Ein glattes Herz taugt nicht

Plädoyer für die Tugend des Ausharrens

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – Wir kennen die Antwort und sind ganz auf der Seite des schönen und außerdem noch guten Schneewittchens. Wir wissen aber auch, wie es weitergeht, dass ihre naive Unversehrtheit sie nicht schützen kann und dass sich ihre Schönheit und Güte erst noch bewähren müssen. Das gängige Ideal des glatten, falten- und fleckenlosen Lebens läuft ins Leere, ja, läuft Gefahr, sich in Äußerlichkeiten zu verlieren und damit zur leichten Beute für Kräfte der Zerstörung zu werden, die hinter einschmeichelnden Worten und oberflächlichem Zuspruch lauern. Nicht nur dem glatten Antlitz, auch dem glatten Herzen fehlen die Spuren des Lebens, die die Seele erst streitbar und widerständig und zugleich barmherzig machen. So trifft uns der Satz des Paracelsus noch immer mitten ins Herz: „Ein glattes Herz taugt nicht, hinter den Narben liegt all unsere Menschlichkeit.“ Wir sehen meist nur, wie Narben entstellen: ob äußere Narben von Unfällen, Operationen, oder innere Narben in unserer Seele, die genauso verletzlich ist wie unsere Haut. Narben versteckt man, wenn man nicht ständig darauf angesprochen werden möchte. Manche der Narben, die wir auf der Seele tragen, verstecken wir sogar vor uns selbst. Dann kann das Leben sich anfühlen wie hinter einer Glaswand: scheinbar unversehrt, doch starr und isoliert.

Wenn es um eigenes und fremdes Leiden geht, sind wir aufgerufen, in Gebet und Fürbitte einzutreten, um Heilung zu bitten, selbst Schritte auf eine Besserung hin zu tun. Wir fällen Entscheidungen, ändern die Umstände. Dies ist wichtig, aber doch nicht alles. Es gibt Zeiten, in denen wir dem Schmerz nichts anderes entgegensetzen können als Geduld, Darunterbleiben, Aushalten: unsere Armut, unsere Ohnmacht und unsere Verletzlichkeit.

Geduld

Franz Werfel schreibt über die ersten Christen, die in den Katakomben von Rom gelebt und sich versteckt haben: „Ihre Geduld, dieses Warten-können, war die einzige jemals erfolgreiche Revolution ...“ Chrysostomos nennt Geduld die „Mutter der Frömmigkeit, Frucht, die nie verwelkt, eine Festung, die nie eingenommen wird, ein Hafen, der keinen Sturm kennt“. Das eine griechische Wort für Geduld hypomonē meint wörtlich Da-runterbleiben und das andere makrothymia heißt wörtlich Langmut oder Ausdauer. Es bezeichnet auch die Fähigkeit einer Pflanze, unter harten und ungünstigen Bedingungen zu gedeihen. Geduld ist nicht angeboren, man muss sie lernen, und das ist gar nicht einfach in einer Zeit, in der ich mir alles sofort nehmen und kaufen kann. Brauche ich überhaupt noch Geduld? Wenn ja, wie lernt man sie?

Geduld kann man nicht erzeugen oder machen, sie ist etwas Wachstümliches. Gal 5,22 nennt sie eine Frucht – und wie alle Früchte, brauchen auch die des Heiligen Geistes Zeit, um zu wachsen und reif zu werden. Die Crux ist, dass man sie nicht aus Büchern oder im Internet lernen kann, sondern nur im echten Leben. In Röm 5 steht sogar: Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber bringt Bewährung ... Bedrängnisse, die Geduld hervorbringen – wer will das schon? Unter Bedrängnis versteht die Bibel Leid, Not, Verfolgung, Enge, Armut – was eine reale Erfahrung nicht nur der ersten Christen war.

Armut

In der Soziologie finden sich viele Erklärungen, was Armut ist. In meiner Erfahrung ist Armut nicht zuallererst und nur materieller Art, sondern ein Zustand, den ich nicht ändern kann. Wenn ich eine Situation nicht aktiv beeinflussen, verändern kann, bin ich meiner Handlungswerkzeuge beraubt, und da erlebe ich mich persönlich als arm. Das unfreiwillige Konfrontiertwerden mit schweren Situationen in meinem Leben oder dem Leben der Menschen, die ich liebe, konfrontiert mich unweigerlich mit meiner inneren und/oder äußeren Armut. Es kann eine tiefe Kränkung sein, wenn man merkt, dass man mit dem „Etwas-Verändern-Können“ ans Ende kommt. Wenn es z. B. eine schwere Krankheitsdiagnose gibt und die Behandlungsmöglichkeiten erschöpft sind, dann werde ich – schrittweise oder ganz brutal – mit meiner Armut konfrontiert, mit meiner Hilflosigkeit und Schwäche, mit meiner Realität.

