Ute Paul und Matthias Casties

Dann haben wir unsere Schwerter eingesteckt!

Zusammen spielen statt gegeneinander kämpfen

Gespräch zwischen Ute Paul und Matthias Casties

Wir zwei, Matthias und Ute, arbeiten beide im Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg. Oft leiten wir gemeinsam durch die Programme mit den Gruppen, die uns besuchen. In dieser Teamarbeit sind wir darauf angewiesen, uns eng abzustimmen. Da wir in einigen Aspekten sehr unterschiedlich sind, hat uns das einige Mühe gekostet. Die größte Hürde hatten wir gleich am Anfang zu überwinden.

Matthias: Kaum war ich aus der Jugendarbeit im REZ in die Mitarbeit im Erfahrungsfeld (EF) gewechselt, hat es ordentlich gerummst! Es war eigentlich zunächst eine Banalität. Ich hatte am Vormittag für eine Frau aus unserem Haus noch den Rasen gemäht, bevor sie aus dem Urlaub wiederkam. Als ich ins Büro kam, war Utes ­Reaktion: Also so was in der Arbeitszeit, das geht ja gar nicht, so arbeiten wir hier nicht. Andere Leute müssen ihren Rasen auch am Samstag mähen. Ich habe gleich gemerkt: Hier weht ein anderer Wind. Dann bin ich mal um halb sechs gegangen, weil ich noch was vorhatte … und Ute fragte: „Wo gehst du hin? Was machst du jetzt?“ Ich dachte: Irgendwie ist sie mit meiner Arbeitsweise nicht zufrieden.

Ute: Ja, da hab ich ziemlich verbissen um klare ­Bürozeiten gekämpft und viel Engagement ­gefordert. Mein Problem war, dass ich blind dafür wurde, wie viel Motivation Matthias mitbrachte. Ich hatte mir ein Bild von ihm gemacht. Es ärgerte mich, dass er von anderen Freiheiten ausging. Manchmal fühlte ich mich auch allein gelassen, wenn er so klar „Nein“ sagte.

Matthias: Es war echt nicht einfach, denn Ute hatte ein gutes Standing und ich war neu in dem Arbeitsfeld. Sie hat gekämpft und ich hab mich gewehrt. Wir haben gerungen in Gesprächen, die aber nicht ­weiterführten. Ich spürte: Da kommt mir ein Klischee entgegen. Immerhin konnten wir voneinander hören, wie wir im OJC-Leben unterschiedliche Schwerpunkte sehen. Aber ich fühlte mich sehr unfrei und kontrolliert.

Ute: Es war echt ziemlich verzwickt. Ich war gereizt und in Habtachtstellung. Und verrückterweise – das habe ich aber erst viel später erkannt – litt ich selber unter dem Korsett der Bürozeiten in unserem vielschichtigen Gemeinschaftsleben.

Matthias: Es vergingen Wochen und es wurde nicht besser. Wir hatten beide das Gefühl, wir sind an einem Punkt, da bewegt sich nichts mehr. In der Jahres-Retraite der OJC haben wir uns dann zu einem erneuten Gespräch verabredet, das zu einem Wendepunkt wurde. Noch keine end­gültige Lösung, aber ein wichtiger Schritt. Zunächst ­haben wir schlicht und einfach akzeptiert, dass wir unterschiedliche Auffassungen haben. Wir haben begonnen, nach den Gründen zu fragen und aufeinander zu hören – und angefangen, unsere Schwerter einzustecken.

