Hahn auf der Michaelskapelle von Schloss Reichenberg

Ganz bei Trost?

Was dem Volk Gottes Halt gibt.

Predigt zu Jesaja 66,13

„Ich will euch trösten, ich will euch trösten, wie eine Mutter ihr Kind. Ich will euch trösten, ich will euch trösten, bis alle Tränen getrocknet sind.“

Welch ein freundliches Wort, das uns da im neuen Jahr entgegengekommen ist. Bildhaft, zärtlich, schmeichelnd, anschmiegsam: „Ich will euch trösten, wie einen seine ­Mutter tröstet.“ Das tut gut im Zurücklassen eines turbulenten und zu Beginn eines unbekannten Jahres. Doch wir sollten nicht vorschnell urteilen.

„Gott spricht“, so beginnt unsere Jahreslosung. Nicht mit dem mütterlichen Trost geht es los, sondern mit dem Reden Gottes!

„Gott spricht“ – das steht am Anfang dieses Jahres. So wie es einst am Anfang dieser Welt stand. Ohne diesen Anfang gibt es auch keine Fortgänge, ­geschweige denn Ankünfte. „Gott spricht“ – das klingt so banal und ist doch entscheidend. Damals bei Jesaja und heute bei uns ist es von grundlegender Wichtigkeit, wer zu uns sprechen darf.

Sich dem Wort anvertrauen

Nun sind wir in einer Kirche und lauschen einer Predigt, da scheint der Fall doch klar zu sein. Das dachten schon die alten Israeliten. Aber in der Zeit des Propheten Jesaja und seiner Schüler, die er wohl hatte, suchten die Regierenden des Volkes Israel die Nähe zu den heidnischen Großmächten. Ihre innere Schwäche sehnte sich nach äußerer Stärke. Bei den Assyrern, den Babyloniern, den Ägyptern – überall suchten sie nach Anerkennung und Sicherheit. Fündig geworden sind sie nirgends. Am Ende ihrer Sehnsucht, ihrer Sehn-suche, stand das Gericht: Zerstörung und Exil. Die Israeliten nahmen sich die Freiheit, auf alle und jeden zu hören, nur auf den, von dem unsere Jahreslosung spricht – auf den, den das Buch Jesaja den „kadosch jisrael“, den „Heiligen Israels“ nennt –, hörten sie nicht.

Worauf sind meine Ohren ausgerichtet? Welches Wort wird mir das gültige sein, das richtungs­weisende, dem ich mich anvertraue? Auch wenn es mich herausfordert, weil es scheinbar so gar nicht in meinen Horizont passt, wenn es größer ist als mein Denken und Verstehen. Auch wenn es mit mir ringt, weil es dem allgegenwärtigen Zeitgeist zutiefst widerspricht. Die Zukunftsfähigkeit meines Lebens entscheidet sich an genau dieser Stelle: Wer darf zu mir sprechen und welchem Wort vertraue ich mich an?

In diesem Kontext steht auch unsere Jahres­losung: Es geht um einen durchaus dramatischen Konflikt zwischen dem „Heiligen Israels“ und seinem „heiligen Volk Israel“. Daraus folgt, dass die Jahres­losung uns mit einer ganzen Ladung schlechter Nachrichten konfrontiert.

Dieses Jesajawort ist keine Allerweltsverheißung, sondern ein Wort an Israel als Volk des heiligen Gottes. Und so will es uns heute zur Losung werden: als ein Wort an das Volk Gottes, zu dem wir als Erben des Neuen Bundes hinzugehören. Beide – Israel wie die Kirche – werden so miteinander verbunden. Die Adressaten des Trostes werden übrigens noch präziser charakterisiert. So heißt es im zweiten Vers des 66. Kapitels: „Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.“

Vor dem Wort „erzittern“

Hier wendet Gott sich an die Elenden, die mit einem zerbrochenen Geist, die vor Gottes Wort noch erzittern können, und sagt ihnen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“. Worin braucht das Volk Gottes Trost, worum geht es im Kapitel? Es geht dort um ein künftiges Gericht Gottes, auf das übrigens der Apostel Petrus­ Jahrhunderte später Bezug nimmt, wenn er schreibt: „Die Zeit ist da, dass das Gericht Gottes anfängt an dem Hause Gottes“ (1. Petrus 4,17). Im Zusammenhang unseres Wortes wird bei Jesaja bereits angekündigt, dass das Volk Gottes sich über die Stämme Israels ausweiten wird. Kapitel 40 richtet sich mit der Aufforderung zu trösten an die Völker: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.“ Und Kapitel 56 stellt fest: „Ich will noch mehr zu der Zahl derer, die versammelt sind, sammeln.“ Allerdings schließt sich dieser Verheißung gleich die Klage über die Hirten des Volkes an: „Alle Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne. Aber es sind gierige Hunde, die nie satt werden können. Das sind die Hirten, die keinen Verstand haben; ein jeder sieht auf seinen Weg …“

