Evas Töchter, Adams Söhne

"Tree of Life" © Eva Campbell

Betrachtungen zum Baum der Erkenntnis

In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis (Kol 2,3).

Junges Paar mit Kind unter Baum­krone – schlichter ließe sich Idylle kaum darstellen. Und kaum ein Motiv der Kunstgeschichte reicht an Bedeutung und Botschaft an dieses ­archaische heran, hier von Eva Campbell bulgarischen Ikonen nachempfunden: Der Baum als Sinnbild von Leben und Herkunft, Mann und Frau als Inbegriff von Menschheit, wie sie ihren Platz in der Schöpfung einnimmt, das Kind als die Frucht der Liebe, in der sich ihr Leben mehrt und erneuert. Als Ruhe auf der Flucht wurde es zu einem zentralen Sujet christlicher Malerei: Josef und Maria, die mit dem Jesuskind vor dem tödlichen Zugriff des Herodes nach Ägypten fliehen, bleiben inmitten von Verfolgung und Ungewissheit unter der Obhut Gottes ganz bei sich, beieinander, bei dem Kind – und ganz beheimatet.

Das Ensemble von Mann, Frau, Baum und ­(Leibes-)frucht ist mehr als nur eine ikonografische Variation jener unseligen Szene im Paradies, in der Eva ihrem Adam die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis reicht, und nach der beide ­beschämt, sich selbst entfremdet und heimatlos in der zur Wildnis gewordenen Welt ums Überleben kämpfen. Die Ruhe auf der Flucht veranschaulicht Gottes Antwort auf das alte Ungemach, wie sie der Prophet Jesaja ankündigt: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel – Gott mit uns. Butter und Honig wird er essen, bis er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Butter und Honig als Wüstenspeise der Wandernden – im Gegensatz zum Brot und Wein der Sesshaften – sollen den Knaben nähren, bis er zu Erkenntnis gelangt, zu eben jener Erkenntnis, nach der sich schon das erste Menschenpaar im Garten ausstreckte, die es aber so bitterlich verfehlt hatte.

Sehnsucht nach Erkenntnis: die Majestät des Menschen

Das Rechte wählen, das Unnütze lassen – darin wurzelt das Schöpferwissen Gottes, das den Kosmos aus dem Tohuwabohu scheidend ins Dasein spricht: Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Wasser und Feste, Mann und Weib. Aus der ­polaren Spannung des Unterschiedenen entspringt dann die Vielfalt der Sterne, Pflanzen, Tiere und der Völker: das ganze große lebendige Sein! Kann es für die Träger seines Ebenbildes eine tiefere Sehnsucht geben, als selbst zu erkennen, was ins Leben führt? Wohl kaum. Doch gerade diese Majestät, des Menschen Streben nach Erkenntnis, macht ihn bedürftig – und damit anfällig. Auch für die Versuchung!

Die Lehre aus der abgrundtiefen Täuschung, die wir den Sündenfall nennen, ist, dass man Erkenntnis nicht vom Baum pflückt und sich einverleibt wie Obst, und schon gar nicht hinter dem Rücken des Schöpfers. Erkennen ist nicht Raub oder Beute, sondern im Tiefsten ein inniges Beziehungsgeschehen. Erkenntnis dann ist die Frucht von Verbundenheit in gegenseitiger Ergänzungsbedürftigkeit. Nicht im Konsumieren, aber in der Hingabe; nicht im Beherrschen, aber im liebenden Begegnen erkennen wir und werden wir erkannt.

Freilich gelingt dies jenseits von Eden nie ganz, schon gar nicht aus eigener Kraft. Denn durch den Raub hat sich die Menschheit selbst zur Beute der Finsternis gemacht. Stotternd und brüchig bleibt das Miteinander des Menschenpaares und das ihrer Kinder, die als Frucht aus der brüchigen, von Gier und Scham kontaminierten Beziehung hervorgehen. Die Söhne und Töchter werden überhaupt nur in der Lage sein, ihrerseits zu vertrauen, zu lieben und zu erkennen, weil Gott sich ihrer stets neu erbarmt. Sein Schalom wird ihnen zur Ruhe auf der Flucht; sein Name, sein Bund und seine Ordnungen zur Zuflucht in der existenziellen Obdachlosigkeit. Und immer neu, in jedem Kind, das empfangen und geboren wird, gibt Gott sich dem Menschen als der Lebendige zu erkennen. So wächst vom Baum des Lebens, der dem gierig-verführbaren Konsum des Menschen entzogen bleibt, doch noch Frucht aus seinen Verheißungen zu. Von dieser Frucht leben, überleben Evas Töchter und Adams Söhne von Geschlecht zu Geschlecht ...

... bis die Zeit des Heils reif wird und sich erfüllt.

Bis Gott im Sohn, den Maria und Josef gänzlich voraussetzungslos, aus reiner Gnade empfangen, die vollkommene Erkenntnis seiner und unserer Selbst schenkt. Im fleischgewordenen Wort fügt sich der Schöpfer des Kosmos selbst den Ordnungen seiner Schöpfung, und durch seine Hingabe bis zum Letzten entreißt er der Finsternis ihre Beute: uns. Der Knabe wird zu einem Lernenden, Reifenden und liebend Erkennenden, und lehrt uns als Bruder, zu reifen und zu erkennen – bis wir ganz hineinverwandelt werden in sein Bild.

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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