Ute: An einer Stelle in diesem Gespräch sagte ­Matthias: „Du kannst davon ausgehen: Eigentlich bin ich dir gut. Lass uns doch mal auf dieser Basis dieses Hickhack beenden. Was ist denn eigentlich los? Warum traust du mir nicht zu, dass mir ­unsere gemeinsame Arbeit für das Erfahrungsfeld genauso kostbar und wichtig ist wie dir? Nimmst du mir das ab?“ Mich hat das erst mal ein bisschen ausgehebelt, weil es so treffend war. Ich konnte spüren, dass der Entschluss von mir gefordert war, Matthias aus meinem Bild zu entlassen. Hier ging es um viel mehr als um einen Sachkonflikt, in dem wir uns rumärgern und verhandeln, wer wann wie viel frei hat. Es ging um unsere Beziehung. Ich glaube, mir wurde die Tragweite bewusst – und die Chance. Da habe ich mich ziemlich schnell dazu entschlossen: Ja, das will ich! Es war schon krass: Wir sind aus dem Machtkampf ausgestiegen und in eine andere Richtung weitergegangen. Gott sei Dank!

Matthias: Die Grundlage war gelegt. Wir fingen an, uns besser kennen und einschätzen zu lernen. Aber als so unterschiedliche Typen – also mit meiner Strukturiertheit und Utes Spontanität – die sich in der Vorbereitung und Durchführung der Gruppenprogramme bemerkbar machte, mussten wir auch lernen, umzugehen. Es hat uns eine ganze Saison gekostet. Immer wieder war einer von uns durch die Art des anderen vor den Kopf gestoßen.  Es ging darum, Wege zu finden, wie wir unsere unterschiedlichen Gaben so einbringen können, dass nicht der eine dauernd anfängt zu schnaufen oder der andere auf die Bremse drückt, oder nicht die eine die Umschmeißerin und der andere der Sturkopf ist.

Ute: Für unsere Zusammenarbeit war es hilfreich, dass wir sehr konkrete Absprachen getroffen ­haben, z. B. wurden Änderungen im Programm, das wir für eine Gruppe erarbeitet hatten, am Vortag noch angehört, aber nicht mehr am Tag der Durchführung. Obwohl ich diese Absprache für förderlich hielt, haben mich meine spontanen Ideen doch immer wieder ausgetrickst. Es kam auch vor, dass Matthias in einem Part die Moderation hatte und ich dann auch noch meinen Senf dazugeben ­wollte. Nach einigem Frust erinnerten wir uns dann gegenseitig daran, besser miteinander in Augenkontakt zu bleiben, kurze Pausen zur Absprache zu nutzen, auf Zeichen zu achten. Matthias ist dafür zuständig, dass wir die Zeit nicht überschreiten. Das ist nicht meine Stärke.

Matthias: Dabei ist es mittlerweile keine Frage mehr, wer sich durchsetzt, sondern wir verstehen es als Schutz, damit unser beider Stärken zum Tragen kommen. Mit der Zeit gelang es uns immer besser, dass wir uns freispielen, gegenseitig bewusst Raum geben oder auch mal großmütig etwas durchwinken. Ute lebt bei der Durch­führung der Programme so im Moment, dass sie alles andere dann vergessen kann und ihrer spontanen Eingebung nachgeht. Auf der einen Seite werde ich dann nervös, auf der anderen ist es inspirierend zu beobachten, wie konzentriert sie mit einer Gruppe im Gespräch sein kann. Ich finde ihre Gabe ist eine Gnade. Für mich ist es eine Herausforderung, meinen Plan zu verlassen und die Störung willkommen zu heißen.

Ute: Es hat angefangen, richtig Spaß zu machen, miteinander Gruppen zu leiten. Ein Gefühl der Freiheit und der Freude machte sich breit. Wir wurden ein bisschen wie Jongleure, warfen uns gegenseitig den Ball zu, lachten über die guten Ideen des anderen, fühlten uns unterstützt, lernten voneinander. Auch wenn ich es mir nach wie vor schwerfällt, meinen Mund zu halten, wenn ich nicht dran bin – oder Matthias auch mal ziemlich scharf werden kann, wenn er genervt ist.

Matthias: Unsere Unterschiedlichkeit ist zu einer fruchtbaren Spannung geworden. Wir haben die Bereitschaft entwickelt, uns gegenseitig Raum zu geben. Es ist viel mehr als Koexistenz! Wir können mittlerweile ganz gut ausdrücken, welches ­konkrete Verhalten, welche Idee uns beim anderen gefällt oder irritiert. Der andere ist weder Bewertungs- noch Kontrollinstanz. Diese Art von Förderung ist in unserem Miteinander gewachsen und hat sich auf andere Aufgaben ausgeweitet. Wir entwickeln gemeinsam Geschichten für die Märchen- und Sagentage, wir brüten über Texten, Entwürfen oder Ideen – wir sind uns eine großartige Ergänzung in kreativen Prozessen.

