„Das Leben hier ist unberechenbar“

Interview mit Katharina Akpa von Irisz Sipos

Katharina, euer Haus steht abgelegen im Busch, etwa 5 km von Jos, einer Gegend, die hauptsächlich vom Stamm der Rukuba, aber auch der Fulani besiedelt ist. Welche religiöse Prägung haben eure Nachbarn?

Die Rukuba Leute sind hauptsächlich christlich geprägt, allerdings viele nur dem Namen nach. Die Fulani sind Moslems. Hier wie dort gibt es Menschen, die mit okkulten Praktiken zugange sind. Einige hängen noch den Stammesritualen ihrer Vorfahren an, die z. B. mit Tieropfern verbunden sind. In Jos selber leben sehr viele verschiedene Stämme zusammen, überwiegend christlich geprägte, aber auch die muslimischen Hausa und Fulani aus dem Norden. Es wimmelt von Kirchen der unterschiedlichsten Denominationen, und in anderen Stadtteilen gibt es Moscheen. In manchen Gegenden auch Kirchen und Moscheen in nächster Nähe zueinander. Während der Krisen in 2008/09 und 2010 hätte es für Christen tödlich sein können, sich in manchen der rein muslimischen Vierteln aufzuhalten. Auch heute gibt es ein paar Stadtteile, die mein Mann lieber meidet.

Dein Mann Israel war viele Jahre als Missionar im Land unterwegs. Betrachtet ihr Nigeria als Missionsgebiet?

Absolut! Im Norden ist Nigeria muslimisch, einige Provinzen stehen unter der Scharia. Vor kurzem erst hat die Missionsgesellschaft SIM zwei Ehepaare und eine ledige Frau nach Kano, ganz im Norden, ausgesandt, wo eine Zeit lang keine weißen Missionare mehr waren. Es braucht dazu eine Menge Mut und eine eindeutige Sendung von Gott. Aber es gibt nicht wenige einheimische Missionare, die immer wieder gen Norden aufbrechen, trotz der Bedrohung durch Boko Haram. Einige kennen wir persönlich, und ich bin sehr dankbar, dass sie das Herz dafür haben! Allerdings kann der Preis für so eine radikale Nachfolge sehr hoch sein: Israels ehemaliger Mentor und ein weiterer Kollege sind auf einer Missionsreise vor einigen Monaten spurlos verschwunden. Das war ein Riesenschock für uns alle. Auch im „christlichen“ Süden des Landes und hier, im sogenannten „middle belt", braucht es Leute, die Menschen in eine wirkliche und tiefe Beziehung mit Jesus führen. Die meisten Christen sind es hauptsächlich dem Namen nach. Viele Christen, vor allem in den Dörfern, haben immer noch große Angst vor den Auswirkungen der okkulten Praktiken und sind sich der Vollmacht, die Jesu Nachfolgern gegeben ist, gar nicht bewusst. So braucht es wiederum Leute, die sie in ein tieferes Verständnis von und in die Erfahrung mit Jesus führen. Und die gibt es auch! Ich kenne viele solche wunderbaren Liebhaber und Nachfolger Jesu, die auf ihre Umgebung große Auswirkungen haben und die in völliger Hingabe und großer Opferbereitschaft leben.

Was finden die Menschen anziehend am Christentum?

Menschen hier lieben Wunder, wie sie sie z. B. im Jesusfilm sehen! Sie lieben es auch, von Wundern im Leben anderer zu hören, und wollen gerne selber solche erleben. Wenn der Glaube aber nur von Attraktionen genährt wird, kann er natürlich auch schnell wieder verloren gehen. In den Mega­kirchen, hauptsächlich im Süden, fühlen sich viele von den Wohlstandspredigten angezogen und hoffen, dass ihr Glaube sie auch reich und angesehen macht. Ein berührendes Gegenbeispiel ist für mich ein jesusgläubiger Fulani, der uns erzählte, er habe sich von Jesus überzeugen lassen, weil er in der Bibel sagt, wer ihm nachfolge, werde auch leiden. Für ihn war sonnenklar, dass keiner, der Menschen nur verführen will, so etwas sagen würde! Daraufhin hat er beschlossen, Jesus nachzufolgen, obwohl er genau wusste, wie hoch der Preis dafür sein würde: er wurde von seinem Dorf und seiner Familie verstoßen. Dass Jesus im Film, den Israel oft unter Moslems gezeigt hat, ihre eigene Sprache spricht, hat viele von ihnen berührt, und dass er ihnen dadurch persönlich so nahekommt. Im Gegensatz zum Islam, in dem Gott viel distanzierter erlebt wird, kommt Gott ihnen selber in Jesus entgegen, in ihre eigene Kultur hinein! Das ist natürlich überhaupt für die Menschen in all ihren Nöten und Herausforderungen des täglichen Lebens hier etwas Wunderbares, dass Jesus ihnen verspricht, bei ihnen zu sein, mit ihnen durchs ­Leben zu ­gehen und sie auch im Alter nicht zu verlassen, da es für die meisten keine Altersvorsorge gibt. Auch in den Tragödien von so vielen, die Familienangehörige durch Krankheiten oder bei Überfällen verlieren, ist ihnen sein Wort, seine Gegenwart real und tröstend. Das Leben hier ist so unberechenbar und sie sind sich so bewusst, dass Er ihre einzige wirkliche Sicherheit ist.

