In der Heimat des äthiopischen Kämmerers

In der Heimat des äthiopischen Kämmerers

Bericht über zwei folgenreiche Reisen

Natürlich ist sie in Aksum, keine Frage!“, ­erwiderte der Fahrer des klapprigen Toyotas auf meine skeptische Rückfrage, ob der im Norden Äthiopiens gehütete Schrein jene Bundeslade sein kann, mit der die Israeliten durch die Wüste gezogen waren. Der Legende nach hatte sie Prinz Menelik nach Aksum entführt, wo sie heute ein Kernelement im Selbstverständnis und in der Liturgie der äthiopisch-orthodoxen Christen darstellt. Zwar berichtet die Bibel weder über den Verbleib der Bundeslade, noch über einen Menelik, der der Liebe zwischen Salomon und der Königin von Saba entstammen soll, aber immerhin findet das schöne Land und seine Bewohner 38 Mal in ihr Erwähnung! Ehrfürchtig betrachteten Frank Paul und ich die großartige Landschaft, die auf 3000 Jahre jüdisch und 2000 Jahre christlich geprägter Geschichte zurückblickt, während der Fahrt vom hochgelegenen Addis Abeba in das etwa 1000 Meter tiefer liegende Meki.

Begegnung mit Menschen

Das Abenteuer hatte sich vor drei Jahren auf dem internationalen TeenSTAR-Kongress in Bernried angebahnt, das ich als Gründungs- und Vorstandsmitglied von TeenSTAR Deutschland mitgestaltet hatte. Desta Youhanis aus Äthiopien hatte berichtet, wie sie viele Tausend Jugendliche, darunter auch Muslime, mit den Kursen erreicht, die eine ganzheitliche, am jüdisch-christlichen Menschenbild orientierte Beziehungs- und Sexualpädagogik vermitteln. Sie bat uns um Unterstützung für ihre Arbeit, bei der sie mit immensen Herausforderungen wie Armutsprostitution, Drogenmissbrauch, Minderjährigenschwangerschaften konfrontiert ist.

Begegnung mit dem Wort

Gedanken an einen Besuch vor Ort, die mir danach in der Stille immer wieder kamen, schob ich zunächst beiseite. Allmählich aber gewann die Möglichkeit, dieses nachhaltige Projekt in Äthiopien zu besuchen, feste Umrisse, und der Plan für eine Reise wurde gefasst.

Der OJC-Jahresvers aus der Apostelgeschichte, den wir an Neujahr 2017 zogen, war mir eine Bestätigung: Als sie aber aus dem Wasser (nach der Taufe) heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer (aus Äthiopien) sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich. Uns stand im August, ganz konventionell, ein Flugzeug zur Verfügung, allerdings hatten Frank und ich auch nicht viel Konkreteres in der Hand als der Apostel: Einen Bibelvers mit der Aufforderung, auf der abgelegenen Straße zu warten, wem man da begegnet. Kaum gelandet, wurden wir aber von einem Termin zum anderen gereicht: Verhandlun­gen, Ortsbesichtigung, Terminabsprachen und viele Fahrten folgten dicht aufeinander. Wir trafen Missionare, Pädagogen, Bischöfe und einen Kardinal, die alle ein offenes Ohr für das TeenSTAR-Programm hatten. Desta, die sich als Frau hier sonst nur schwer Gehör verschaffen kann, punktete mit ihren Berichten aus der Arbeit vor Ort und erhielt viele Zusagen zur Unterstützung für weitere Projekte. Es war eine an Erlebnissen und Eindrücken überaus reiche Reise, die eine weitere nach sich ziehen sollte.

