Friedensbotin im Bürgerkrieg

Eine Frau im islamischen Land bekennt sich zu Jesus

Überall auf der Welt findet man sie: Frauen, die in extrem schwierigen Lebensumständen stark sind. Ich bin sehr dankbar, dass ich auf meinen Reisen viele dieser verborgenen Heldinnen treffen durfte.

Vor einigen Jahren konnte ich mit WINGS (Frauen-Netzwerk in der Lausanner Bewegung) eine Tagung für Frauen aus verschiedenen Ländern durch­führen. Belice – so nenne ich sie mal – war dabei. Es war ihr erster Besuch in einem westlichen Land. Eines Tages fragte sie mich: „Wissen die Menschen hier eigentlich nicht, dass sie sterben müssen? Die kommen mit vollen Taschen aus den Geschäften, so als hätten sie noch so viel Zeit zum Leben. Ist ihnen denn nicht klar, dass sie sterben werden und dass sie das alles zurücklassen müssen?“ Belice hatte bis dahin die meiste Zeit ihres Lebens in einem Land im Bürgerkrieg gelebt. Um sie herum die stete Gefahr, getötet zu werden. Unzählige Freunde und Bekannte waren gestorben. Überfluss an materiellen Dingen? – undenkbar. Dann floh sie mit ihrem Mann und den Kindern in ein fundamentalistisch islamisches Nachbarland, um dem Krieg zu entkommen. Als engagierte Christen und auch ordinierte Pastoren ihrer Pfingstkirche begannen sie, sich in einem Slumgebiet außerhalb der Hauptstadt eine Unterkunft zu bauen und in der Nähe davon eine Gemeinde zu gründen. Als ich zum ersten Mal dort war, standen nur die Außenwände aus in der Sonne getrockneten Lehmziegeln und ein paar Holzbänke unter einem Wellblechdach. Antoine, ihr Mann, hatte sich für meinen Predigtdienst in der Gemeinde von seinem Nachbarn Schuhe ausgeliehen, die ihm gar nicht passten. Dass diese Familie arm war, war offensichtlich. Dennoch engagierte sie sich von Anfang an für ihre Umgebung. Belice erklärte: „Wenn ich möchte, dass meine eigenen Kinder vor falschen Wegen bewahrt werden, muss ich etwas für alle Kinder in unserem Viertel tun. Zu Hause habe ich Einfluss auf meine Kinder. Aber sobald sie auf der Straße sind, werden die anderen Kinder sie prägen. Deshalb muss ich etwas für die Bildung aller Kinder tun.“ Belice gründete eine kleine Schule, begann mit Jugendarbeit. Jedes Jahr besuchte ich sie, jedes Jahr war das Gemeindehaus baulich verbessert, kamen mehr Schüler in die Schule. Abends gab es Unterricht für Erwachsene, die auch Flüchtlinge waren und wegen des Bürgerkriegs nie eine Schule hatten besuchen können. Deutsche Mitarbeiterinnen einer Missionsgesellschaft unterstützten Belice und Antoine, vermittelten Spendengelder aus Deutschland, ja sogar eine Zusage von Mitteln aus dem Topf der deutschen Entwicklungshilfe.

Ich war an dem Tag zu Besuch, an dem Bulldozer ein Gebäude auf dem Nachbargrundstück abrissen, auf dem das neue – von Deutschland finanzierte ­– zweigeschossige Schulgebäude entstehen sollte.­ Am nächsten Tag wurde Belice verhaftet. In einem­ fundamentalistisch islamischen Staat gab es keine­ Freiheit für eine Frau, die als Christin ihren Glauben so sichtbar lebte. Über vier­ Wochen lang wurde sie gefangen gehalten. Eine Asthmakranke, nur mit den Kleidern, die sie bei ihrer Verhaftung trug, wurde ohne weitere Versorgung vier Wochen lang im Gefängnis unter Druck gesetzt mit der Drohung, ihr die Kinder wegzunehmen, ihren Mann zu verhaften und zu foltern. Sie hatte keinen Kontakt nach außen, keine Besucher, keinen Anwalt. So versuchte man, ihren Willen zu brechen. Doch sie blieb standhaft bei ihrem Glauben an Jesus.

