Trotz Dunkelhaft

Leben aus der Kraft der Auferstehung

Ostern ist das Herz des Evangeliums und unseres christlichen Lebens. Die Evangelien berichten besonders ausführlich über diesen kurzen Zeitabschnitt im Leben Jesu. Die ersten Zeugen hatten gespürt, dass es sich hierbei um eine entscheidende Phase seiner Geschichte und seiner Botschaft handelte. Die Erinnerung an Ostern ist im Laufe der Jahrhunderte und auch in den dunklen Zeiten der Geschichte niemals verloren gegangen. Ich denke da an das gerade zu Ende gegangene zwanzigste Jahrhundert.

Im dunkelsten Jahrhundert ...

Ich denke an den ersten Holocaust des Jahrhunderts: Mehr als eine Million Menschen wurden Opfer des Massenmordes an den Armeniern während des ersten Weltkrieges. Dabei kamen nicht nur Armenier, sondern auch syrische Christen ums Leben, einfach weil sie Christen waren. Ich denke an die Toten während der stalinistischen Terrorherrschaft und während der kommunistischen Diktatur in der Sowjetunion. In China geschahen 1937 in Nanking Massaker und Vergewaltigungen, bei denen die Japaner 200 000 Chinesen töteten. Es folgten zwei schreckliche Weltkriege. Während des Zweiten Weltkrieges kamen in der Shoa mitten in Europa sechs Millionen Juden ums Leben, aber auch zahlreiche andere Opfer: Polen, Sinti und Roma, Russen ... Im Zweiten Weltkrieg ereignete sich auch der Abwurf der Atombombe über Hiroshima mit 150 000 Toten. Ich denke weiter an die nahezu 30 Millionen Toten während der chinesischen Hungersnöte zwischen 1958 und 1962. Und noch mehr ist aufzuzählen: die Gewalttätigkeit der autoritären Regime in Lateinamerika, die Kriege in Afrika, der Massenmord an einem Drittel der Bevölkerung von Kambodscha, die ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien, die Massaker in Ruanda, eine Million Tote im Bürger­krieg von Mosambik, die Morde in Algerien. Für Millionen von Menschen war es ein sehr dunkles Jahrhundert.

... strahlt ein helles Osterlicht

Angesichts solch umfassender und tragischer Verluste – hier sind nur einige Beispiele zitiert – existierte aber auch ein Volk von Gläubigen, das manchmal schwach und von der Sünde gezeichnet war, das aber nicht aufgehört hat, das Gedächtnis des Leidens und der Auferstehung ihres Herrn zu feiern. Es war niemals so dunkel, dass man nicht die kleine Osterkerze anzünden konnte. Jedes Jahr ruft das Osterfest die Christen auf, ihren zum Tode verurteilten Meister mit Mitempfinden zu begleiten. Ostern ist das Gedenken an einen Sieg, daran, dass dieser Unschuldige nicht endgültig den Händen seiner Mörder, dem ungerechten Urteil und dem versiegelten Grab ausgeliefert worden ist. Gott hat ihn nicht im Dunkel des Todes vergessen, sondern wieder ins Leben zurückgerufen. Er ist auferstanden! Gott empfindet Mitgefühl für den Schmerz des Gekreuzigten. Er hat diesen Schmerz selbst erlitten ...

In der Nachfolge Jesu

Im deutschen Konzentrationslager Buchenwald wurde 1937 der evangelische Pastor Paul Schneider, der Dietrich Bonhoeffer nahestand, aufgrund seiner Opposition zum Nationalsozialismus interniert.1 Im Lager wurde er Misshandlungen und ­besonderen Foltermethoden unterworfen, weil er sich weigerte, dem nationalsozialistischen Haken­kreuz Hitlers Ehrerbietung zu erweisen und sich an der Vergötterung des Menschen, des Staates­ und der germanischen Rasse zu beteiligen. Im April 1938 wurde er in den Lagerbunker in Iso­la­tionshaft gebracht, wo er seine letzten 14 Lebensmonate verbrachte. Ein Mitgefangener sagte: „Im Bunker, wo sich die Dunkelarrestzellen befanden, lernte ich Pastor Schneider kennen, der neben mir in der Zelle lag. Jeden Morgen hielt er für uns Häftlinge eine Morgenandacht, wofür er stets Schläge und Misshandlungen [...] einstecken musste.“2 Ein anderer Häftling, der entschlossen war, in den mit Strom geladenen Stacheldraht zu gehen, und seinem Leben, das aller Menschlichkeit beraubt worden war, ein Ende zu setzen, erzählt, dass er es Pastor Schneider zu verdanken habe, diesen Schritt nicht getan zu haben. Während des Appells auf dem Lagerplatz rief Pastor Schneider aus seiner Zelle und erinnerte alle an die Liebe Gottes: Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis. „Er hat mich durch diesen Ruf gerettet! Denn von da an wusste ich, dass doch Einer bei mir ist!“3

Der Versuchung ausgesetzt

Das 20. Jahrhundert konnte weder durch seine große Gewalttätigkeit noch durch seinen Stolz die Erinnerung an Ostern, an das Mitleid und an den Glauben der Auferstehung auslöschen.­ Darin liegt ein wertvolles Erbe für das 21. Jahrhundert. Die Christen unseres Jahrhunderts müssen dieses Testament öffnen. Es ist das Testament des Evan­geliums. Wenn wir das Erbe des Evangeliums beiseitelassen, dann erreichen die langen Schatten des 20. Jahrhunderts auch das 21. Jahrhundert. Vor allem verliert man damit den lebendigen Kontakt zur Quelle der Liebe, der Menschlichkeit und des Glaubens. Wenn man das Gedenken an Ostern fallen lässt, werden sich viele Übel des 20. Jahrhunderts wiederholen.

Diese bittere Erfahrung haben wir schon zu oft gemacht. Sich selbst zu retten und sich selbst zu lieben – das könnte man als das Evangelium unserer Zeit betrachten. Auch Jesus wurde in diese Versuchung geführt. So kommentiert das Volk sein Ende am Kreuz: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist (Lk 23,35). Die Soldaten verhöhnten ihn: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst! (Lk 23,37). Hier stehen wir an einem Eckpunkt der Osterüberlieferung: Jesus rettete nicht um jeden Preis sich selbst. Er bleibt und gibt sein Leben hin. 4

Gott braucht keine Helden

Wenn man das Leben der Märtyrer betrachtet, könnte man meinen, dass es ein übermenschliches Heldentum ist. Das ist nichts für uns, die wir so sensibel sind, so ängstlich und furchtsam, so beschäftigt mit den Problemen unserer Gesundheit und unseres Körpers, die wir so sehr darauf achten, nicht zu leiden. Und doch ist das Vermächtnis der Leidensgeschichte, des Todes und der Auferstehung auch das Vermächtnis vieler Männer und Frauen, die so gelebt haben wie Jesus. Es waren sensible Männer und Frauen, die genau wie wir darauf geachtet haben, nicht zu leiden. Und doch haben sie sich nicht von der ausschließlichen und anmaßenden Sorge um sich selbst beherrschen lassen. Sie haben nicht auf den Ratschlag „Rette dich selbst!“ gehört. 5 Wir wissen nicht, wie viele in der Einsamkeit der Gefängnisse auf ihn geblickt haben, in den letzten Stunden nach dem Todesurteil ohne eine freundschaftliche Stimme. Sehr viele, mehr als wir glauben. Es geschah, was im Hebräerbrief geschrieben steht: Denkt an den, der von den Sündern solchen Widerstand gegen sich erduldet hat; dann werdet ihr nicht ermatten und den Mut nicht verlieren (Hebr 12,3). Am Ende haben sie den Mut nicht verloren. Im ­Hebräerbrief kann man weiter lesen: Sie sind stark geworden, als sie schwach waren (Hebr 11,34). Stellen wir uns das Staunen der Henker angesichts dieser Kraft vor, die von besiegten Körpern und Menschen hinter Gittern ausging! Stellen wir uns die Verwunderung und Wut der SS-Soldaten im Konzentrationslager Buchenwald angesichts der Stimme des evangelischen Pastors Schneider vor, der sich den brutalen Schlägen und Drohungen nicht gebeugt hat. Woher kam die Kraft, als er so­ überaus schwach war? Handelt es sich um außer-gewöhnliche Charaktere? Es waren nicht einige wenige Helden, die es immer gibt, sondern Hunderte, Tausende, Millionen von Männern und Frauen, Christen, die im zwanzigsten Jahrhundert bis zum Tod standgehalten haben. Sie waren keine Draufgänger, sondern haben trotz aller Wider­stände weiter geliebt. Oft waren es einfache Leute, die kaum im Glauben unterwiesen waren. Doch für ihren Glauben haben sie menschlich gehandelt und für diese Liebe mit dem Tod bezahlt.

Liebe – stärker als der Tod

Man muss die Vision der Offenbarung im Licht der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts neu lesen: Danach sah ich eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm (Offb 7,9-10).

