Mehr als nur eine äußere Hülle

Matthias Casties

Meine Konfession in der OJC leben

Als Kind war Gott für mich weit weg, meine Eltern hatten weder Bezug zum Glauben noch zur Kirche. Später, als Jugendlicher, wurde ich durch Freunde, die zur Kirche gingen, neugierig. Da ich Zeit mit meiner damaligen Freundin verbringen wollte, machte ich in der evangelischen Kirche mit, engagierte mich im Dekanat, in Kinder­gottesdiensten, auf Jugendfreizeiten. Mit 18 hörte ich zum ersten Mal durch Mitarbeiter einer kirchlichen Freizeit, dass Gott eine persönliche Beziehung zu allen Menschen haben will – also auch zu mir, Matthias. Am 10. Juli 1986 erlebte ich meine erste Beichte. Mit ihr eröffnete sich mir eine ganz neue Wirklichkeit, und ein großes Abenteuer begann. Durch meine­ Ausbildung zum Physiotherapeuten kam ich 1989 nach Hamburg. Eine Mitschülerin lud mich zur ­Gemeinde von Wolfram Kopfermann ein. Ich kannte ihn schon aus meiner Zivildienstzeit 1988. Christine und ich besuchten damals seine Gottesdienste in der evangelischen Petrikirche in Hamburg. Kopfermann hatte die evangelische Kirche verlassen und die Anskar-Kirche gegründet. Sein Buch „Volkskirche. Abschied von einer Illusion“ schlug damals im evangelischen Lager hohe Wellen. Ich war jung und voller Ideale. Ich trat aus der evangelischen Kirche aus und wurde Mitglied bei Ans­kar. In unserer standesamtlichen Hochzeitsurkunde steht bis heute „Freie Evangelische Anskar-Kirche“.  Aber auch eine junge aufbrechende Gemeinde wie Anskar wird geleitet von Menschen, und die sind eben Menschen. 1994 kam es zum Bruch im Leitungskreis, und wir verließen zusammen mit einem Drittel der Gemeinde Anskar und schlossen uns der Vineyard Bewegung an.

1995 kamen wir in die OJC. Weder Anskar noch Vineyard waren vor Ort, aber die evangelische Kirche. Da wir Jugendarbeit machten und auch eine Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde vor Ort anstrebten, stand der nächste Schritt an. Ich war überzeugt, dass ­Gemeindezugehörigkeit, ein Ja zu einer Kirche, der Weg der Nachfolge ist. Es begannen Gespräche mit dem Ortspfarrer und 1997 trat ich im Rahmen des Ostergottesdienstes wieder in die evangelische Kirche ein.

Ich habe ein JA zu meiner Kirche. Ich schätze den Beitrag, den Luther in der erneuten Freilegung des Fundaments von Glaube und Kirche geleistet hat – Christus, seine Gnade und die Kostbarkeit der Heiligen Schrift. Gelegentlich leide ich darunter, dass viele in meiner Kirche nicht auf dieses Fundament bauen. Aber es gibt diese Menschen und es gab sie in meiner Kirche. Hier begegne ich Brüdern und Schwestern im Rahmen der Gemeinde vor Ort, meines Prädikantenamtes und des Erfahrungsfeldes. Ich engagiere mich gerne mit denen, denen es auch ein Anliegen ist, Christus, seine Gnade und die Kostbarkeiten der biblischen Botschaft den Menschen nahezubringen. Meine Kirche hat bis heute viel zu geben.

Matthias Casties ist pädagogischer Mitarbeiter des Erfahrungsfeldes Schloss Reichenberg.

Rebekka Havemann

Was mir die Zugehörigkeit zu meiner Kirche bedeutet

Als Kind in der DDR:

