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Einander die Füße waschen

Jesu Anleitung zum Einssein

Liebe Freunde,
Jesus betet in Johannes 17, 20.21:

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

Jesus betet für die Einheit seiner Jünger, die an ihn glauben. ln diesem Gebet hören wir die Intention von Jesus. Jesus betet, dass alle eins sind, wie er und der Vater eins ist. Wir leben als Männer und Frauen im 21. Jahrhundert, mitten in Europa. Jesus hat uns durch sein Evangelium berufen, ihm zu folgen. Wer ihm folgt, der ist in diese Einheit gerufen. Nicht unsere Anstrengungen einen uns zu einem Miteinander, sondern das Gebet von Jesus. Sein Gebet umgibt uns und öffnet einen Raum, in dem wir miteinander leben können. Es ist der Raum, in dem Gott sich als der Dreieine zu erkennen gibt: Vater, Sohn und Heiliger Geist; unterschieden und doch eins; eins und doch dreifaltig. Das ist ein großes Geheimnis, dem wir in diesem Gebet begegnen. Einheit und Vielfalt, Unterschiedenheit und Einssein sind in Gott gleich ursprünglich. Das ist das Geheimnis der Liebe. Jesus bringt dieses Leben in der Liebe zu uns: das unterschiedene und doch geeinte Leben, das geeinte Leben, das doch vielfältig ist.

Einheit ist möglich

Wenn wir unsere Erfahrungen der letzten zwölf Jahre anschauen, die wir in dem überraschenden Miteinander der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften gemacht haben, dann können wir bezeugen: Ja, dieser von Jesus umbetete Raum existiert und in ihm ist Kraft zur Liebe, zur Versöhnung, zur Erneuerung. Er ruft uns in diesen Tagen zu sich und wo Jesus ist, ist ein neues Miteinander möglich. In diesen Raum hinein, der durch das Gebet Jesu entsteht, führen Türen, durch die wir geführt wurden. Das haben wir in den letzten Jahren erfahren. Ich möchte fünf Türen und Schlüssel zur Einheit nennen.

1. Schlüssel: Jesus in der Mitte

Wir haben im Miteinander erlebt, was Jesus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).

Wir sind nicht verbunden durch gleiche Herkunft, Geschichte, Tradition, Erfahrung und Spiritualität. Uns verbindet Jesus Christus in unserer Mitte. Er ist die Schlüsselfigur der Weltgeschichte. Er ist der Herr, er ist der Freund, er ist der Bruder. Wir ­haben ihn gehört und wollen ihm folgen. Wir haben erlebt: Wo er ist, entsteht eine neue Gemeinschaft. Wo er ist, da sind wir in der Wahrheit verbunden. Denn er ist die Wahrheit. In unseren Worten, wie wir diese Wahrheit beschreiben und lehren, sind wir immer vielfältig, da gibt es Unterschiede. Aber es ist nicht das Wort über Jesus, das uns eint, sondern Jesus in der Mitte.

Liebe Freunde, in unseren Gemeinschaften und Bewegungen dienen wir auch so der Einheit, dass wir Menschen rufen, Jesus zu folgen, ihm zu vertrauen. An ihm als Person, an Jesus entscheidet sich, ob Einheit in Vielfalt möglich ist.

2. Schlüssel: Das Bündnis der gegenseitigen Liebe

Wir hören im Evangelium eine Weisung, die unser Leben erhellt und uns zeigt, wie wir leben sollen. Jesus sagt: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben (Johannes 13,34).

Das ist das neue Gebot der Liebe, das Jesus uns gibt. Jesus will, dass wir den anderen lieben, der in seiner Geschichte, Herkunft und Tradition anders und manchmal sehr fremd ist. Und wir erleben immer wieder neu: Wo wir seinem Gebot folgen, da macht Jesus seine Verheißung wahr: Er ist in unserer Mitte. In unserem Miteinander der christlichen Bewegungen und Gemeinschaften haben wir uns entschlossen, diesem Gebot von Jesus zu folgen. Wir haben das Bündnis der gegenseitigen Liebe geschlossen. Es ist eine Entscheidung fürein­ander: Ich will dich lieben und bin bereit, mich ganz für dich einzusetzen. Diese Liebe ist mehr und anderes als ein Gefühl, sie ist Tat und noch mehr: Sie ist Lebensaufgabe. Auch in dem Sinn, mein Leben für den anderen zu geben.