In den Nachrichten hören wir oft schlimme Dinge über Christenverfolgung durch radikale Terrorgruppen, vor allem Boko Haram. Beeinträchtigt dies euren Alltag?

In 2013/2014 gab es einige Bombenanschläge und Selbstmordattentate durch Boko Haram in Jos, das hat natürlich Spannungen mit sich gebracht. Wir wussten nie, wann wo was passieren würde. Ich erinnere mich an eine Fahrt in die Stadt, ein oder zwei Tage nach einer Bombenexplosion im Zentrum, bei der ich in einen fürchterlichen Stau geraten bin. Es ging weder vorwärts noch rückwärts, mindestens eine dreiviertel Stunde lang. Das war das einzige Mal, dass ich Panik aufsteigen fühlte. Es war schrecklich, in keine Richtung ausweichen zu können und nicht einmal zu wissen, was der Grund für den Stillstand war. Erst später erfuhr ich, dass der damalige Regierungschef von Plateau State den Ort des Anschlags besucht hat und der Verkehr seinetwegen komplett lahmgelegt war! Ich erinnere mich auch, dass bei einer verheerenden Detonation, die Kilometer weit entfernt war, unser Haus leicht gezittert hat. Aber wirklich in Angst gelebt haben wir eigentlich nie. Wir sind viel mehr betroffen gewesen von dem, was z. B. der Mann erzählte, dem das Landstück neben uns gehört und der als Soldat in Maiduguri im Nordosten Nigerias stationiert ist, oder von Missionarsfreunden zu hören, was dort abging.

Wie ist eure Beziehung zu euren unmittelbaren muslimischen Nachbarn?

Die ungefähr achtzig Fulani, die einen Steinwurf von uns entfernt hier draußen im Busch leben, waren in dieser Gegend, dem Rukuba-Land, noch nie gewalttätig. Vor einigen Jahren gab es allerdings blutige Auseinandersetzungen zwischen ihnen und dem Nachbarstamm, einige sind daraufhin hierher gezogen. In Dörfern südlich von Jos und in anderen Provinzen gab und gibt es aber immer wieder brutale Überfälle von Fulani auf Christen. Die Eltern unserer beiden Mädchen, Noro und Sele, sind so ums Leben gekommen. Unser Bekanntenkreis war dementsprechend entsetzt, als Israel und ich in 2008 ganz allein direkt neben sie in den Busch gezogen sind! Wir waren aber beide überzeugt, dass dieses Land uns von Gott geschenkt war. All die Jahre seitdem haben wir in friedlicher Nachbarschaft mit den Fulani gelebt. Ihre Kinder kamen von Anfang an scharenweise zu uns zum Spielen, und ich bin froh, täglich frische Kuhmilch von den Frauen kaufen zu können, denn die Fulani hüten traditionell die großen Rinderherden in Nigeria. In den Läden gibt es leider nur Milchpulver. Mit dem Chief haben wir ein gutes Verhältnis, auch wenn wir ihm nicht in allem vertrauen können. Er diskutiert gerne mit Israel, aber zuweilen erzählt er uns Geschichten, die offensichtlich nicht stimmen. Die Fulani wissen, dass wir ihnen wohlgesonnen sind und sie auf uns zählen können. Vor kurzem hat ein junger Fulani einen großen Geldbetrag auf der Straße verloren, die nur sie und wir benützen. Israel, der das Geld gefunden hat, kontaktierte den Chief und der junge Mann und alle Dorfbewohner waren gerade­zu schockiert, dass er das Geld zurückgegeben hat, anstatt es sich in die Tasche zu stecken! Es gab auch keinen Aufruhr, als wir den Kindern und einmal einigen Frauen und dem Chief am Weihnachtsabend den Jesusfilm gezeigt haben.

Was ist deiner Ansicht nach die größte Herausforderung oder das größte Hindernis für Christen, ihren Glauben zu leben?

Am augenscheinlichsten ist sicher die brutale Verfolgung im Norden. Es ist aber immer wieder erstaunlich und bewegend, wie die meisten verfolgten Christen an Jesus festhalten, obwohl viele von ihnen mit dem Leben bezahlen, oder alles verlieren, was sie haben. Die Armut hingegen scheint die einen von Gott weg, die anderen in seine Arme zu treiben. Das Wohlstandsevangelium zieht viele an, lässt sie aber doch hilflos, wenn echte Krisen im Leben zu bewältigen sind und sie dann keinen fest gegründeten Glauben und keine wirkliche Gottesbeziehung haben. Ich kenne andererseits viele Leute, die zwar arm sind, kaum zwei Mahlzeiten am Tag einnehmen und ihre Kinder nicht in die Schule schicken können, aber eine innige und echte Beziehung zu Jesus haben. Wenn ihnen dann in verzweifelten Situationen andere Christen zur Seite stehen, ihnen helfen und sie ermutigen, können das Schlüsselmomente sein, in denen sie erleben, dass Gott sie nicht im Stich lässt. Über die Jahre durften wir oft in solchen verzweifelten Momenten Menschen helfen und Gottes Herzen ihnen gegenüber Ausdruck verleihen, – ich sehe das als ein großes Privileg! Eine andere Herausforderung ist der Okkultismus. Viele Menschen gehen Bündnisse mit dämonischen Mächten ein, um z.  B. mehr Erfolg zu haben, Schwierigkeiten zu überwinden oder Macht über andere zu bekommen. Das hat eine starke bindende Kraft und ein großes zerstörerisches Potenzial, das viele unterschätzen oder verharmlosen.

In einer Mail an uns hast du mal spontan formuliert: Ich denke, in Deutschland braucht es mehr Mut, sich als Christ zu outen als in Jos. Was meinst du damit?

Hier gibt es praktisch keine Atheisten. Alle, denen ich begegnet bin, glauben in irgendeiner Weise an Gott und an eine geistliche Welt. Israel hat sich zum ersten Mal in seinem ganzen Leben in Deutschland mit einem Atheisten unterhalten – das fand er hochinteressant! Bei uns wird niemand schief angeschaut oder für rückständig oder dumm gehalten, wenn er seinen Glauben an Jesus bekennt, oder ein Zeugnis davon ablegt, wie Jesus ganz konkret im Leben ruft und führt. Dazu zu stehen kann in einigen Kreisen in Deutschland tatsächlich mehr Mut kosten, sogar unter Christen, weil man sich gegebenenfalls der Lächerlichkeit preisgibt.

Ihr habt zu euren beiden Kindern acht weitere aufgenommen. Wie vermittelt ihr ihnen den Glauben, und wie nehmen sie es auf?

Wir sind tagtäglich elementar auf Gott angewiesen und erbitten alles, was wir zum Leben brauchen, von Jesus, eben gerade auch seinen Schutz hier draußen im Busch. Das erleben die Kinder einfach mit, für sie ist das mittlerweile so normal wie das Atmen. Abends sitzen wir als Familie zusammen, Israel liest oft aus der Bibel vor, und ich erzähle gerne, was ich mit Jesus erlebt habe. Wir beten zusammen zum himmlischen Vater. Sie haben alle eine Beziehung zu Jesus, die aber im Laufe der Jahre sicherlich noch wachsen und inniger werden wird. Die Kinder sind auch dabei, wenn wir für Menschen beten, die sie persönlich gar nicht kennen. Ich staune immer wieder, wie sie sich die Schicksale anderer aufs Herz nehmen und nicht nur darauf schauen, dass es ihnen selbst gut geht. Auch beim Zehnten haben sie verstanden, dass das Gottes Geld ist. Wir fragen ihn, wie wir es einsetzen sollen. Einmal haben wir alle zusammengetragen, was wir uns von Gott besonders wünschen, und die Liste ans Bücherregal geklebt. Wir hatten sie für eine Weile ganz vergessen, aber als wir sie dann nach vielleicht zwei Jahren gemeinsam wieder angeschaut haben, waren wir erstaunt, dass jeder einzelne Wunsch in Erfüllung gegangen war, bis hin zum Jeep und einem Pferd!

Von

  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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  • Katharina Akpa

    geb. Härlin. Sie kam im Jahr 1998/99 nach ihrer Ausbildung als Ergotherapeutin in die OJC-Jahresmannschaft. Anschließend war sie in vielen Ländern und Projekten auf der ganzen Welt unterwegs. Heute lebt sie mit ihrem Mann Israel, den Töchtern Jairah (8) und Noa (4) und acht Waisenkindern nahe der Stadt Jos in Nigeria.

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