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Sendepause

Birte Undeutsch

Zentimeterweise entschleunigen

Eigentlich ist Sticken total anstrengend. Ich sitze mit krummem Rücken in einem Sessel und halte meine Arbeit möglichst nah an meine Augen, um zu erkennen,­ was ich tue. Ich komme nur zentimeterweise vorwärts, ab und zu geht es auch rückwärts, weil ich mich vertan habe. Wenn ich irgend­wann wieder aufstehe, sind Rücken und Nacken verkrampft und doch bin ich einfach glücklich.

Ich bin eher schnell in allem, was ich tue, beim Arbeiten, leider auch beim Essen. Sticken geht langsam, sehr langsam. Es dauert, bis aus stundenlangem Aneinanderfügen bunter Kreuzchen ein Bild entsteht. Ich muss mich konzentrieren und dabei werde ich zentriert.

Nichts entschleunigt mich so sehr, und wenn dann irgendwann ein lebendiges Stück Textil, ein Kissen oder eine Decke, entstanden ist, dann darf das benutzt und abgenutzt werden, bis die Fäden sich auflösen.  Die Freude bleibt.              

Birte Undeutsch arbeitet in der Redaktion der OJC.

Carolin Schneider

Geschenkt

Neulich hat mir meine Freundin ein kleines Büchlein geschenkt: Nähen mit Papier. An einem Vormittag hat es mich dann gepackt. Ich brauchte ein kleines Geschenk und so habe ich angefangen, ein Notizheft zu nähen und zu gestalten. Eigentlich wollte ich nur eines machen, aber nach einigen Stunden saß ich inmitten von Papier, meiner Nähmaschine,­ Stempeln, Klebstoff, vielen Schnipseln und Fadenresten und hatte fünf Hefte gestaltet. Das Kochen fürs Mittagessen wurde immer weiter nach hinten verschoben, die Wäsche, die ich eigentlich waschen wollte, blieb im Wäschekorb und überhaupt blieb alles andere liegen. Als dann mein Mann ins Zimmer kam, schaute er mich nur an und sagte: „Na, jetzt bist du ganz in deinem Element, stimmt’s?“ Ja, solche Zeiten lassen mich alles um mich herum vergessen. Ich liebe es sehr, Räume einzurichten und Dinge zu gestalten, sei es für Feste oder auch einfach für den Alltag. Am liebsten mit Materialien, die fast nichts kosten. Bei solchen Tätigkeiten kann ich komplett entspannen – das macht mich glücklich und zutiefst dankbar!

Carolin Schneider lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in der OJC-Zelle in Greifswald.

Daniela Mascher

Siesta

Friedliche Mittagsruhe gibt Kraft für den Abend“ so steht es an unserer Schlafzimmertür. Die Mittagsruhe ist heilig. Sie ist mein Zufluchtsort im Alltagsgetriebe, mein Ruhepunkt und wohltuende­ Pflicht. Sie hält mich lebendig, und nicht nur mich, sondern auch unsere Ehe – besonders schön ist nämlich, wenn es sich einrichten lässt – die Mittagspause am ­Wochenende zu zweit. Um diesen Tagesrhythmus zu pflegen, haben wir schon so manch andere Familienunternehmung vertagt oder ganz bleiben lassen. Als die Kinder klein waren, brauchten sie die Mittagspause, um bis abends durchzuhalten. Jetzt, wenn sie größer werden, bin ich es, die sie braucht und fast täglich einfordert. Wenn sie fehlt, merke ich es gegen Abend: Dann gehen mir leicht die Kräfte aus oder die Nerven durch, und vom Feierabend bleibt nicht mehr viel übrig. Ich brauche wenigstens einmal am Tag das Gefühl, dass keiner etwas von mir will. Ich bin einfach nur da, muss nichts leisten und auch keine Arbeit sehen. Ich liege und atme und schließe die Augen; oft schlafe ich auch für fünf Minuten. Im Hintergrund klingelt das Telefon, und mein 4-Jähriger geht gerne dran: „Hallo? Hier ist Arthur Mascher ...“ – Manchmal kriege ich nach der Pause eine Nachricht ausgerichtet, manchmal nicht, in dringenden Fällen bekomme ich das Telefon ans Bett, oder meine Tochter klopft und braucht bitte jetzt gleich ein neues Matheheft... Immer wieder verpasse ich auch was oder schlafe versehentlich länger als geplant, oder meine Große hat in der Zwischenzeit Experimente in der Küche veranstaltet, … aber das macht dann auch nichts. Ich bin jetzt wieder regeneriert, meinem Rücken geht es besser, und ich mache mir erstmal einen Kaffee.

Daniela Mascher ist mit Konstantin verheiratet und Mutter von vier Kindern.

