Bitte nicht wegducken!

Europa braucht mutige, mündige Christen

Auszüge aus einer Rede von Walter Kardinal Kasper

I. Europas geistig-geistliche Wurzeln

Die Gründerväter Europas waren keine rückwärtsgewandten Romantiker. Sie waren überzeugte Christen; und sie waren überzeugte Demokraten, welche die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in sich aufgenommen hatten. Nach der menschenverachtenden ­Tyrannei des Nationalsozialismus und angesichts der damals realen Bedrohung der Freiheit durch den sowjetischen Kommunismus verteidigten sie die unveräußerlichen Menschenrechte, insbesondere die Religionsfreiheit. Die Unterscheidung von Staat und Kirche war für sie selbstverständlich. Nachdem Europa so viel Leid über die Welt ­gebracht hatte, sollte es sich seiner Verantwortung bewusst sein für den Frieden in der Welt auf der Grundlage von Toleranz, Respekt, Freiheit und Solidarität und nicht zuletzt von Gerechtigkeit bei der Verteilung der Güter dieser Erde, die allen Menschen gemeinsam gehören. Für uns Junge war diese europäische Idee ein hoffnungsvoller Neuanfang und eine zukunftsweisende Perspektive. Sie wurde zu einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Trotzdem ist etwas schief gegangen: Der Wohlstand weckt nicht Wohlbefinden, sondern Unbehagen. Die Europabegeisterung ist verflogen; Ernüchterung ist eingekehrt. Dafür gibt es, wie immer, vielerlei Gründe. (…)

II. Was macht die europäische Identität aus? 

Jacques Delors 1 sprach davon, Europa brauche eine Seele. Gewiss. Aber eine Seele kann man nicht suchen und erst recht kann man sie sich nicht selbst einhauchen, eine Seele hat man oder man ist tot. Es geht also darum, dass Europa seine Seele entdeckt. Auf die Frage, was Europa ist, gibt es darum nur eine Antwort: Europa ist eine geschichtlich gewachsene Schicksalsgemeinschaft und bildet als solche eine Wertegemeinschaft. Auch die vielen blutigen Konflikte, die sich Europa leider geleistet hat, haben Europa zusammengeschweißt. Die Frage nach der Identität Europas lässt sich also nur geschichtlich beantworten.

Diese Geschichte verläuft in drei großen Etappen: Der griechisch-römische Humanismus und die griechisch-römische Kultur rund um das Mittelmeer, die im Norden bis zum Limes reichte; die jüdisch-christliche Überlieferung und die neuzeit­liche Aufklärung sind nicht drei einander ablösende Phasen, sondern mit drei sich aufeinander legenden Jahresringen zu vergleichen. Die christliche ­Tradition hat das antike Erbe in sich aufgenommen und es weitertradiert. Das war hauptsächlich das Verdienst der Mönche. Denken Sie nur an die Reichenau und die ganze Mönchskultur rund um den Bodensee; das ist Kernland europäischer Kultur. Die Neuzeit setzte nicht am Nullpunkt an; sie setzt das christliche Verständnis von der Würde jeder einzelnen Person voraus. Schon vor den Aufklärern haben spanische Theologen zur Verteidigung der Indios in Lateinamerika die Idee der Menschenrechte entwickelt. Sie ist in der amerikanischen Verfassung – anders als in Frankreich – unter spezifisch christlichem Vorzeichen proklamiert worden.

Das europäische Menschenbild und die daraus entspringende europäische Kultur und Lebensart sind also eine vielschichtige dynamisch sich ent­wickelnde, nie abgeschlossene Synthese verschiedener Elemente, die immer wieder miteinander ringen. Dieses Ringen ist heute in eine neue Phase eingetreten. Das macht den Kern der gegenwärtigen Krise und die Schwierigkeit wie das Verheißungsvolle, eine Europavision zu formulieren, aus. Viele wollen nicht wahrhaben, dass Europa auch christliche Wurzeln hat. Man muss jedoch nur einmal von Gibraltar über Spanien, Frankreich, Deutschland bis nach Estland, oder vom alten Konstantinopel über Kiew nach Moskau reisen. Man wird dabei den unterschiedlichsten Völkerschaften begegnen, aber überall wird man als Wahrzeichen das Kreuz finden, überall wird man im Zentrum der alten Städte großartige Kathedralen sehen. Wie kann man die Geschichte Europas verstehen ohne heilige Frauen und Männer wie Benedikt, Kyrill und Methodius, Brigitta von Schweden, Elisabeth von Ungarn und Thüringen, ohne Martin Luther und die Reformatoren? Ohne sie wäre das Haus Europa nie aufgebaut worden. Die Geschichte Europas ist freilich nicht nur eine Heiligengeschichte; es ist auch eine Schuldgeschichte. Es hat sein groß­artiges Erbe oft verraten: in den Kreuzzügen, in den Religionskriegen, in denen sich Lutheraner und Katholiken befehdet und Europa im 30-jährigen Krieg an den Rand des Ruins gebracht haben, in der Kolonisationsgeschichte, die auch eine Ausbeutungsgeschichte war, in den Weltkriegen und den beiden menschenverachtenden totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts, dem Nazismus und dem sowjetischen Kommunismus, in der Shoah, der staatlich geplanten und ins Werk ­gesetzten ­Ermordung von 6 Millionen Juden mitten in Europa.

In der Neuzeit hat Europa kulturgeschichtlich einen Sonderweg eingeschlagen. Weder Afrika, noch Asien, noch Lateinamerika, auch nicht die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen das Ausmaß an Säkularisierung, das wir in Westeuropa finden und sie schütteln darüber zunehmend den Kopf. Die Säkularisierung geht einher mit einem Relativismus, der grundlegendste menschliche Werte zur Disposition stellt, sie mündet in einen Skeptizismus und Indifferentismus, letztlich in einen Nihilismus. Die Idee der Toleranz dreht sich um und wird intolerant gegen jeden, der noch eine feste Position bezieht, sie wird zur Diktatur des Relativismus. Europa verachtet sich damit selbst. Der Hass und die Verachtung nicht nur der radikalen Muslime gegenüber dem Westen ist neben anderem in dieser Unkultur begründet. Auch in den Vereinigten Staaten diskutiert man, ob und wie man sich vor der Ansteckung durch den europäischen Säkularismus schützen kann. Ein neoliberaler Kapitalismus ist freilich ebenso wenig eine tragfähige Basis wie ein sinnentleerter Konsumismus.

Die Idee Europas ist die von der unantastbaren Würde jedes einzelnen Menschen, die nicht zum Hochmut dessen wird, der meint, alles „machen“ zu können, die vielmehr in geschöpflicher Demut um das dem Menschen gesetzte Maß weiß, welche die Heiligkeit des Lebens achtet, die Gleichheit und die Solidarität aller Menschen anerkennt und Ehrfurcht vor der Natur als Gottes Schöpfung hat. Zur Kultur Europas gehört auch die auf der Ehe von Mann und Frau gründenden Familie. Die These, dass die Familie die Grundzelle der Gesellschaft ist, ist für mich nicht nur eine abstrakte Behauptung; beim totalen Zusammenbruch aller anderen Institutionen 1945 war die Familie die einzige Institution, die hielt und an die man sich halten konnte. Europa muss aufwachen, vielleicht sogar aufschrecken. Europa muss zu sich selber finden, im guten Sinn des Wortes wieder selbstbewusst werden, zu sich, zu seiner Geschichte und seiner Kultur und zu der darin begründeten Lebensart stehen. Es muss seine Seele wieder entdecken. Europa hat, wenn es seiner selbst bewusst ist, seine Zukunft ganz neu vor sich.

III. Herausforderung und Antwort

Die Geschichte bewegt sich nach dem Schema challenge and response 2. Ich möchte vier Herausforderungen nennen, vor denen Europa heute steht:

1. Europa braucht eine neue Erinnerungskultur

Die gegenwärtige Malaise Europas ist seine Geschichtsvergessenheit, die nur partielle, oft ideologisch gesteuerte Wahrnehmung oder gar die bare Unkenntnis seiner Geschichte. Erinnerung ist Vehikel und Organ aller Welterkenntnis und Weltorientierung. Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wo er augenblicklich steht und wohin er gehen soll. Ohne Erinnerung sind wir nach Nietzsche 3 wie das Vieh an den Pflock des Augenblicks gebunden, ohne Perspektive und ohne Zukunft. Wir müssen darum die euro­päische Vision und die europäische Seele in unserer Geschichte entdecken.Wir brauchen Vorbilder. Dabei müssen die großen Zeugen und Märtyrer des 20. Jahrhunderts genannt werden. Sie standen für europäische Werte, können uns Wegweiser für die Zukunft Europas im 21. Jahrhundert sein. Sie finden sich in allen Kirchen und in allen Lagern.