Ich denke, dass wir in den wesentlichen Dingen unseres Lebens viel zerbrechlicher sind als uns das im alltäglichen Umgang bewusst ist. Es ist wichtig, darum zu wissen, denn nur dann lernen wir uns wirklich kennen, wer wir sind ohne intellektuellen Überbau, Schutzmauern, Vorsichtsmaßnahmen und alle Möglichkeiten, die uns sonst zu Gebote stehen. In der Offenbarung steht ein verstörender und herausfordernder Satz (Offb 3,17): Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. Es geht nicht darum, sich selber schlecht zu machen oder äußere und innere Armut zu glorifizieren. Nein, Armut um ihrer­ selbst willen ist nichts Erstrebenswertes. Es geht um einen Blick auf die tiefere Realität unseres Menschseins: in den wesentlichen Dingen sind wir arm, blind und bloß, angewiesen auf jemanden, der uns kleidet, führt und nährt.

Entdeckungen

Vor einigen Jahren erlebte ich einen schweren Burnout, von dessen Folgen ich mich lange nicht erholen konnte. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Für diesen Zustand, den ich nicht ändern und nicht einmal mehr verstecken konnte, habe ich mich sehr geschämt. Doch da habe ich auch wahrgenommen, dass ich jemand bin, der Schwäche zutiefst verachtet, bei mir und bei anderen. Das hätte ich normalerweise niemals zugegeben, ich weiß doch, dass man das nicht macht, aber tief in meinem Charakter hatte sich dieser Hass auf das Schwachsein eingenistet und war zu einer Haltung der Verachtung geworden, die auf einmal ungeschminkt zutage trat. In der Armut lernen wir uns kennen, aber nicht nur das, wir lernen auch Gott kennen. In Markus 10 wird von einem jungen, sehr wohlhabenden Mann berichtet, der zu Jesus kommt und ihn fragt: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben erbe? Als Jesus ihm sagt, er solle die Gebote halten, erwidert der, dass er das von frühester Jugend auf tue. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib<s>’</s>s den Armen und komm, folge mir nach! Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter. Mir gefällt, dass Jesus diesen in jeder Hinsicht reichen Mann liebt, noch bevor er sich entscheidet. Doch der wird durch seinen Reichtum daran gehindert, Jesus konkret nachzufolgen und ihn wirklich kennenzulernen.

Gott der Armen

Wir glauben an einen Gott, der Armut nicht verachtet und ablehnt, der sich selbst als Anwalt und Fürsprecher der Armen bezeichnet. Jesus spricht hochachtungsvoll von den Armen, denn das Himmelreich ist ihrer (Luk 6,20). Ja mehr noch, wir haben einen Gott, der selber arm wurde. Jesus sagte von sich, dass er nichts habe, wo er sein Haupt hinlegen könne (Luk 9,58). Für diese Besitzlosigkeit hat er sich nicht geschämt. Die tiefsten Zeichen seiner Armut und seines Ausgeliefertseins allerdings sind Kreuz und Grab. In Jes 53,3 steht: Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Für manche Menschen ist die Armut Jesu der Grund, warum sie nicht an ihn glauben können oder wollen, das ist für sie nicht akzeptabel, nicht aushaltbar. Und für andere ist genau diese Armut der Garant dafür, dass Jesus auch in ihrer eigenen Armut präsent ist und sie aushält. Das Wissen um die Armut Jesu verändert an meiner eigenen Armut erst einmal gar nichts – und doch alles. Es kann zu einer lebendigen Wirklichkeit werden, die mich trägt.

Wie kann diese Nähe zu Jesus für mich zu einer tragenden und spürbaren Wirklichkeit werden?

1. Christi Leidensweg mitgehen

Die Zeit, in der ich das hier schreibe, ist die Passionszeit, und sie lädt in besonderer Weise dazu ein, Jesu Leiden nachzuspüren. Es gibt viele Formen, die dabei helfen können: Kreuzwege, Meditationen, Filme, Musik und Bilder, die alten Passionslieder und natürlich die Bibeltexte. Es geht – nicht nur in der Passionszeit – darum, Jesu Wege mitzuempfinden, mitzugehen. Es kommt nicht darauf an, einen frommen Gewinn daraus zu ziehen, denn dann wäre ich ja wieder bei mir selbst. Die Idee ist, treu bei Jesus auszuhalten mit meinen Gedanken und Empfindungen. Das ist eine schwere Übung. Ist das ungewohnt für Sie, Jesus so nah zu kommen? Und dann noch, ihn in dieser Perspektive zu sehen – als den Leidenden, Geschlagenen, Hilflosen? Die Frage, die dahinter steht, ist ja die gleiche wie in den Evangelien: Ist das Gott? Ist das mein Gott? Will ich einen Gott, der sich entwürdigen lässt, einen Gott, von dem man nichts mehr hat? Stehe ich zu einem Gott, dem man nichts Göttliches und Erhabenes mehr abspürt?

