Schlicht ist einfach

Schlicht ist einfach

Stimmen aus der Gemeinschaft

Die Sachensucherin

Die Aufschrift auf dem Papp­karton am Straßenrand lässt mich neugierig stehen bleiben: „Zu Verschenken!“ steht da. Ich finde blaue und gelbe Kaffee­becher. Zu Hause ergänzen sie wunderbar unser sowieso bunt zusammengewürfeltes Sammelsurium. Wir haben uns abgewöhnt, dass die Dinge alle zusammenpassen müssen. Es ist viel zu schön, die Überraschungen ins Bestehende zu integrieren. Ich fühle mich dann wie Pippi Langstrumpf, die selbst deklarierte „Sachensucherin“.

Seit wir 2008 aus Argentinien wieder nach Deutschland gekommen sind, kann ich nur staunen, was man alles auf der Straße finden kann. Ich finde Teppiche, Sessel, Schuhe oder auch mal Töpfe, Thermoskannen und Fußschemel. Mir scheint dann immer, dass Gott vor Freude in die Hände klatscht über das, was er mir vor die Füße gelegt hat. Manchmal bitte ich ihn auch gezielt um Dinge wie die warme Lammfelljacke für meine Tochter. Jemand mistete bei sich so richtig gründlich aus und pries mir auf dem Bürgersteig an, was ich mitnehmen könnte. Der Jacke fehlte ein Knopf. Ich lachte – und nähte einen dran.

Manches inspiriert mich, selber kreativ zu werden: Aus überdimensionalen Blusen, die keiner mehr tragen will, nähe ich bunte Beutel, aus alten Wollpullis eine Babydecke für mein Enkelkind. Man kann aus fast allem etwas machen. Das habe ich von meinen Nachbarinnen in Argentinien gelernt, die darin nicht zu überbieten waren. Und was ich nicht auf der Straße finde, gibt es ganz gewiss im Gebrauchtwarenladen. Obwohl ich nach unserer Rückkehr lernen musste, dass es auch eine „Secondhand-Gier“ gibt. Ich schleppte riesige Tüten nach Hause, weil eben alles so billig war. Das fühlt sich irgendwann nicht mehr gut an. Ich möchte freier werden, weniger brauchen, zufrieden sein. Denn das ist das Schönste am einfachen Leben: Wenig brauchen, viel verschenken, sich wie ein Kind freuen über die Überraschungen.

Ute Paul lebte mit ihrer Familie 18 Jahre im Chaco/Nordargentinien. Heute ist sie pädagogische Leiterin vom Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg

Öfter mal nix Neues

Ich mochte nie gerne telefonieren und darum wollte ich auch kein Handy haben – selbst wenn alle Welt meint, ich bräuchte eines. Als ich Mitarbeiterin im Erfahrungsfeld wurde, änderte sich das. Um uns auf dem riesigen Schloss­gelände besser verständigen zu können, hatten wir die Wahl zwischen Walkie-Talkie und Handy. Da alle anderen schon Handys hatten, war das der Anlass, mir auch eines zuzulegen. Das kam aus der Sammlung bereits abgelegter aber noch gut nutzbarer Ge­räte meines Vaters zu mir und funktioniert noch heute­ wunderbar.

Nun wollen meine Eltern mir gerne ein Smartphone schenken. Ich habe wieder Nein gesagt, ich brauche es nicht und will es auch nicht haben. Aber dieses Jahr an Weihnachten gehe ich noch einmal an die Sammelkiste der abgelegten Handys und werde meines gegen ein etwas Neueres austauschen.

Ich gehe auch nicht gerne ein­kaufen – eigentlich nur, wenn ein Kleidungsstück so kaputt ist, dass ich es nicht mehr anziehen kann. Mein Kleiderschrank ist recht überschaubar, das macht die Wahl am Morgen viel leichter. Aber manchmal ist es schon passend, sich hübsch zu machen. Als im Herbst 2013 mein Fest zum Eintritt in die Kommunität anstand, war so eine Gelegenheit, doch mein Schrank gab nichts her. Da habe ich mir für einen Tag ein paar Frauen eingeladen und wir haben daraus einen besonderen Tag gemacht: erst in einem Café gefrühstückt und dann waren wir einkaufen. Das war ein tolles Erlebnis, an das ich heute noch gerne denke. Und vielleicht machen wir wieder mal so einen besonderen Ausflug.

Antje Vollbrecht betreut heute die Lohn- und Personalbuchhaltung der OJC.

