Damaris Sperr und Klaus Sperr

Hier wird nicht gekniffen!

Ein ernstes Wort mit dem Vater

„Nutze deine Chance. In wenigen Wochen wird Damaris ins Studium ziehen. Nutze die Zeit, deine Beziehung zu ihr zu klären.“ Mit diesen Worten meiner Frau Heidi begann, was hier geschildert wird.
Zunächst war ich überrascht. Was sie wohl meinte? Ich hatte mir immer gewünscht, dass unsere drei Kinder zu erwachsenen Gegenübern heranwachsen. Alle drei haben sie dann zu ihrem 18. Geburtstag einen Elternbrief erhalten. Darin schrieben wir ihnen, wie dankbar wir für sie sind, was wir an ihnen schätzen und was wir in ihnen sehen. Und auch wofür wir uns entschuldigen wollen, und natürlich was wir ihnen wünschen.
Ich habe mich bemüht, ihnen zu zeigen, dass ich ihr Erwachsensein fördere und schätze. Als ­Damaris und ich einmal gemeinsam nach London flogen, bat ich sie, unseren gemeinsamen Rucksack zu tragen. Signal: Du bist nicht mehr das Kind. Und als sie nach dem Abitur für ein gutes halbes Jahr in Indien in einem sozialen Projekt arbeitete, besuchten wir Eltern sie dort. Bislang waren wir es, die ihr vieles voraus hatten und sie ins Leben einwiesen – nun war es umgekehrt: Sie wusste, wie man sich in Indien benimmt und wie man öffentliche Verkehrsmittel benutzt – sie führte uns ins dortige Leben ein.
Das waren alles Momente, die Damaris und mir zeigten, etwas Neues hat begonnen. Wenn es gut läuft, wird dies zu einem gesunden Generationenwechsel führen. Eines Tages werden uns unsere Kinder zu elter­lichen Menschen, deren Fürsorge wir benötigen. Das alles bejahte ich. Inmitten dieser Gedanken nun aber der Satz meiner Frau: „Nutze deine Chance …“ Was immer sie meinte, ich spürte, dass Heidi wohl etwas Richtiges sah. Also lud ich Damaris in ein Café ein.

Klaus: Ich wusste damals nicht so recht, wie ich die Einladung formulieren sollte. Das Ganze sollte ja nicht abschreckend, sondern einladend klingen. Ungewöhnlich war es ja eh schon.

Damaris: Ich fand es überraschend und ungewöhnlich von dir. Aber ich habe auch gleich gemerkt, das ist wichtig. Ich spürte, das ist jetzt ein besonderer Schritt für unsere Beziehung, da darfst du nicht kneifen. Und ich weiß inhaltlich nur noch Bruchstücke unserer Unterhaltung. Für mich war eher die Atmosphäre wichtig. Dass wir so etwas überhaupt gemacht haben.

Klaus: Ja, unser Gespräch kam nicht so leicht in Gang.

Damaris: Für mich war es jedenfalls der Beginn eines Prozesses. Wie eine Einladung zur Auseinandersetzung mit dir als Gegenüber. Als ich dann im Studium der Sonderpädagogik war, kam unter uns Freundinnen immer mal wieder das Gespräch auf unsere Vaterbeziehung. Ich hab gemerkt, dass ich dann immer bei diesem Kaffeetrinken beginne.

Klaus: Wenn ich mich recht erinnere, hast du erzählt, dass du vieles zu Hause gut fandest, aber eine Sache ist dir als schwierig in Erinnerung geblieben: dass sehr häufig Menschen bei uns zu Gast waren, nicht selten viele. Du sagtest, dass dadurch natürlich auch interessante Menschen an unserem Tisch waren. Aber bei dir hat dann doch eher ein ungutes Gefühl überwogen.

Damaris: Stimmt. Die vielen Menschen. Das hat bei mir das Gefühl ausgelöst, eher im Weg zu sein. Still sein am Tisch, zuhören ... Das war für uns Kinder nicht immer spannend. Es war nie ausdrücklich so gefordert, aber irgendwie mussten wir uns da ja einpassen

Klaus: Ja, ich habe die Spannung auch immer wieder in mir gespürt. Ich wollte euch Raum geben, aber gleichzeitig beanspruchten andere Menschen Raum bei uns.

Damaris: Na ja, ich hab dann in der Folge unseres Gesprächs auch gemerkt: Das ist mein Thema! Klar, wir hatten ein Zuhause und doch hatten wir es nie ganz für uns. Nicht, dass ich nur das eine wollte, ich habe ja heute witzigerweise auch viele Gäste bei mir. Aber mir hat da schon was gefehlt.Dass auch meine Themen vorkommen, dass mein Ergehen besser gesehen wird und meine Anliegen vor denen der Gäste kommen. Wir waren halt selbstverständlich da, die Gäste waren sozusagen das Besondere. Und so bekamen sie bevorzugte Aufmerksamkeit. Es sind ja nicht die großen Dinge, es sind eher die kleinen alltäglichen, die so ein Gefühl des „ich funktioniere-eben-auch-ganz-unbeachtet“ in mir ausgelöst haben. Da wuchs der Wunsch nach mehr bevorzugter Beachtung in mir. Ich erinnere mich aber auch noch daran, dass du dich damals entschuldigt hast.

