Nicht unter unserer Kontrolle

Dr. Christoph Meyns

Wie der christliche Glaube sich unterschiedlich gestaltet

Interview mit Kommunitätenbischof Dr. Christoph Meyns

Konstantin Mascher: Herr Bischof, wie geht es Ihnen im neuen Amt als Beauftragter für die Kommunitäten?

Christoph Meyns: Ich freue mich auf die Aufgabe! Wir Bischöfe haben ja neben unseren Leitungsämtern in der Landeskirche auch eine Sonderaufgabe auf Bundesebene, die wir ehrenamtlich wahrnehmen. Zu dem, was mir im Dienst wichtig ist, passt es, dass ich jetzt Kontaktbischof zu den geistlichen Gemeinschaften und evangelischen Klöstern bin.

Sie sind vor zwei Jahren in Braunschweig zum Landesbischof gewählt worden. Wie hat sich der Laie eine solche Wahl vorzustellen? Haben Sie kandidiert, wurden Sie vorgeschlagen?

Man kann sich als Bischof nicht bewerben. Die Synoden bilden Nominierungsausschüsse, die dann eine Kandidatenliste erstellen. Der Anruf aus Wolfenbüttel, ob ich mal vorstellig werden könnte, kam für mich völlig überraschend. Dann folgte ein längerer Prozess in der Landeskirche, und auch ich überlegte mit meiner Frau gemeinsam, ob wir uns diesen Wechsel nach 25 Jahren in Nordfriesland vorstellen können.

Als Sohn eines Pfarrers und einer Kirchenmusikerin kennen Sie sicher das Sprichwort „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie“. Wie kam es, dass auch Sie diesen Weg eingeschlagen haben?  

Die Berufung ist mir erst in der Oberstufe zugewachsen. Natürlich hat mich mein Elternhaus stark geprägt, aber die bewusste Auseinandersetzung hat zwei Wurzeln. Mit 16 war ich zu einem Austauschjahr in den USA in einer presbyterianischen Gemeinde und hinterher ehrenamtlich bei Youth for Understanding aktiv, deren Arbeit in der christlichen Ethik wurzelt. Dort gab es eine sehr lebendige Auseinandersetzung über Lebens- und Weltanschauungen. Und über die Evangelische Jugend, in der ich E-Bass gespielt habe, bin ich ins aktive Gemeindeleben hineingewachsen und habe festgestellt: Mensch, es macht Spaß, mit Menschen und im Raum des christlichen Glaubens zu arbeiten. So habe ich entschieden, Theologie zu studieren.

Nach Ihrem ersten Examen waren Sie für neun Monate in Papua-Neuguinea. Was hat Sie da am meisten geprägt?

Zu erleben, wie der christliche Glaube, das befreiende Potenzial des Evangeliums in einer ganz anderen Kultur Gestalt annimmt. In Neuguinea herrscht viel Angst vor der Zauberei, vor Tabus und dem daraus gestifteten Unfrieden zwischen den Dörfern. Hier habe ich das Evangelium als friedensstiftende Kraft erlebt. Das war nicht nur ein spirituelles Erlebnis, sondern ein soziales Ereignis. Bei Gottesdiensten in den Slums von Lae, durch Erlebnisse beim Praktikum auf Kaka-Island und bei Visitationsreisen ins entlegene Hinterland konnte ich erleben, wie das Evangelium seine heilsame Kraft entwickelt. Das hat meine vormaligen Vorbehalte gegenüber der Mission über Bord geworfen.

Noch vor Ihrer Bischofswahl erschien in DIE ZEIT Ihr Artikel „Widerspruch. Die Kirche lebt von ihren Laien, nicht von den Bischöfen“...