Ich bin sozusagen in der Gemeinde aufgewachsen, weil Gemeinde bei uns im lutherischen Pfarrhaus stattfand. Wir hatten eine Kirche, die nicht beheizt werden konnte, also fanden von Totensonntag bis Ostern die Gottesdienste bei uns im Haus statt. Es gab keine sichtbare Trennung zwischen Familie und Gemeinde. Das hatte viele Nachteile, aber heute will ich die Vorteile betonen: Gemeinde war ein Stück Zuhause für mich und für viele andere. Zu diesem Zuhause gehörten die alten Lieder und Liturgie selbstverständlich dazu. Seitdem ich über das Lesepult gucken konnte, habe ich Lesungen gemacht, denn es gab in jedem Gottesdienst wenigstens drei Schriftlesungen und eine ausführliche gesungene Liturgie. An jedem Sonntag hatte mein Vater wenigstens zwei, oft drei bis vier Gottesdienste zu halten. Wenn er jemanden zum Lesen brauchte, bin ich mitgegangen. Das hat mir Freude gemacht. Unsere Eltern haben uns sehr viele Bibeltexte, Psalmen und Gesangbuchlieder auswendig lernen lassen, mit der Begründung: wenn ihr mal im Gefängnis sitzt (in der DDR!), müsst ihr die Bibel inwendig dabeihaben. Außerdem wollten sie, dass wir tief verinnerlichen, was für sie der größte Schatz war. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Solange die Katholiken am Ort kein Gotteshaus hatten, haben sie unsere Kirche mitgenutzt. Als sie später umgebaut wurde, durften wir in der katholischen Kirche Gottesdienst feiern. Überhaupt gab es einen regen Austausch zwischen den Gemeinden wie auch mit der orthodoxen Kirche, deren Exarchen öfter bei uns zu Besuch waren. Als Exarch Melchisedek sprach, war die Kirche voll wie sonst nur Heiligabend. Die Gemeinde bot eine starke Identifikation, denn Christsein hatte immer auch eine politische Komponente. Wer dazugehörte, wusste warum, und hat die Nachteile, die das u. U. brachte, in Kauf genommen. Mit zehn Jahren habe ich meiner Lehrerin erklärt, dass ich nicht bei den Thälmannpionieren mitmachen könne, weil ich mein Herz schon Jesus geschenkt hätte, und kein Platz mehr für Ernst Thälmann sei. Sie hat das akzeptiert. Wir wussten, was wir glaubten, denn wir mussten es auch verteidigen können.

Nach der Wende:

Das klingt jetzt wohl sehr nach Ostalgie, aber es ist wahr: Als ich in den Westen kam, war ich erstaunt und ein Stück enttäuscht, wie da Gemeinde aussah und was Gottesdienst bedeutete, auch wenn äußerlich alles viel reicher war. Vielleicht, weil es wenig gekostet hat. In der OJC habe ich etwas von der vertrauten Kampf­gemeinschaft wiedergefunden, die für mich Gemeinde auch ist. In Greifswald finde ich davon etwas in der Johannesgemeinde wieder, wo u. a. in vielen Glaubens- und Taufkursen Glauben gelehrt wird und auch Geflüchtete und Asyl­suchende einen wichtigen Platz haben.

 Heute:

Mit der Kirche in Form der EKD kann ich mich kaum identifizieren, das ist viel zu weit weg. Es stört mich, dass die evangelische Kirche es allen Recht machen will und zu keinen klaren Statements fähig ist. Deshalb bietet sie auch wenig Rückhalt, auf den man sich verlassen kann. Und doch habe ich gemerkt, dass ich in der lutherischen Kirche ganz tief verwurzelt bin, ich könnte ihr nicht den Rücken kehren. Meine Lutherbibel in der Übersetzung von 1984 und die Lieder von Paul Gerhardt, Tersteegen, Gellert und anderen begleiten mich, gerade wenn es innerlich hart auf hart kommt. Ich bin froh über die evangelische Betonung des „Priestertums aller Gläubigen“, weil ich mich dadurch einbringen kann, auch als Frau. Ich glaube fest, dass auch meine Kirche mit all ihren Macken und Schwächen eine direkte Verbindung hat zu dem, was Jesus zu Petrus sagte: Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden. Denn Kirche ist mehr als nur die äußere Hülle, die zur Zeit so offensichtlich bröckelt. Deshalb habe ich auch keine Angst um meine Kirche. Ich ahne, dass Kirche nicht so sehr der Ort derer ist, die „drin“ sind und sicher wissen, was richtig und falsch ist, als vielmehr eine Versammlung derer, die etwas mit Gott erlebt haben und Sehnsucht spüren nach Begegnung und Veränderung.       

