Große Pause

Mit der Schöpfung atmen

Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht; am siebten Tag ruhte er und atmete auf (2. Mose 31, 17 EÜ).

Jeden Morgen erwachen wir in einer Welt, die wir nicht selbst geschaffen haben. In einer Welt, die auf so wunderbare Weise konstruiert ist, dass wir eigentlich erst einmal eine Weile staunen sollten. Staunen über die ausgeklügelte Technik des Spechts, der jeden Morgen aus dem kleinen Loch in der Verschalung des Küchenfensters kommt, obwohl er dafür doch eigentlich viel zu groß ist. Staunen über die Sonne, die aufgeht und den Frost auf dem Gewächshausdach in fantasie­reichen Kombinationen färbt. Staunen über den nachgiebigen Holzboden unter unseren Füßen, den Kaffeeduft, der die Küche erfüllt, über den Anblick der schlafenden Lebensgefährtin, das Kind, das gerade aufwacht, oder einen Freund, den man lange nicht mehr gesehen hat. Staunen, welches Geräusch die Schuhe machen, wenn man an einem eiskalten Februarmorgen den Weg hinunter zum Briefkasten geht, um die Zeitung zu holen, und welches Geräusch die sich entfaltenden Tulpenblätter machen, wenn man Mitte April die ersten Blumen ins Haus holt. Jeden Morgen erwachen wir in einer Welt, die wir nicht selbst geschaffen haben. Sie ist einfach da. Und wir sind mittendrin. Wenn wir nicht regelmäßig und ausreichend lange innehalten, verpassen wir diese Wunder. Das Meiste scheint so selbstverständlich und verkümmert deshalb in unserer Wahrnehmung zu etwas Kleinem und Unbedeutendem. Wir verlieren den staunenden Blick aus großen Augen, den Blick des Kindes. …

Verheißungsvolle Leere

Ich bin mir ganz sicher, dass die Ruhe erschaffen wurde, dass sie Teil der Schöpfung ist. … Der Glaube an einen Schöpfer ist mir im Lauf der Jahre immer wichtiger geworden. Hinter der Schöpfung steckt ein Gedanke, eine Absicht, und deshalb auch ein Sinn. Manchmal denke ich über das nach, was man sich überhaupt nicht vorstellen kann: wie alles begann. Die beiden biblischen Schöpfungsberichte sind ja so geschrieben, dass unsere Fantasie sich frei darin bewegen und immer wieder neue Dinge in ihnen sehen kann. Aber ein Gedanke ist zu groß: Am Anfang war nichts. Da ist schon Schluss. Irgendetwas muss es doch gegeben haben, damit etwas anderes beginnen konnte. Oder nicht? Als Gott aus dem Nichts Himmel und Erde schuf, war die Erde, so steht es da, „wüst und leer“. „Without form or void“, wie es in einer englischen Bibelübersetzung heißt. Ohne Form. Aber über den Wassern weht ein Gotteswind. Der Gotteswind zieht über die Tiefe, und diese Tiefe ist nicht steril oder unfruchtbar, sie enthält alles. Eine Leere, die voller Verheißungen auf Leben ist. Der in Polen geborene Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi weist darauf hin, dass eine Übersetzung der ersten Zeilen unserer Bibel, die näher am Grundtext ist, lauten müsste: „An einem Anfang …“ – als ­bestünde das Leben aus unendlich vielen Anfängen. Auch viele Exegeten meinen, dass die Wendung „Und Gott schuf …“ eigentlich mit „Und Gott begann zu schaffen“ zu übersetzen ist. Die Schöpfung ist ja eine fortdauernde Geschichte, eine Art work in progress. Gott begann zu schaffen, und er setzt es fort. Die Schöpfung ist immer noch in Arbeit, nichts ist fertig. Wir führen unser menschliches Leben mitten in diesem Schaffensprozess. Jeden Morgen erwachen wir zu einem neuen Anfang. Etwas nimmt aus dem Nichts Gestalt an, blüht auf, dann nimmt es ab, bis es ganz verschwunden ist. Alles Leben ersteht und vergeht in diesem wunderbaren, Frucht bringenden Rhythmus. Es kann einen in Erstaunen versetzen, wie rhythmisch dieser Schaffensprozess ist. Was er schaffen wird, entsteht nicht in einem schöpferischen Anfall oder Ausbruch, bei dem Eichhörnchen und Wale bunt durcheinanderpurzeln. Alles geschieht an strikt unterschiedenen Schöpfungstagen, in einem klaren Rhythmus, wie es im 1. Buch Mose heißt: „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“ – „Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag“…                