Klaus: Ja, das war mir wichtig. Ich wollte deine Sichtweise ernst nehmen. Noch mehr, ich spürte, dass darin eine tiefe Wahrheit steckte. Die Wahrheit über die Unzulänglichkeit meines eigenen Lebens, dass ich eher bedürftige Gäste als die eigenen Kinder gesehen habe und mich eher vom Dienst habe bestimmen lassen. Ich sagte damals, dass ich gerne manches anders gemacht hätte. Gerne mehr Vater als geistliche Amtsperson gewesen wäre. Aber ich bekannte dir auch, dass ich fürchte, könnte ich von vorne beginnen, würde ich es doch wieder so machen. Weil ich eben auch der bin, der ich geworden bin. Meine Begrenzungen sind keine Entschuldigung oder gar Ausrede. Aber doch eine Gegebenheit. Und je älter ich werde, desto mehr realisiere ich, vieles davon wird sich wohl erst im Himmel richtig gut finden.

Damaris: Dieses Thema ist seitdem immer wieder aufgetaucht. Als ich mir nach zwei Jahren Studium jemanden suchte, mit dem ich über meine Fragen reden konnte, kam es wieder. Ganz unvermittelt traf mich ein Satz: „Damaris, was willst du eigentlich?“ Das kam überraschend – tja, was wollte ich eigentlich? In meinem Elternhaus und in den Jahren in der OJC gab es einen vorgegebenen Rahmen, in dem ich selbstverständlich lebte. Als ich auszog, war mir gar nicht bewusst, dass ich mir nun selbst einen geben muss. Ich versuchte erst mal, das Gewohnte weiterzuleben. Aber es entsprach nicht mehr mir und meiner neuen ­Lebenssituation. Gerade in dieser Phase halfen mir die Gespräche mit der Seelsorgerin, mich besser zu verstehen. Und ich lernte bei ihr sprachfähiger zu werden, auch euch gegenüber.

Klaus: Du hast als erstes unserer Kinder die ­Familie verlassen, um in ein eigenständiges Leben auf­zubrechen. Das hast du super gemacht, ich bin stolz auf dich! Das ist für uns alle zum Lern­prozess geworden. Wir mussten uns darin einüben, Nähe und Distanz in ein passendes Verhältnis zu bringen. Einander auf Augenhöhe zu begegnen.

Damaris: Als ich ausgezogen war, konnte ich euch, meine Herkunftsfamilie, aus einem gewissen Abstand heraus betrachten. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, unsere Beziehung ganz neu aufzubauen.

Klaus: Auch bei mir hat es etwas ausgelöst. Wenn du fortan nach Hause gekommen bist, warst du nicht einfach selbstverständlich da. Ich habe ­meine ­Termine so gelegt, dass ich da bin, wenn du kommst, und wir erst einmal Zeit für einen Begrüßungskaffee haben. Ich genieße das Kommen von euch Kindern viel intensiver als früher.

Damaris: Die nächste Phase kam dann, als du mich vor zweieinhalb Jahren zu meinem Geburtstag in Reutlingen besucht und mich wieder mal in ein Café eingeladen hast.

Klaus: Ich hatte einen Termin in Süddeutschland extra so gelegt, dass ich an diesem Tag bei dir sein und dich nach der Uni ausführen konnte. Wir hatten einen superschönen Erkerplatz für zwei Personen. Deinen Lieblingsplatz dort, wie du mir erzählt hast.

Damaris: Ich fand es echt klasse, dass du diesen Umweg gemacht hast. Und als du dann mit Mama zum Abschluss meiner Studienzeit als Gast in unsere Campus-Gruppe gekommen bist, war das der bisherige Höhepunkt unseres Weges.

Klaus: Das war mutig von dir, deinen alten Herrn als Redner zu präsentieren.

Damaris: Ja, das fanden meine Kommilitonen auch. Aber ich finde es klasse, dass ihr Interesse an mir und meinen Freunden habt, und mein Leben in meinem Umfeld kennenlernen und daran Anteil nehmen wollt. Deshalb wollte ich auch, dass meine Freunde euch kennenlernen.

Klaus: Und deine Freunde bereichern uns! Wir freuen uns über jeden Besuch, das ehrt uns.
Für mich hat mit dem Café-Experiment Gutes ­begonnen. Ich hatte damals gar nicht so viel ­erwartet. Aber es ist uns viel zugewachsen, finde ich: die gemeinsamen Gespräche, dann die ­Besuche in deiner Wohnung und schließlich unser Übernachten bei dir. Nun waren wir deine Gäste. Es hat uns besonders gefreut, zu sehen, wie du in dein Leben hineingewachsen bist. Und zu erleben, dass wir auch Teil deines Lebens sein dürfen.

Damaris: Mal sehen, wie das so weitergeht mit uns. Jedenfalls hat mich das Bejahen meiner Herkunftsgeschichte sehr versöhnt. Ich finde mein Leben, wie es jetzt ist, okay und muss mir kein besseres erträumen. Das Leben ist nicht perfekt. Aber alles, was war, darf auch seinen Platz haben. Und Gott lässt mich daran eigenständig werden.

Klaus: Ich bin mir auch sicher, dass nur die Aussöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte die Möglichkeit bietet, weiter zu wachsen und zu reifen. Und ich spüre für mich, ich brauche in meiner zweiten Lebenshälfte euch Kinder als Gegenüber, um selbst weiter wachsen zu können.
Ich hab noch eine Frage: Wie würdest du unsere Beziehung heute sehen?

Damaris: Ich freue mich, dass wir einander Gegenüber sein können. Ich fühle mich frei, zu machen was ich will, und bin mir eurer Unterstützung sicher. Ich kann euren Rat suchen, dann, wenn ich es möchte.

Klaus: Und wir suchen inzwischen ja auch deinen Rat. Als es neulich um eine Wohnungsfrage ging,  hatte ich eine bestimmte Idee. Dein Einwand in Form einer Frage hat mir die nötige Klarheit verschafft, einzusehen, dass es doch keine so gute Idee war. Ich lerne, auch euch Kinder um Rat zu fragen und auf euch zu hören.

Damaris: Na, dann viel Erfolg bei diesem Projekt!

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal