Frauentanzseminar

Schrittfolge als Nachfolge

Es ist ein unvergesslicher Moment: zu dem Lied „Lobe den Herrn meine Seele“ bewegen sich 27 Frauen glücklich tanzend durch den Heinz-Schwarzkopf-Saal, manche hüpfend und springend, sich drehend und mit ausgebreiteten Armen, andere in kleinen, innigen Gesten vor dem großen Holzkreuz, wieder andere fassen sich an den Händen und teilen in ausgelassenem Reigen ihre Freude – alle sind ganz bei sich und ganz offen vor Gott, dessen Lob in Lied und Musik erklingt … so sah der Abschluss unseres diesjährigen Frauen-Tanzseminars „Aus der Quelle schöpfen“ aus.

Was hat den Weg bereitet für diese besondere ­Begegnung mit Gott, mit sich selbst und miteinander?

Es ging diesmal um die biblische Geschichte von der Frau am Jakobs­brunnen und ihre Begegnung mit Jesus (Joh. 4). Auf kreative Weise versuchen wir, ihre Situation mit allen Sinnen mitzuerleben; nach aufmerksamem Lesen und gründlicher Einführung in den Text entstehen so einzigartige„Bibelarbeiten“ wie z. B. die Wiedergabe des Dialogs der Frau mit Jesus ohne Worte, nur in Form von Gesten: „Gib mir dieses Wasser!“

Was wir so mit Leib und Seele aufnehmen, kann ganz unmittelbar zu uns, in unsre Situation sprechen. Einzigartig und nachhaltig sind diese „Bibel­arbeiten“, weil sich in ihnen die Wahrheit der biblischen Botschaft mit dem eigenen Leben verknüpft. Viel Zeit verbringen wir mit Tanz und Bewegung. Das Angebot ist breit und so verschieden, wie wir Mitarbeiterinnen: vom meditativen Tanz in den Gebetszeiten über fröhliche Kreistänze bis hin zum freien Ausdruck – jeweils unter kundiger Anleitung und immer freiwillig, eine Einladung zum Ausprobieren, zum Kennenlernen und vielleicht Erweitern der eigenen Möglichkeiten und Grenzen, auf jeden Fall zum Vertiefen der aus dem Bibeltext aufgenommenen Themen und Gedanken. Nach biblischem Verständnis haben wir nicht einen Leib, sondern wir sind Leib – das ist unsere elementare Daseinsform. Dabei umfasst die Vorstellung von „Leib“ nicht nur den Körper, sondern alles, was uns als Menschen erlebnisfähig macht: über das körperliche Spüren hinaus auch Denken und Fühlen, ja, auch unsere sozialen Fähigkeiten. So möchte Gott von uns geliebt werden: „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken“ (Lk 10,27) und dann folgt im Evan­gelium noch der Hinweis auf den Nächsten. Tanz als Ausdruck unserer Vitalität ist die „Sprache“ des Leibes und kann unsre Erlebnisfähigkeit öffnen. Lernen wir diese „Sprache“ besser zu verstehen und zu sprechen, wächst unsere Fähigkeit, Impulse von außen intensiv aufzunehmen und wirken zu lassen. Wir werden feinhöriger für unsere innere Wirklichkeit: Sehnsüchte, Ängste, Ahnungen, die sich vor dem bewussten Denken manchmal gut zu verstecken wissen.

Jeder kann tanzen

Die Kenntnis um den Zusammenhang von innerer und äußerer Bewegung, um die verändernde Kraft des Tanzens, wird therapeutisch und pädagogisch bereits genutzt; sie vor Gottes Angesicht zu holen und auszuloten, zum tieferen Verstehen seines Wortes, zum leidenschaftlichen und ganzheit­lichen Antworten auf sein Angebot von Beziehung, zum wohltuenden, heilenden Eintreten in das Licht seiner Liebe – was könnte spannender und ver­heißungsvoller sein?!

