Eintreten in den großen Sabbat

Was Mut schenkt, Angst nimmt und Trost spendet

Predigt zu Hebräer 4,9-11

von Stefan Kunz

Wenn wir uns an die Menschen erinnern, die wir im letzten Jahr verloren haben, kommt uns die Trauer ganz nah. Als sei es erst gestern gewesen, dass der Tod in unser Leben eingebrochen ist. Manchmal ist er ganz plötzlich gekommen, manchmal stand er wie eine Erlösung am Ende einer langen Leidenszeit. Und ganz gleich, ob wir uns vorbereiten konnten oder mitten im Leben vom Tod überrascht wurden – wann immer ein geliebter Mensch stirbt, kommt die Welt, wie wir sie kennen, zu einem unwiderruflichen Ende, und nichts ist mehr, wie es vorher war. Denn der Tod kommt für uns, die wir zurückbleiben, immer zu früh, und wir hätten uns gewünscht, unsere Lieben noch viel länger bei uns behalten zu dürfen. Aber an dem, was geschah, können wir nichts mehr ändern; wir müssen es aus Gottes Hand annehmen.

Verzögerte Verheißung

Wo finden wir nun in unserer Trauer neuen Halt, neuen Lebensmut, wie kann es weitergehen? Der Hebräerbrief bietet uns dazu wichtige Per­spektiven. Er erinnert an die Wüstenwanderung des Volkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten, an deren Ende das Ausruhen im Gelobten Land stehen sollte. Unter dieser Verheißung ist das Volk Israel durch die Wüste gewandert. Aber die Erfüllung der Verheißung verzögerte sich, weil das Volk murrte und mit Gott haderte und sich wieder zurücksehnte nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Da sagte Gott dem ungehorsamen Volk, dass es noch lange dauern werde, bis es endlich in den Zustand der Ruhe und des Friedens eintreten werde. Die Erfüllung der großen Verheißung wurde also aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Daran knüpft der Hebräerbrief an, wenn er sagt: Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen (Hebräer 4,9-11). Wir sollen also die Ruhe Gottes, den Sabbat Gottes, nicht aus dem Blick verlieren.

Unterbrechung des Alltags

Da gibt es zunächst einmal den kleinen Sabbat, die tägliche Zeit der Stille vor Gott, in der wir aus­ruhen und aufatmen können. Diese Ruhepausen, diese Zeiten der Besinnung, der Entspannung, des ­Innehaltens, des Dankens und Bittens brauchen wir dringend, damit unser Leben im Gleichgewicht bleibt. Es gibt aber auch neben dem täglichen kleinen Sabbat den mittleren Sabbat, also den wöchentlichen Sabbat. Das ist für Christen der Sonntag, der Tag der Auferstehung Jesu. Dieser Tag ist uns geschenkt zur Erholung und Regeneration. Ihn sollen wir heiligen, in dem wir „auf-hören“ im doppelten Sinn des Wortes, indem wir also aufhören mit unseren werktäglichen Aktivitäten und indem wir „aufhören“, nämlich auf Gottes Wort hören, aufmerken, was er uns zu sagen hat.

Aufbruch in die Ewigkeit

Und schließlich gibt es neben dem kleinen und dem mittleren Sabbat den großen Sabbat. Das ist der ewige Sabbat, der Sabbat des Reiches Gottes, das Reich des ewigen Friedens, des großen Lichtes und der unendlichen Liebe, in das uns die Gläubigen vorausgegangen sind, die von Gott heimgerufen wurden aus der Zeit in die Ewigkeit. Die Worte aus dem Hebräerbrief sind im Blick auf unsere Verstorbenen sehr tröstlich, denn dass sie nun Ruhe gefunden haben, Ruhe von aller Last und allem Leid, dass sie einen Ort des Friedens und der Geborgenheit bei Gott fanden, das ist es, was wir für sie erhoffen und was wir ihnen von ganzem Herzen wünschen.

Im Raum der Ruhe

Ruhe und Frieden finden nach Stunden, Tagen, Wochen, vielleicht sogar Monaten oder Jahren des Leids – das ist, was wir uns erhoffen für unsere Verstorbenen, aber auch für uns. Aber was sollen wir uns vorstellen, wie mag es aussehen an diesem Ort, in dieser Ruhe Gottes? An einer anderen Stelle in der Bibel, im Johannesevangelium, sagt Jesus einmal zu seinen Jüngern: In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin (Joh 14,2). Diese Worte sollen seinen Jüngern Mut schenken, Angst nehmen, Trost spenden – und so, wie die Jünger diese Worte hören konnten, können wir das auch. Denn das Bild von der Wohnung im Hause Gottes, das ist etwas, womit wir un­mittelbar etwas anfangen können. Wir alle haben eine Wohnung, einen Ort, der für uns Heimat, Schutzraum, Rückzugsraum ist. Unsere eigenen vier Wände sind für unser Leben wichtig, lassen es erst lebenswert werden.

Darum ist das Bild von der Wohnung, die Gott für uns bereithält, ja auch so tröstlich – weil es Vertrautes, Liebgewonnenes in uns anspricht, uns wissen lässt: Auch nach unserem Tod bleiben wir bewahrt, haben wir allein aus Gnade, allein durch die Liebe Gottes, eine Wohnstatt, einen Ort, an den wir gehören, sind wir bei Gott bewahrt und aufgehoben in Zeit und Ewigkeit.

Zukunft im Haus Gottes

Die Wohnungen im Hause Gottes, die Ruhe, die für das Volk Gottes vorhanden ist – das sind Bilder, die umschreiben sollen, was wir ­Christen von dem glauben, was uns nach dem Tode erwartet. Wir glauben eben nicht, dass die Seele der Verstorbenen in einem ewigen Kreislauf von Vergehen und Wiedergeborenwerden gefangen ist. Wir glauben eben nicht, dass mit dem Tod alles aus und vorbei ist, dass wir im Tod verloren gehen, in einem Schattenreich gefangen bleiben für immer und immer, dass nur das Leben im Hier und Jetzt zählt. Als Christen haben wir eine andere, eine starke Hoffnung. Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. Ganz so, wie schon Gott nach der Erschaffung der Welt ruhte, werden auch wir am Ende zur Ruhe ­kommen, werden Frieden finden, werden aufgefangen von Gott, werden bei ihm ein neues Leben, eine neue Zukunft finden.

Freude des Wiedersehens

Uns erwartet etwas Neues, etwas Gutes, eine ewige Heimat. Und es ist noch mehr, auf das wir hoffen, vertrauen dürfen. Ich erinnere mich, dass man mir als Kind von meinem verstorbenen Großvater gesagt hat: Er ist nun bei Gott im Himmel, schaut zu dir hinunter und irgendwann siehst du ihn wieder. Mich hat das als kleines Kind getröstet. Uns Erwachsene mag diese Vorstellung vielleicht zu kindlich, zu simpel erscheinen – und doch beschreibt dieses Bild in kindgerechter Sprache genau das, was auch wir glauben dürfen und können. Denn in dem Bild von der Ruhe bei Gott, der Wohnung im Hause des Vaters schwingt ja auch mit, dass wir einmal die Menschen, die vor uns gegangen sind, wiedersehen werden, dann nämlich, wenn auch wir in das ewige Haus Gottes, in die himmlische Gottesstadt eingehen werden.

Das ist ein sehr tröstlicher Gedanke, das eröffnet uns in aller notwendigen Trauer, die auf den Tod eines geliebten Menschen folgt, eine neue Perspektive. Auch wenn nichts mehr so ist oder sein wird, wie es war, so wird doch Neues entstehen können. Und das kann uns Mut geben, aus unserer Trauer wieder in das Leben zurückzukehren, getragen von den Erinnerungen an gute, gemeinsam erlebte Zeit, getragen von der Hoffnung auf ein Wiedersehen, getragen von dem Wissen, dass für uns alle noch eine Ruhe vorhanden ist in den vielen Wohnungen im Hause Gottes.  

Von

  • Stefan Kunz

    Dr., ist Pfarrer der Michaelsgemeinde in Bensheim. Er engagiert sich u.a. im Vorstand des Vereins Evangelisches Exerzitium (Zentrum für geistl. Theologie und christl. Lebensgestaltung, Volkenroda). Mit seiner Frau Janny ist er seit vielen Jahren Wegbegleiter unserer Gemeinschaft.

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