In diesem Rhythmus wurde unsere Welt ge­boren. In diesem Rhythmus lebt sie weiter durch die Zeitalter. Und es ward Morgen, und es ward Abend, die Jahreszeiten wechseln einander ab, das Eis schmilzt, von den Bergen ergießt sich die Frühlingsflut, die Gezeiten kommen und gehen wie in einem ewigen Gespräch zwischen Land und Meer. Und im Menschen, der am sechsten Tag Teil der Schöpfung wird, pumpt ein Herz in regelmäßigem Rhythmus das Blut durch ein Kreislaufsystem. Man kann es hören, wenn man still wird. Zum Bericht über den Schöpfungsrhythmus gehört die Erwähnung, dass Gott ruhte. Oder, wie es in einem der Schöpfungsberichte genauer heißt: „Aber am siebten Tag ruhte er und atmete auf.“ Gott atmete auf! Im Englischen wird es mit dem Wort „refresh“ umschrieben, im Hebräischen bedeutet es wörtlich „ausatmen“ (naphasch). Der Theologe und Therapeut Wayne Muller schreibt, dass die Schöpfung wie ein lebensspendendes Einatmen und der Ruhetag wie ein Ausatmen ist.

Schöpfungsmomente

Gott schuf das Universum in sechs Tagen und nahm am siebten Tag seinen Platz im Zentrum der Schöpfung ein. Wenn es ein Bild für die Fülle gibt, dann muss es dieses sein: Zeit und Raum, die in getrennten Bahnen liefen, sind wieder zu einem nahtlosen Ganzen zusammengewoben worden. Gott hat seine Schöpferkraft bis an die „Ränder“ des Universums ausgeübt. Und dann begibt er sich wie ein Künstler mitten in sein Werk hinein.

Es gibt eine Steigerung in Gottes Schaffen: Jeder Tag hat mehr „Schöpfungsmomente“ als der vorhergehende. Und Gott geht vom Tiefsten zum Höchsten. Das Letzte, was wir aus seinem Mund hören, während er sein Werk vollendet, ist: „Und es war sehr gut“ (1. Mose 1,31). Aber das ist noch nicht das Ende. Die Erzählung nimmt hier eine unerwartete Wendung. Es gibt für Gott noch eine Sache zu tun. Mit dem sechsten Tage ist seine Arbeit noch nicht ganz fertig. Erst schließt er ab, womit er beschäftigt war, und dann schafft er die Ruhe. Die Ruhe ist der Höhepunkt der Schöpfung. Der Gipfel ist erreicht! So nimmt die Ruhe ihren Platz in der Schöpfung ein. Und es ist ein bedeutender Platz. Ein Siebtel aller Zeit. Ein Tag oder eine Million Jahre der Ruhe. Und genau wie das Gras und die großen Wiesen rund um unser Haus, die Vögel am Futterhäuschen oder der eigene Körper, so ist die Ruhe ein Teil von all dem, das genauso und nicht anders geschaffen wurde. Es ist ein Sinn in diesem Rhythmus. Die Ruhe ist kein Schritt zurück, auch kein Anhängsel. Sie bedeutet nicht Rückzug, sondern ist ein Schöpfungswerk, genauso wie Tiere oder chemische Prozesse. Sie ist kein Zwischenstopp zwischen wichtigen Aufgaben, kein frommer Bonus-Gedanke. Sie ist geschaffen worden und deshalb Teil unserer Aufgabe, als Mensch zu leben. Wer ruht, nimmt seine Lebensaufgabe ernst. Wer die Ruhe unterschätzt, nimmt sie zu leicht. Dass Gott ruht, heißt nicht, dass er sich entzieht, so als zöge er sich zurück, nachdem alles getan ist, um endlich seinen Frieden zu haben. Gottes Ruhe ist eher ein tiefes Mitfühlen, eine Teilhabe am Geschaffenen. Gott selbst freut sich an dem, was er zustande gebracht hat. Er freut sich über die Freiheit und Selbstständigkeit der Schöpfung. Über beides: das schon Vorhandene und das Potenzial zu Wachstum und Entwicklung.

