Martyrium und Mission

Zwölf Thesen aus missionstheologischer Perspektive

In seiner Habilitationsschrift hat der evangelische Missionstheologe das Wesen der Zeugenschaft (griech. martyrion) umfassend im Licht der biblischen Lehre ausgeleuchtet und sie als den heilsgeschichtlichen Grundimpuls allen Bekennens und als Kernauftrag der Kirche Jesu herausgearbeitet.* In den folgenden zwölf Thesen fasst er die Theologie des Martyriums zusammen.

  1. Zeugnis und Leiden sind zwei wesentliche Kennzeichen der Kirche Jesu Christi bis zur Parusie (Wiederkunft) Christi. Sie bilden die Kehrseite des jeweils anderen Kennzeichens in ein und derselben Wirklichkeit
  2.  Bedrängnis, Verfolgung und Martyrium der Zeugen Christi verweisen auf die Realität einer geistlichen Auseinandersetzung um das Heil der Welt.
  3. Unter den vielfältigen möglichen Gründen für Verfolgung und Martyrium von Christen sind aus theologischer Sicht das aktive Christuszeugnis, die Hinwendung von Menschen zu Christus, das Wachstum seiner Kirche und der Einsatz für Gerechtigkeit herausragende und geistlich tiefgreifende Gründe.
  4. Der Weg der christlichen Mission führt, wie der Weg ihres Herrn, über das Kreuz zur Herrlichkeit.
  5. Die Erscheinungsform der Mission Christi in seinem verfolgten Leib auf Erden verbirgt seine Macht unter der Schwachheit seiner Boten, doch ist seine Herrlichkeit (griech. doxa) in ihnen gegenwärtig.
  6. Die Mittel christlicher Mission sind durch die Liebe Christi und das Vorbild seiner Selbstaufopferung geprägt.
  7. Das Leiden der Zeugen und ihr Martyrium dienen dem Ziel der Mission, der Verherrlichung Gottes.
  8. Das Martyrium der Glaubenszeugen ist nicht das Ende der Mission Gottes. Gott kann es vielmehr in seiner Souveränität zum Aufbau seines Reiches verwenden, indem er dem Martyrium Glauben weckende Wirkung schenkt, die zum Wachstum seiner Gemeinde führen kann.
  9. Am Zeugnis für Christus und am Einsatz für sein Reich und seine Gerechtigkeit ist daher gerade auch angesichts von erfahrenem Widerstand sowie Bedrängnis, Verfolgung und Martyrien treu festzuhalten.
  10. Das christliche Zeugnis richtet sich auch an die Verfolger der Christen und äußert sich in Liebe für die Feinde, Verzicht auf eigene Rache und die Bitte, dass Gott ihnen vergeben möge.
  11. Einheit und Solidarität des Leibes Christi angesichts von Bedrängnis gehören zu seiner Sendung und stellen ein missionarisches Zeugnis vor der nichtchristlichen Welt dar.
  12. Mit der Parusie Christi, auf die seine Gemeinde hoffnungsfroh wartet, ist die Sendung seiner Kirche auf Erden erfüllt. Ihre Bedrängnis, ihre Verfolgung und ihr Martyrium finden nicht nur ein Ende. Sie werden vielmehr überstrahlt von der völlig offenbar werdenden Herrlichkeit und heilsamen Gegenwart Gottes, der seine treuen Zeugen belohnt und dem dann das ungehinderte Gotteslob gelten wird. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt 1/2015. © Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Deutschen Pfarrerblatts.

* Vgl. C. Sauer: Martyrium und Mission. Positionen aus der weltweiten Christenheit (Reihe Missionswissenschaftliche Forschungen), Erlanger Verlag für Mission und Ökumene (angekündigt).

Von

  • Christof Sauer

    Er ist Professor für Religions- und Missionswissenschaft an der Evangelischen Theologischen Hochschule Fakulteit Leuven und leitet in Kapstadt das Internationale Institut für Religionsfreiheit.

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