Angst essen Seele auf!

Die besten Dinge im Leben sind keine Dinge. 

     Unbekannt

 

Gott aufnehmen heißt,
sich Gott selbst schenken,
auch wenn unser Geschenk
nur in der Hingabe unserer Finsternis
an sein Licht besteht.
     Adrienne von Speyer

Liebe Freunde!

seit Oktober weihnachtet es wieder ordentlich in Deutschland, die letzten freien Plätze im Super­markt sind mit Lebkuchen, Marzipan und Weihnachtsmännern zugestellt. Selbst die Strategie „Augen zu und durch“ versagt, denn der Durchgang zwischen den Regalen ist meist so bemessen, dass man trotz aller Vorsicht an irgendwelchen Leckereien hängen bleibt. Die Auswahl an spielzeug­ge­füllten Adventskalendern stellt die schlichten Papier-­ und Schokokalender meiner Kindheit völlig in den Schatten. Die saloppe Antwort meiner Tochter auf diese Beobachtung: „Papa, du bist halt im letzten Jahrtausend geboren!“ – Jesus ist vor zweitausend Jahren geboren, denke ich bei mir, und die Freude der Hirten darüber war damals sicher nicht geringer als die Verzückung der Teenager im kunterbunten Weihnachtsrummel heute. Was wird hier eigentlich gefeiert?! Dass die Wirtschaftswelt ein Riesengeschäft feiert, ist außer Frage. Zu klären jedoch ist die Frage, ob und wie es uns noch gelingt, durch das Dickicht von Zucker, Zwängen und Konsum bis zu dem Kind in der Krippe durchzudringen.

Der in China geborene Apologet Os Guinness, Freund und Mitstreiter von John Stott, sprach in diesem Sommer auf der Konferenz für junge ­Leiter („Young Leaders Conference“) der Lausanner Bewegung in Jakarta/Indonesien. Zusammen mit über tausend anderen engagierten Geschwistern aus über 140 Ländern hörte ich ihm betroffen zu. Er wurde nicht müde zu betonen, dass die größte geistliche Bedrohung für das Christentum heute nicht vom vorpreschenden Islamismus ausgehe,­ sondern vom Kult des Konsumismus. Dieser höhle den Glauben von innen aus und habe im Glauben, Denken und Handeln der westlichen Christenheit verheerende Spuren hinterlassen, wie es nicht einmal die Ideologien der letzten hundert Jahre vermocht haben.

Konsumieren und konsumiert werden

Ganz aktuell klingt da die Mahnung des Apostels Paulus an die Geschwister in Rom: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung eures Sinnes (Röm 12, 2).­

Die Angesprochenen lebten im Zentrum eines ­­Imperiums mit einer militarisierten Spitzentechnologie und im Brennglas eines Staatskultes mit einer überbordenden Götterwelt, die ihre Cäsaren in den Götterstatus erhoben hatte. Das Reich war stolz auf das hohe Ideal der Selbstbestimmung und alles war auf Wachstum, Wohlstand und Selbstbehauptung ausgerichtet. Wer das Glück einer hohen Geburt hatte, oder das Geschick, sich eine Existenz aufzubauen, durfte hoffen, es zu was zu bringen. Jeder war seines Glückes Schmied – und ein Rädchen im großen Getriebe zugleich. Wie mühselig muss es für die ersten Christen, die in dieser Welt „lebten, webten und waren“, gewesen sein, ihr Denken, Fühlen und Handeln aus den „Schemata“ der Römer zu lösen und ihr Leben und ihre Identität an den Maßstäben Christi neu auszurichten! Sie haben einen hohen Preis dafür gezahlt. Und auch heute greifen die weltlichen Versprechen, wir könnten als unseres Glückes Schmied, als egalitäre Cäsaren, unser Selbst zur höchsten Autorität machen. Denn es zählt nur, was man aus sich macht. Oder, in der moralisch abgespeckten Variante, wie man sich selbst am besten darstellt. Identität ist ein Projekt, in das wir permanent investieren und das wir optimieren müssen, um so lange wie möglich attraktiv zu bleiben und den eigenen Wert zu steigern: sei es auf dem Beziehungs- oder dem Arbeitsmarkt oder in der medialen Öffentlichkeit. Nach dem Evangelium aber sind unser Leben und unsere Identität Geschenk unseres Schöpfers, unsere Würde erhalten wir aus seiner Ebenbildlichkeit. Wer man ist, bleibt letztlich unverfügbar – unser Sein ist verborgen und aufgehoben in Christus. Demgegenüber steht die Vorstellung, dass wir für die Schaffung unserer Identität selbst zuständig sind. Sie kontaminiert ständig unseren christlichen ­Lebensvollzug.