Warten will gelernt sein

Ich gehöre eher zu einer rand­ständigen Konsumgruppe, ich muss nicht viel und nicht dauernd etwas Neues haben. Wenn ich allerdings wirklich etwas brauche, bin ich darauf aus, mir etwas Gutes und möglichst lange Haltbares zuzulegen. Das darf dann auch etwas kosten. Lange Zeit habe ich solche Anschaffungen fast umgehend selber erledigt. Vor ein paar Jahren bemerkte meine Frau einmal zu meinem (vor-)eiligen Handeln: „Wenn ich von deinen Freunden gefragt werde, was du dir zum Geburtstag wünschst, hast du es dir meistens schon selber besorgt. Es ist schwer, dir eine Freude zu machen.“ Das hat meine Einstellung verändert. Seither bemühe ich mich bewusst, auch über längere Zeiträume zu improvisieren und zu warten.           

Das Warten hat ja auch eine zutiefst geistliche Dimension. Im Advent lernen wir Jahr für Jahr aufs Neue: Ein Mensch lebt, solange er wartet, solange in seinem Herzen die Hoffnung wach ist. Warten auf Erfüllung ist in tausend Lebenslagen präsent, von den banalsten und kleinsten bis zu den wichtigsten: das Warten auf die Geburt eines Kindes bis zum Warten auf die Erfüllung eines materiellen Wunsches. Gott sorgt auf eine Weise, die wir nicht vor­ausdenken können. Meinen letzten und einzigen Anzug trug ich länger als 25 Jahre, dann bekam ich unerwartet einen fast neuen geschenkt, der mir wie maßgeschneidert passte. Es ist spannend, offenzubleiben für Gottes Pläne, auch im Hinblick auf die Erfüllung unserer Wünsche.

Rudolf J. M. Böhm ist Seelsorger und Referent und lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald.

Verzicht, der sich lohnt

Vor sieben Jahren habe ich eine junge Familie aus Rumänien kennengelernt. Ihr Schicksal hat mich so berührt, dass mein Mann und ich sie seither begleiten. Zwischen uns ist eine Freundschaft gewachsen. Juliana und Petre ist es­ bisher nicht gelungen, eine volle­ Arbeitsstelle zu finden. Trotz der Einnahmen durch Gelegenheitsarbeiten bedeutet das für sie und ihre drei Kinder, in ärmlichen Verhältnissen zu leben. Um ihnen in dieser ­an­haltenden Not helfen zu können, haben wir unseren Lebensstil verändert und Freunde ge­beten, finanziell mitzuhelfen. Durch einfaches Essen und Verzicht auf neue Kleidung und andere Anschaffungen, die wir nicht dringend brauchen, können wir sie unterstützen. Manchmal fällt mir der Verzicht schwer. Aber dann erlebe ich Gespräche mit Juliana, die mich froh machen und mich motivieren, weiter so zu leben.­ Ich erlebe mich beschenkt durch Aussagen wie „Jetzt habe ich dir von meinen Ängsten und Sehnsüchten erzählt wie keinem anderen zuvor. Ich habe dir mein Herz gezeigt.“ Ihr Vertrauen und ihre Dankbarkeit sind ein Geschenk für uns.

Ursula und Dierk Hein gehören seit 40 Jahren zur OJC-Gemeinschaft

3-fach Protector-Power-Superglide-Hightech

Um den Konsum anzuregen, müssen Bedürfnisse heute erst künstlich geschaffen werden, besonders wenn der natürliche Bedarf unter den Erwartungen des Wirtschaftswachstums liegt. Doch das geht oftmals nur über den Weg der Verschwendung. Ein Beispiel dafür steht mir morgens beim Rasieren immer vor Augen. Der kleine blaue Streifen meiner 3-fach Protector-Power-Superglide-Hightech-Klinge eines namhaften Herstellers ist schon längst verblasst; er hätte mir wohl anzeigen sollen: Achtung, deine Klinge muss ersetzt werden! Aber seit ­Wochen, ja Monaten rasiere ich mich noch mit derselben Klinge – und zwar mit beacht­lichem Erfolg! Dabei muss ich oft an meinen Opa denken, der seine Gesichtshaare noch mit einer ganz normalen Rasierklinge ohne klangvollen Namenszusatz und jedweden Anzeigemechanismus gestutzt hat und dabei selbst in der Lage war einzuschätzen, wann es Zeit für eine neue Klinge war. Wir werden entmündigt und verdummt, um uns gedankenlos dem Konsum hinzugeben. Da schone ich doch lieber Ressourcen und meinen Geldbeutel, statt bei dieser Verschwendung zugunsten des Wirtschaftswachstums mitzumachen.

Michael Neubert ist Leiter unserer Buchhaltung.

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