Wahl Weise Fromm

Entschieden gegen den Trend leben 

Christen sind gerufen, „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ zu leben. Unser Zeitalter ist nur eine Erscheinungsform von Welt, doch wirkt es besonders kraftvoll und eindringlich auf das christliche Glaubenszeugnis und stellt es hart auf die Probe. Wenn die Kirche den Irrungen und Wirrungen der Zeit nicht standzuhalten vermag, wird sie nicht nur kulturell versagen, sondern sich auch vorwerfen lassen müssen, ihrem Herrn gegenüber treulos geworden zu sein.

Reizwort Autorität

Unsere moderne Welt tendiert dazu, sich an Vorlieben statt an Autoritäten auszurichten, sprich jegliche Autorität außer ihrer eigenen zu unterlaufen, indem sie Entscheidungen überhaupt zu einer Frage von Vorlieben erklärt. Für den jüdischen und den christlichen Glauben aber ist Autorität gleichermaßen zentral und entscheidend. ­Rabbiner Jonathan Sacks etwa bezeichnet das Buch Leviticus (3. Mose) als den „Schlüsseltext“ des Judentums, der traditionellerweise nach seinem ersten Wort „wajjiqra“ – „und er rief“ 1 genannt wird. Die drei darin verwendeten Formeln „er sagte“, „er sprach“ oder „er befahl“ bezeugen die unangefochtene Autorität Gottes, der im Gegensatz zu allen anderen Gottheiten jenseitig ist und dessen Worte verbindliche Wahrheit sind, die er mit Vollmacht an uns richtet. Sie zu verdünnen hieße, Gott abzuschwören.

Das Bekenntnis zu Jesus, dem Herrn, bildet die Mitte des christlichen Glaubens. Wir sind seine Nachfolger, weil wir mit dem ungläubigen, später glaubenden Thomas zur Gewissheit gelangt sind: Mein Herr und mein Gott! (Joh 20,28). Christen­ glauben, dass Jesus ganz Gott ist und ganz Mensch wurde. Er offenbart das Wesen und den Willen des heiligen Gottes in einzigartiger, unzweifelhafter und hinlänglicher Weise, und in keinem anderen Namen ist Heil. Ein Jünger fügt sich dieser Autorität, lebt im Lichte von Gottes jensei­tiger Majestät und schämt sich dessen nicht. Wir vertrauen Gottes Wort und tun, was er sagt. Wir bekennen, dass wir nicht selbst-erschaffen, nicht selbst-genügend und nicht autonom sind. „Gott zu dienen, das ist vollkommene Freiheit“, heißt es im Book of Common Prayer2 – und nirgends hat Freiheit einen höheren Stellenwert als im jüdischen und christlichen Glauben. Sie ist eine Gabe Gottes und nichts, was wir erringen. Sie besteht in Verbundenheit und reift in der Beziehung zu unserem Meister, unseren Geschwistern und Nächsten. Und sie wird wirklich im Rahmen der Unterweisungen Jesu und der Schrift. So gründet der christliche Glaube in der Vollmacht Jesu, dessen Worte und Weisungen für seine Nachfolger über jede andere Autorität erhaben sind.

Unbegrenzte Auswahl?

Ein solches Beziehungs-Verständnis gilt mittlerweile als überholt und starr. Systematisch, wenn auch auf subtile Weise, versucht die fortschrittliche Welt, sich ihrer zu entledigen. Unter anderem durch die Allgegenwart und Dynamik der ­Pluralisierung, in der sich alle Lebensbereiche stetig wandeln und Wahlmöglichkeiten sich ­unablässig vermehren. Die schwindelerregende Auswahl in Supermärkten und Shopping Malls macht das augenfällig, das Angebot erstreckt sich aber schon längst über herkömmliche Konsumwelten hinaus:­ Zu den Frühstücksflocken, Restaurants und Ernährungsweisen gesellen sich (unzählige) Geschlechtsidentitäten, Paarungskonstellationen und eine breite Selbstbedienungspalette aus allen möglichen Lebensentwürfen. Wichtiger noch als der Gehalt ist die Möglichkeit, auszuwählen. Wähle, probier aus! Es gibt zu allem noch ein paar Alternativen, andere Menschen, andere Dinge. Du könntest ja den Super-Jackpot von Urlaubsort, Beziehung oder Weltanschauung verpassen, wenn du nicht weißt, was sonst noch zur Auswahl steht! „Die Liebe zu einem ist eine Barbarei“ schrieb Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse, „denn sie wird auf Unkosten aller übrigen ausgeübt. Auch die Liebe zu Gott“. Da haben wir’s! Auch Gott schrumpft zur Konsummöglichkeit, und wenn wir die Wahrheit aus der Gleichung streichen, gilt das Festhalten an einer Entscheidung nicht mehr als Stärke des Geistes, sondern als feige und dumm. Der Reklamejargon macht uns glauben, wir seien Freigeister, wenn wir nur immer für alles offen bleiben und Neues probieren. Unsere Freiheit ist Wahlfreiheit, egal, ob die Wahl richtig oder falsch ist, klug oder töricht. So lange wir wählen, sind wir frei, hingegen sind Wahrheit, Güte, Autorität irrelevant. Es ist unser souveränes Recht als unumschränkte Wähler, immer neu gemäß unseren Vorlieben zu entscheiden. Zuletzt aber heißt das, dass alle Optionen gleich gültig sind und dabei jede für sich bedeutungslos wird.