Rebekka Havemann gehört zum Seelsorgeteam der OJC-Auspflanzung in Greifswald.

Rudolf J. M. Böhm

Leidenschaftlich für meine Konfession eintreten

Meiner Ansicht nach ereignet sich eine Ökumene erst dann wirklich, wenn wir einander erzählen dürfen, wie und wodurch Gott uns in unserer Konfession ergriffen hat. Ich freue mich, von meiner Begeisterung über meinen katholischen Glauben – von dem, was mir in meiner Kirche lieb und teuer ist – sprechen zu dürfen. Zuallererst bedeutet für mich mein katholischer Glaube Ankommen, Heimat, Geborgenheit. Durch das verbindliche „Lehramt der Kirche“, dem Unwandelbaren im Wandel der Zeiten, fühle ich mich gewissermaßen aufgehoben und sicher. Ich empfinde eine große Liebe zum Heiligen Vater und bin unendlich dankbar für die Gnade, die dieses Amt für die Kirche bedeutet. Daher schätze ich auch die klare Hierarchie der Kirche mit all ihren geweihten Ämtern, die im Auftrag Christi durch seine Gnade handeln. Meine katholische Kirche ist mir in meiner immer wieder drängenden Wahrheitssuche noch nie eine ­vernünftige Antwort schuldig geblieben. Sie hat für mich einen zutiefst identitätsstiftenden Charakter. Von ihr her habe ich Gewissheit, wohin ich gehöre, wem ich gehöre und auf wen ich höre.

Insgesamt verstehe und erfahre ich die katholische Lehre als eine Theologie, die den Menschen ganz ins Einvernehmen mit sich selbst zu bringen vermag; sie holt mich ab in meiner innersten Sehnsucht und lässt mich mit Freude mein Dasein bestreiten und auf mein Ziel hinleben. Ich schätze ihr tiefgründiges Geschichts- und Lebensverständnis, das verbunden ist mit der ganzen Heilsgeschichte. Tag für Tag schöpfe ich aus ihrer reichen Tradition, die mir Zugang zu der herrlichen Schönheit Gottes gibt und mich Anteil nehmen lässt an dem unerschöpflichen Reichtum seiner Gnadenschätze. Was habe ich nicht alles, was dem Wachstum meines Glaubens hilft. Dazu gehört wesentlich der Beistand der Heiligen („die Wolke der Zeugen“), allen voran Maria, die ich verehre, weil sie mir zu einer innigen Liebe zu Christus verholfen hat.

Ich schätze die erprobte Alltagstauglichkeit meines katholischen Glaubens, die mich in die Lage versetzt, das zu Glaubende auch beherzt in die Tat umzusetzen. Ich erfahre meine Würde durch die mir geschenkte Freiheit, auf der Grundlage der Gnade an meinem Heil mitzuwirken, d. h. täglich neu entscheiden zu dürfen, ob ich dem Bösen nachgebe oder Christus in mir Raum gebe. Das alles mithilfe der Sakramente (regelmäßige Beichte und tägliche Eucharistie), der wunderbaren Liturgie, jährlichen Exerzitien und bestimmter Gebetsformen (eucharistische Anbetung, Rosenkranz und Novenen, etc.).

Ich erlebe meine Kirche insgesamt lebensbejahend und lebensfreundlich, sowohl im Ethischen als auch ganz praktisch. Hilaire Belloc, ein englischer Schriftsteller (1870 – 1953), bekannt für seine witzigen Kinderreime und religiöse Dichtung, bringt mein Empfinden auf den Punkt, wenn er schreibt:

Wherever the catholics sun does shine
Is always laughter and good red wine.
At least I’ve always found it so,
benedicamus domino.

Die katholische Kirche ist für mich der Ort, wo ich meinem Glauben und meiner Liebe zu Gott in dem für mich vorstellbar höchsten Maße Ausdruck verleihen kann. Sie ist eine Kultur der Liebe, durch die ich Heilung erfahren habe, in meiner Persönlichkeit wachsen durfte und ein umfassendes, ganz­heitliches Lebensverständnis bekommen habe. Der katholische Glaube hat alles, um mich glücklich zu machen.     

Rudolf J. M. Böhm gehört zur OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist dort in der Seminararbeit und als Seelsorger tätig.

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