Ja, die Ironie der Geschichte! Damals dachte ich noch überhaupt nicht an ein Bischofsamt, und ich stehe nach wie vor zum Artikel. Wir sind als evangelische Kirche eine Laienkirche, auch wenn es die Ämter der Pfarrer und Bischöfe gibt. Uns unterscheidet nicht die geistliche Vollmacht, sondern nur die Ausbildung und die Berufung zu einem besonderen Dienst, der in meinem Fall ein leitender Dienst mit bestimmten Aufgaben ist. Das macht mich als Bischof zum Dienstleister, nicht zum geistlichen Oberhaupt. Bezogen auf Christus sind wir Schwestern und Brüder. Meine Aufgabe ist es nicht, anzusagen, wo es längs geht, sondern ich bin als Bischof vor allem für ihre Einheit zuständig. Diese Einheit wächst aus der Verbindung mit Jesus Christus als dem Grund der Kirche. Ich habe darauf zu achten, dass die Beziehung zum gemeinsamen Grund offen bleibt, denn darauf wächst die Gemeinschaft. Die Einheit der Kirche ist heute durch gesellschaftliche Zersplitterung stärker als durch konfessionelle Unterschiede bedroht. Wie gelingt es, die Barrieren in unserer Gesellschaft zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten im Raum der Kirche durchlässiger zu machen und zu überwinden?

Sie sprachen in einer Predigt von der „Kirche im Umbruch“, die einen massiven Relevanz- und Bedeutungsverlust erlitten hat. Was kann Kirche tun, damit sie nicht nur überlebt, sondern auch lebendig bleibt?

Als erstes: Mit Reformprogrammen à la Kirche der Freiheit oder Salz der Erde darauf zu reagieren, halte ich nicht für zukunftsträchtig. Wir müssen uns der Angst und der Hilflosigkeit stellen, die von diesen Entwicklungen ausgeht. Der Geist lässt Neues wachsen, wann und wie Gott es will. Das zu akzeptieren bedeutet aber nicht zu resignieren und sich zurückziehen. Eberhard Jüngel spricht von der kreativen Passivität. Im Gebet zu Gott kommen, sich ernsthaft mit den eigenen Gefühlen von Hilflosigkeit, Resignation, Ohnmacht konfrontieren lassen und dann sagen:  Ja, er führt uns da hinein und hindurch. Aber nicht daran vorbei! Er führt uns durch das Kreuz zur Auferstehung. Ich wünsche mir, dass wir neu ins Hören kommen, die Spannung aushalten, die Gefühle und Ambivalenzen, und nicht vorschnell in Aktivismus verfallen. Aus der Stille kann allmählich etwas wachsen, auch für unsere Kirche. Aber was wächst, haben wir nicht unter Kontrolle. Das ist das kreative Schaffen des Geistes.

Das Einüben von Stille und geistlicher Empfänglichkeit gehört zum Kerngeschäft der Kommunitäten und geistlichen Gemeinschaften. Wann sind Sie mit dieser Gestalt der Kirche in Berührung gekommen?

Schon als ich 1992 als Pastor angefangen habe, merkte ich, dass ich etwas für meine geistliche Verwurzelung tun muss, um nicht zum religiösen Verwaltungsbeamten zu werden. Ich brauchte Orte der Vertiefung, an denen ich das Gebet pflegen und die Gegenwart Gottes erleben konnte. Deshalb habe ich 1993 das erste Mal an Exerzitien der Ansverus-Bruderschaft teilgenommen, die u.a. Sr. Adelheid Wenzelmann vom Kloster Wülfinghausen begleitet hatte. Danach bin ich alle zwei Jahre zu Exerzitien bei der Communität Christusbruderschaft in Wülfinghausen gewesen.

Nach 15 Jahren Arbeit als Pastor und mit noch einmal 15 Jahren vor mir, wollte ich auf halber Strecke so eine Art Boxenstopp einlegen und habe mich im Rahmen meiner Dissertation von 2007 mit Managementmethoden in der Kirche auseinandergesetzt. Zu dieser akademisch-theoretischen Arbeit brauchte ich ein stärkeres spirituelles ­Gegengewicht, darum habe ich im Kloster Wülfinghausen die zweijährige Ausbildung in geistlicher Begleitung gemacht und gemeinsam mit anderen in Nordfriesland „Exerzitien im Alltag“ angeboten. Auf diese Weise bin ich intensiver mit dem kommunitären Leben in Berührung gekommen. Aus unserer Ausbildungsgruppe ist so etwas wie eine spirituelle Weggemeinschaft entstanden.