Jürgen Habermas 4, der selbst nicht aus einer religiösen Tradition kommt, hat gesehen, dass die Religionen über ein Potenzial verfügen, das einem rein säkularen Denken abgeht, das man aber rational fruchtbar machen kann. In diesem Zusammenhang muss man die Frage der Erwähnung der antiken, jüdisch-christlichen und neuzeitlichen Wurzeln Europas und die Frage der Anrufung Gottes in der Verfassung sehen. Die Anrufung Gottes hat nicht den Sinn, alle Bürger auf das spezifisch christliche Gottesbild zu verpflichten, sie soll vielmehr gegen totalitäre Zumutungen daran erinnern, dass wir als Menschen unter einem Maß stehen, das nicht zur Disposition steht. Die Anerkennung Gottes bedeutet die Anerkennung, dass wir nur Menschen sind und keine „Herrgötter“; sie ist das Menschlichste überhaupt und Grundlage einer wahrhaft menschlichen Kultur. Wie jedes Staatswesen lebt auch Europa von vorpolitischen Maßstäben, die wir anzuerkennen haben (W. Böckenförde). ­Europa braucht mutige und mündige Christen, die sich nicht wegducken, die vielmehr den antiken wie den jüdisch-christlichen Humanismus wach halten und die Errungenschaften der neuzeitlichen Freiheitsgeschichte gegen die Gefahr einer Zerstörung durch sich selbst verteidigen. Das sind die Grundmauern, auf denen das europäische Haus stabil und wetterfest aufgebaut werden kann.

2. Europa muss ein weltoffenes, gastfreundliches Haus sein

Gastfreundschaft ist eine alte und hohe jüdisch-christliche Tugend. Heute ist die Welt wie nie zuvor bei uns zu Gast, zunächst in Gestalt der Gastarbeiter, die wir selber ins Land geholt haben, jetzt in Form der weltweiten weitgehend armuts- und verfolgungsbedingten Migration, eine neue Art der Völkerwanderung, die zu den „Zeichen unserer Zeit“ gehört und von der man sich nicht abschotten kann. Fremdenfeindlichkeit ist eine Karikatur europäischer Identität. Wir wollen einen friedlichen Dialog der Kulturen und der Religionen, in dem wir die anderen in ihrem Anderssein annehmen und uns dadurch selbst bereichern. Ohne solchen Religionsfrieden kann es keinen Weltfrieden geben.

Im Verhältnis zum Judentum haben wir diese Lektion nach der Katastrophe der Shoah hoffentlich gelernt, auch wenn man wachsam sein muss, da der Antisemitismus immer wieder sein hässliches Haupt erhebt. Wesentlich schwieriger ist die Frage im Verhältnis zum Islam; er ist eine nachchristliche Religion, die den Anspruch erhebt, das Christentum zu korrigieren und zu überbieten mit einer ambivalenten Einstellung zur Gewalt. Der Islam ist nicht nur eine andere Religion, sondern auch eine andere Kultur, die bislang den Anschluss an unsere moderne westliche Kultur, zu der auch die Gleichstellung von Mann und Frau gehört, nicht geschafft hat. Dies kann nicht in wenigen Jahren, auch nicht in wenigen Jahrzehnten, sondern nur in einem sehr langfristigen Prozess geschehen.

Auch wenn man den Islam vom fanatischen Islamismus unterscheidet, darf man nicht blauäugig sein und aus einem naiven Harmoniestreben das Konfliktpotenzial unterschätzen. Weg­schauen hilft nicht; wir müssen die Herausforderung ­annehmen und alles uns Mögliche tun, damit wir sie mit friedlichen Mitteln austragen und die bei uns lebenden Muslime integrieren. Wir wollen darum den Dialog mit dem gemäßigten Islam. Das setzt von unserer Seite Toleranz und Respekt voraus, aber auch Toleranz und Respekt der Muslime gegenüber unserer Kultur und unseren Überzeugungen. Gegenüber Intoleranz kann es keine Toleranz geben. Jede Gesellschaft braucht ein gewisses Maß gemeinsamer Werte und Regeln, um friedlich zusammenleben zu können. Multikulti, d. h. ein Nebeneinander von Parallelgesellschaften, ist europaweit gescheitert.

Dialog setzt Partner voraus, die ihre jeweilige Identität und ihr jeweils eigenes Profil haben; nur dann ist wirklicher Austausch und friedliches ­Zusammenleben möglich. Es ist darum kein Dialog sondern charakterlose Selbstverleugnung, wenn wir in vorauseilendem Gehorsam unsere Über­zeugungen und Werte verstecken, Kreuze ab­hängen, auf Weihnachtsfeiern verzichten (wo doch auch der Koran eine Weihnachtsgeschichte kennt!) bis hin zu dem Schwachsinn, keine Sparschweine mehr auszugeben. Mit solcher Appeasement-Politik werden wir nicht Respekt, sondern zurecht Verachtung ernten. Nur wer Selbstachtung besitzt, kann auch andere achten.