Gerd Epting

Durch die Pfeife

Heute ist es endlich wieder soweit. Wir haben einen lauen Sommerabend und ich freue mich auf meine Pfeife. Die Kinder sind versorgt, meine Frau hat andere Aufgaben, ich setze mich auf unsere schöne Terrasse und fange mit dem Stopfen der Pfeife an. Und schon jetzt, bei den ersten Handgriffen, stellt sich so etwas wie Ruhe ein. Ich habe Zeit – für mich. Ich kann mich dieser Pfeife und damit auch mir selbst ganz zuwenden. Nach dem konzentrierten Stopfen beginnt das Anzünden und ich darf die ersten Züge genießen. Ein Gefühl von Freiheit stellt sich ein. Ich muss jetzt gerade nichts leisten, für niemanden da sein; darf einfach hier sitzen und meine Pfeife genießen. Und die benötigt meine Präsenz und Zuwendung. Schon ein intensives Gespräch, eine leidenschaftliche Diskussion, kann leicht dazu führen, dass die Pfeife ausgeht oder dass sie zu heiß wird, weil ich nicht aufpasse. Meine Pfeife möchte meine ganze Aufmerksamkeit, sie zwingt mich zur Fokussierung auf das eine und hilft mir, andere Dinge für den Moment loszulassen. So sitze ich hier und bin ganz bei mir und meiner Pfeife. Gedanken kommen und gehen und ich darf einfach sein. Für eine Stunde darf ich diese Ruhe und Entspannung genießen, bevor die Pfeife ausgeht und ich mich wieder gelassener dem Alltag zuwende.  Immer wieder darf ich mich an diesen Zeiten der Muße erfreuen. Nicht jeden Tag, ganz unregelmäßig, aber immer mit Genuss.

Gerd Epting betreut das Leitungsbüro und koordiniert verschiedene Aufgaben in der OJC.

Hanna Epting

Den Ton schlagen

Es sind nur ca. vier qm. Der Putz bröckelt eifrig von den Wänden. Das kleine Fenster in der schweren Tür erinnert an alte Zeiten, als dieser kleine Kellerraum als Ausnüchterungszelle der ersten Polizeistation im Ort gedient hat. Heute ist er mein Refugium. Oft lange unbesucht, zugestaubt und vollgestellt – aber es ist mein kleiner Raum. Ich teile ihn nur noch mit dem großen Wassertank in der Ecke. Hier ist meine kleine Töpferwerkstatt. Dass sie da ist, ist wie eine ständige Erinnerung und Einladung, mich einzulassen auf Mußezeiten. Es braucht manchmal einen längeren Anlauf, bevor ich diesen Raum betrete. Es ist immer mit einem Entschluss verbunden, Nötiges sein zu lassen. Aber wenn es so weit ist, wenn die Werkstattkleidung angezogen, der Ton geschlagen ist und portioniert auf dem Brett liegt, wenn Wasser ­bereit steht und die Tür geschlossen ist, wenn das gleichmäßige Surren der Töpferscheibe klingt, dann bin ich ganz da. Nur auf diese einzige Tätigkeit konzentriert. Ich liebe es, den feuchten Ton zu spüren. Und wenn meine Hände ihn um­schließen, ihm die Richtung zeigen, um aus seiner Unwucht zu kommen, ist es, als werde mit dem Ton nach und nach ich selbst zentriert, und ich bin wie selten sonst – ganz bei mir.

Hanna Epting ist verheiratet mit Gerd, Mutter von drei Kindern und begleitet FSJler

Hermann Klenk

Laufend beten

Seit einigen Jahren nutze ich den frühen Morgen zum Laufen. Es ist etwas besonderes, in den anbrechenden Tag hineinzulaufen, statt nur hineinzustolpern. Dabei hat mich die Lektüre des Buches „Lauf los, aber richtig“ in Schwung gebracht. Ich spüre, wie mein ganzer Körper auf wohltuende Weise gefordert wird und ich Freude und Spaß an dieser Art der Bewegung habe. Eine halbe Stunde bin ich unterwegs. Am Morgen ist alles noch still, manchmal auch dunkel. Anfangs konzentrierte ich mich noch sehr auf meine Bein- und Armarbeit, auf die Körperhaltung und das Atmen. Das war auch notwendig, um einen entspannten Laufstil einzuüben. Was mich dann zunehmend störte, war das Kreisen um mich und ob ich alles richtig mache. Doch dann tauchte ein Gedanke in mir auf: Warum nicht schon beim Laufen Psalmen sprechen, Liedverse und das ­Vaterunser beten – im Rhythmus des Atmens? Ein guter Einstieg in die Stille danach. So erlebe ich es bis heute, wie ich mit meinen Gedanken von mir wegkomme, von aller Selbst­kontrolle meines Laufstils und sich Herz und Seele zu Gott hin orientieren. Das Einatmen mit Gottes Wort auf den Lippen zieht mich in eine Dimension, in der sich meine Seele erholen kann. Es ist ein ganzheitliches Training für Leib, Seele und Geist, ein „sport­liches“ Beten. Nach so einem Tagesanfang bin ich gerüstet und gestärkt für den Alltag und spüre eine wohltuende Körperspannung in mir. Das „Etwas-für-mich-Tun“ war nicht schon immer in mir drin. Die innere Freiheit, mir Zeit für mich selbst zu nehmen, musste erst in mir wachsen. Anfangs wollte mein enges Gewissen nicht, und ich bin dankbar, dass meine Frau mich auf dem Weg heraus aus der Enge unterstützt hat. So lange es möglich sein wird, will ich diese gute Gewohnheit beibehalten.