In Deutschland versuchten während ihrer Haftzeit viele Menschen, über das Auswärtige Amt ihre Freisetzung zu erreichen. Vergeblich. Erst nach vier Wochen tat Gott ein Wunder: ein Freund war­ zeitgleich im Gefängnis und wurde vier Wochen lang massiv gefoltert. Dann gab Gott ihm prophetische Eindrücke, die alle zutrafen und die auch die Gefängnisleitung zu hören bekam. Der Gefängnisleiter bekam Angst vor ihm. Er wurde freigelassen, doch er wollte nur gehen, wenn auch Belice freigelassen werden würde. Das wurde ihm zugesichert. Die beiden mussten innerhalb von 24 Stunden mit der gesamten Familie das Land verlassen.

Nur mit der Kleidung, die sie anhatten, ohne jedes weitere Hab und Gut, kamen sie in dem Land an, aus dem sie Jahre zuvor geflohen waren. Das Problem für Belice und Antoine: Sie hatten schon einige Zeit zuvor zwei Straßenkinder bei sich aufgenommen. Einen der beiden Jungen mussten sie zurücklassen, weil man nicht sicher war, ob er ein Moslem war und deshalb das Land nicht verlassen durfte. Was für ein schwerer Weg für alle. Wir Deutschen konnten der Familie mit einem kleinen Startguthaben aus Kollekten unserer Gemeinde helfen, ein Dach über dem Kopf zu haben und die Kinder wieder in die Schule zu schicken. Doch es dauerte nicht lange bis die beiden wieder aktiv wurden. Sie haben die kleine „Gift“ (dt. Geschenk) nach der Geburt aus dem Krankenhaus abgeholt, weil dort niemand dieses Kind haben wollte. Sie haben seither mehrere Kinder von der Straße aufgenommen und sind dabei, ein Kinderheim zu errichten. Sie haben wieder eine Schule gegründet und wollen ihren Stadtteil auf einen guten Weg bringen. Und auch in diesem neuen Anfang liegt Leiden: Ein Mädchen, das sie nach der Rückkehr in die Heimat als zweites Kind angenommen hatten, ist an einer unheilbaren Krankheit verstorben.

Um sie herum wütet der Bürgerkrieg. Marodierende Banden überfallen die Häuser. Oft verbringt die Familie die Nacht unter ihren Betten, weil auf der Straße vor ihrem Haus Schießereien sind. Doch sie geben nicht auf. Sie vertrauen Jesus und tun das, was sie tun können. Sie sind und bleiben Vorbilder für mich und eine echte Hilfe für die Leidenden vor Ort.

Ich hoffe, dass ich Belice bald wieder nach Deutschland einladen kann. Denn davon träumt sie in ihren freien Minuten: noch einmal auf einer internationalen Frauenkonferenz, wie sie WINGS veranstaltet hat, dabei zu sein und von anderen Frauen aus verschiedenen Teilen der Welt ermutigt zu werden. Und noch einmal für ein paar Tage den Frieden und die Freiheit zu schnuppern, die für uns hier in Deutschland allzu selbstverständlich sind. Eins ist klar: Hierzubleiben, das käme ihr nicht in den Sinn. Dafür gibt es in ihrem Land noch viel zu viel zu tun.

Von

  • Elke Werner

    gründet mit ihrem Mann, Roland, den das Christus-Treff in Marburg. Von 2005-07 war sie stellvertretende Direktorin (Westeuropa) des internationalen Lausanner Komitees für Weltevangelisation. Seit 2006 ist sie Senior Associate for Women in der internationalen Lausanner Bewegung.

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