Wer ist diese große Schar? Der Älteste sprach: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht (Offb 7,14). Sie haben den Widerständen nicht nachgegeben und nicht aufgehört zu lieben; sie wollten ihr Leben nicht retten, und wollten nicht Jünger des Evangeliums der Selbstliebe werden …

Wenn man die Märtyrer betrachtet, bilden sie alle trotz unterschiedlicher Sprachen und Situationen ein großes Gemälde, das sich vor unseren Augen abzeichnet: ein gütiges, demütiges und gewaltfreies Christentum, das sich dem Bösen widersetzt, das schwach und gleichzeitig stark im Glauben ist, das über den Tod hinaus geliebt und geglaubt hat. Sie wurden von einer Hand getroffen, die von dem eindeutigen Plan angetrieben wurde, den christlichen Glauben auszurotten und die Christen zu beseitigen. Aber wer wird sich an sie erinnern? Im Grunde genommen scheint unsere Zeit ihnen den Rücken zukehren zu wollen. Wer wird sich an ihre Worte erinnern? An ihre Tränen? Der chine­sische Dichter Ai Qing hat 1937 im Gefängnis seine Gedichte auf armseliges Papier geschrieben, während er das Evangelium las:

Wer wird in den Schichten der Erde
die Tränen der Geopferten entdecken,
die all diese Qualen durchlitten haben?
Diese Tränen sind hinter
Tausenden von Eisengittern verschlossen,
und es gibt nur einen Schlüssel,
der diese Eisengitter öffnen könnte ...
6

Kann man die Tränen der Geopferten entdecken und aufsammeln, die all diese Qualen erlitten ­haben? Diese Tränen begleiten das Evangelium.­ Dieses Evangelium wurde im zwanzigsten Jahrhun­dert gelebt. Die Erinnerung ist der einzige Schlüssel, um diese Eisengitter zu öffnen, die die Lebensgeschichten der Verfolgten und Ermordeten im Dunkeln festhalten. Natürlich sind auch wir keine Helden. Wir haben Angst vor dem Leid. Oft fürchten wir uns sogar davor, auf etwas zu verzichten. Wir machen uns große Sorgen um unseren Körper, wegen unserer Krankheiten und unserer Müdigkeit. Wir achten darauf, dass wir uns nicht zu sehr anstrengen. Diese Haltung zeigten im Grunde auch die Jünger, als sie während der Leidensgeschichte flohen. Und auch Petrus, als er leugnete, den Herrn zu kennen. Doch das Evangelium übergeht die Schwäche nicht. Es fordert kein Heldentum. Das Erbe der neuen Märtyrer möchte weder Vergeltung noch Verachtung legitimieren. Dieses Erbe muss im Alltagsleben angenommen werden.

Bewährungsfeld Alltag

Wir sind aufgerufen, vor allem und unter allen Umständen zu lieben. Wir wissen, dass das aus dem Griechischen stammende Wort Märtyrer „Zeuge“ bedeutet. Wer das Erbe der neuen Märtyrer annehmen will, muss jeden Tag Zeugnis dafür ablegen, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Das Erbe der Märtyrer nimmt der an, der jeden Tag ein Leben voller Liebe, Güte und Treue lebt. Isaak von Ninive schrieb: „Sei ein Verfolgter und kein Verfolger. Sei ein Gekreuzigter und keiner, der kreuzigt. Sei ein Beschimpfter und keiner, der beschimpft. Sei ein Verleumdeter und kein Verleumder.7 Man nimmt das Erbe an, wenn man von Jesus, von seinen Freunden und von seinen Zeugen lernt, die gütig und von Herzen demütig waren. Wir Christen dürfen keine halben und mittelmäßigen Wege gehen, wir sind vielmehr zur­ Größe des Evangeliums berufen und zur Nachahmung Jesu, unseres Herrn. Das Zeugnis der Märtyrer verweist nicht auf eine heldenhafte Entscheidung, sondern auf ein einsatzbereites und kämpferisches Leben als Jünger des Evangeliums und in Umsetzung der Liebe Gottes. Das ist kein Opfer, sondern ein Leben voller Freude. 

Aus: Gott hat keine Angst. Die Kraft des Evangeliums in einer Welt des Wandels. Echter-Verlag, Würzburg 2003, S. 142 – 158, gekürzt (vergriffen). © Andrea Riccardi

Anmerkungen:

  1. Vgl. M. Schneider (Hg.), Paul Schneider – Der Prediger von Buchenwald, Holzgerlingen (5)200
  2. Ebd. 197
  3. Ebd. 198
  4. A. Riccardi, Unter dem Kreuz. Geistl. Schriftlesung der vier Leidensgeschichten, St. Ottilien 2000, 17
  5. Ich verweise auf eine Übersicht über das Martyrium im 20. Jahrhundert in A. Riccardi, Salz der Erde, Licht der Welt,Freiburg 2002
  6. Ai Qing, Morte di un Nazareno, Novara 1999, 28–29
  7. S. Chialà (Hg.), Isacco di Ninive, Un’umile speranza. Antologia, Magnano (BI) 1999, 197

Von

  • Andrea Riccardi

    Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio und Professor für Neuere Geschichte, Geschichte des Christentums und Religionsgeschichte in Rom.

    Alle Artikel von Andrea Riccardi

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal