Beichte

Ich war's

Aufrichtig werden vor Gott

Angela Ludwig im Interview mit Maria Kaißling

Die OJC begann 1968 als Bußbewegung. Viele besiegelten ihren Neuanfang damals mit einer Beichte. Heute ist dieses Heilmittel in Vergessenheit geraten.

Warum überhaupt beichten?

Das vom althochdeutschen bijihte (Beichte) ­abgeleitete Verb bedeutet Ich sagen, bejahen: Ich übernehme für mich, mein Tun und Unterlassen die Verantwortung. So verstehe ich auch: Bekennt einander eure Sünden und betet füreinander, so wird Gott den Leidenden aufrichten und es wird besser mit ihm werden (Jak 5). Unser Glaube und unsere Liebe zu Gott und zum Nächsten bleiben oft ohne Kraft, weil wir dieses Einander-Bekennen und Füreinander-Beten zu wenig ernst nehmen. Eine einleuchtende Begründung fürs Beichten las ich bei Starez Theophan, einem russisch-orthodoxen Theologen: „Man muss alles beichten, was das sündige Herz bewegt. Es ist einem Brechmittel ähnlich, das man zur Heilung seines Magenleidens benutzt. Danach wird die Gesundheit schnell wiederhergestellt. Nach einem aufrichtigen Bekenntnis kann man sofort ein gutes Leben beginnen.“ Wer mit seinen Verfehlungen und Beziehungsschwierigkeiten den Beistand eines Mitchristen sucht und ehrlich darüber wird, erlebt eine Art Entgiftung.

Reicht es nicht, im Stillen seine Schuld vor Gott zu bekennen und Vergebung zu empfangen?

Gott freut sich, wenn wir mit unseren Lasten und Lastern kommen und sie in sein Licht bringen. Er richtet gerne auf und hilft uns zurecht. Doch im Bekennen vor einem Menschen, zu dem ich Vertrauen habe, liegt eine große Kraft. Unsere Zeit ist ja in gewisser Weise gekennzeichnet von dem Verlangen nach Gehört- und Gesehenwerden. Das findet seinen Niederschlag in unzähligen Talkshows. „Die Beichte könnte wieder so ein Ort und eine Zeit werden, in der Menschen sich artikulieren, aussprechen, Worte und vor allem Gehör finden, und damit Beachtung und Wertschätzung“, so der evangelische Theologe Peter Zimmerling (in: Studienbuch Beichte, UTB, Stuttgart).

Was genau gehört eigentlich in eine Beichte?

Unsere Sünde und unsere Sünden. Was mit „Sünden“ (Mehrzahl) gemeint ist, können wir mit dem AT sehr genau benennen: Verfehlungen, Übertretungen, Unterlassungen. Das NT benutzt für Sünden das Wort Zielverfehlung. Sündigen können wir „in Gedanken, Worten und Werken sowie durch Unterlassen des Guten“, so der ­protestantische Katechismus. Persönlich fällt es mir schwerer, die „Sünde“ (Einzahl) einzusehen und zuzugeben, die Selbstverschließung und ­Absonderung von Gott (damit einher geht meistens auch die Distanzierung von Menschen und Lebensbezügen). Die menschlichen Gründe für diese Beziehungsstörung können sehr unterschiedlich sein. Vielleicht habe ich den Eindruck, so viel Liebe nicht ertragen zu können, sie fordert mich zu sehr heraus und deshalb schließe ich lieber schnell die Tür zu. Oder ich fürchte, dass Gott mir nicht die Zeit lässt, die ich brauche, dass er mich zwingt oder überwältigt – und sei es zu meinem Glück. Mein oft schwankendes Vertrauen braucht den Anderen als Zeuge der Liebe Gottes. So gesehen, beichte ich zur Ermutigung für mich selbst!

Wie komme ich überhaupt zu Sündenerkenntnis und Sündenbewusstsein?

Ich beschränke mich auf die kurze, eindeutige Antwort des Paulus: Wir erkennen unsere Verfehlungen durch das Gesetz (Römer 3,20). Die zehn Gebote oder die Seligpreisungen sind solche Maßgaben Gottes, die uns befähigen, miteinander zu leben, statt uns in ewigen Rachekreisläufen zu blockieren und zu vernichten. Gottes Weisungen sind uns gegeben, damit wir miteinander eine Welt gestalten, in der auch nachfolgende Generationen gut leben können. Wer sie missachtet, der verletzt und zerstört Hoffnung und Möglichkeiten des Miteinanders.

Was tun, wenn das Gewissen schweigt?

Ja, wir können uns an unsere Sünden so gewöhnen, dass wir sie nicht mehr erkennen, sondern überzeugt sind: An meinen Schwierigkeiten und Lebensunglück sind allein die Anderen schuld. Manchmal werden uns erst durch einen Anderen die Augen geöffnet und wir müssen wie David nach dem Gespräch mit dem Propheten Nathan sagen: Ich bin der Mensch (2. Sam 12).

Mir helfen Fragen wie: Mit welchen Augen sieht Jesus diesen Menschen an, der mir gerade quer liegt? Wie würde er mit ihm reden oder umgehen? Meistens springt mein Gewissen dann sofort an. Jesus ist der Maßstab, ihm will ich ähnlich werden. Mein Gewissen wird in der Beziehung zu ihm geformt und geschärft. Darum sprechen wir von Gewissensbildung. Das Gewissen kann aber auch missgebildet sein, z. B. durch Erfahrungen wie angstmachende Drohungen, Liebesentzug oder andere Arten von Manipulation.

Wie kann ich zwischen echter Schuld und Schuldgefühlen unterscheiden?

Vor Gott braucht kein Mensch Angst zu haben. Gott liebt jeden so wie er jetzt ist – mitsamt seiner Schuld und seinen Schuldgefühlen. In diesem Raum der Geborgenheit gehen wir dann der Frage nach, ob wirklich Schuld vorliegt und welche, oder ob der Betreffende sich mit Wahrnehmungsproblemen quält. Als Unterscheidung hilft: Wenn ich schuldig bin, kann ich klar bekennen: „Ich habe das falsch gemacht.“ Schuldgefühle sagen mir: Ich bin falsch. Ich bin ein schlechter, verdammenswerter, unnützer Mensch. Sie bringen mich dazu, ein abwertendes Urteil über meine Person und Dasein zu fällen. Diese selbstrichtende Sicht ist nicht die Sicht Jesu!

Und wenn man trotz Beichte immer wieder in die gleiche Haltung zurückfällt? ...

Kein Mensch ist seinen falschen Haltungen und Einstellungen ausgeliefert. Wir können, ja müssen sie aktiv angehen. Gott will unsere schöpferische Mitarbeit! Paulus schreibt atemberaubend praktisch über die paidaia kyriu, die Erziehung zum Herrn: Wir können in unserem Denken und in unseren Haltungen neu werden, wenn wir den alten Menschen ablegen und stattdessen den neuen Menschen anziehen (Eph 4). Er entfaltet dann diesen Wechsel an Beispielen, am Hang zum Stehlen, Umgang mit Zorn und unkeuschem Reden übereinander. Es genügt nicht, die alte, vertraute Gewohnheit zu lassen, sondern es muss eine neue, christusgemäße Haltung „angezogen“ und eingeübt werden.

Hier kann der Problemspiegel hilfreich sein:

  • Was ist geschehen?
  • Wie reagiere ich bisher auf solche Situationen?
  • Was kommt dabei heraus?
  • Was wäre die Gott ehrende und Menschen liebende neue Art und Weise?
  • Was kommt dann dabei heraus?

Dieses Aufdröseln ist mühsam, hat sich aber vielfach bewährt beim Ablegen von hartnäckigen „Haltungssünden“, die uns selbstverständlich ­geworden sind, unseren Nächsten aber verletzen und manchmal zur Verzweiflung bringen.