„Komm, wir reden mit der Prostituierten“

Wir waren im Don Bosco Gästehaus der äthio­pischen Salesianer untergebracht. Schon am ­ersten Morgen berichtete uns der Provinzial Abba ­Estifanos über sein Anliegen, eine flächendeckende Präventionsarbeit aufzubauen, die auf den durch TeenSTAR vermittelten Werten basiert. Wir waren beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der er sich für jeden einzelnen der ihm anvertrauten Jugendlichen einsetzt:  Jeden Abend läuft er eine Strecke von zehn Kilometern durch Addis Abeba, um der Not nahe zu sein und um seine Gedanken zu sortieren. An einem Abend baten wir, ihn begleiten zu dürfen, und waren von der düsteren Realität der Megastadt betroffen. Alle paar Meter warteten junge Frauen – nicht selten minderjährig –­ auf Freier. Prostitution sei ein immenses Problem in der Stadt, erklärte der Abba. Auf die Frage, wie man dem beikäme, machte er auf dem Absatz kehrt und erwiderte: „Kommt mit“. Er zog uns zu einer der dort stehenden Jugendlichen, fragte sie, woher sie käme und ob sie nicht aus dem Geschäft aussteigen wolle. Sie vereinbarten eine Begegnung am Folgetag und er vermittelte sie an eine christliche Einrichtung. Als ich mich wenige Wochen später nach ihrem Verbleib erkundigte, erfuhr ich, dass sie eine Ausbildung macht, für die ein Spender in Europa aufkommt.

v.l.n.r.: Desta Youhanis, Frank Paul, Abba Estifanos, Konstantin Mascher
v.l.n.r.: Desta Youhanis, Frank Paul, Abba Estifanos, Konstantin Mascher

In letzter Minute

Wir saßen bereits auf gepackten Koffern, als der Abba bemerkte: „Wir müssten mit einer Studie auf die Situation der Jugend im Land aufmerksam machen und Verantwortungsträger davon überzeugen, ein umfassendes Präventionsprogramm zu starten. Kennt ihr jemanden, der uns als Experte unterstützen könnte?“ Mir fiel unser neuer OJC-Kontakt in Polen ein: Szymon Grzelak, der Begründer von TeenSTAR in Polen, der mittler­weile ein „Institut­ für integrierte Prävention“ lei­tet, landesweite Untersuchungen mit hohem wissenschaftlichen Standard koordiniert und eine weitverzweigte Jugendarbeit zur mentalen Gesundheit und zur Drogen- und Kriminalitätsprävention organisiert. Seine Empfehlungen werden sogar vom polnischen Gesundheits- und Erziehungsministerium umgesetzt. Ob wir ihn gewinnen könnten? Ich sagte dem Abba zu, alle Hebel in Bewegung zu setzen, und im Oktober wiederzukommen, um ihn bei den Verhandlungen mit den zuständigen Gremien zu unterstützen.

Neun Wochen später

... lande ich wieder per Flieger im Land mit den über 70 Sprachen. Viel komplizierter aber hatte sich die Kommunikation zwischen Äthiopien, Polen und Deutschland erwiesen, und ich war mehrmals drauf und dran, die Reise abzublasen. In einer morgendlichen Stille jedoch notierte ich in mein Gebetstagebuch, was ich im Innern zu hören meinte: „Nun hast du dich rufen lassen und bist einen Schritt nach dem anderen gegangen, wie ich es von dir erwartet habe. Zögere nicht, vertraue und gehe beherzt voran. Addis Abeba hat jetzt Priorität.“ In letzter Minute kamen die nötigen Zusagen, und unsere Mission nahm Fahrt auf. Mit Abba Estifanos­ wurden wir vor viele Gremien geladen und konnten das Konzept einer umfassenden Studie vorstellen, die als Grundlage für eine nachhaltige Präventionsarbeit dienen könnte. Wir sprachen mit Politikern, Kirchenoberhäuptern und Psychologen der Universität von Addis Abeba, die die Studien praktisch durchführen sollten. Wir trafen auf freundliche Menschen, aber auch auf reichlich Skepsis und Unverständnis. Wozu Studien über die Situation der Jugendlichen, wenn es schon am Notwendigsten mangelt, an Bildung, Infrastruktur, medizinischer Versorgung, Integrationsmöglichkeiten für Flüchtlinge aus den benachbarten Ländern und Arbeit für Jugendliche?