Liebe Freunde, unsere Gemeinschaften und ­Bewegungen sind Werkstätten, Experimentierfelder dieser Liebe, einer Liebe, die weitergeht als nur zu den Angehörigen der eigenen Gemeinschaft, diese Liebe umfasst alle, die im Raum des Gebetes Jesu leben und an Jesus glauben. Aber unsere Gemeinschaften und Bewegungen müssen Orte bleiben, an denen dieser Bund der Liebe eingeübt wird. Sie sind Bundesgemeinschaften, die das ­Gebot Jesu leben wollen im konkreten Miteinander: in Familie, in Nachbarschaft, in der Stadt, im Land und in dieser Welt.

3. Schlüssel: Das Wort Gottes

Das Wort Gottes stiftet Einheit und verbindet uns. Es fällt auf, dass in unserer Zeit an vielen Orten Gemeinschaften und Bewegungen entstanden sind, die das Wort Gottes, die die Bibel, das Evangelium lesen und anfangen, danach zu leben. Die Bibel ist Basis. Sie verbindet uns als Menschen, die im Raum der Einheit leben, die Jesus erbittet. ln diesem Raum ist das Wort Gottes lebendig, verstehbar und eine Einladung mit Jesus zu leben und bei ihm zu bleiben. Das Wort Gottes ist uns Weisung auf unserem Weg, persönlich, in den Gemeinschaften und im Miteinander. Wir erleben, das Wort Gottes eint uns. Das Leben mit der Heiligen Schrift führt uns in ein geschwisterliches Miteinander.

Liebe Freunde, es ist wichtig, dass wir in unseren Gemeinschaften und Bewegungen die Bibel als Grundlage sehen, sie lesen und einander helfen, das Wort Gottes und Evangelium zu leben. Es geht darum, diese Basis der Einheit zu pflegen.

4. Schlüssel: Versöhnung

Eine Schlüsselerfahrung in unserem Miteinander liegt oft im Verborgenen, ist aber grundlegend: Es geht um Versöhnung. Wir sind nicht die Ersten, die als Jünger Jesu leben. Wir haben ein Erbe zu tragen und zu wahren. Wir stehen in einer Geschichte der Weitergabe des Glaubens, wir haben Väter und Mütter, die uns das Evangelium weitergegeben haben – aber oft auch zu Spannungen, Spaltungen und Verengungen beigetragen haben. An uns ist es, aus den Trennungen herauszufinden und Versöhnung mit den anderen zu suchen. Die Erfahrung der Versöhnung stand am Anfang unseres Miteinanders. Da gab es im Jahr 2000 – noch bevor das Miteinander öffentlich wurde – eine tiefe Erfahrung von Vergebung, von Versöhnung und Reinigung der Erinnerungen. Maria Voce sprach in Brüssel in ihrem Beitrag so über diese Erfahrung:

„So baten wir in einem sehr tiefen Moment einander um Vergebung für die im Lauf der Geschichte ­gehegten und verbreiteten Vorurteile, für gegenseitige negative Verhaltens- und Vorgehensweisen. Es war ein Akt der Reinigung unseres Gedächtnisses und der vollständigen gegenseitigen Vergebung.“

Ich selber erinnere mich an diese Erfahrung in Rothenburg und sie ist für mich so, wie wenn Gott uns hier den „Universalschlüssel in die Hand gab und wir fingen an, Türen zu öffnen, den Weg des Miteinanders zu gehen“. Jesus in der Mitte zeigt uns den Weg der Versöhnung. Er besteht darin, dass ich mich nicht zum Herrn über den anderen mache, der ihn belehrt und zurechtweist, sondern anfängt, ihm Gutes zu tun, gut von ihm zu reden und ihm zu dienen. So wie Jesus es seinen Jüngern vor seinem Gebet gezeigt hat: Er wäscht die Füße der Jünger. Diese Art Jesu führt zu versöhnten Beziehungen. Diese versöhnten Beziehungen sind das Zeugnis, dass das Evangelium Kraft hat, Schuld beim Namen zu nennen und zu vergeben und Menschen zu verändern. Auf diese Kraft der Versöhnung wartet die Welt. Sie hat ihren Ausgangspunkt in diesem Raum, den Jesus durch sein Gebet um die Einheit schafft.