Hätten Sie sich eine klösterliche Lebensform für sich vorstellen können?

Ja, wenn mein Weg mich nicht so ganz anders geführt hätte, hätte ich mir durchaus diese Lebensform der intensiven Sammlung, des Gebets und Hörens vorstellen können. Daher mein Grundverständnis und meine Sympathie für kommunitäre Lebensformen, sowohl in ihrer zölibatären als auch in ihrer nicht-zölibatären Form. Dabei möchte ich sie nicht gegen andere Formen ausspielen. Die verschiedenen Formen: Volkskirche, Funktionskirche, Spezialseelsorge etc. – das hat alles seinen Platz. Ich glaube, unsere Aufgabe ist, in jeder Sozial- und Organisationsform den ihr eigenen Schatz zu suchen und zu würdigen und zugleich die mit ihr einhergehenden Herausforderungen und Risiken nüchtern wahrzunehmen. Eine jede Lebensform ist wie ein Echo des Evangeliums, das in Menschen Resonanz hervorruft. Ich versuche immer, die Kirche zu er-glauben, indem ich beim anderen voraussetze, dass der Heilige Geist auch bei ihm weht. Meine Aufgabe ist zu entdecken, wo er weht, und das zu fördern.

Welches Pfund können die geistlichen  Gemeinschaften in die Kirche einbringen?

Mir gefällt Gerhard Lohfinks Begriff der „Kon­trastgesellschaft“. Die Frage ist ja immer, wo wir auf Distanz oder sogar in die Opposition gehen und wo wir dienen, uns öffnen und uns auch durch die Gesellschaft verändern lassen. Bei der Frauenordination sind die Impulse ja nicht aus der Kirche gekommen, sondern durch die gesellschaftliche Veränderung. Aber dann in der Bibel zu lesen: Hier ist nicht Mann noch Frau (Gal 3) zeigt, hier haben wir etwas aufzuholen. Es kann nicht nur um Abgrenzung gehen, sondern auch um die Aufnahme von Impulsen aus der Gesellschaft, die man natürlich an der Bibel kritisch prüfen muss. Aber manchmal weht der Heilige Geist auch woanders und beschränkt sich nicht auf die Grenzen der Kirche. Der besondere Schatz der Kommunitäten ist die Intensität, das Ringen um Formen der Nachfolge und die Verbindlichkeit des spirituellen Lebens. Wir brauchen solche Orte, die sich freimachen für diese besondere Form, und vor allem Raum für das Gebet bieten. Ich will das gar nicht idealisieren, das wissen Sie viel besser als ich, denn Sie kennen das Leben in einer Kommunität von innen, es hat seine eigenen Schätze und seine eigenen Schwierigkeiten. Ich glaube, in dieser Zeit brauchen wir die Vielfalt der Formen geistlichen Lebens neben der Parochie besonders.

Geistliche Gemeinschaften leben nach dem Evangelium. Was bedeutet für Sie, evangelisch zu leben?

Wenn ich jetzt evangelisch mal nicht konfessionell verstehe, sondern „aus dem Evangelium heraus zu leben“, dann heißt das zuerst, mein Leben als Geschenk zu begreifen. Beschenktsein­ und Weiterschenken, das ist für mich die grundlegende Logik des Evangeliums. Darin liegt einer­seits eine Befreiung, andererseits ist es auch Gericht, weil es mir alle Möglichkeiten, mir selbst etwas zu er­arbeiten oder mich durch Leistung zu definieren, komplett aus der Hand schlägt. Eitelkeit und Selbstzufriedenheit werden radikal hinterfragt. Daran immer wieder Halt finden: mein Leben, auch das ewige Leben, ist Geschenk, ist mir zugesagt, davon lebe ich. Was schenke ich weiter an die Welt, meinen Nächsten, die Gemeinde? Kommunitäten sind für mich der Versuch, geschenktes Leben zu gestalten. Das kann einen sehr weit aus der Gesellschaft herausführen, auch in die Wüste, auch in den Abschied von Dingen, die in unserer Gesellschaft sehr hoch gehandelt werden wie Besitz und eheliche Gemeinschaft. Es kann aber auch mitten in die Welt führen, z. B. in eine politische Aufgabe. Eine andere Seite von „evangelisch sein“ heißt für mich simul iustus et peccator, gerecht und Sünder zugleich zu sein. Auch in meiner Unvollkommenheit bin ich mir geschenkt, trotz aller Rückschläge und Umwege.