Harte Verhandlungen

Es war eine zähe Überzeugungsarbeit, aber allmählich drang die Botschaft durch: Angesichts der massiven Veränderungen braucht es eine gute und effektive Präventionsarbeit für die junge Generation. Sie ist die Zukunft des Landes! Es braucht angesichts der Wertenivellierung, die nicht zuletzt durch global operierende NGOs ins Land strömt, eine Neubesinnung auf grundlegende ethische Normen und Maßnahmen gegen Einflüsse, die von außerhalb kommen. Auch in Äthiopien schreitet die radikale Liberalisierung und Atomisierung sämtlicher ­Lebensbereiche voran – eine regelrechte ideologische Kolonialisierung, die unter dem Vorwand von Frauenemanzipation und Geburtenregelung tief in die Familien- und Gemeinschaftsstruktur der afrikanischen Länder eingreift. Was sich auf den ersten Blick als emanzipatorisch darstellt, leistet mittelfristig der emotionalen Verwahrlosung der Teenager Vorschub.

Afrika soll eigene Wege gehen!

Wir schilderten, wie in Europa bewährte sexualethische Maßstäbe systematisch lächerlich gemacht und diffamiert werden. Wie unseren Kindern in Schule und Medien vermittelt wird, dass alles gut ist, was im Bett Spaß macht, solange die Mädels nur nicht schwanger würden. Wir berichteten, wie öffentliche Zuschüsse zur Arbeit mit Jugendlichen, jungen Erwachsenen, ungewollt Schwangeren, Behinderten etc. an Bedingungen geknüpft werden, die Christen zunehmend in Gewissenskonflikte stürzen. Und wir schilderten, wie Christen in Europa nun auf die harte Tour und im scharfen Gegenwind lernen, Ressourcen in Wissenschaft und öffentlicher Kommunikation zu erschließen, um den Grundwerten, auf denen unsere Kultur ruht, kompetent Gehör zu verschaffen. Unsere Gastgeber kamen ins Nachdenken und zeigten ein großes Interesse daran, ganzheitliche, wert- und zukunftshaltige Strategien zu erarbeiten, die die Not in ihren Ländern wenden und das Leben der nächsten Generation in gute Bahnen lenken.

Abschluss und Höhepunkt der Reise war ein äthio­pisch-stilechtes Fundraising-Dinner mit 150 ­geladenen Gästen. Wir sprachen mit Botschaf­tern und Konsulatsmitarbeitern, politischen Akteuren und Bischöfen, unter anderem auch mit dem päpstlichen Nuntius der African Union. Alle versicherten uns, dass sie der Unterstützung der Jugend erste Priorität einräumen wollen. Am Abend des bis zum Rand gefüllten Tages erreichte uns eine Nachricht aus Deutschland. Das Team, das unseren Einsatz in Fürbitte begleitete, sandte uns einen Zuspruch aus der Offenbarung: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. Und noch bevor unser Flieger gen Frankfurt abhob, hatte das zuständige Gremium einstimmig beschlossen, die äthiopienweite Erhebung mit allen notwendig werdenden Nachfolgestudien in Auftrag zu geben!

Wir setzen Zeichen der Hoffnung

Abt Estifanos war überzeugt: Nur die Vorsehung kann so präzise organisieren! Stimmt! Wir hatten so gut wie nichts Vorzeigbares in der Hand, nur die Zusage Gottes, dass er sein Volk in Äthiopien im Blick hat und ihm das Wohlergehen der Menschen dort am Herzen liegt. Er hat uns Einblick gegeben in sein Herz – was für eine großartige Erfahrung! Wie es mit dem Projekt in Äthiopien und Afrika weitergeht, liegt nicht in unserer Hand. Wir haben aber aufs Neue buchstabieren dürfen, was unsere Aufgabe als Gottes Bodenpersonal ist: Zuerst hören, dann vertrauen, zuletzt handeln – und in allem auf Ihn hoffen. Ein Zeichen dieser Hoffnung möchten wir wieder mit der OJC-Weihnachtsaktion setzen, zu deren Projekten auch die Arbeit von TeenSTAR gehört.

Von

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