Dass wir in Christus bleiben

Christus, der wahre Weinstock © Helga Herrig-Kutscher
© Helga Herrig-Kutscher

Betrachtungen zur Ikone der Einheit

Eher karg erscheint die Einrichtung der Kapelle des OJC-Gästehauses Tannenhof, doch beherbergt sie einige Kleinodien, die uns mit Freunden und Weggefährten in aller Welt verbinden. Eines davon ist die von Helga Herrig-Kutscher geschriebene Ikone mit dem Motiv Christus, der wahre Weinstock. Wie das bei Ikonen so ist, versteht auch diese sich als Abbild: Kopie einer Kopie einer Kopie … und alle gehen einigermaßen originalgetreu auf eine Ur-Ikone zurück, die ihrerseits die Bebilderung einer ewig gültigen Botschaft Gottes an seine Kirche darstellt. Die Vorlage zu unserer stammt von Angelos Akotantos, einem Ikonenschreiber, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Stadt Candia (heute Heraklion) auf Kreta lebte und zuletzt als Kantor tätig war. Er hat dieses Motiv kreiert, das gewiss nicht zufällig Einheitsikone genannt wird, versammelt sie doch alle Apostel in dem Bild um den Heiland als Mitte. Und es ist auch kein Zufall, dass die Einheit in Christus als ein dringliches Gebetsanliegen frommer Ordensleute und Laien just in dieser Zeit manifest wurde. Die Zeit nämlich war geprägt von den Vorbereitungen auf ein großes Konzil mit dem ehrgeizigen Ziel, die Einheit zwischen der Ost- und Westkirche wiederherzustellen. Gut zwanzig Jahre zuvor hatte man in Konstanz (1411-14) mit Hängen und Würgen das zersplitternde Westrom mit seinen zeitweise drei Päpsten, einem zerstrittenen hohen Klerus und in Kriege verstrickten Adel wieder unter eine Tiara gebracht. Der Preis für den Erhalt der maroden Einheit war ein unerbittliches Regime zur Kirchenbasis hin: Auf diesem Konzil wurde der Scheiterhaufen für den Prager Priester und Kirchenreformer Jan Hus errichtet.

Schlechte Zeiten für die Einheit

Nun aber stand das Projekt bevor, das als 17. ökumenisches Konzil in die Kirchengeschichte eingehen sollte. Es startete 1438 in Ferrara, zog um nach Florenz und wurde dort 1439 mit ­mäßigem Erfolg zum Abschluss gebracht: Lateiner und Griechen unterzeichneten ein Dokument über ihren Good Will zur Einheit. Parallel dazu tagte das Konzil zu Basel über die Nöte der durch politische und weltanschauliche Verwerfungen geschüttelten Kirche im Westen. Vielleicht hielten es die Weströmer auch deswegen für angebracht, das ökumenische Konzil noch bis 1445 in Rom fortzusetzen und das Zusammengehen mit kleineren östlichen Kirchen wie der armenischen, der maronitischen, der nestorianischen und der jakobitischen zu beschließen. Bemühungen um ein Abkommen mit der gesamten Ostkirche schlugen hingegen weiterhin fehl. – Nein, es war kein gutes Jahrhundert für die Einheit der Kirche! Und das nächste sollte es auch nicht werden. Das Abkommen von 1439 wurde mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen 1453 faktisch wirkungslos und 1472 von einer Synode in Konstantinopel offiziell abgelehnt. Nur elf Jahre später wurde Martin Luther geboren.

Wilde Triebe und Absenker

Die Ikone der Einheit ist also ein Dokument der Not der Kirche, zugleich aber eine biblische Antwort auf den Schmerz über das Wuchern von unfruchtbaren Trieben und über die kleinliche Rivalität der Absenker, die sich vom Weinstock aus in den Boden bohren, kümmerliche Wurzeln lassen, im Irrglauben, sich selbst mit Nahrung und Wasser versorgend Frucht bringen zu können.­ Weingärt­ner wissen: Die Vermehrung von Weinreben durch Absenker ist aufgrund ihrer unkomplizierten Hand­habung eine verlockende Option. Das Gleichnis von Weinstock gemahnt an die eigentliche Gefahr, die über konkrete Macht- und Konfessionstreitigkeiten hinausweist: ­Absenker stehen nur vordergründig in Konkurrenz zueinander: in Wahrheit rivalisieren sie mit dem Weinstock selbst. Sie halten am dünnen Boden ihrer historisch-kulturellen Prägung fest, um sich so in den politisch-geistigen Strömungen zu behaupten, up to date zu sein. Dabei entfremden sie sich voneinander, und zunehmend auch vom Weinstock, der sie trägt und durch den allein sie verbunden sind mit dem Grundwasser der Heilsgeschichte – durch all die Schichten wechselhafter Widerfährnisse hindurch.

 Am Weinstock bleiben

 Das Gleichnis vom Weinstock ist eine Lektion in Ökumene, die wir beherzigen möchten. Es geht nicht um eine neue, tolle Diplomatie unter den Reben. Auch nicht darum, sich von vielen Seiten aufeinander zu bewegend eine gigantische Weinlaube zu bilden. Die Kirche Jesu ist keine Weinlaube! Kein dekoratives, letztlich aber fruchtarmes Gewucher! Zur Einheit gelangen wir, indem wir bereinigt, beschnitten und an unseren Bestimmungsort gebunden in Christus, dem Weinstock bleiben. Der lebendige, vitale Kon­takt, die unbedingte Verbundenheit mit Ihm und in Ihm ist die Voraussetzung dafür, dass wir gemeinsam Frucht bringen – den edlen Wein, die edle Zutat der Eucharistie, in dem der ewige Heilsbund Gottes mit der Menschheit durch Jesus Christus selbst besiegelt ist.

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