Hauptsache obsolet

Dieses Streben nach Selbstoptimierung hat durch den technischen Fortschritt und den leichten Zugang zu Waren und Dienstleistungen eine ­unerhörte Dynamik bekommen. Glaubt man der­ Werbung, ist der schmerzhafte Konflikt ­zwischen Realitäts- und Lustprinzip nach dem Motto ­„Warum soll ich nicht einfach haben, was, wie und wann ich es will?“, nahezu restlos beheb­bar. Das konsumistische Ideal verspricht alles und sofort, während die Tugenden des Wartens, Aushaltens, Maßhaltens und Verzichtens effektiv und konsequent abtrainiert werden (S. 168). Frustrationstoleranz und das Aufschieben der Lust- und Bedürfnisbefriedigung werden als unzumutbar oder als Relikte einer preußisch-puritanischen Selbstverleugnung belächelt.

Immer wieder erregt es die Gemüter, wenn das Gerücht kursiert, dass Produkthersteller Fehler und Sollbruchstellen in ihre Produkte einbauen, um deren Lebensdauer zu reduzieren und das Kaufverhalten anzukurbeln. Dabei haben die Unternehmen solche Regulierungen gar nicht nötig. Es reicht, wenn sie kurz nach Verkaufsstart eines Produktes etwas Neues auf den Markt werfen. Die vor einem Jahr noch brandaktuelle Ware wird vom Konsumenten selbst als überholt, gar überflüssig eingestuft und durch eine aktuellere ersetzt. Obsoleszenz (von obsolet werden) ist ein Marketingfaktor. Nicht mehr Herstellung und Qualität bestimmen die Kalkulation, sondern der  vergängliche Design- und Modewert.

Auch die Optionen auf dem „Beziehungsmarkt“ haben sich durch Online-Dating-Plattformen potenziert. Doch statt sich zu entspannen, ­geraten (nicht nur) junge Menschen unter einen absurden Druck. Selbst wer schon eine Beziehung eingegangen ist, hat es schwer, sich angesichts der aufdringlichen Angebotspalette festzulegen. Die Fixierung auf tatsächliche oder vermeintliche Alternativen ist Gift für jede Beziehung, und es erstaunt nicht, dass die Partnerlosigkeit unter den 25 bis 35-Jährigen einen neuen Rekord erreicht hat. „Der Spiegel“ resümiert: „Während die Sehnsucht nach Liebe wächst, sinkt die Haltbarkeit von Beziehungen.“ Deswegen wird bei Eheschließungen mittlerweile die Obsoleszenz („Abnutzung“)  per individuellen Ehevertrag standardmäßig mit einkalkuliert. – Auch unter uns?

Wie wirkt sich ein konsumorientierter Lebensvollzug auf das Glaubens- und Gemeindeleben aus? Wie gehe ich damit um, wenn mich der Lobpreis oder die Predigt hier und das Familien­angebot dort nicht mehr so befriedigt? Was, wenn die ­Gemeinde im anderen Stadtteil cooler, dynamischer, „heiliger“ und erheblich besser auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist als die jetzige? Pastoren berichten, wie sie mit diesen Herausforderung ringen: Wie bleiben wir als Gemeinde attraktiv? Wie finden wir die Lücke auf dem christlichen „Markt der Möglichkeiten“, die unseren Fort­bestand garantiert und unsere Gemeindemitglieder bei der Stange hält? Und: Was ist der Maßstab für ein evangeliums­gemäßes Leben, wenn die Verheißungen Freiheit, wahres Glück, Erfüllung und spirituelles Wachstum als herstellbare und einforderbare Güter angepriesen werden? Os Guinness beleuchtet die Gefahr einer kundenorientierten Verkündigung und einer Ethik, die eigene Neigungen zum Maßstab für richtig und falsch erklärt (S. 182).

Achtung: Erstickungsgefahr!

Angst essen Seele auf – lautete der Titel von R.W. Fassbinders epocheprägendem Film. Das gilt auch für den Konsum, auch der Konsum isst die Seele auf, denn er überdeckt unsere tiefen Ängste nur notdürftig und generiert ständig neue: die Angst zu kurz zu kommen etwa oder nicht mehr dazuzugehören. Diese und andere Nebenwirkungen sind auf keinem Beipackzettel vermerkt. Um in der Spirale zu bleiben, rät der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman ironisch in seiner ethischen Richtschnur für das Konsumleben, „es tunlichst zu vermeiden, dauerhaft zufrieden zu sein. Für eine Gesellschaft, die die Zufriedenheit der Kunden zu ihrem einzigen Motiv und wichtigsten Ziel erklärt, ist ein wunschlos glücklicher Kunde weder ein Motiv noch ein Ziel, sondern die furchteinflößendste aller Bedrohungen.“ Die Angstreligion Konsumismus ist also im Kern ein Kult der Unzufriedenheit, des Unglück und der Undankbarkeit. Seine geistlichen Früchte sind, wie mittlerweile Psychologen und Anthropologen warnen, Dauerstress, Selbstzweifel, Depression und Beziehungsprobleme.

Die hippe Wortschöpfung „stuffocation“ aus den englischen Begriffen „stuff“ = Zeug und „suffocate“ = ersticken macht es anschaulich: Man droht am gehorteten Zeug zu ersticken. Ist zu bepackt, zu reich und zu träge, um sich auf einen neuen Weg zu machen. So erging es dem reichen Jüngling, dessen Herz an seine irdischen Güter gekettet war. Jesus warnt seine Jünger ausdrücklich davor, sich davon abhängig zu machen. Denn der Mammonkult mit seinem hohen Suchtpotenzial zerstört die geistliche Beweglichkeit und verstellt uns den Blick auf den Weg, den Jesus mit uns gehen möchte.

Von messiehaft zu messianisch

Die Jahreslosung für 2017 lädt zum heilsamen Perspektivwechsel ein. Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch (Ez 36, 26). In der Bibel geht es immer wieder um das Empfangen. Deswegen ist der Advent die ultimative Einladung, Seele, Kopf und Herz von allem zu entrümpeln, was verhindern will, dass Gott einen neuen Geist in uns hineinlegen kann. Er ist die rechte Zeit für den Entzug vom ständigen Habenwollen und Messietum und für den Einzug des Messias in alle unsere Lebensvollzüge. Ihn können wir nur mit leeren Händen empfangen. Das ist die Kehrtwende, die zur Erneuerung führt, weil der Retter selbst auf unsere tiefste Sehnsucht nach Freude, Sinn, Liebe und Annahme antwortet. Es lohnt, sich freiwillig der zunächst unangenehmen inneren Leere auszusetzen, sie auszuhalten, um für das Erfülltwerden aus einer anderen Wirklichkeit empfänglich zu werden. Das ist die Kernbotschaft von Anneliese Herzigs Aufsatz zum evangelischen Rat der Armut (S. 160).

Kontroverse „einfacher Lebensstil“

Kaum ein Thema sorgt unter uns in der OJC für so viel Zündstoff, wie der Anspruch, einem „einfachen Lebensstil“ folgen zu wollen (S. 154). Das beginnt bei der grundsätzlichen Frage, ab wann und im Vergleich zu wem unser Lebensstil „einfach“ ist – in Auszügen nachzulesen ab S. 165 – und setzt sich fort im Vergleichen, wenn jemand mit Ansprüchen oder Aktionen aufwartet, die der eigenen Vorstellung vom einfachen Lebensstil zuwiderlaufen. Auch die Ungleichheit unter uns kann zum Reizthema werden: Jeder bekommt zwar das gleiche Gehalt, aber wir haben doch unterschiedliche Ressourcen. Obwohl wir diesen Unterschied bewusst bejahen, stehen wir immer wieder vor der Herausforderung, mit Neid und Spannungen umzugehen. Dann hilft es, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass das Vergleichen den Blick füreinander verstellt. Wir möchten miteinander in einen „großzügigen Lebensstil“ hineinfinden und hineinwachsen; großzügig werden im Teilen, Anteilnehmen und Anteilgeben. Und gemeinsam ist es auch leichter, den klugen Umgang mit den begrenzten Ressourcen einzuüben. So sind die Ratschläge von Richard J. Foster für uns stets eine Quelle der Ermutigung und Inspiration (S.187).

Zu den freudevollsten praktischen Übungen, die wir als OJC zusammen mit Ihnen, den Freunden, Jahr für Jahr vornehmen, gehört das Teilen mit unseren Projektpartnern weltweit. Diesmal möchten wir Ihnen Anteil geben an unserer Freude über die wunderbare Arbeit von ONESIMO in den Slums von Manila, deren Wachstum wir seit Jahren begleiten (S. 170).

Nun sind wir 40 – auf Lebenszeit!

Jeppe und Rahel Rasmussen sind seit dem 30. September OJC-Gefährten auf Lebenszeit! Ring­träger nennen wir unter uns jene, die sich nach einer reiflichen Prüfung entschieden haben, auch ihr künftiges Leben ganz  in den Auftrag der OJC zu stellen – denn sie tragen nun das Siegel der Kommunität in der Form eines Ringes. Jeppe wird unser apologetisches Anliegen im Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) mit voranbringen, Rahel stärkt das Redaktionsteam und bereichert unser geistliches Leben mit ­Bibelarbeiten. Wir haben ihren weiteren Weg mit den vier Kindern Noah, Alma, Naomi und Darius dem Segen Gottes anbefohlen und danken herzlich für alle Fürbitte. Seit der Gründung der Kommunität 2008 haben sich nun 17 Geschwister mit einem Bundesversprechen den 23 Gründern angeschlossen. So sind wir insgesamt 40 – unsere Pionierin Ite eingerechnet, die uns vor einem Jahr in die Ewigkeit vorausgegangen ist.

Wir anderen üben derweil das Miteinander von Jung und Alt als etwas, was einer Gemeinschaft auf Lebenszeit ins Hausaufgabenbuch geschrieben ist. Von meinem Bürofenster aus verfolge ich, wie der Bau des Mehrgenerationenhauses Tag für Tag fortschreitet. Ende November kommen die Fenster rein, damit im Winter der Innenausbau erfolgen kann. Wir sind Euch und Ihnen zutiefst dankbar für alle Unterstützung, die dieses Projekt überhaupt möglich gemacht hat. Wir sind überzeugt, dass es nicht nur eine gute und nachhaltige Investition in die Rendite der ojcos-stiftung ist, die zahlreiche Projekte vor Ort und weltweit unterstützt, sondern vor allem in die Zukunft des OJC-Auftrags, jungen Menschen in Jesus Christus Heimat, Freundschaft und Richtung zu geben.

Lassen wir uns in diesem Advent alle neu dazu bereiten, indem wir die Hände leer, den Kopf frei und das Herz ohne Angst dem hinhalten, der uns mit einem neuen Herzen und einem neuen Geist beschenken will!

Zusammen mit den Gefährten aus Reichelsheim und Greifwald zwischen 3 Monaten und 77 Jahren grüße ich Sie herzlich und wünsche Ihnen frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr!

Ihr
Konstantin Mascher
Reichelsheim, den 8. 11. 2016

Von

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