 2. Die Wege des Nächsten mitgehen

Niemand von uns muss die Welt retten, aber es ist eine gute Übung gegen die Selbstbespiegelung, einen Menschen auf mein Herz zu nehmen. Und auch da gilt: mitgehen, zuhören, anschauen, dabei bleiben, treu sein, aushalten. Vielleicht besuchen Sie eine Demenzkranke im Altersheim oder beten regelmäßig für ein Nachbarskind oder pflegen zu Hause einen Angehörigen. Oft geht es wirklich „nur“ ums Aushalten, darum, den anderen auf seinem Weg ein kleines Stück zu begleiten, selbst wenn ich an der Situation nichts ändern kann. Eine Tasse Tee, die wir schweigend miteinander trinken, eine Umarmung, das Umeinander wissen, ein kleiner Blumenstrauß – das tröstet ungemein.

3. Sich selber aushalten

Das ist wohl das schwerste, denn wir haben unzählige, oft ganz unbewusste Mechanismen, um uns abzulenken. Ich kann und muss Gott um die Unterscheidungsgabe bitten, zu erkennen, wann ich meine Ärmel hochkrempeln soll, um eine Situation zu ändern, und wann es dran ist, sie auszuhalten, ohne äußerlich oder innerlich davonzulaufen. Es gut sein lassen – das ist eine der großen, stillen Fähigkeiten; es gut sein zu lassen, wie es ist. Nicht, weil es schön wäre, Schmerz auszuhalten, sondern weil Gott, der die Situation zugelassen hat, gut ist. Kann ich das glauben, dass Gott gut ist? Wenn es mir schwer wird (und das ist keine Schande!), darf ich mir Worte aus der Bibel borgen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) Darum geht es: alles, meinen Schmerz, meine Last, meinen Unglauben in Beziehung zu Gott bringen; ihm alles sagen, alles klagen, sogar anklagen oder schimpfen – Gott hält das aus. Meine Wunden darf ich in seinen bergen, meine Armut mit seiner in Verbindung bringen. Irgendwann wird es ruhiger in mir, und oft nutzt Gott diese erschöpfte Stille, um mir zu begegnen – im Reden, im Schweigen oder einfach durch sein Nahesein. Manchmal formen sich dann Gedanken, Worte oder Erkenntnisse in mir, von denen ich später kaum denken kann, dass die von mir sind.

Wir haben die Verheißung aus Jes 57,18+19 ... denen, die da Leid tragen, will ich Frucht der Lippen schaffen. „Frucht der Lippen“ – das kann ganz Unterschiedliches sein: Worte, die andere trösten, Gedichte, die ans Herz gehen, Zeugnishaftes, das Mut macht, Bücher, die aufrütteln, Predigten, Lieder, Theaterstücke … Für mich heißt das: Wer Leid aushält, wird etwas zu geben haben, das unsere Welt dringend braucht, das anderen weiterhilft.           

Einige Worte, die mir weitergeholfen haben, stammen von Jörg Zink:

Und so geh denn deinen Weg, bereit, auch Nacht und Rätsel und Zweifel zu durchwandern. Den unteren Weg zu gehen. Nicht den der Erfolge. Der endet mit Gewissheit irgendwann.
Nicht enden wird dein Weg. Der führt weiter. Und unterwegs höre auf das, was der Mann aus Bethlehem dir sagt: Selig sind die Barmherzigen, die Friedenschaffenden, die Leidenden, die Verfolgten, die Geduldigen – weil Christus in ihnen seinen Weg geht.
Geh also in Gedanken den Lebensweg dieses Kindes mit bis an sein Ende. Es ist dein Weg. Geh ihn, achtsam und konsequent.

Ausblick

Wir sind gestartet mit dem provozierenden Satz: „Ein glattes Herz taugt nicht, hinter den Narben liegt all unsere Menschlichkeit.“ Ein allerletzter Gedanke dazu: als Jesus seinen Jüngern und vor allen Thomas nach der Auferstehung begegnet, woran erkennen sie ihn? An den Nägelmalen an seinen Händen, dem Wundmal an seiner Seite. Diese Zeichen trug er auch noch an seinem Auferstehungsleib. Ich glaube daran, dass unsere inneren und äußeren Narben uns unverwechselbar zu demjenigen oder derjenigen machen, die wir sind. Dafür will ich mich nicht schämen, denn Jesus schämt sich auch nicht, ein König mit durchbohrten Händen zu sein.            

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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