Tagtraumgestalten

Nein, jetzt wird nicht geschlafen

Müde vom eben beendeten ärztlichen Nacht­dienst schaue ich noch einmal in meine ­E-Mails, bevor ich versuchen will, ein wenig Schlaf nachzuholen. Neben Termin-Erinne­rungen, Dienstplan-Neuigkeiten und dem einen oder anderen erfrischenden Gruß finde ich eine Nachricht von der OJC-Redaktion vor. Ob ich für’s nächste Salzkorn etwas darüber schreiben möchte, wie ich mir für kreatives Tun die Freiräume erhalte? Aber gern, schreibe ich beherzt zurück, denn ich schätze dieses stets lebendige, bunte und erdundhimmelverbindende Heftchen. Wenn ich auch noch keine Idee habe, was ich da schreiben könnte. Eine wissenschaftliche Abhandlung? Da fehlt mir eindeutig die Kompetenz. Ein Erfahrungsbericht? Schon die Formulierung klingt langweilig. Na, wie auch immer. Später werde ich darüber nachdenken.

Ach, denke ich, als mein Kopf das Kissen berührt, welch herrlicher Freiraum. Ruhe! Für heute keiner mehr, der anruft oder einen Hausbesuch oder das Aufspüren einer Diagnose samt Therapie­konzept wünscht. Telefon und Computer sind zum Schweigen gebracht, der erwachende Tag hinter den Schleiern des Vorhangs verborgen. Zwar warten Bügelwäsche und Abwasch und diverse andere Anliegen noch im Hintergrund, aber das ist gerade so in Ordnung. Ein wunderbares Bett, in dem ich da liege, und so viel bequemer als die Liege im Bereitschaftszimmer …

Meerblau und gelber Schnallenschuh

In den wohligen Schwebezustand des Halbschlafs mischen sich erste Formulierungen. Mein krea­tives Gedankenteam ist noch wach und voller Ideen und gerade noch auf dem Aktivitätsniveau meiner im Dienst geforderten Aufmerksamkeit, allerdings nicht mehr im ernsthaft ärztlichen Weiß gekleidet, mit nur hier und da dezent gesetzter farbiger Aufheiterung. Hier taucht ein Satz auf, der unbedingt verwendet werden möchte und winkt großarmig mit einer bunt getupften Fahne, da glitzert in Meerblau ein passendes Wort in einem Winkel meines Denkens, ein leichtfüßiger Gedanke schiebt einen gelben Schnallenschuh in die noch angelehnte Tür meiner Sinne und möchte sich mitteilen. Das vielgestaltige Völkchen trägt jetzt bunte Gauklerklamotten und ist ungeheuer motiviert, ich sehe bunte Bälle fliegen, gediegen­ rotsamtene Roben leuchten, ist das nicht die schwergewichtige, dunkle Dame, die ich kürzlich in einem Bild unterbringen wollte, aber noch nicht konnte? Alles geht farbenfroh und ausgelassen, aber dennoch geordnet, leichtfüßig und behutsam zu. Auch die Begleitmusik ist durchaus angenehm, auf Fiedeln und Flöten improvisiert, aber wenn das so weiter geht, kann ich nicht einschlafen. Es hat doch noch Zeit, zwei ganze Wochen stehen zur Verfügung, das Ganze zu formulieren, es herrscht gar keine Eile. Allerdings, es ist ja auch noch so viel anderes zu tun, sollte ich nicht doch schon mal …? Nein, jetzt wird geschlafen. Mein Kreativteam zieht sich auf leisen Sohlen hinter einen Vorhang zurück, es schimmert und raschelt noch hier und dort, auch leuchtet die eine oder andere Farbe auf, aber sie sind jetzt erstmal leise.

Korallenriff und Schmetterlingsflügel

Kreativität, als Eigenschaft aus Gottes eigenem Herzen, zeigt sich filigran, zart und leise, und kann, einmal in angemessene Räume geladen, große, vor Lebendigkeit sprühende Kraft entfalten. Dabei geht es bei weitem nicht nur um das Spiel mit der Farbe und dem Wort auf Papier. Das kreative Team in meinem Herzen kann unerschöpfliche Ideen auch im Trösten, Verschenken, Bauen, Berühren, Schmücken, Kochen, Umsorgen, Kontaktknüpfen und so unendlich viel mehr entfalten. Gemeinsam scheinen all dem Freude und Liebe zu sein, und vielleicht teilt sich dabei ein Fünkchen von dem mit, was Gott selbst, über die Architektur eines Korallenriffs gebeugt, gedacht und gefühlt hat oder nach der vollendeten Konstruktion eines Schmetterlingsflügels. Wie alles in den Schräglagen unseres Irdischseins ist die Kreativität verletzlich. Sie lässt sich zuschütten, verdrehen, in Schemata pressen, missbrauchen, vergiften und aufblasen, und was dann dabei herauskommt, kann neben Farce und Zerstörung immer noch Spuren von Eleganz und Genialität tragen, so dass man sich fragen mag – war es wirklich so gedacht? Und zuweilen weiß man nicht recht, ob das zwiespältige Bewundern in diesem Fall noch angemessen ist.

Und – meine Zeit immer wieder einem zunächst so stillen und zurückhaltenden Gast zu gewähren, braucht eine gewisse Portion Vertrauen. Alles andere, das auf den ersten Blick wichtiger oder effektiver, lohnender und verlässlicher scheint, hat zurück zu treten. Ohren und Augen müssen frei sein, um wahrnehmen zu können (diesbezüglich sind sich meine beiden Berufe sehr ähnlich, stelle ich immer wieder fest). Und immer wieder einmal zerrt das Misstrauen an mir, das mir die berufliche Selbstständigkeit als Risiko vor Augen zeichnet, nicht aber als Chance, dadurch über weit freiere Gestaltungsräume zum Improvisieren, Empfangen und Weiterschenken zu verfügen.

Der Nachklang eines Lachens

Der Überhang der durchwachten Nacht holt mich immer erst einen Tag später ein. In die Schwer­lidrigkeit des nächsten Morgens, auf dem die Unlust, überhaupt aufzustehen, wie dichter, grauer Nebel lastet, stiehlt sich ein kleines Funkeln am Rande. Auf Zehenspitzen kommt ein gelbweiß gestreifter Gedanke, winkt vorsichtig, gestikuliert, zwei, drei kleine, in einem unverschämt fröhlichen Pink leuchtende Punkte hüpfen durch den Raum und sind schon wieder verschwunden. Eine edel in blaugrau gekleidete Formulierung mit leuchtend rotem Halstuch huscht vorüber und hinterlässt den Nachklang ihres Lachens. Da sind sie wieder. Und ich wollte ihnen ja den Raum geben, mir zu erzählen und dann gemeinsam mit ihnen etwas Schönes auf die Beine zu stellen. Ich weiß, täte ich es nicht, sie säßen am Ende des Tages gebeugt, verblasst und mit tränennassen Taschentüchern in einer Ecke meines Herzens, ein krakeliges Banner auf dem Schoß, auf dem ich, inzwischen ebenfalls traurig, nur noch lesen kann: „Was hätte alles werden können, wenn …“
Ich greife zu Stift und Papier.

Von

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