Keine Streicheleinheiten also, sondern harte, ­klare, klärende Worte. Sie gehen ans Eingemachte. In unserem OJC-Abendmahl beten wir Woche für Woche beim Sündenbekenntnis: „Herr, wir bekennen dir, dass wir in Not waren, ohne deinen Trost zu suchen.“ In Not kann man kommen, auch unverschuldet – das muss auch nicht bekannt ­werden. Den Trost aber nicht zu suchen, sehr wohl. An welche Not müsste ich, müssten wir denken? Das ist neben der Frage, auf wen ich vertrauensvoll höre und gehorche, die andere wichtige Frage, auf die unser Losungsvers Antwort geben will: Worüber soll ich getröstet werden, welche Not erleide ich, erleiden wir als Gottesvolk, als Kirche? Wie schon zur Zeit Jesajas ist das Volk Gottes schnell bereit, Halt, Zustimmung und Bestätigung in seiner Umgebung zu suchen. Zur Zeit der Könige Israels waren das die umgebenden heidnischen Großreiche mit ihrem Kultus, ihren Werten, ihren­ Erkenntnissen und ihrer politischen Agenda. Israel wurde von diesen zunehmend abhängig, hörig und verlor seine Würde und Selbstachtung. Die Propheten verglichen das Volk, das seinem Gott untreu wurde und sich in der Abgötterei suhlte, mit einer Prostituierten. Die Gefahr, sich in falsche Abhängigkeiten zu geben, sich mit einer Geistigkeit zu besudeln, die dem, was Gott vorgibt, zuwiderläuft, ist bis heute nicht gebannt. Auch für die Kirche und ihre Glieder blieb und bleibt es stets eine große Versuchung, Halt und Orientierung außerhalb zu suchen, in den Koordinaten der sie umgebenden, prägenden Welt. Zu verlockend ist das Streben nach dem Einklang mit dem Zeitgeist.

Hoher Preis für billige Gnade

Eine Kirche aber, die dem Zeitgeist huldigt, ist für das Reich Gottes von keinem Nutzen. Sie ist im Gegenteil sogar gefährlich und wird selbst zur falschen Prophetin; diese Erfahrung haben wir als Kirche durch die Jahrhunderte immer wieder machen müssen, und noch unsere Mütter und Väter mussten bitterstes Lehrgeld bezahlen. Mit einer Kirche, die noch vor Gottes Wort zu „zittern“ vermag, und es als Korrektiv zum Zeitgeist zu deuten versteht, wäre vieles anders gekommen. Denn: „Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten“ (Mt 5,13). Das meint Gericht am Hause Gottes!

Die Zukunftsfähigkeit meines Lebens wie des Lebens meiner Kirche – unserer Kirchen – hängt nie und nimmer an der Zauberformel: „Das ist heute eben so, das macht man heute so.“ Auch nicht an optimierten Organisations- und Kommuni­kationsstrukturen oder an effizienterer Nutzung personeller wie finanzieller Ressourcen. Die ­Zukunftsfähigkeit des Gottesvolkes entscheidet sich allein daran, wem es innerlich zugewandt ist. Daran, ob es noch sehnsüchtig auf das Reden Gottes hofft, und ob es erschrecken kann über das Wort Gottes. Ob es das Elend der Welt und das eigene Elend erkennen und sich von Gott den Trost und die Weisung zusprechen lassen kann. Dann wird die Kirche „bei Trost“ sein, sie wird wieder „Kontrastgesellschaft“ (Gerhard Lohfink), eine „Gott-unter-den-Menschen-Kirche“ (Erny Gillen) sein.

Wenn die Kirche vergisst, dass das Gottesvolk im Gericht steht, kann sie noch so fromm, klug, gebildet und theologisch versiert sein; sie ist für den Trost, auf den es Gott ankommt, nicht mehr empfänglich. Für die kostbare Gnade, die sich von der „billigen Gnade“, wie Bonhoeffer es in seinem Werk „Nachfolge“ nennt, dadurch unterscheidet, dass sie die Not, das Elend nicht übertüncht, sondern sichtbar werden lässt. Die diesjährige Jahreslosung aus dem Prophetenbuch kann nur der für sich in Anspruch nehmen, der nicht auf den billigen Trost aus ist, sondern sich seine Not zeigen lässt. Der lutherische Theologe Hans Joachim Iwand, einstiges Mitglied der „Bekennenden Kirche“, der Kirche wider den Zeitgeist, mahnte weise, dass die Aufgabe der Kirche nicht die wäre, der Welt das Gericht und sich selbst das Heil zu predigen. Umgekehrt sei es richtig: die Kirche muss sich selbst unter das Gericht Gottes und die Welt unter das Heil Gottes stellen. Das wollen wir uns zu Herzen nehmen.

