Auf diesen Erlass ist Verlass

Abheben auf Gottes Verheißungen

 E=S+G

Liebe Freunde,

auf eine Sache ist in diesen Tagen Verlass: Weihnachten kommt. Dann dreht sich hier alles um Einkauf, Essen, Geschenke, Besuche und Fami­lientermine. Dieses Jahr sogar in verschärfter Form, denn Heiligabend ist vielerorts Sonntagsruhe – und damit vermehrt sich der Stress in den Tagen davor. Das große Freudenfest ist für viele, die sich mit den Wünschen und Erwartungen, den Sehnsüchten überfrachtet sehen, zu einem Ballast geworden, zur Pflichtübung, die man hofft, bald überstanden zu haben. Wie gut, dass wir uns mit Christi Geburt auf etwas ganz anderes besinnen können: Der Er-Löser und Befreier ist gekommen, damit wir allen Ballast abwerfen können. Sein ­Erlass macht frei und mit seiner Verheißung können wir gut „abheben“. Mit ihm ist das Zeitalter der Erlösung eingeläutet.

50 Jahre OJC

Danken und Durchstarten ist das Motto für unser Jubiläum nächstes Jahr. Mit 50 schauen wir dankbar auf den Segen, die Früchte und das Erreichte der vergangenen Jahrzehnte. Wir haben unendlich viel Grund zu danken, dass es uns auch trotz einiger Tiefen, Zerreißproben, Um- und Abbrüchen und Scheitererfahrungen noch gibt und wir fröhlich und zuversichtlich nach vorne durchstarten können. In der jüdischen Tradition spielt nicht nur die Zahl Fünfzig eine zentrale Rolle, sondern auch das 50. Jahr. Es gilt als Erlassjahr, das Jahr, in dem hebräische Sklaven freigelassen und ein gesamtgesellschaftlicher Schuldenerlass praktiziert wurde. Das Ziel des „Jubeljahres“ soll neues Leben ermöglichen, indem die nächste Generation von Altlasten entbunden und in eine neue Zukunft freigegeben wird. Der Erlass entbindet, ermöglicht einen Neustart und bildet damit eine Grundlage für eine fruchtbare Zukunft.

Erlass = Schuld + Gnade

Was hat das Erlassjahr mit dem Auftrag und dem inneren Gefüge einer Gemeinschaft zu tun? Pfarrer Uwe Buß schärfte uns am Anfang des Jahres in einer Bibelarbeit ein: „Eine Zukunft für die OJC kann es nicht ohne die von Gott geschenkte Freiheit, ohne die von Gott erlassene Schuld geben.“ Wir wünschen uns, mit 50 durchzustarten, einen lebendigen Aufbruch, eine innere Erneuerung und wirkmächtige Erweckung in uns und über uns hinaus. Auch eine geistliche Gemeinschaft, auch eine Offensive Junger Christen, steht in der Gefahr, in einen geistlichen Tiefschlaf zu verfallen. Sich einrichten, sich selbst genug sein und glauben, dass alles so (gut) weiterläuft, verhindert lebendiges Christsein und birgt Gefahren. Selbstzufrieden­heit und Selbstgerechtigkeit gehören zu dem S der Gleichung Erlass = Schuld + Gnade. Der Selbstzufriedene ist mit sich, seinem Zustand und seinem Glaubenszustand zufrieden und rechnet nicht mehr wirklich mit Gottes Eingreifen. Paulus mahnt im Epheserbrief: Wache auf, der du schläfst und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. Wenn die Zeitspanne von 50 – ob Jahren oder Tagen – für das Kommen des Heiligen Geistes steht, dann dürfen wir von ihm erwarten, dass er unsere Herzen durchleuchtet, wachrüttelt und uns in alle Wahrheit führt. Die andere geistliche Falle wartet, wenn man sich schon auf der sicheren Seite wähnt: die Selbstgerechtigkeit. Die Rechtfertigung des eigenen Handelns, das Zurechtbiegen und Zurechtinterpretieren der Sünde, ist am Ende nur der Versuch, sich selber zu entschulden.  Sünde und Gnade sind wie zwei Pole, die sich gegenseitig abstoßen. Das Kreuz ist die verbindende Mitte zwischen beiden, der Ort schlechthin, an dem alles Schädliche abgelegt und das Heilsame empfangen werden kann. Es ist das Ferment, das uns verwandelt und befähigt, in einen erlösten und geheiligten Gnadenstand zu finden. Als Sünder aus Gottes Gnade, Zuwendung und Fülle zu leben. Die Erkenntnis der eigenen Schuld ist schmerzhaft, es ist ein Geschenk und ein Wunder, wenn man bereit ist, die Gnade ­Gottes anzunehmen. Dort, wo es geschieht, kann ein Neuaufbruch geschehen.