Wahlfreiheit oder Gewissensfreiheit?

Kein Wunder, dass Gewissensfreiheit und ein Nein aus Gewissensgründen nichts mehr zählen. In der Wahlfreiheit, die vom Gewissen abgekoppelt ist, geht es nur um den Anspruch, die Wahl zu haben. Das Gewissen jedoch ist stets einer Sache verpflichtet. Darin gründet auch die Achtung vor dem Gewissen, weil es den Menschen bindet: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Wenn die Freiheit des Gewissens mit der Freiheit zur Wahl verwechselt wird und aller Verpflichtung entbunden ist, verliert sie ihren Anspruch auf Respekt.

Unterm Strich bildet die reine Wahlmöglichkeit den Kern der modernen Konsumgesellschaft. Sie wertet den allmächtigen Wähler auf, indem sie das Gewählte abwertet. Spielt es eine Rolle, ob jemand Müsli, Haferflocken oder Cornflakes zum Frühstück isst, ob er Fußball oder Basketball spielt, oder doch lieber Golf? Und spielt es noch eine Rolle, ob er den Freitag hält wie die Muslime, den Samstag wie die Juden, den Sonntag wie die ­Christen – oder gar nichts feiert? Spielt es eine Rolle, ob meine Schwägerin homo- oder heterosexuell ist, ob mein Chef ein Schürzenjäger ist, schwul oder früher mal eine Frau war? Jedem das Seine. Wir sind verschieden, jeder hat seinen Weg, seinen Stil; wer mag sich ein Urteil über das anmaßen, was außerhalb seiner Erfahrung liegt? Wenn die derart autonome Freie-Wahl-Konsum-Mentalität des Supermarktregals ins Schlafzimmer kippt, in die Ämter, an die Wahlurnen und zuletzt unsere gesamte Zivilisation bestimmt, was gilt dann noch die Autorität? Und welchen Respekt zollt man einem Widerspruch aus Prinzip? Die (freie) Wahl – unumschränkt, autonom und souverän – herrscht wie ein verwöhnter Monarch im Konsumentenland, Bequemlichkeit und Vorteilsdenken sind seine Hofschranzen. Über immer mehr Aspekte des­ Lebens breitet sich sein Herrschaftsbereich, aus dem unliebsame Spielverderber wie Autorität und Gehorsam verbannt sind, weil sie die Illusion der grenzenlosen Wahlfreiheit gefährden.

Infolge dieser Landnahme gerät das Prinzip der ­Autorität auch im kirchlichen Bereich in eine schwere Krise. Eine modische Auslegung folgt der anderen zur Selbstrechtfertigung; lauter ­Positionierungen, die sich auf dem Prüfstand klarer Gedanken als Auflehnung gegen die ­Autorität Jesu und der Schrift darstellen.

Wähle ich oder werde ich gewählt?

Evangelikale sind insofern anfällig für einen verzerrten Blick auf die Wahlfreiheit, als sie bei der Bekehrung die Rolle der eigenen Entscheidung betonen – das könnte ihre Achillesferse sein. Gilt Israel als das „erwählte Volk“ und die Zugehörigkeit als Fügung, betrachten Evangelikale sich selbst als ein „wählendes Volk“ und den Glauben zuweilen als Resultat ihrer Entscheidung. Selbstverständlich ist Glaube ein Entscheidungsschritt, der wichtigste und verantwortlichste überhaupt! Wenn aber die eigene Wahl maßgeblich wird und alles Heil an ihr hängt, kann es ihr gehen wie sämtlichen anderen freien Optionen: sie verliert an Gewicht, wird subjektiv variabel und bleibt letztlich unverbindlich. Wahl und Wechsel gehören eng zusammen, und wer zum Glauben kommt, weil er sich entscheidet, dies oder das zu glauben, wird unter Umständen wieder Abstand davon nehmen, sofern er beschließt, anders zu glauben.

