitschaft zur dienenden Liebe, erwächst alles, was die evange­lische Ethik zur Christus-Nachfolge darzulegen hat.

3. Man kann auch Übungen, die sich im Mittelalter bereits als hilfreich erwiesen, aufnehmen: Dazu stelle man einen Totenkopf oder das Bild eines solchen vor sich hin und schaue ihn als zukünftige Gestalt des eigenen Hauptes, doch darüber den auferstandenen Christus (vielleicht auch in einer Grafik, die deutlich versinnbildlicht, dass Er den Tod getötet hat). Beides muss zusammengehen:  Aufblick zu Christus mit Hingabe an ihn und deutliche Einsicht ins eigene Sterben. Betrachte den Totenkopf und sprich in deinem Innern zu Dir selber: „Einst werdet ihr, die ihr jetzt über mich urteilt, und einst werde ich, der ich jetzt über euch urteile, gleich einem solchen Schädel sein, der uns anstarrt, hohl und tot. Wozu also alle lieblose Erregung?“ Wenn du an diesen Punkt gekommen bist, halte inne und sprich betend in deinem Innern: „O Gott, der du allein Unsterblichkeit hast! Wie rasch vergeht, was vor der Welt so groß dasteht. Aber du hast mir den Weg gewiesen und die Tür aufgetan in die ewige Heimat bei dir. Dafür danke ich dir. Ich bitte dich, nimm mich mir und lass mich die ganze Welt für nichts achten um der ewigen Herrlichkeit willen. Durch Jesus Christus, meinen Herrn und Heiland. Amen.“

Im Blick auf diese innerliche Bewegung dürfen wir einen bekannten Vers von Paul Gerhardt abwandeln: „Wer so lebt, der lebt wohl“.

Zur meditatio mortis,  wie wir sie verstehen, ist nur der Mensch willig, der mit Paulus sprechen kann: „Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn.“ Wer von Jesus angerührt ist, beschreitet den Weg des innerlichen Absterbens gern; und wer auf diesem Weg Erfahrungen macht, kommt Jesus näher und durch ihn dem lebendigen Gott.

 

Dieser Text ist eine gekürzte Zusammenschau aus: Friso Melzer, „Im Leben sterben lernen“, Deutsches Pfarrerblatt Nr 22 (2. 11. 1972), S. 751-52 und „Meditatio mortis“, aus: Konzentration – ­Meditation – Kontemplation, Stauda-Verlag, Kassel 1974, S. 77 – 122.

Von

  • Friso Melzer

    Dr. Dr., studierte Philologie und Theologie in Breslau und Tübingen. Er war im Missionsdienst in Indien, Pfarrer und Lehrer in Württemberg und Unterweissach, Dozent an der Freien Ev.-Theol. Akademie in Basel und Autor von zahlreichen Büchern. Geboren 1907 in Schlesien, gestorben 1998 in Reichelsheim.

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