Wenn ich von „Tanz“ schreibe,­ dann denke ich an unseren Freund ­Emmanuel Njock aus Kamerun, der uns bei einer großen Veranstaltung mit der Behauptung überraschte: „Jeder kann tanzen!“ – und es von der Bühne aus auch gleich demonstrierte, indem er das Publikum zum Gehen auf der Stelle aufforderte … ohne überlegen zu müssen, setzte sich ein jeder in Bewegung, zuerst mit den Beinen, ganz von selbst schwangen schon bald die Arme mit, bei jedem anders und bei jedem „richtig“ – und schon tanzte die Menge. Dieses Erlebnis hat mein Verständnis von Tanz geprägt: es geht nicht in erster Linie um richtig oder falsch, es geht darum, meine ganz eigene Art des Bewegens zu entdecken und mich daran zu freuen! Und weiter noch: mich damit in ein größeres Ganzes einzubinden, als Teil eines Ganzen zu erleben und die Freude zu teilen. Das geschieht z. B. bei den Kreistänzen ganz schlicht, indem wir uns die Hände reichen.

So spürbar miteinander verbunden gehen wir Schritte in eine gemeinsame Richtung, in einem gemeinsamen Tempo und Rhythmus zur Musik – hier wird Gemeinschaft erlebbar, ohne Erklärung und ganz authentisch. Denn unser Kreis ist durchaus nicht immer rund und schön, er hat Dellen und Beulen, und doch wird aus den einzelnen ein „Wir“, ein Miteinander, so unvollkommen und unrund wie im richtigen Leben.

Dieses Erleben von Gemeinschaft wirkt auf uns, die wir miteinander durch diese Tage gehen, zurück: vieles kann zur Sprache kommen im Austausch zu zweit oder in größerer Runde, eine große Offenheit zur Begegnung ist spürbar. Immer wieder im Verlauf des Wochenendes tanzen wir den „Quellentanz“. Dabei gibt es einen Innen- und einen Außenkreis; wenn die Musik beginnt, gehen die Frauen des Innenkreises zur Mitte und „schöpfen“ dort, was immer sie brauchen, gleichzeitig gehen die Frauen des Außenkreises mit segnend erhobenen Händen rückwärts nach außen und halten so einen Schutzraum frei für die Schöpfenden. Dann bewegen sich beide Kreise wieder aufeinander zu und bilden für kurze Zeit einen großen  gemeinsamen Kreis; dabei liegen die Hände der Schützenden auf den Schultern derer, die gerade vom Schöpfen zurückkehren. Und nun geschieht etwas Neues: die Frauen, die sich gerade als „Schützende“ oder „Segnende“ erlebt haben, dürfen jetzt selbst zur Mitte gehen und für sich schöpfen, während die frisch Erquickten ihnen diesmal den Rücken frei halten. So wechselt jede Tänzerin ihre Rolle während des Tanzes immer wieder und kann sich sowohl in Bedürftigkeit als auch in Stärke erleben und zeigen. Ein solches Tanzerlebnis kann unspektakulär und doch tiefgreifend in den Herzen wirken. Es schafft Raum zur Begegnung mit Jesus, macht empfänglich für das leise Werben des Heiligen Geistes. Wenn das geschieht, dann ist es Zeit für einen fröhlich-ausgelassenen oder auch innigen „Lobe den Herrn, meine Seele“-Tanz und es wird im Hier und Jetzt etwas von der Freude, Schönheit und Würde unseres Schöpfers sichtbar.

Das nächste Tanzseminar für Frauen findet im März 2017 unter dem Titel "Wunderbar gemacht" statt.

Von

  • Ursula Räder

    Bibliothekarin, lebt seit Mitte der 90er Jahre in der OJC. Sie gehört zum Priorat und koordiniert das Gespräch unter den zölibatär Lebenden in der OJC-Gemeinschaft.

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