3. Europa und Ökumene gehören zusammen

Wenn man ein Haus, auch das europäische Haus, neu einrichtet, muss man gelegentlich trennende Wände abtragen, um Platz für einen für alle bestimmten größeren Wohnraum zu bekommen. Das gilt für die östliche wie für die westliche Kirchenspaltung. Beide haben Europa in der Vergangenheit in blutige Konflikte gestürzt; die konfessionellen Gegensätze waren mitentscheidend für die Teilung Europas. Heute sind die Kirchen dabei, wieder zusammenzurücken; sie verstehen sich als ­geistigen Kitt und als Friedensstifter zwischen den europäischen Völkern.

Europa muss lernen, wieder mit beiden Lungen­flügeln zu atmen und Ost- und Westeuropa inte­grieren. Die Entfremdung beider begann schon im ersten Jahrtausend mit der Trennung von West- und Ostrom und führte im zweiten Jahrtausend zu einem zunehmenden Auseinanderleben. Auf beiden Seiten haben sich Vorurteile und Missverständnisse in den Herzen eingegraben. Seit dem Fall der Berliner Mauer haben wir die einmalige geschichtliche Chance, dass wieder zusammenwächst, was zusammen gehört. Letztlich gelingt Ökumene nur, wenn es gelingt, Bande der Freundschaft zu knüpfen. Unsere ökumenischen Versöhnungs­prozesse können ein ermutigendes und ansteckendes Beispiel dafür sein, dass auch nach einer wahrlich nicht nur von christlicher Nächstenliebe geprägten Geschichte Versöhnung möglich ist. Ein Scheitern der Ökumene könnten wir weder vor Gott noch vor der Geschichte verantworten. Zur Ökumene gibt es keine verantwortliche Alternative.

4. Europa hat noch eine Sendung

Mit der Katastrophe des zweiten Weltkriegs war die Zeit des Eurozentrismus unwiederbringlich vorbei. Wenn Europa in Zukunft noch etwas ausrichten will, dann nur als vereintes Europa. Ein Rückfall in ein reines Nationalstaatsdenken wäre verhängnisvoll. Europa hat – grundgelegt bei den Griechen und vor allem bereits auf der ersten Seite der Bibel, wo gesagt ist, dass alle Menschen gleichermaßen nach dem Bild Gottes geschaffen sind – die Idee der allgemeinen Menschenrechte entwickelt. Sie sind ein Fortschritt im Menschheitsbewusstsein. Wir brauchen also eine Globalisierung nicht nur der Wirtschafts- und Finanzmärkte, sondern vor allem eine Globalisierung der Menschenrechte und der Solidarität. Universale Menschenrechte implizieren eine universale Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Europa muss darum Verantwortung übernehmen in der Welt und aufgrund seines Menschenbildes eintreten für eine neue Kultur des Teilens und der Achtung vor der Umwelt als Lebenswelt des Menschen. Darüber hinaus kann Europa ein Modell dafür sein, dass auch nach einer komplexen und schwierigen Geschichte die Hand zu Versöhnung und zur Freundschaft ausgestreckt und ergriffen werden kann.

Europa hat noch eine Sendung. Wir müssen den Mut und die Kraft haben, uns nicht wegzuducken, sondern den neuen Herausforderungen ins Auge zu sehen und sie mutig anzupacken. In diesem Sinn möchte ich an das Selbstvertrauen appellieren, die europäische Idee, die menschliche Größe mit menschlichem Maß, die Freiheit mit Verantwortung und Solidarität verbindet, aufzugreifen und weiterzuentwickeln. _■

Anmerkungen:
1 französischer Politiker der sozialistischen Partei. Von 1985 bis 1995 war er Präsident der EG- Kommission und stand drei Kommissionen vor.
2 Herausforderung und Antwort, nach dem großen Historiker A. J. Toynbee
3 (1844 – 1900), deutscher klassischer Philologe, seine philosophischen Schriften machten ihn  weltberühmt.
4 deutscher em. Professor (geb. 1929), zählt zu den weltweit meist rezipierten Philosophen und  Soziologen der Gegenwart.

 Auszüge aus der Stuttgarter Rede zu Europa 2007 von Walter Kardinal Kasper: „Europa – eine geistige Herausforderung“. © Europaschriften des Staatsministeriums Baden-Württemberg, Heft 7

Von

  • Walter Kardinal Kasper

    Priester und Philosoph, ist eremitierter Kurienkardinal und ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

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