Der heilende Schnitt

Ein Schuldenschnitt ist manchmal die einzig wirksame Maßnahme, um gesund zu bleiben oder wieder gesund zu werden. Das Loslassen ist dabei kein passiver Akt, sondern ein hochgradig aktives Geschehen, das einen mutigen Schritt verlangt. Der Gewinn liegt auf der Hand: eine bewusste Befreiung aus der Opferrolle, die den Blick auf Menschen und Lebensziele – auch den geistlichen – wieder weitet. Wer loslässt und vergibt, heilt sich selbst. Der Mystiker Thomas von Kempen geht einen Schritt weiter: Nur wer bereit ist, sich selbst zu verlassen, wird Christus ganz gewinnen und „sogleich strömt Gnade um Gnade in größerem Maße in dein Herz“ (S. 175). In diesem Jahr sind wir als einzelne und als Gemeinschaft den Fragen­ nachgegangen: Wem muss ich eine Schuld erlassen? Wo halte ich, halten wir noch an einem Schuldschein fest?

Wo stehen wir in der Schuld?

Viele Mitarbeiter sind  im Laufe der Jahre in die OJC gekommen und haben längere Zeit mitgelebt. Einige sind geblieben, andere weiterge­zogen, um ihrer Berufung zu folgen. Am schwersten waren die Abschiede, die in Zerwürfnis und Unfrieden endeten. Im Zurückschauen auf unsere Geschichte bedeutete das für uns, konkret zu fragen: Was sind wir anderen schuldig geblieben? Wo erhoffen wir Erlass? Wo wollen wir andere „entlassen“ – aus Vorwürfen und Erwartungen? Wir sind sehr dankbar, dass in manch bewegendem Gespräch Versöhnung und behutsame neue Offenheit möglich wurde.

Londoner Schuldenabkommen

Es wäre eine Verkürzung, ja irrige Umkehrung, den Schuldenschnitt auf die persönliche Ebene oder auf die einzelne Gemeinschaft zu reduzieren. So wie der Mensch am siebten Tag der Woche, am Sabbat, sich erholen soll, so braucht auch ein ganzes Volk und seine Sozialstruktur regelmäßig eine Erholung und Erneuerung. Das herausfordernde biblische Entschuldungsgebot hat primär eine gesellschaftliche Dimension als wegweisende Anordnung für eine Sozial- und Wirtschaftspolitik, die Würde und Genesung einer Nation erhält. Die Dynamik der Ausbeutung wird eingedämmt und ein sozialer Ausgleich wiederhergestellt. So revolutionär das Gebot damals war, so provokativ scheint uns dieser Gedanke auch heute. Welche Relevanz hat das für unsere globale Gesellschaft und was heißt das für den Umgang zwischen den Ländern? Wo braucht es Nachbesserung und radikales Umdenken? (S. 190). In Deutschland können wir mächtig stolz auf die schwarze Null der vergangenen Jahre sein. Grundlage ist ohne Frage eine disziplinierte Sparpolitik und konsequente Haushaltsführung.  Ebenso aber braucht es die (demütige) Erinnerung und Erkenntnis, dass der BRD beim „Londoner Schuldenabkommen“ am 27. Februar 1953 über die Hälfte der Vor- und Nachkriegsschulden in Höhe von 30 Milliarden DM erlassen wurden. Die zweite Hälfte durfte nur aus laufenden Überschüssen finanziert werden. Weitere Kredite oder gar ein Rückgriff auf die Reserven der jungen Republik waren tabu. Das Land sollte nicht ausbluten. Ohne diesen Schuldenschnitt stünde Deutschland heute nicht so gut da.

