Familie Buß

Sonntags werden sie nicht erzogen

Interview mit Conny und Uwe Buß

Wie kamt ihr auf den Gedanken, sonntags eure Kinder nicht zu erziehen?

Conny: Hermann Klenk von der OJC hat oft bei ­der Sonntagsbegrüßung erwähnt, dass die Sabbat­ruhe nicht nur für die Erwachsenen, sondern auch für die Kinder gilt. Was mich damals gleich fasziniert hat, war der Aspekt, dass Erziehen als Arbeit angesehen wird, die anderen gleichwertig ist. Ich dachte immer, naja, das macht man halt so nebenbei, dass man auch noch die Kinder erzieht. Aber diese Wertschätzung, dass Erzie­hung als wichtige Leistung anerkannt wird, war für mich als junge Mutter eine große Wohltat. Und dann konnte ich entdecken, diese Arbeit darf ich am Sonntag einfach mal lassen. Es schadet den ­Kindern nicht, wenn man sie einen Tag nicht erzieht. Das war für mich wie eine Erlaubnis, eine neue Freiheit, die mir gut getan hat.

Uwe: Das tut eben allen Beteiligten gut, sowohl den Erwachsenen als auch den Kindern. Auch für die Kinder war es entlastend, dass sie nicht immer das Gefühl hatten, jetzt kommt gleich wieder eine Reglementierung. Sie durften einfach mal sein.

C: Auch mir war es wichtig, sonntags einfach mal nur sein zu dürfen, ohne etwas zu leisten. Den Sonntag will ich gerne als Ruhetag verbringen. Diese Ruhe kam dann auch ins Erziehungs­geschehen hinein.

Wie haben die Kinder das aufgenommen?

C: Ich habe sie gefragt, an was sie sich erinnern. Das ist natürlich auch ein bisschen altersabhängig. Viele Erinnerungen hatten sie nicht. Ich hatte allerdings auch nicht bewusst angekündigt, ich erziehe euch jetzt sonntags nicht mehr. Das reizt ja geradezu, das auszunutzen, dachte ich.

U: Ich glaube, es geht dabei viel mehr um die Entlastung der Eltern, dass sie einfach an diesem Tag ein bisschen entspannter sind. Ich weiß nicht, ob die Kinder den Unterschied so stark bemerken.

Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

C: Ich fand unser Experiment total klasse, denn ich neige dazu, alles zu kommentieren und ständig zu erziehen. Das fängt schon beim Frühstück an: Mach die Tasse nicht so voll, pass auf, da fällt gleich was um und so weiter. Mir einfach mal auf die Zunge zu beißen, nein, heute muss ich das nicht sagen, um dann zu erleben, dass keine Katastrophen passieren, wenn ich nicht ständig über alles wache. Es war ein Erlebnis für mich zu entdecken, wie viel die Kinder eigentlich schon selber können. Sie haben das dann vielleicht nicht so schnell in die Tat umgesetzt, wie ich das gefordert hätte, doch wir haben gemerkt, dass sie von sich aus Verantwortung übernehmen. Ich muss gar nicht dauernd ordnend eingreifen. Ich sah meine Selbstüberschätzung, die Annahme, alles hinge von mir ab, wenn ich sie nicht erziehe, wird nichts­ aus ihnen. Ich habe mich zurückgenommen und gesehen, dass die Kinder selbst Verantwortung übernehmen. Das fand ich spannend.

Uwe, kannst du dich an positive Effekte erinnern? Sonntag ist ja nicht gerade dein Ruhetag.

U: Der Haupteffekt für mich war, dass Conny sich an diesem Tag entspannt hat. Ich bin ohnehin der etwas entspanntere Typ und habe es auch nicht so krumm genommen, wenn die Kinder nicht so ordentlich waren. Aber da Conny viele Sachen eher hundertfünfzigprozentig macht, war dieses Zurücknehmen am Sonntag für alle Beteiligten, auch für mich, etwas Gutes.

Weshalb ist es dann eingeschlafen?

C: Hauptsächlich ist es eingeschlafen, weil es nicht uns beiden gleich wichtig war. Irgendwie hatten wir keine klare Vereinbarung, so dass wir uns gegenzeitig erinnert hätten. Mir blitzt es bis heute immer mal wieder auf. Bei unserem Jüngsten, der ja erst zwölf ist, wäre es schon hilfreich, sich ab und zu zu sagen: Lass gut sein, es ist Sonntag!

Würdet ihr euer Experiment anderen Familien empfehlen?

U: Auf jeden Fall. Es hängt ein bisschen davon ab, wie die Eltern ihre Erziehungsarbeit erleben. Wenn sie das Gefühl haben, das stresst sie im Alltag sehr, können sie es am Sonntag bewusst lassen und sich zurücknehmen. Das kann ganz hilfreich sein.

C: Man darf es auch nicht übertreiben. Wenn ­irgendwas Gefährliches passiert, muss man natürlich eingreifen. Aber es ist eine gute Erfahrung, sich selber die Erlaubnis zu geben, diese Arbeit jetzt mal getrost beiseite zu lassen und die Verantwortung an  Gott abzugeben, im Vertrauen, er kümmert sich um die Kinder und ich muss nicht alles richten.

Im Grunde ist dir durch diese Anregung ein größeres Vertrauen in Gott und in die Fähigkeit deiner Kinder zugewachsen...

C: ... und auch in das, was ich von Montag bis Samstag an Erziehungsarbeit leiste. Das reicht auch noch für den Sonntag! Und so kann ich an diesem Tag ein bisschen die Früchte genießen.Es läuft ohne mich gar nicht so schlecht. Etwas ist angekommen.

Von

  • Conny Buß

    Krankenschwester, lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Rimbach, Südhessen

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  • Uwe Buß

    Dr. theol., lebte nach seiner Ordination mit seiner Familie fünf Jahre in der OJC-Gemeinschaft. Seit 2012 ist er Pfarrer in Rimbach, Südhessen.

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