Gast in eurer Glaubenswohnung

Aufgewachsen bin ich im Emsland. Nur sehr langsam drangen in die katholische, ländliche „Enklave“ im Norden der Bundesrepublik die säkularisierenden Einflüsse der Großstädte ein. So hielten sich auch in meinem Heimatdorf typisch dörfliche Strukturen, die sowohl eine soziale, als auch eine religiöse Funktion hatten. Jedes Jahr zogen wir mit der Blaskapelle über die Felder, um für eine gute Ernte zu beten. Wenn jemand starb, dann halfen die Nachbarn, alles Notwendige vorzubereiten und entlasteten die Trauernden sowohl praktisch als auch im Gebet. Einmal im Jahr wurde Schützenfest gefeiert, der Gottesdienst am Montagmorgen war dabei ein fester Bestandteil. Als Schüler spielte ich im Schützenverein Trompete und es war auch an einem staatlichen Gymnasium kein Problem, für diesen Tag eine Schulbefreiung zu bekommen, um den Gottesdienst musikalisch zu unterstützen. Der Glaube und die Kirche gehörten, ob man ihr jetzt eher fern- oder nahestand, irgendwie immer dazu.

In meinem Jahrgang in der Schule gab es eine Handvoll Protestanten. Ansonsten waren alle katholisch. Ich überlegte, nach meinem Abitur in einen Orden einzutreten. Nicht, dass jeder, der im Emsland aufwächst, ein Ordensmann werden will, auch für mich war das ein längerer Entscheidungsprozess. Doch bedingte diese Entscheidung zumindest meine Verweigerung des Wehrdienstes und förderte meine Überlegungen, wo ich meinen Zivildienst ableisten kann. Bewusst wählte ich die OJC, um in Kontakt mit anderen Konfessionen zu kommen. Vielleicht wollte ich mich selbst auch ein wenig prüfen, bevor ich hauptamtlich in den Dienst der Kirche trete.

Unsere Männer-WG war dann auch gut gemischt: Landeskirche, Freikirchler und ich als einziger ­Katholik. Kurz nach meiner Ankunft begann ich, die katholischen Pfarrgemeinden der Umgebung kennenzulernen. Die Menschen in der OJC und ihre Art, den Gottesdienst zu feiern, waren mir fremd, und so suchte ich bei all der Neuheit des Anfangs ein Stück Heimat und fand sie in den sonntäglichen Messfeiern in der Umgebung. 

Für mich war das selbstverständlich, doch schon bald fiel mir auf, dass meine WG-Kollegen jeden Sonntag eine neue Gemeinde ausprobierten. Da bemerkte ich zum ersten Mal wirklich deutlich, dass ich als Katholik anders mit meiner Kirche verbunden bin als sie; es war für mich vor allem die Liturgie der Messfeier, die mir das Gefühl von Zuhause gab. Für sie waren es vor allem die Menschen, denen sie in der Gemeinde begegneten.

Meine konfessionelle Heimat war nicht in der OJC, und das habe ich auch – schmerzlich – ­erlebt. Dieses Gefühl der Fremdheit verbinde ich vor allem mit Fronleichnam. In Hessen ist dieser Tag ein Feiertag und ich freute mich schon eine Woche vorher auf den freien Tag, an dem ich im Nachbarort an der Prozession teilnehmen wollte. Bei mir zu Hause war an diesem Tag das ganze Dorf aktiv. Altäre wurden geschmückt, Fahnen aufgehängt und ich spielte während der Prozession in der Blaskapelle. Und nun erfuhr ich, dass der freie Tag für eine gemeinsame, für die Jahresmannschaft verpflichtende Aktion genutzt werden sollte. Ich war wütend. Meine Teamleiterin erinnerte mich daran, dass ich zugesagt hatte, mich in diesem Jahr ganz auf die OJC einzulassen.

Ähnliche Erlebnisse gab es häufiger. Ich begann die gemeinsamen Tischgebete mit einem Kreuzzeichen, vermisste in der Schlosskapelle das Weihwasserbecken und ich genoss das formalisierte Mittagsgebet und den gemeinsamen Gottesdienst am Freitagmorgen. Ganz im Gegensatz zu anderen aus der Jahresmannschaft, die sich damit besonders schwertaten. Das Besondere an der Zeit wurde für mich der Austausch über die Unterschiede der Konfessionen mit den Männern aus meiner WG. Warum machst du ein Kreuzzeichen? Was bedeutet das Weihwasser? Warum gehört für dich in jeden Gottesdienst ein Vaterunser? Ihre Fragen bewegten etwas in mir. Ich wollte hinterfragt werden und versuchte, auf alle Fragen eine für mich und die anderen befriedigende Antwort zu finden. Damit fing auch in mir neu eine Auseinandersetzung mit meinem Glauben an. Ich begann, vieles mir bis dahin Selbstverständliche zu hinterfragen und neu zu entdecken. Mein persönlicher, katholisch geprägter Glaube wurde neu lebendig. Höhepunkt dieser Entwicklung war die Idee unserer Jahresmannschaft, uns gegen­seitig zu unseren Gottesdiensten zu begleiten und danach darüber in Gespräch zu kommen. Mir wurde plötzlich die große Weite des christlichen Glaubens bewusst. Eine Bewertung der einzelnen Konfessionen fiel mir nach diesen Begegnungen sehr schwer. Ich habe überall Menschen erlebt, die umeinander und um Christus ringen. Es war nicht immer meine Art und Weise, aber es war authentisch. Die neue Weite ermöglichte mir ein neues Verständnis von Konfessionsverschiedenheit. Ich deutete es als die je persönliche Heimat auf dem Weg mit Jesus Christus. In meine Kirche gehört ein Kreuzzeichen, die Heilige Messe und das Vaterunser. Eine andere darf anders aussehen und mich inspirieren.

Die Erlebnisse des FSJ liegen nun schon sechs Jahre zurück. Was habe ich aus dieser Zeit mitgenommen? Gelassenheit und eine große Weite. Ich habe viele verschiedene Menschen kennengelernt, die Gott auf ihre je eigene Weise gesucht haben. Ich habe sie alle als authentisch erlebt. Das ehrliche Kennenlernen anderer Glaubenswohnungen hat auf beiden Seiten Vorurteile gelöst und Bereicherung geschaffen. Die Teilung der Christen in unterschiedliche Konfessionen ist schmerzhaft. Ich würde mir die Weite der Christenheit unter dem Dach einer Kirche wünschen. Doch so lange es diese Unterschiedlichkeit gibt, erlebe ich sie als verschiedene Möglichkeiten auf dem Weg, Gott in die Welt zu tragen.

Von

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