Hermann Klenk engagiert sich auch als Rentner für das Mehrgenerationenhaus und im Gottesdienstteam

Marion Gebert

In meinem Element

„Und dann braucht man ja auch noch Zeit, um nur dazu­sitzen und vor sich hinzuschauen“, schrieb Astrid Lindgren 1964 in ihr Tagebuch. Diese wunderbare Art des Müßiggangs fasziniert mich, seitdem ich „Ferien auf Saltkrokan“ im Fernsehen gesehen habe. Skrollan, Pelle, Stina, Tjorven und Hund Bootsmann wohnten auf einer Insel „zu äußerst im Meer“ und taten einen Sommer lang fast gar nichts.  Meine Vorstellung vom idealen Müßiggang ist wohl aus diesen Erinnerungen heraus mit Wasser und Meer verbunden. In den warmen Monaten treibt es mich unwiderstehlich ins Schwimmbad. Dort ziehe ich ein bis zwei Stunden lang, je nach Wasser­temperatur, langsam und stetig hin und her und bin froh, wenn ich mich nicht unterhalten muss. Sonne, Himmelsblau und Glitzerwasser versetzen mich in null Komma nichts in einen Urlaubsmodus, und während ich absichts- und ehrgeizlos vor mich hinschwimme (ich zähle weder Zeit noch Bahnen), komme ich in einen „Flow“ hinein, der mich alles andere vergessen lässt. Mag ich vorher noch müde und an­gespannt gewesen sein, tanke ich im Wasser-und-Licht-Bad neue Energie und fühle mich quick­lebendig. Bisweilen nutze ich meine Wasserspiele auch dazu, ein Weilchen zu beten. Schon allein aus dem Gefühl der Dankbarkeit, in meinem Element zu sein, ergibt sich ganz automatisch mein Reden mit Gott. Das sind meine kleinen Ferien, die ich mir so oft wie möglich gönne.

Marion Gebert arbeitet im Büro des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft.

Matthias Casties

Hier liege ich

Zwei Arten der Rekreation ­haben sich bei mir bewährt und beides hat das Hören im Fokus.  
1. Texten zuhören: ich lege mich hin, in ein Bett, eine Hängematte oder eine Blumenwiese. Hier liege ich und atme und nehme wahr: ich bin hier und Gott ist auch hier. Ich bin ein Mensch, ein Stück dieser Erde und Gott hat mir seinen Odem eingehaucht. Durch ihn bin ich eine lebendige Seele, und ich danke ihm dafür. Meistens jedoch sind meine Gedanken nicht so klar und ruhig, sondern gleichen den Spatzen, die in einer Hecke auf und niederfliegen und jeder hat was zu sagen. Dann hilft es mir, die Spatzen flattern zu lassen. Wie gut, dass es Audiobücher gibt. Ich höre ein Buch gerne einen ganzen Monat­ lang, ohne den Anspruch zu haben, alles zu verstehen oder mitzubekommen. Oft schlafe ich dabei ein und verpasse eine Passage. Aber wenn ich da liege und wach bin, dann höre ich zu. Die Texte erinnern mich an die größere Wirklichkeit, in die ich gerufen bin. In sie schmiege ich mich, mein Spatzenschwarm kommt zur Ruhe.               
2. Das laute Sprechen von geistlichen Texten, zum Beispiel ein­ Psalm oder ein Gebet. Ich lese diesen Text laut, lasse ihn zu mir sprechen. Auch hier lasse ich mir Zeit, nehme ihn zu Herzen, bis ich ihn auch ohne abzulesen sprechen kann. Ich wandere gern durch ihn und es kann vorkommen, dass ich mit einem Text gehe, ihn Wort für Wort verkoste und ihn so von meinem Kopf in mein Herz fließen lasse. Ich denke, ich höre diesen Worten so gerne zu, weil sie mich neu in Berührung mit Ihm bringen.

Matthias Casties ist pädagogischer Mitarbeiter auf dem Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg.

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