Die Bekehrungslehre der frühen Kirche bildet einen scharfen Kontrast zu dieser neuzeitlichen Nonchalance. Insbesondere, wenn sie im Sakrament der Taufe den hohen Preis für den Glauben bezeugt. Sie nimmt ausdrücklich Bezug auf das antike Verständnis von sacramentum. In der ­römischen Gerichtsbarkeit galt sacramentum als weitaus gewichtiger als ein gewöhnlicher Eid. Vor einer hohen Autorität gab man sein Wort und damit sein Leben zum Unterpfand für das Gelobte. Wer ein sacramentum abgelegt hatte, galt als sacer: durch den heiligen Bund gehörte er fortan nicht mehr sich selbst. Brach er seinen Eid, wurde er „den Göttern übergeben“. So legten auch römische Soldaten ein sacramentum vor ihrem Kaiser ab, bevor sie in seinen Dienst traten, oder Gladiatoren, die in den Kampf und in den Tod zogen. Mit der als sacramentum gefeierten Taufe trafen Christen also nicht eine gelegentliche Entscheidung, sondern besiegelten einen entschiedenen Bruch mit der Vergangenheit und den feierlichen Akt ihrer Bindung an Jesus. Wie ein Eid auf Gott und vor Gott – vor den Glaubensgeschwistern und vor der ganzen Welt. Wir sind heutzutage recht zwanglos, wenn es ums Wählen geht; ein bindender Glaubenseid hingegen ist teuer, denn indem wir uns an Jesus binden, verpfänden wir unser ganzes Selbst. Wir haben entschieden – und sind gebunden. Wir haben unser Kreuz genommen und es gibt kein Zurück. Wir gehören nicht mehr uns selbst.

Autorität der Schrift oder über die Schrift?

Die Verharmlosung des Wählens gründet letztlich in unserer gefallenen Natur als Wahrheitssucher, die doch immer die Wahrheit verdrehen. Statt ­unsere Bedürfnisse an Gottes Wahrheit auszurichten, versuchen wir, die Realität unseren Wünschen gefügig zu machen – der moderne Konsumismus kommt uns dabei nur zupass. Schon Augustinus musste sich mit dieser Versuchung auseinandersetzen, als er die Irrlehren der Manichäer anprangerte. Seine Worte von damals klingen geradezu wie eine Erwiderung auf den Versuch unserer Tage, die gleichgeschlechtliche Ehe biblisch zu rechtfertigen: „Denn ihr glaubt vom Evangelium, was zu glauben ihr wählt, und ihr glaubt nicht, was ihr nicht zu glauben wählt, ihr glaubt doch eher an euch als an das Evangelium.“ Auch wer sich als Christ zum Anwalt einer homosexuellen Neudeutung macht, glaubt mehr an sich und an die sexuelle Revolution als an das Evangelium: lieber die Schrift nach den eigenen Wünschen zurechtbiegen als die Wünsche der Wahrheit der Schrift zu unterstellen. Der protestantische Liberalismus hat sich längst auf diesen Pfad begeben und die Autorität Jesu schrittweise durch die Autoritäten der Aufklärung und der ihr folgenden Weltbilder ersetzt. Seine Apologeten sind das, was George Cannings als liberale Revisionisten und jakobinische Trittbrettfahrer charakterisiert: „Freunde eines jeden Glaubens, nur nicht ihres eigenen.“ In ihren Fußstapfen sind ganze Kirchen und Konfessionen einer Fata Morgana gefolgt, haben sich geistlich wie institutionell selbst entleibt und sind inzwischen genau so bedeutungslos wie sie treulos waren.

Wer ändert wen?

Hat man das traurige Los des eifernden protestantischen Revisionismus vor Augen, wird einem beim Anblick evangelikaler Revisionisten, die jenen nun in den Abgrund von Gadara hinterher stürzen, noch mulmiger. (...) Sie ernten allerdings nur, was Generationen vor ihnen mit viel Nachdruck verkündigt haben. Wurde uns nicht allen Ernstes ein Paket unsinniger Richtlinien geschnürt, wie etwa der Rat eines christlichen Marketingberaters an liebe und offene Gemeinden: „Verlieren wir nicht das Grundprinzip christlicher Kommunikation aus dem Blick: das Publikum ist maßgeblich, nicht die Botschaft.“ Das Publikum maßgeblich? Nein, tausendmal nein! Für die Verkündigung der Kirche ist allein die Botschaft des Evangeliums und Jesus als Herr der Botschaft souverän und maßgeblich, aber nie und nimmer das Publikum, egal wie bedürftig oder anziehend, wie vornehm oder betucht es sein mag. Selbstverständlich wollen wir den Juden ein Jude und den Heiden ein Heide sein, alles für unsere Nächsten tun und keine Generation, keine Lebenssituation ausschließen. Aber nicht, indem wir uns den Suchenden angleichen, sondern indem wir sie zu Jesus führen!

Solche Treue mag auf kurze Sicht einen hohen Preis fordern. Die politische Korrektheit, die sich zunehmend Respekt verschafft, kann bald selbst als intoleranter Mainstream alles wegreißen, was gegen den Strom schwimmt. Doch nichts käme uns auf lange Sicht so teuer zu stehen, wie eine Zurückweisung der Autorität Jesu und die Abkehr von den Lebensregeln seines Evangeliums. Genau davor warnt er uns: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten – die Seele können sie nicht töten. Fürchtet vielmehr den, der Leib und Seele dem Verderben in der Hölle preisgeben kann (Mt 10,28).

Assimilieren oder Fremdbürger sein?

Christliche Revisionisten täten gut daran, über die Geschichte von Lot nachzudenken, nicht nur über die seiner rückwärtsgewandten Frau. Lot hatte sich für die Vorteile und Privilegien in den gepflegten Gärten von Sodom entschieden, in die Oberschicht eingeheiratet und sich in die inneren Machtzirkel der Stadt hochgedient – bis er mit der harten Wahrheit konfrontiert wurde. Wie naiv und verblendet war er, sich den Bewohnern Sodoms anzuvertrauen! Als es hart auf hart kam, hatten diese weder Respekt für sein Ideal von Gastfreundschaft noch Geduld für seine moralischen Einwände. Sie drohten ihm mit der gleichen Brutalität wie seinen Gästen: Weg mit dir! Und sprachen auch: Du bist der einzige Fremdling hier und willst regieren? Wohlan, wir wollen dich noch übler plagen als jene (1 Mo 19,9). Lot hatte sich vor allen zum Trottel gemacht, nicht nur vor den Schwiegereltern. Doch trotz seiner Bemühungen und entgegen seiner Hoffnung genoss er nicht den Respekt, nach dem er sich sehnte. In den Augen Sodoms war er der Fremde geblieben, ohne Ansehen. Abraham hingegen, der sich stets zum Status des Fremden bekannte, hatte sich unter den Kanaanitern Respekt verschafft. Unverzagt  fremd: „resident aliens“ sein, ortsansässige Fremdbürger – zu diesem Status sind wir berufen: in der Welt, aber nicht von der Welt.

Evangelikale mögen ihr Herz prüfen. Eine ganze Theologengeneration ventilierte die „Weltveränderung“ – aber wer verändert wen? Die Welt legt es gewiss darauf an, die Kirche zu ändern, ist sie doch die letzte Instanz, die sich dem Diktat der freien Optionen in den Weg stellt. Aber will die Kirche überhaupt noch die Welt verändern, oder möchte sie sich lieber selbst im Licht der Welt wandeln? Alles Gehörte und Gelesene ist existentiell zu hinterfragen: Was wird eigentlich behauptet? Ist es überhaupt wahr? Auch wenn solche Fragen im modernen Informationszeitalter nicht hoch im Kurs stehen, sollten wir niemals zulassen, dass die Frage nach der letztgültigen Wahrheit unter uns nicht mehr an erster Stelle steht.    

Anmerkungen:
1  
Jonathan Sacks, Covenant and Conversation: A Weekly Reading of the Jewish Bible - Leviticus (New Haven, CT: Maggid Books, 2015), 368.
2  
Agenda der Anglikanischen Kirche mit den Ordnungen für Morgen- und Abendgebet, Taufe, Abendmahl, Konfirmation und Trauung sowie Texte zum kirchlichen Dienst, für Kranken­besuch, Bestattung und Ordination.

Dieser in dem Buch „Impossible People” publizierte Vortrag wurde für das Salzkorn in Auszügen und mit Genehmigung des Verlags von Írisz Sipos und Birte Undeutsch ins Deutsche übertragen. © 2016 Os Guinness. Used by permission of InterVarsity Press, Downers Grove, IL 60515, USA, www.ivpress.com

Von

  • Os Guinness

    (1945). Er ist christlicher Apologet, Gesellschaftskritiker und zählt sich nur evangelikalen Bewegung

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