Wie Gott in Frankreich

Wie Gott in Frankreich

Kleine „route de plaisir“ durch die Heilige Schrift

Unsere französischen Nachbarn reden gerne und viel vom Vergnügen: plaisir. Ein profunder Kenner dieses so einfachen Lebensgefühls, Reinhard Mey, singt in einem meiner Lieblingslieder: „Du brauchst im Leben wirklich nur, um keine Not zu leiden, einen Freund, ein Stück Brot, ein Töpfchen Schmalz und ein Glas Wein!“ Wo die Not fern ist, ist das Genießen nah. Frommen Menschen kommt das gerne zu profan vor. So merkt der frühere Bibellehrer und internationale Studentenseelsorger Hans Bürki an: „Viele Christen kennen den Genuss nur als Sünde, als verbotene Frucht vom Baum des Lebens. Doch Gott erlaubt nicht nur den Genuss, sondern er bietet ihn reichlich dar, in der Erwartung, dass das Geschenkte dem Empfangenden ein wahrer Genuss sei.“ Dabei bezieht er sich auf einen Rat, den der Apostel Paulus seinem jungen Mitarbeiter Timotheus einst schriftlich zukommen ließ. In 1. Tim 6,17 lässt er ihn wissen, worauf er hoffen soll: „auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen.“ Es gäbe so viele Alternativen, diese Darbietung fortzusetzen: … es zu teilen … es einzusetzen … es zu vermehren … Alles gut und richtig. Und auch gar nicht nebensächlich. Aber hier heißt es ausdrücklich: „es zu genießen!“ Schon im 5. Jh. stellt der Kirchen­vater Augustinus ins Zentrum seiner Ethik das knappe Doppelwort „frui Deo“: Gott genießen! Sicherlich wussten Paulus wie Augustinus von der Feststellung des Propheten Jeremia (12,13): „Sie haben Weizen gesät, aber Dornen geerntet; sie ließen's sich sauer werden, aber sie konnten's nicht genießen. Sie konnten ihres Ertrages nicht froh werden vor dem grimmigen Zorn des HERRN.“ Nicht, dass Gott­ seinem Volk den Genuss nicht gegönnt und verdorben hätte. An ihrem Schöpfer lag es nicht. Es lag an den Geschöpfen. Das altlateinische Wort für genießen meint im Wortstamm „verbinden‘“. D. h. alles, was Gott uns schenkt – und da ist vor allem jede kreatürliche Gabe gemeint –, kann nur in Verbundenheit mit dem Schöpfer genossen werden. Folgerichtig fragt der Prediger Salomo: „Wer kann essen und fröhlich genießen ohne Gott?“ (2,25).

Die Feinde des Genießens

Genießen ist alles andere als selbstverständlich. Da gibt es regelrechte Feinde. Die Gier kann nicht genießen, sie kann nur raffen. Die Angst kann nicht genießen, sie kann nur festhalten. Der Egoismus kann nicht genießen, er kann nur verteidigen. Wer nicht genießen kann, wird schnell ungenießbar. Dementgegen ermuntert Paulus zum Genuss – und zwar mit Danksagung! Daraus folgert er: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre“ (1. Kor 10,31). Genießen ist ehrende Dankbarkeit! Der Dank des Menschen und Gottes Ehre beginnen mit dem Staunen. Vielleicht die christliche Kardinaltugend überhaupt. So kann der badische Pfarrer Gerhard Engelsberger gar feststellen: „Kann der Mensch nicht mehr staunen, ist er nicht mehr Ebenbild Gottes“.1 Allein das Staunen erlaubt das Genießen. Wer mit der Gier, der Angst und dem Egoismus kämpft, sollte es mal mit staunender Danksagung versuchen! Wohl dem Menschen, der sich im Alltag noch überraschen und zum Dank locken lässt!

Die Quelle des Genießens

Um diesen Weg des Staunens beschreiten zu können, braucht es Ruhe. Schon die Alten wussten: „Der Reiche arbeitet und kommt dabei zu Geld, und wenn er ausruht, kann er’s auch genießen“ (Sirach 31). Vor Jahren gab Ralph Pechmann auf einer Männertagung zu bedenken: „Wir leiden nicht unter zu viel Arbeit, sondern unter zu wenig Ruhe.“ Wobei Ruhe mehr ist als Ausschlafen und in Frieden gelassen zu werden. Ruhe, die zum Staunen anleitet, wird durch Muße bestimmt: Dieses absichtslose Empfangen, das nicht Ablenkung, sondern Vertiefung verspricht und mich mit Rekreation, mit Neuschöpfung beschenkt! Aus der Fähigkeit zum Staunen wächst der Dank. Und aus dem Dank die Muße. Wege, die nur der Erreichung bestimmter Ziele dienen, machen arm. Wege, die mich ins Sein führen, machen reich. Jene Wege bleiben im Zeitlichen, diese Wege atmen Ewigkeit. Nicht im Tun, nur im Sein sind wir an der Quelle des Lebens. Erst diesem Urstrom entspringt das verheißungsvolle Tun.

Die Freude des Genießens

Die Einladung heißt: auf Gott hoffen, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen. Gott ist ein Liebhaber des Lebens, er ist der Liebhaber meines Lebens – ich könnte mich also einladen lassen zur Freundschaft mit mir selbst. Sie steht in enger Verbindung zur Freundschaft mit anderen. Möglicherweise will uns auch dieses Bibelwort daran erinnern: „Genieße das Leben mit deiner Frau, die du liebhast …“ (Pred 9,9). Und die Frauen dürften da gerne auch „Mann“ einsetzen, und die Ledigen ‚Freunde‘. Egal wie: genießen braucht Genossen! Der Liebhaber meines Lebens ist auch der Hüter meines Lebens. Er lädt mich ein zur Gelassenheit. Für mich heißt diese „Lässigkeit“ wirklich „gehen lassen“ – mich und alles in und um mich loslassen; frei geben und mein Leben in Gottes Hände lassen. Das bewirkt Euphorie, im besten Sinne dieses Wortes. „Eu-fero“ – das leichte Tragen – meint wörtlich: Gutes oder Frohes hervorbringen. Die Freude des Genießens lässt Frohes und Gutes aus meinem Leben erwachsen. Im „frui Deo“ keimt „frui vita“‘ – im genießen Gottes keimt das genießen meines Lebens!

Ob ich Sie einladen dürfte, diesem einen heutigen Tag freundlich zu begegnen? Wenigstens eine ­kleine Zeit an diesem Tag „tu ich alle Sinne festlich auf“.2 Ich lasse Gier, Angst und Egoismus beiseite – ich halte Ausschau und beginne im Wahrnehmen des Kreatürlichen zu staunen – ich gönne mir diesen täglichen Augenblick der Muße, danke und teile diesen mit meinem Nächsten – und lasse mich überraschen, was da an Gutem und Frohem erwachsen wird. „Glaubensheiterkeit“ nannte Karl Barth eine solche Lebenshaltung! Denn wir hoffen „auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen.“     

Anmerkung:
1 Kleines Spirituale für Menschen in geistlichen Berufen, S. 120
2 Hermann Hesse, aus: Reiselied

 

 

 

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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