Ute: Als ich Mitte letzten Jahres ziemlich den Faden verloren hatte, bot sich Matthias an, mit mir meine vielen Projekte zu sortieren und mir zu helfen, den Überblick und die Prioritäten zurückzugewinnen. Einmal in der Woche fragte er dann nach, wie’s denn so liefe. Ein echter Verbündeter, der viel Interesse daran zeigte, dass meine Kraft in einem begrenzten Bachbett fließt und nicht in vielen Nebenkanälen versandet.

Matthias: Ich schätze an Ute besonders, dass sie eigentlich immer bereit ist, an meinen Ideen mitzudenken und ihren Beitrag freudig hinzufügt. Für mich ist es manchmal schwierig, das Spontane zuzulassen und zu schauen, wohin mich das führt. Ich kann gut planen und strukturieren, aber manchmal brauche ich eine neue Idee, die etwas aufsprengt. In der Phase, als ich erst Zugang finden musste zu meinen künstlerischen Fähigkeiten, da hat sie mich in großer Freiheit und Sicherheit ermutigt, selber Stücke auf die Bühne zu bringen. Sie sagte: „Na logisch spielst du das!“ Es hat mich sehr ermutigt, dass jemand etwas in mir sieht, was ich mir selbst noch nicht zutraue.

Ute: Mich hingegen inspiriert, wie Matthias mit Anfragen umgeht: Er tut das mit großer Besonnenheit. Wenn er alles abgeklopft hat – Kraft, Familie, Zeit, … – dann packt er es in den Kalender und dann macht er<s>’</s>s. Wie ein Adler, der von oben drauf schaut, genau anvisiert, um dann gezielt zum Flug anzusetzen. Meine Art, mit Anfragen umzugehen, ist meine spontane Begeisterungsfähigkeit. Ich mache Platz, wo manchmal gar keiner ist. Die beiden Stärken haben ihre Rückseiten, das ist uns klar. Aber wir wollen beide wachsen. Für Matthias bedeutet das: Wie gelingt es bei aller Übersicht, dann doch im Moment – es kann ja auch ein Geistesblitz des Herrn sein – darauf zu reagieren und Pläne mal hinten anzustellen, oder spontan etwas zu initiieren, weil es jetzt gerade nötig ist. Und für mich: Besonnenheit! Grenzen achten! Also jeweils das, was der andere gut kann.

Matthias: Ich denke: Wenn ich den Elefanten essen will, dann muss ich ihn in Portionen packen. Dann schau ich mir die Woche an und entscheide, wo die Portionen reinpassen und dann findet das genau da statt. Das gibt mir Klarheit und Effektivität.

Ute: Also, ich kann das auch, tolle Pläne machen und den Dingen ihren Platz in meinem Kalender zuweisen. Aber was dann an dem Tag ist …, was weiß ich!? Da ist kein Elefant, sondern sind eher Äffchen, die sich von den Bäumen herunter­schwingen und in meinem Kopf landen. Dann dennoch das zu tun, was ich mir vorgenommen hatte, nicht, was mir gerade eingefallen ist, das ist für mich eine Herkules-Tat.

Matthias: Gut ist, dass wir ehrlich geblieben sind. Das wird auch immer wieder nötig sein in unserer Unterschiedlichkeit. Ehrlich rückmelden, nicht schönreden, uns trauen auszudrücken: „Das oder jenes fällt mir schwer, das würde ich ganz anders beurteilen!“

Ute: Ja, aber wir stehen inzwischen an einem ganz anderen Punkt. Die Vertrauensgrundlage ist da und sie kann nicht mehr so leicht kaputtgehen. Wir bauen daran weiter.

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