Internationales Café im März 2015

So schaffen wir's

Der "Runde Tisch für Internationale Verständigung"

Interview mit Annemarie Knichel

Frau Knichel, Sie haben mit Ihren Mitstreitern vor 23 Jahren den „Runden Tisch für internationale Verständigung“ ins Leben gerufen. Was hatte Sie dazu bewogen?

Nachdem die Mauer gefallen war, kam es zu vielen fremdenfeindlichen Übergriffen, Hoyerswerda, Mölln, man kennt die Namen. Im Rahmen des Jahres der Bibel 1992 sprach Liselotte Funcke, damals Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, hier in Reichelsheim über den Umgang mit Fremden in der Bibel und nahm auch auf die aktuelle Situation Bezug. Da sprang sozusagen der „Funke“ über. Es wurde den Zuhörern erst jetzt bewusst, dass auch in Reichelsheim Menschen in Heimen lebten, Aussiedler, Asylbewerber und Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Spontan bildete sich eine Gruppe von 12 Personen. Wir wollten einfach mal hingehen, gucken, wie es den Leuten­ geht. Damit allein war es nicht getan. Schon bald erkannten wir die Notwendigkeit, dass diese Menschen Unterstützung brauchten, um sich schneller in der neuen Heimat zurechtzufinden. Wir formulierten für uns das Ziel, Mittler zwischen den als „Fremde“ zu uns gekommenen und den hier ansässigen Menschen zu sein.

Fanden Sie dann weitere Verbündete für diese Begegnungsarbeit?

Wir mussten nie aktiv suchen. Nach Berichten über unsere Arbeit in der Zeitung und im Ev. Gemeindeblatt haben sich immer wieder Personen gemeldet, die mithelfen wollten. Lange Zeit war die Gruppe sehr konstant. Dabei haben sich auch private Kontakte entwickelt, aber im Vordergrund steht immer die gemeinsame Sache. Heute sind im Verteiler ungefähr 40 Personen, von denen 12 bis 15 sehr aktiv, andere eher sporadisch dabei sind.

Die aktuelle Entwicklung hat neue Leute mobilisiert, die voller Elan,Tatkraft und mit neuen Ideen kommen. Das bereichert das Projekt. Wir sind als eigene Gruppe unter dem Dach der Evangelischen Michaelsgemeinde in Reichelsheim organisiert. Das ist rechtlich ganz wichtig, denn so dürfen wir Spendenquittungen ausstellen und sind auch versichert, wenn wir mit Flüchtlingen unterwegs sind.

Wie sieht die Zusammenarbeit im Team aus?

Wir treffen uns einmal im Monat im Ev. Gemeinde­haus. Diese Treffen dienen dem Austausch, neue Ideen werden geboren und die Mitstreiter erhalten die wichtigsten Informationen zum Asylrecht. Wichtig ist, dass die Einzelnen sich einbringen können, eine Aufgabe haben, sonst verliert sich ihre Motivation und sie springen schnell wieder ab. In einer Phase mit weniger Flüchtlingen hat uns eine Supervision ermutigt, als Gruppe weiter­zumachen und sich auch neuen Aufgaben zu widmen. Damals haben wir uns verstärkt den türkischstämmigen Mitbürgern zugewandt sowie Aufklärungsveranstaltungen organisiert. Nicht alle konnten dies mittragen, so wurde die Gruppe kleiner. Das finde ich normal. Es wäre nicht gut, wenn es keinen Wechsel und Wandel gäbe. Zwar habe ich über viele Jahre die Fäden in der Hand gehalten und vieles organisiert, aber ich schaue auch immer, dass ich Zuständigkeiten abgebe, das tut mir und der Gruppe gut.

Gibt es das Flüchtlingsheim, in dem Sie begonnen haben, noch?

Als die Flüchtlingszahlen vor fünf Jahren zurückgingen, wurde das Heim geschlossen. Aber die Flüchtlinge, die in der Region geblieben sind, wurden auch weiterhin von uns betreut. Heute sind die Flüchtlinge dezentral in eigenen Wohnungen oder ehemaligen Pensionszimmern untergebracht. Das macht es schwieriger, immer alle zu versammeln, aber hat auch Vorteile, denn so finden sie eher Kontakt zur Bevölkerung.

