Kraftquelle für einen starken Charakter

Die Tugend des Maßhaltens

Ist Mäßigung immer und in sich gut? Das klingt oft nach: Bremse deine Lust! Deckle deine Träume! Respektiere deine Grenzen! Sei zufrieden mit dem Spatz in der Hand! Diese Tugend schmeckt nach dem resignierten Rat eines vom Leben Enttäuschten. Sie riecht nach Mittelmaß.

In etwa diesem Sinne hatten die Stoiker, eine weitverbreitete philosophische Richtung um die Zeitenwende, diese Tugend verstanden. Da alle Leidenschaft nur Leiden schafft, soll sich der Mensch allein von der Vernunft bestimmen lassen, seine Emotionen streng kontrollieren und zu allen Dingen kühle Distanz halten. Der ideale Mensch ist für den Stoiker leidenschaftslos, immer wohltemperiert, immer ausgewogen. Die Tugend der Mäßigung war der Weg dorthin.

Radikal emotional

In christlicher Perspektive hat die Tugend des Maßhaltens eine deutlich andere Zielrichtung. Der Gott, von dem die Bibel berichtet, der sich dem Volk Israel offenbart hat und der in Jesus Mensch geworden ist, ist kein kühler Gott, der distanziert der Welt gegenübersteht. Er offenbart sich als ein Gott, der in seiner Liebe maßlos und leidenschaftlich ist. Das entdeckt man auf jeder Seite des Alten Testamentes. Noch deutlicher sieht man es an Jesus. Jesus lebte ein Leben voller Leidenschaft, voll Hingabe. Jesus war radikal, brennend und emotional. Er heilte Kranke bis in die tiefe Nacht hinein. Er feierte mit ausgegrenzten Menschen und lachte mit den Kindern. Er weinte­ um seinen Freund Lazarus und war traurig, als ein junger Mann ihm wegen seines Besitzes nicht folgen wollte. Immer wieder berichten die Evangelien, dass Jesus vom Leid der Menschen im Innersten bewegt war. Auf Ungerechtigkeit und Heuchelei konnte Jesus dagegen mit äußerster Schärfe reagieren. Und schließlich gab er sich kompromisslos hin für die Menschheit. Jesus war leidenschaftlich in seiner Liebe zu Gott und zu den Menschen, in seinem Einsatz für das Gute und für die Wahrheit. Mäßigung war nicht das Markenzeichen seines Lebens.

Leidenschaftlich fokussiert ...

Jesus fordert seine Nachfolger auf, so zu leben, wie er lebte. Als er seinen Jüngern wie ein Sklave die schmutzigen Füße gewaschen hat, sagte er ihnen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben. Ihr sollt euch gegenseitig das tun, was ich für euch getan habe“ (Joh 13,15; BB). Jesus will seine Jünger anstecken mit seiner maßlosen Liebe. Er möchte die Menschen herausholen aus geistlicher Lauheit, aus Mittelmäßigkeit und Halbherzigkeit. Durch seine Liebe soll die Welt verwandelt und Gottes Reich gebaut werden. Ein Leben, das sich an Jesus orientiert, ist ein leidenschaftliches Leben, das sich hingibt für etwas Großes, für Gottes Reich, für Gottes Menschen. Durch diese Hingabe bekommt das Leben ein Ziel und eine klare Richtung. Jesus möchte, dass unser Leben wie ein starker Strom der Liebe wird, der zu Gott und den Menschen hinfließt. Und genau dafür ist das Maßhalten wichtig. Ohne Maßhalten zerfließt unser Leben in hundert verschiedene Richtungen. Es gibt so viele Angebote, so viele Lebensmöglichkeiten! Alle fordern unsere Aufmerksamkeit und Energie. Unsere Kräfte zerfließen in unzählig viele kleine Ströme, weil wir so vielerlei wollen. Am Ende haben wir für nichts wirklich Kraft und die Hingabe für die gute Sache bleibt schöne Theorie.

... oberflächlich und zerrissen

Neulich las ich eine humorvoll-kritische Selbstanalyse eines jungen Idealisten. Sinngemäß schreibt er: „Heute Abend wollte ich eigentlich zur Demo gegen die Neonazis gehen. Das finde ich total wichtig! Aber es regnet und außerdem spielt gleich der BVB! Dann geh ich eben nächstes Mal.“ Wer von uns erkennt sich da nicht wieder? Wir wollen so vieles unter einen Hut bringen, wollen auf nichts verzichten. Und so wird unser Leben oberflächlich und zerrissen.

Die Tugend des Maßhaltens bedeutet, Nein sagen zu können. Bildlich gesprochen heißt maßhalten: Dämme aufzurichten. Allerdings nicht Dämme auf vier Seiten, die unser Leben einengen, sondern Dämme auf zwei Seiten, damit unsere Energien in eine eindeutige Richtung strömen können, stark, konzentriert und wirksam. Positiv formuliert ­bedeutet die Tugend des Maßhaltens die Fähigkeit zur Fokussierung als das ruhige, gesammelte Gerichtetsein auf eine Sache. Stellen Sie sich einen Hochspringer vor in dem Moment, bevor er Anlauf nimmt! Alles ist auf diesen Sprung gerichtet. Nichts lenkt ihn ab. Nur in dieser Konzentration ist er in der Lage, einen guten Sprung hinzulegen.

Meine Prioritäten

Fokussierung ist vielleicht die größte Herausforderung in einer Zeit, wo pausenlos das Smartphone tönt und wir im Internet mit Infos überhäuft werden. Doch wenn wir nicht lernen, unsere Aufmerksamkeit, Zeit und Kraft zu fokussieren, wird ein leidenschaftliches Engagement für eine gute Sache, für das Reich Gottes, für ein Leben in Liebe nicht möglich sein. Nur wenn wir zu vielen Dingen Nein sagen, haben wir die Kraft für ein großes Ja. Das ist der Sinn der vierten Tugend.

Ein Beispiel: Ein Ehepaar aus unserer Gemeinde war unzufrieden. Ihr Leben war so voller Aufgaben, Verpflichtungen, Beziehungen, dass sie chronisch gehetzt waren und immer das Gefühl hatten, nicht zu schaffen, was sie wollten und sollten. Sie fuhren dann für ein Wochenende zu einer Art Klausur. In langen Gesprächen versuchten sie herauszufinden, was für sie das Allerwichtigste ist. Sie klärten, welche Beziehungen sie wirklich pflegen wollen und welche Aufgaben für sie Vorrang haben. Sie setzten also Prioritäten. Sie fokussierten sich. Am Ende schälten sich drei Dinge heraus, die für beide ganz besonders wichtig waren. „Um diese drei Dinge wollen wir uns ernsthaft kümmern. Die haben Vorrang.“ So wurden sie zugleich fähig, zu vielen anderen Anfragen und Möglichkeiten Nein zu sagen.

Warum machen Sie das nicht auch einmal so: Für ein paar Tage sich an einen ruhigen Ort zurückziehen und dort das eigene Leben reflektieren: Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig? Was sind meine großen Ziele? Welche Prioritäten ergeben sich daraus? Und wenn ich dann das große Ja ge­sprochen habe, dann kann ich und sollte ich auch­ benennen, wozu ich Nein sage. Worauf ich um des Jas willen verzichte. Maß halten ist nach christlichem Verständnis kein Selbstzweck. Es geht nicht­ darum, schöne, interessante, lustvolle Dinge abzuwerten. Sondern es geht um die Fähigkeit, die eigenen Energien zu konzentrieren. Maß halten engt uns nicht ein, sondern macht uns frei und fähig, unser Leben hinzugeben an etwas wirklich Großes. Und so ist auch diese Tugend eine Kraft­quelle für ein gelingendes Leben.

Aus: Tugenden. Kraftquellen für einen starken Charakter. Brunnen-Verlag, Gießen 2016

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