Lebensringe

Vor dem Ende des sechsten Tags konnte Gott nicht ruhen, denn da war die Schöpfung noch nicht vollendet. Vollendet, nicht fix und fertig oder abgeschlossen, aber vollendet im Sinne von ganz und vollständig. Ich stelle mir die Ruhe Gottes wie einen Mittelpunkt vor, und um diesen Mittelpunkt herum gibt es Lebensringe, genau wie im alttestamentlichen Tempel, der ja aus einer Reihe konzentrischer Bauten bestand, mit dem Aller­heiligsten in der Mitte. Um das Allerheiligste herum war alles im Sinne der sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Ordnung organisiert. Aber in der Mitte gab es diesen stillen, leeren Raum, zu dem niemand mit Ausnahme des Hohepriesters Zugang hatte. Beim Denken in Schöpfungstagen ist die Ruhe alles andere als nur ein Anhängsel. Wenn Gott nach sechs Tagen ins Schweigen geht, ist es, als begebe er sich ins Herz der Schöpfung. Und erst, als die Ruhe geschaffen ist, ist die Erzählung zu Ende: „So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden“ (1. Mose 2,4). Die Schöpfung war nicht vollständig, bevor da nicht die Ruhe war, und der Erste, der diesen gesegneten Zustand erreichte, war der Schöpfer selbst. Es wurde das großartige Finale der Schöpfungswoche. Die mittelalterlichen jüdischen Theologen nannten den Sabbat deshalb die Krone der Schöpfung. Man ahnt hier, dass Ruhe nicht Leere bedeutet, sondern dass sie ein Ort ist, an dem das Leben pulsiert. Die Ruhe ist eine Einladung, dabei zu sein und Gottes Freude über die Schöpfung selbst mitzuerleben. Wer dieser Einladung folgt, tut das nicht nur, um zu entspannen, sondern auch, um der Ruhe die ihr gebührende Ehre zu geben. Sie ist es nämlich, die uns hilft, alles andere zu verstehen: den Sinn der Arbeit, der Verpflichtungen, der Verantwortung. Während der Arbeitswoche ist der Mensch am Werk; er arbeitet für die Schöpfung, er verwaltet und bewahrt sie. Damit hat Gott ihn beauftragt, das hat er ihm anvertraut. So hoch geschätzt ist die Arbeit. Wenn wir aber ruhen, bewahren wir die Ruhe – im doppelten Sinne. …

Offenwerden für Anfänge

Die jüdische Antwort auf die Frage, warum Gott ruhte, heißt: weil er den Sabbat schaffen wollte. Und was tat Gott an diesem siebten Tag? Die ­jüdischen Lehrer sind um keine Antwort ver­legen: Er schuf menuah – die Ruhe. Das hebräische Wort hat so viele Nuancen, dass die meisten Ausleger eine ganze Reihe von Wörtern anführen: Ge­lassenheit, Klarheit, Friede, Ruhe ..., lauter Wörter, die die Tiefe der fruchtbaren, heilenden Stille zu beschreiben versuchen. So betrachtet ist die Ruhe der Ort, an dem ich mich dafür öffne, an dem kraftvollen Prozess teilzuhaben, in dem die Schöpfung sich ständig selbst erneuert. Die Ruhe ist nicht der letzte Seufzer der Ermattung, sondern ein Offenwerden für neue Anfänge. In der Liebe, in der Arbeit, in kreativen Prozessen, im Werden des Menschen, der ich sein möchte und von dem ich das vielleicht noch nicht einmal weiß. Und wenn ich ermahnt werde, an den Ruhetag zu denken und ihn einzuhalten, dann entspreche ich dieser Aufforderung am besten, indem ich mich in den uralten Rhythmus fallen lasse: atmen, leben, tätig sein und ruhen – in dem Takt, den das Leben selbst vorgibt. Die meisten geistlichen Traditionen tragen diesen Rhythmus in sich, wenn auch in verschiedenen Ausprägungen. Ob der Samstag der Ruhetag ist, der Sonntag oder der Dienstag, ist für mich eine untergeordnete Frage. Wichtig ist, daran festzuhalten, dass Gott am Sinai, als er das Volk zu ruhen einlud, so wie er selbst ruhte, die Einladung aussprach, an seiner Ruhe teil­zuhaben. Ruhen heißt deshalb, bei Gott zu sein und zusammen mit ihm aufzuatmen. Jeden Morgen erwachen wir in einer Welt, die wir nicht selbst geschaffen haben. Sie ist da. Wir finden sie vor. Regelmäßig zu ruhen ist die aktive Entscheidung, diese Welt niemals für selbstverständlich zu halten.

Aus: Warum Ruhe unsere Rettung ist, © SCM Brockhaus, Witten 2016

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