Generationenwechsel konkret

Es ist geschafft! Alle elf Parteien sind im Mehr­generationenhaus eingezogen: Alt und jung, ledig oder verheiratet, mit und ohne Kinder. Im Rahmen einer geistlichen Feier haben wir uns von dem Arbeitsnamen „Mehrgenerationenhaus“ verabschiedet und das Haus eingesegnet mit dem Namen „Felsengrund“ (Lk 6, 47+48). Dieses Haus soll ein Zeugnis für das fruchtbare Miteinander der Generationen sein, denn die Zukunft können wir nur gemeinsam bewältigen. Durchstarten geht auch nur, weil die Gründergeneration ­bereit ist, loszulassen, und weil die nachfolgende Generation mit frischer Hingabe die Gabe und Aufgabe unseres Auftrags empfängt. So hat Maria Kaissling ihre Verantwortung für die Leitung der Greifswalder Auspflanzung an Daniel Schneider und die Redaktionsleitung „Brennpunkt Seelsorge“ an Rebekka Havemann (S. 168) abgegeben. Christl R. Vonholdt übergab nach zwanzig Jahren die Leitung des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft an Jeppe Rasmussen. In einem Interview (S. 186) gibt sie kostbare Einblicke in die Höhen und Tiefen ihres unermüdlichen Einsatzes für Ehe und Familie.

Ein Zentrum loslassen

Zum Erlassjahr gehört auch der Rückblick auf die Dinge, die wir unter uns loslassen mussten. Vieles hat die OJC ins Leben gerufen, vieles hat Frucht getragen, doch einiges ist auch nicht geworden und manches mussten wir beenden. Gerade wenn der Auftrag eines Zentrums – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr greift, ist es an der Zeit, loszulassen, um etwas Neues zu­ empfangen. Was das innerlich kosten kann, davon berichtet Joachim Hammer, der „sein“ Reichelsheimer Europäisches Jugendzentrum los­lassen musste (S. 170).

Vom Irak nach Reichelsheim

Im Januar besuchten wir im Rahmen unserer Partnerschaften den Irak. Dort lernten wir Erzdiakon Emanuel Youkhana, den Leiter der Hilfsorganisation CAPNI, kennen. Mitte November eröffnete er mit uns die diesjährige OJC-Weihnachtsaktion.

Sein eindringlicher Appell, die Christen im Orient nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, dass sie eine Zukunft in ihrem Land haben, klingt in uns noch nach. Mit der Vertreibung des IS und dem eindeutigen Referendum zur Unabhängigkeit Kurdistans ist der alte Konflikt zwischen der Führung in Bagdad und den kurdischen Gebieten erneut aufgebrochen. Das ist für die Christen dieser Region keine gute Nachricht, denn die irakische Politik, stark unter dem Einfluss des Iran, bekennt sich ausdrücklich zum Islam und zur Scharia und schützt die religiösen Minderheiten im Land nur dem Buchstaben nach.

Zeichen der Hoffnung setzen

Im nächsten Heft stellen wir Ihnen einen neuen Mitarbeiter vor, der ab Januar 2018 im Auftrag der ojcos-stiftung als Fürsprecher für Religionsfreiheit und Minderheiten im Nahen Osten in Politik und Kirche unterwegs sein wird. Die Einrichtung dieser Stelle ist unsere helfende Antwort auf Hunger, Hass und Hoffnungslosigkeit, die im Kampf um Vormachtstellung und Pfründe um sich greifen. Bitte tragen Sie auch dieses Projekt unserer Weihnachtsaktion tatkräftig mit!

Im ausgehenden Jahr schauen wir voller Dank zurück und voller Zuversicht nach vorne. Besonders dankbar sind wir für Ihre Freundschaft, Ihr Durchtragen und Ihre Spenden, ohne die wir uns nicht offensiv einmischen könnten. Bitte bleiben Sie mit uns am Ball und freuen Sie sich auf das kommende­ Jahr, in dem wir das OJC-Jubiläum begehen (s. rechts). Wir laden Sie herzlich ein, mit uns Gottes Treue zu feiern und gemeinsam durchzustarten auf dem Weg, den er uns weist.

Weihnachten heißt, dass der Er-Löser kommt und uns aus falschen Bindungen löst. Mit seiner Ankunft platzt jedes Alibi, mit dem wir uns als Einzelne oder Völker­gemeinschaft in der Schieflage einrichten und in den Tiefen der Hoffnungslosigkeit haften bleiben. Seine Verheißungen und seine Kraft stärken, ermutigen und befähigen uns, darüber hinaus zu wachsen.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne einen frohen, gesegneten Advent und grüße Sie aus dem Odenwald und dem hohen Norden herzlich mit der ganzen Gemeinschaft,

Ihr
Konstantin Mascher, Prior,
Reichelsheim, 23.11. 2017

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