Ein Geschenk unserer Zeit ist es, dass die Kirchen und Konfessionen näher zueinander rücken. Als ökumenische Kommunität interessiert uns natürlich Ihr Verhältnis zur Ökumene.

Ich war während meines Studiums in Tübingen im ökumenischen Arbeitskreis aktiv; jetzt, als Bischof in Niedersachsen, erlebe ich ein sehr enges Verhältnis der Konfessionen, wir versuchen vielfältig miteinander zu kooperieren. Die Ange­hörigen der anderen Konfessionen sind meine Schwestern und Brüder. Wir haben uns durch unsere jeweilige Geschichte sehr verschieden entwickelt, das wird man nicht ändern können. Meine Hoffnung ist, dass wir auf dem Weg zu einer versöhnten Verschiedenheit aufeinander zugehen und voneinander lernen, z. B. im Blick auf Eucharistie und Amt. Da können wir viel von der Anglikanischen Kirche lernen. Dort sind evangelische und katholische Elemente sowie frei- und hochkirchliche Strömungen in einer großen Spannung dennoch beieinander. Ökumene ist kein Ergebnis von guten Absichten, sondern die Arbeit des Heiligen Geistes. Deswegen ist mir das Projekt Healing of memories, das Eingeständnis der gegenseitigen Schuld am Prozess der Konfessionsbildung seit der Reformation, sehr wichtig. Ich glaube, nur so kommen wir weiter.

Sie betonen die Rolle des Gebets in der ­Ökumene. Könnten Sie das etwas erläutern?

Ich wollte die „Ökumene des Gebets“ – ein bisschen polemisch – einer „Ökumene der Profile“ ent­gegensetzen. Das Bestehen auf dem eigenen Profil führt ja gerade nicht dazu, dass man voneinander lernt. Meine Erfahrung ist, je tiefer man miteinander ins Gebet geht, desto weniger wichtig werden die konfessionellen und auch sonstige soziale Grenzen. Je stärker wir mit dem Heiligen Geist in Verbindung kommen und mit Jesus Christus, desto durchlässiger werden wir füreinander.

Worauf werden Sie den Schwerpunkt im Amt als Beauftragter für die Kommunitäten legen?

Meine erste Aufgabe wird sein, das kommuni­täre Leben erst einmal kennenzulernen in seiner Vielfalt, den Kontakt zu suchen, zuzuhören, was die Gemeinschaften bewegt. Alle haben ja auch Kontakte auf der Landesebene, was soll da noch der EKD-Bischof on top? Meine Rolle wäre es, über die lokalen und regionalen Bezüge hinaus zu schauen, was das für unser Land und für Europa bedeutet. Mein Wunsch wäre, dass wir auch international Impulse aufnehmen. Ich verstehe mich ein bisschen als Briefträger, einerseits der EKD zu berichten, was sich im kommunitären Leben tut, was da blüht und was schwierig ist und was das für die verfasste Kirche bedeuten kann; und umgekehrt auch die Kommunitäten bei dieser Gelegenheit zu informieren, was gerade auf der EKD-Ebene Thema ist. Das bischöfliche Amt ist immer eines der Einheit und das heißt für mich: Gemeinschaft suchen und Gemeinschaft pflegen.

Auf was freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich vor allem auf die Begegnung mit den Menschen. Egal wo man bei Kirche ist, man trifft immer interessante Menschen. Man geht immer klüger nach Hause, als man losgegangen ist. Ich freue mich auf das, was es für mich an Bereicherung bedeutet und auch auf das, was ich für mich und das bischöfliche Amt an geistlichen Impulsen mitnehmen kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
(Die Fragen stellte Konstantin Mascher)

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