Welche Rolle spielt die Vernetzung mit anderen Trägern?

Unsere Arbeit begann in der evangelischen Kirche, weil die Pfarrer das damals mitinitiiert hatten. Es ist ganz kostbar, wenn in Gottesdiensten oder im Gemeindebrief etwas zur Situation der Flüchtlinge gesagt werden kann. Sobald ein Flüchtling seine Geschichte erzählt, fällt es viel leichter, ihn als Person zu sehen und anzunehmen. Auch die katholische Gemeinde trägt unsere Arbeit mit, so dürfen wir z. B. den Gemeindebus für Ausflüge leihen. Die Kirchen haben da eine Verantwortung, denn die biblischen Aussagen sind eindeutig. Über ein Netzwerk des Diakonischen Werkes und der Ehrenamtsagentur sind wir mit anderen Kirchengemeinden und Helferkreisen im Odenwald verbunden. Die Behörden wissen, dass sie uns Ehrenamtliche brauchen. Wir haben das Glück, dass der jetzige und auch der frühere Bürgermeister unsere Arbeit unterstützen. Das nimmt auch Widerständen in der Bevölkerung den Wind aus den Segeln.

Ich bin froh, dass überhaupt hier in der Gemeinde und im Landkreis ein gutes Klima herrscht, auch wenn Einzelne, wie überall, den Flüchtlingen ablehnend gegenüber stehen.

Hat es neben ermutigenden Erfahrungen auch Frust gegeben?

Dass es immer mal Frust und persönliche Enttäuschungen gibt, ist ganz klar. Wir hatten längere Zeit ein Ehepaar betreut, er war Alevit aus der Türkei und sie Jesidin aus Georgien. Sie hatten sich in der Flüchtlingsunterkunft kennengelernt, standesamtlich geheiratet, ein Kind bekommen und sollten dann beide abgeschoben werden. Aber nicht zusammen, denn keines der beiden Länder wollte den Partner aufnehmen. Um ihnen das Hierbleiben zu ermöglichen, bin ich bis zum Ministerium gegangen. Schließlich blieb nur das Kirchenasyl, allerdings nicht hier im Ort. Letztendlich durften beide bleiben. Das war sehr belastend, aber der Einsatz hat sich gelohnt. Belastend war auch der Brand des Flüchtlingsheimes 2002. Bis heute ist nicht geklärt, wer dafür verantwortlich war. Weil es nicht klar war, ob ein Anschlag oder Unachtsamkeit vorlag, hatten wir uns dagegen entschieden, demonstrativ an die Öffentlichkeit zu gehen. Wir wollten die Flüchtlinge nicht damit verunsichern, dass es jemand auf ihr Leben abgesehen hatte. Später stellte sich heraus, dass ein Brandbeschleuniger verwendet wurde. Gott sei Dank hatte es keine Verletzten gegeben. Sehr erfreulich war damals die große Hilfsbereitschaft in der Reichelsheimer Bevölkerung, auch die OJC nahm für mehrere Monate Flüchtlinge in ihr Gästehaus Tannenhof auf.

Ist es auch schwer, wenn Menschen, die Sie eine längere Strecke begleiten, wieder gehen?

Das ist natürlich nicht so einfach, denn manchmal entstehen sogar Freundschaften. Ähnlich wie bei den eigenen Kindern muss man loslassen. Aber unser Ziel ist es, die Leute zur Selbstständigkeit zu bringen. Wir geben ihnen nur soviel Unterstützung wie notwendig. Das muss man schon im Auge behalten, Überbehütung tut ihnen und uns nicht gut. Wenn sie ein Bleiberecht erhalten, wandern einige weiter und wir freuen uns, wenn ab und zu noch einmal Grüße aus der neuen Heimat ankommen. Manche Menschen müssen zurück in ihr Heimatland, auch das müssen wir akzeptieren.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für die Integration der Flüchtlinge vor Ort?