5. Schlüssel: Veränderte Haltungen

Auf dem Weg miteinander haben wir erlebt, wie sich unsere Beziehungen zueinander verändert haben. Eine neue Kultur des Miteinanders wächst, eine Kultur der versöhnten Verschiedenheit und der Einheit in Vielfalt wird erkennbar. Einige Spuren dieser neuen Kultur können wir schon beschreiben: Sie besteht darin, den Reichtum zu entdecken und zu teilen. In dieser Kultur achtet einer den anderen höher als sich selbst, besuchen wir einander, sind gastfrei und fangen an, die Heimat des anderen wie unsere eigene Heimat zu lieben. Wir entdecken, dass das Fremde beim anderen, seine Andersartigkeit eine Gabe ist, wir sehen im anderen, seiner Tradition und seinen Gaben, ein Geschenk. Wir suchen nicht mehr nur das eigene, sondern den anderen, um ihn zu sehen und zu fördern. Wir begegnen einander als Freunde und Geschwister, nicht nur als Funktionäre. Wir sind ergänzungsbedürftig und erleben, der andere ist diese Ergänzung und sind bereit selber das zu geben, was wir haben. Es ist eine Kultur, die von dem großen Ja lebt, das wir bei Jesus hören. Es ist das große Ja der Auferstehung unseres Herrn Jesus: Er ist das große Ja, und das bricht sich in unserem Leben in viele kleine Ja. Im Ja zum anderen, im Ja zu Familie, zum Armen, im Ja zum Leben. Es ist das Ja Gottes zum Menschen und zum Leben. Jesus betet für das Einssein. ln diesen Raum der Einheit in Vielfalt hat er uns geführt. Einheit ist möglich. Das erfahren wir. Diese Einheit ist die Zukunft der Kirche Jesu. Die Gesellschaft in Europa wartet auf diese Einheit und wir sind ihr das Evangelium von Jesus Christus schuldig, dass und wie Einheit möglich ist.        n

Rede gehalten beim europäischen Trägerkreis von Miteinander für Europa im November 2012 in München. © Thomas Römer

Miteinander für Europa – eine junge ökumenische Bewegung, zu der auch die OJC gehört.

  • Das MITEINANDER christlicher Bewegungen und Gemeinschaften ist ein europaweites Netzwerk, in dem sich evangelische, katholische, anglikanische, orthodoxe und freikirchliche Chris­ten engagieren. Es ist 1999 im Anschluss an die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung entstanden – aus dem Schmerz über die konfessionelle Trennung der Christen und der persönlichen Erfahrung von Vergebung für ­geschehenes Unrecht in der Vergangenheit.
  • Inzwischen sind in Deutschland über 200 christliche Bewegungen, Gemeinschaften und Kommunitäten miteinander auf dem Weg. Sie suchen als eigenständige Gruppierungen das Miteinander mit unterschiedlich geprägten geistlichen Tradi­tionen – in gegenseitiger Wertschätzung und Liebe zu Chris­tus.
  • Ziel ist nicht eine organisatorische Einheit oder ein  Verschmelzen, sondern eine gelebte Gemeinschaft, die den Reichtum der Gaben der anderen kennen- und schätzenlernt ohne die Unterschiede auszublenden oder einzuebnen. Dabei ist das Gebet Jesu um die Einheit (Joh 17) die Grundlage der Vision von einem­ Miteinander des Volkes Gottes in versöhnter Verschiedenheit.
  • Entsprechend unserer Charismen tragen wir diese Verbunden­heit in die Gesellschaft und suchen Antwor­ten für die Herausforderungen unserer Zeit. In Vielfalt geeint, diese europäische Hoffnung ist heute aktueller denn je. Wir setzen uns ein für das Leben in allen Phasen seiner Entwicklung, für Ehe und Familie, für den Schutz von Natur und Umwelt, für Arme und Bedürftige, die am Rande der Gesellschaft stehen, für eine Wirtschaftsordnung, die sich am Menschen orientiert, für Frieden und Ausgleich in der Gesellschaft.  (red)

Siehe auch: SK 1/2014

Von

  • Pfarrer Thomas Römer

    (1957). Er ist einer der leitenden Sekretäre des CVJM München. Seit 2005 gehört er zum Leitungskomitee von Miteinander für Europa.

    Alle Artikel von Pfarrer Thomas Römer

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