… oder über eine Sünde nicht hinwegkommt?

Statt auf die hartnäckigen Sünden zu starren wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange, hat uns die indische Pädagogin Mother Pia ­ermutigt: „Count your blessings, then you will have joy.“ Schaue auf all das Gute und Segensreiche, das dir begegnet – und sage Danke dafür! Ein regelmäßiger Tages- oder Wochenrückblick und das bewusste „Dankpunkte sammeln“ verändert unsere Blickrichtung vom Defizit zum Reichtum und bewirkt einen spürbaren Reifungsschritt im Charakter. Manchmal sind wir aber auch an eine üble Gewohnheit gefesselt. Dann muss zuerst diese Bindung gelöst werden. Vielleicht liegt hinter der Gewohnheit eine ungeheilte Wunde verborgen. Dann muss diese zuerst versorgt und geheilt werden. Dazu ist meist eine längere Begleitung nötig sowie die eigene Entschlossenheit, aufrichtig zu sein. Das andere ist gewiss: Der Geist Gottes wird uns „in alle Wahrheit leiten“, die uns heil und frei macht. In ihm haben wir auf dieser manchmal langen Reise zu uns selbst den besten und geduldigsten Begleiter. Und von ihm dürfen wir uns trösten lassen, dass wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz und alle Dinge erkennt (1. Joh 3,20).

Was ist echte Reue: Ein Gefühl?

Buße besteht darin, dass ich meine Sünden erkenne, bekenne, von Herzen bereue, hasse, lasse und wo möglich wiedergutmache. Hier geht es zunächst um Tatsachen, nicht um Gefühle.  Jung im ­Glauben war es für mich sehr wichtig, dass mir mein Seelsorger immer wieder sagte: „Du kannst aus ­dem ewigen Kreislauf des Verletztseins und andere Verletzens herauskommen.“ Viel mehr noch, die Kette von Unheil kann bei dir abbrechen und stattdessen ein Segensstrom im Miteinander beginnen. Das wurde meine Bitte: „Mache mich zum Segen für andere und mache uns miteinander zum Segen in unserer Welt!“ Ich bin von Natur aus nicht sehr „reuegefühlsfreudig“. Doch wenn ich mir aufrichtig bewusst werde, wie schnell und kurz angebunden ich gerade einen Menschen abgefertigt habe, oder wenn mir im Nachhinein aufgeht, wie gut unser gemeinsamer Abend hätte sein können, wenn ich anders mitgemacht hätte, dann kann ich schon vor Schmerz über meine Lieblosigkeit und ihre Auswirkungen weinen. Diese Tränen haben eine Kraft, Verhärtetes in mir aufzuweichen, dem Dürren in mir Leben einzugießen und mich zu öffnen für die Qualität der Liebe, die nur Gott in mein Leben hineinlegen kann. Reue hat viel mit Beziehung zu tun. Wenn ich mich vom anderen her sehen kann, wie ich mich z. B. auf seine Kosten durchgesetzt oder verweigert habe und was das in ihm bewirkt, dann spüre auch ich seinen Schmerz und bereue mein Tun.

Ist Reue notwendige Voraussetzung für Beichte?

Als Jesus an die Öffentlichkeit trat, formulierte er seinen Hauptsatz: Denkt um, lebt anders! Das vertrautere Tut Buße heißt also: Denkt größer von Gott als bisher. Gott liebt. Ja, er will sogar in uns wohnen! Dieser unbedingte Wille Jesu, mich und meinesgleichen zu lieben, ist die einzige Voraus­setzung, die uns motivieren, bewegen und befähigen kann, auf Dauer anders zu werden, erwachsene Kinder Gottes, die mit ihm und miteinander Segensträger in einer unglaublich rücksichtslosen Welt sind. Katholiken nennen die Beichte auch das „Sakrament der Versöhnung“. Jesu Liebe bewegt uns, uns versöhnen zu lassen – mit ihm und miteinander.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig
  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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