Das Einleben kann langfristig nur gelingen, wenn sie die Sprache beherrschen und auch in den ­Arbeitsmarkt integriert werden können. Wir bieten Deutschunterricht an und sind jetzt dabei, die Leute in Praktika oder eine geringfügige Beschäftigung zu vermitteln. Natürlich mit dem Ziel, ihnen zu einer richtigen Arbeitsstelle zu verhelfen. Das geht oft nur über Klinkenputzen bei den Firmen. Eine andere Herausforderung ist die Akzeptanz der Flüchtlinge in der Bevölkerung. Um hier ein gutes Klima zu schaffen, ist sachliche Aufklärung nötig. Das fängt in unserem privaten Umfeld an, indem wir von der Situation der Flüchtlinge berichten und dabei Fakten über die Herkunftsländer beisteuern. Gerade durch persönliche Kontakte schwinden viele Vorurteile. Wenn man die Flüchtlinge und ihre Geschichten kennt und positive Erfahrungen mit ihnen sammelt, nehmen die Vorbehalte und die Ängste ab.

In diesen Rahmen gehört auch das Internationale Café, das Sie gemeinsam mit der OJC seit einem Jahr im Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrum anbieten.

Ja, das ist eine ganz tolle Möglichkeit zur Begegnung mitten im Ort, offen für Flüchtlinge und Dorfbewohner, die sich bewährt hat. Man kann für eine Stunde kommen oder für zwei, man kann jedes Mal kommen oder auch nur ab und zu. Die Räumlichkeiten mit Kicker und Billard sind ideal und im Sommer lockt der schöne Innenhof oder das Basketballfeld. In entspannter Atmosphäre wird gespielt, gehandarbeitet und geplaudert. Inzwischen haben einige der Flüchtlinge Arbeit gefunden oder nehmen an Maßnahmen teil und haben gar nicht mehr so viel Zeit, andere kommen regelmäßig. Das ist eine gute Sache.

Sie tragen diese Arbeit mit viel Herzblut durch. Was ist Ihre tiefste Motivation?

Die Kraft und die Motivation kommen aus meinem christlichen Glauben. Ich bin in einer katholischen Familie groß geworden, in der Fürsorge und Nächsten­liebe immer ein Thema war. Mein Vater ist früh verstorben, ich war erst sechs und musste sehr früh Verantwortung für die jüngeren Geschwister und unser Miteinander übernehmen. Das hat mich geprägt. Es tut gut, dass auch meine Familie diese Arbeit mitträgt, mir den notwendigen Freiraum lässt und mich oft unterstützt. In diesem Jahr hatten wir an Heilig­abend eine junge Flüchtlingsfrau zu Gast, für alle eine schöne Erfahrung. Überhaupt bekomme ich auch viel zurück, das gibt ein gutes Gefühl. Ich habe viel gelernt in dieser Aufgabe und ein Gespür für fremde Menschen und Kulturen bekommen, weil ich viel von den Menschen selbst über Hintergründe und politische Situationen erfahren habe. Im Umgang mit Behörden bin ich selbstbewusster geworden, da müssen schon mal Rechte durchgesetzt werden. Erfolgserlebnisse sind immer auch eine Kraftquelle. Viele Flüchtlinge schaffen mit unserer anfänglichen Unterstützung und ihrer Eigeninitiative den Weg in die deutsche Gesellschaft, lernen die Sprache, arbeiten, ihre Kinder machen oft gute Schulabschlüsse und am Ende werden sie ein selbstverständlicher Teil unserer pluralistischen Gesellschaft. Das zu erleben motiviert mich immer wieder.

Ist Reichelsheim ein guter Ort für diese Arbeit?

Wir könnten hier im ländlichen Raum die vergleichsweise geringe Anzahl an Flüchtlingen in dezentralen Wohnungen besser integrieren, zumal von diesen Menschen eine große Bereitschaft dazu vorhanden ist. Gemeinsam können wir es schaffen, ihnen eine neue Heimat im Gersprenztal zu ermöglichen; so wie in der Vergangenheit auch die Vertriebenen, die Gastarbeiter, die Aussiedler und die Flüchtlinge, die in den neunziger Jahren gekommen sind, hier eine neue Heimat gefunden haben. _■

Das Gespräch führte Birte Undeutsch.

Alle aktuellen Informationen zum Internationalen Café für Geflüchtete finden Sie unter diesem Link.

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