Auf dem Dach unserer Michaelskapelle steht ein krähender Hahn – das Symbol der Mahnung; er ist nicht Richtung Dorf gewandt, sondern Richtung Schloss, denn sein Ruf gilt nicht den anderen, sondern zuallererst uns. Aber genau darin liegt die gute, tröstliche, freudige Botschaft: wer ­gerichtswillig ist, ist auch trostfähig! ­

Die Jahreslosung für 2016 ist ein Heilswort!
Die gute Nachricht lautet: Gott überlässt die Kirche, die sich seinem erlösenden Wort entgegen sehnt, nicht ihrem selbst verschuldeten Schicksal! Er lässt sie nicht zunichte werden; er tröstet sie! Wir alle, die wir angesichts der Not um uns und in uns Gottes Vergebung und Trost suchen, werden von ihm getröstet, wie von einer liebenden Mutter.

Trost heißt Liebkosung und Fürsprache

„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Wer aus dem Gericht kommt, weiß, dass dieses Wort weder Beschwichtigung noch Vertröstung ist. Es ist die Antwort Gottes, sein Trost in einer heillos verfahrenen, trostlosen Situation. Das schenkt uns neue Hoffnung auf eine verheißungsvolle Zukunft!

Der hebräische Text verwendet für Trösten das Verb „nichcham“. Darin klingt „zum Herzen reden“ mit – ein zum Herzen des Menschen dringendes und damit Realität werdendes Wort. Es zielt nicht auf irgendwelche Sachprobleme, die es zu lösen gilt, sondern spricht in die Mitte unseres Lebens hinein. Es spricht uns an und will uns heilen. In der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung, ist von „blanditia“, „Liebkosung“ die Rede. Der allmächtige Gott ist auch der zarte Gott – es wird des Vaters Mütterlichkeit geschildert, die einen umfängt, was immer war oder kommen mag. Die griechische Septuaginta führt hier das Wort „parakaleo“ ein, in seiner mehrfachen Bedeutung: mahnen und trösten, aber auch fürsprechen. ­Gericht, Fürsprache und Trost sind verknüpft. Wie es im Weihnachtslied heißt: „Er sieht dein Leben unverhüllt, zeigt dir zugleich dein neues Bild“ (EG 56,3). Und immer geht es bei dem Wortstamm „kalein“ darum, ­jemanden zu sich zu rufen.

Das macht den Trost zum heilsamen Wort: Dass der allmächtige Gott zärtlich zu unserem Herzen spricht und uns zu sich ruft! Denn Gott allein ist der Trost. Ohne Verbindung zu diesem Heil bleibt Trost bloße Vertröstung: ein zwar netter aber wirkungsloser moralischer Appell.

Die biblische Lesung (Lukas 2,25-35) für den heutigen Gottesdienst hat dies verdeutlicht: Da wartet einer auf den „Trost Israels“. Tröstung war seit dem Propheten Jesaja zum Inbegriff der messianischen Heilszeit geworden. Jesus selbst verheißt den Jüngern im Zeichen seiner messianischen Vollmacht den Heiligen Geist als „den Tröster“. Die Antike kannte nur Götter der Anklage und der Rache, aber keinen Gott, dessen Wesen Tröstung gewesen wäre. Von unserem Gott, dem Heiligen Israels, der sich in Jesus Christus sichtbar und im Heiligen Geist erfahrbar macht, wird genau das gesagt: sein Wesen ist Trost! „Gottes opus proprium aber ist die Tröstung“ 1, formuliert das Theol. Wörterbuch zum NT zugespitzt. Ja, Gottes vorrangiges Werk ist sein Trost. Nicht anstelle des Gerichtes, sondern aus dem Gericht heraus. Nicht an seinem Wort vorbei, sondern durch dieses Wort. Nicht als vergängliche Vertröstung, sondern als ewiges Heil.

Getrost in aller Bedürftigkeit

In diesen Tagen, in denen doch alle Welt Trost nötig hätte, hätte sich freilich eine Predigt angeboten, die mit tröstenden Worten zur Zuversicht aufruft: die Griechen, die großen Mangel leiden, die Franzosen, die vom islamistischen Terror heimgesucht sind, uns Europäer, die die Demokratie immer neu buchstabieren müssen, die Ukrainer und die Syrer und die Kurden, die vom Krieg verzehrt werden – und erst recht die Flüchtlingsströme, die sich uns anvertrauen. Sie alle sind unserer Fürbitte und helfenden Händen anbefohlen. In der Mitte unseres Losungswortes geht es um die tiefste Bedürftigkeit seines Volkes: um Trost und Heil im Gericht. So wird die Kirche, mitten im Gericht, zum Zeugen des Trostes und des Heils, so ist sie wahrlich bei Trost!

Anmerkung:
1 Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), Band V, S. 787

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

    Alle Artikel von Klaus Sperr

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal