Unterwegs im Unwegsamen

cc by-nc Ray Christy
cc by-nc Ray Christy

Auf der Suche nach dem Schatz der Ökumene

Von Ökumene reden heute alle. Besonders ­im Reformationsgedenkjahr. Die einen laden ein zur Heimkehr in eine Mutter­kirche,­ die anderen sprechen von versöhnter Verschiedenheit. Wieder andere halten einen bunten Mix aus Freikirchen und Kirchen aller Konfessionen für Ökumene. Andere halten sich damit schon gar nicht mehr auf und holen gleich alle Religionen dieser Welt in ein großes Weltethos-Boot. Multi­kulti auf religiös. Und dann gibt es da auch die ganz ­Bescheidenen: Wenn wir ein biss­chen nett und tole­rant mit den anderen sind und uns auf ein paar kleine Dinge einigen, dann hätten wir es doch schon. Ökumene auf kleinstem gemeinsamem Nenner. Der Begriff Ökumene ist vieldeutig. Die Sache oft noch mehr. Und das Gespräch darüber wird meiner Erfahrung nach wesentlich stärker durch biografische Gegebenheiten und Grund­erfahrungen be­stimmt­ als durch theologisch-dogmatisch-biblische Argumente.

Der Schöpfer und die Schöpfung

Manches dieser Vieldeutigkeit erklärt sich, wenn wir ganz vorne beginnen. Nicht bei Adam und Eva, sondern noch weiter vorne – bei Gott: Im Anfang schuf Gott. ER ist der Ausgangspunkt. Mit IHM beginnt alles. Gott ist der Eine, der sich ein Gegenüber erschafft. Dieses Gegenüber – adam –­ besteht aus zweien, aus isch und ischa, aus Mann und Frau. Nur zusammen ergeben sie das Ebenbild Gottes. Im Hebräischen steht deshalb das Zahlwort aleph – also 1 – immer nur für Gott. Für den Menschen steht beth – die Zahl 2. Der Schöpfer ist der in sich Vollkommene – die Geschöpfe sind die stets Geteilten. Der Eine ist als­ das Original in sich selbst, der Ungeteilte. Inklusive seiner trinitarischen Seinsweisen. Die Vielen sind als die Abbilder zwingend angelegt auf Ergänzung in Polarität und Komplementarität. Denn kein Ebenbild kann in sich vollständig den Schöpfergott abbilden. Wir können es immer nur gebrochen. Unsere jüdischen Geschwis­ter sprechen von der Polarität des Lebens. Diese „Regel“ ist eine Schöpfungsordnung. Sie ent­stand­ mit der Schöpfung, nicht erst nach dem Sündenfall. Das heißt, sie hat, wo sie sich entfal­tet,­ wesentlichen und bleibenden Segenscharakter. Israel und die Kirche sind beide nach dem Sündenfall entstanden. Sie gehören der soge­nann­ten Notordnung an. Indem sie aber auf Gott hin leben, leben sie inmitten der Not dieser Welt etwas von der Schöpfungsordnung Gottes.

Das also ist das Grundmuster der Schöpfung: der Eine-Einzige und die vielen Ebenbilder. Ich versuche diese Polarität zu umreißen: Gott und Mensch – Original und Abbild – Himmel und Erde – der Eine und die Vielen – der Ewige und die Vergänglichen – der Vollkommene und die Gebrochenen – die letzten und die vorletzten Dinge. Gott und Mensch bleiben in dieser Weltzeit immer getrennte Gegenüber. Erst in der Ewigkeit werden wir mit Gott und dann auch miteinander völlig eins sein. Denn dann haben wir das irdische Leben hinter uns und haben Teil am gött­lichen Leben. Zu Gott gehört das Letzte und Ewige,­ das Reich Gottes und die Ökumene. Zu uns Menschen gehören das Vorletzte und die Zeit, die Kirchen und ihr jeweiliges Bekenntnis. Ich bin überzeugt, dass dieses Grundmuster der Schöpfung bis heute relevant ist und auch das ökumenische Denken tragen kann. Darum geht es nicht einfach um Vielfalt – ein zusammengewürfelter Haufen ist noch keine Ökumene. Auch „Einheit in der Vielfalt“ oder die Summe der Teile,­ die ja dann einen kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen, treffen es noch nicht. So­lange­ ich bei mir und meinem Denken und meiner Kirche und meiner Theologie den Ausgangspunkt nehme, muss ich das Ziel verfehlen. Wir bleiben auf der Ebene der menschlichen societas und verfehlen die verheißene communio (siehe dazu: Salzkorn 4/2015, S. 155ff). Die Schöpfung verrät: Gott ist der Ausgangspunkt! Gott allein! Diese Erkenntnis ist bei mir in vier, mein Denken tragende Grundsätze eingeflossen:

  1. Schließe von Gott auf dich, Mensch – vom ­Ur-Bild zum Ab-Bild. Nie umgekehrt.
  2. Schließe von Gott auf dich, Kirche – lass nicht IHN sein wie du bist, sondern sei du wie ER ist.
  3. Schließe nicht von den Teilen aufs Ganze – schließe stets vom Ganzen auf die Teile. Darum sieh auf das Reich Gottes, um deine Kirche zu verstehen – und verstehe nicht das Reich Gottes von deiner Kirche her
  4. Denke und lebe von Gott her auf den Menschen hin, vom Ewigen auf das Zeitliche, vom Vollkommenen auf das Verletzte – auf dass das Verletzte heil werden, das Zeitliche ewig werden und der Mensch bei Gott zu Hause sein kann.

Ich spüre: Ich denke und lebe noch viel zu viel von mir und meinen Vorstellungen und meiner Prägung und meiner Theologie her – und noch viel zu wenig – und vor allem viel zu wenig konsequent – von Gott her. Und ich ahne, welch Schatz da noch verborgen liegt.

Gebet statt Handlungsanweisung

Jesus Christus verkündete als seinen Grundauftrag: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium (Mk 1,15). Jesus spricht nicht von der Kirche, sondern vom Reich Gottes. Als die Kirche dann seinerzeit an den Start kam, damals zu Pfingsten, war Jesus nach seiner Himmelfahrt schon entrückt. Aber Jesus hatte vorgesorgt. Nicht durch eine verbindliche Kirchenordnung. Noch nicht einmal durch eine einheitliche Liturgie, von einer ordentlich formulierten Dogmatik ganz zu schweigen. Unser Herr hat durch ein Gebet vorgesorgt. Durch sein hohepriester­liches Gebet. Dort heißt es: Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast (…) und sie liebst, wie du mich liebst (Joh 17, 20 – 23).

Seitdem gehen diese Sätze mit seiner Kirche. Wenn auch häufig missverstanden. Es sind Gebetsworte, keine Handlungsanweisung. Ein Gebet an Gott, den Vater gerichtet, keine Handlungsanweisung an die Kirche. Wenn wir die Worte Jesu heute zitieren, tun wir dies häufig im Sinne einer von uns zu erfüllenden Verpflichtung. Mag sein, dass auch dies ein Aspekt ist. Das eigentliche Ziel aber trifft es eindeutig nicht. Das ist ganz klar die Bitte des Sohnes an den Vater mit dem Ziel „dass die Welt glaube“. Und das unter Bezugnahme auf das innertrinitarische Vorbild, dessen Abbild wir sind. Was kann es für uns bedeuten, wenn wir die Worte Jesu in ihrer Ursprünglichkeit nehmen: als Gebet an den Vater und nicht als Handlungsanweisung an die Kirche?

Sprechen wir zunächst vom „Reich Gottes“. Oder auch von der „Königsherrschaft Gottes“. Die Heilige Schrift klärt: Es ist kein Reich von dieser Welt. Es wird auch nicht in dieser Welt errichtet, auch nicht durch die Kirche. Es ist nie von Menschen herzustellen, allein von Gott wird es kommen. Alles, was mit dem Reich Gottes zu tun hat, obliegt dem unverfügbaren Handeln Gottes. Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat (Apg 1,7), antwortet Jesus auf die Frage der Jünger nach dem Anbruch dieses Reiches. Und schon früher hat er sie wissen lassen: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann; man wird auch nicht sagen können: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lk 17,20f). Das meint ja wohl: Wo Gottes Königsherrschaft unter euch wirksam wird, da ist schon die Königsherrschaft Gottes angebrochen. Das Reich Gottes ist dort, wo Jesus der König ist! Das Reich Gottes findet sich nicht einfach in einer Kirche wieder. So als hinge es an dieser. Oder gar an deren Bekenntnis. Umgekehrt ist es: Die Kirche – jede Kirche – ist ein kleiner, sichtbarer Partikel des Reiches Gottes! Als die „Heraus­gerufenen“ – so das neutestamentliche Wort ekklesia wörtlich – als die ins Leben mit Gott Gerufenen bilden sie den Leib Christi. Sie hängen an Christus, allein an Christus  als Gemeinschaft der beth – der ­Geteilten und ­Ergänzungsbedürftigen. Diese tiefe menschliche Seite wird am alttestamentlichen Wort qahal deutlich: die Volksgemeinschaft, der Zusammenschluss von Menschen bildet die ­Versammlung Gottes.

Reich Gottes ist von Gott herkommend. Aus seiner Ewigkeit für alle Ewigkeit. Kirche ist umfassend und ganz in dieser Welt für diese Weltzeit. Reich Gottes ist – weil ewig-allumfassend. Kirche ist – weil zeitlich – partikular. Darum gehört zur Kirche der Begriff confessio: das Bekenntnis. Und zum Reich Gottes gehört oikumene: die Ökumene. Kirchen entstehen durch Bekenntnisse. Und so grenzen sie sich auch zueinander ab. Bekenntnisse machen den Glauben verständlich und griffig. Sie klären und leiten unseren Glauben. Aber sie sind und bleiben eben im Modus der mensch­lichen Schöpfungen – geteilt und damit bleibend ­unvollkommen und ergänzungsbedürftig.

Glieder der weltweiten Kirche

Das Reich Gottes zielt auf Ökumene. Was meint dies? Im griechischen Sprachgebrauch ist oiku­mene­ abgeleitet von oikos: Haus, Hausgemeinschaft. Die Ökumene ist also das ganze bewohnte Erdenhaus. Die ersten Christen haben diesen ursprünglich profanen Begriff zu einem heute ausschließlich kirchlichen Wort werden lassen. Die Verkündigung Jesu vom Reich Gottes hatte die ganze Welt im Blick. In den ersten Jahrhunderten der frühen Kirche etablierte sich schließlich für Ökumene die Bedeutung der über den Erdkreis verbreiteten Kirche. Erst in der Neuzeit wurde daraus die moderne Formung: die Beziehung mehrerer Kirchen verschiedener Konfessionen betreffend. Diese neuzeitliche Verwendung ist entstanden aus der weltweiten Missionssituation. Christen verschiedener Konfessionen sind einander auf den Missionsfeldern begegnet und haben erkannt: Wir können nicht gegeneinander sein ohne unser Zeugnis von Christus nachhaltig zu schädigen … wir gehören doch eigentlich zusammen. Willem A. Visser’t Hooft, der erste Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, schreibt:

„Das Wort bezieht sich ganz deutlich auf die Kirche Christi als Ganze. In einem gewissen Sinne stellt jede christliche Gemeinde die ganze Oikumene dar. Aber diese Wahrheit bedeutet auch, dass wir das Wort ökumenisch dort gebrauchen sollen, wo wir die bestimmte Absicht haben, als Glieder der weltweiten Kirche zu sprechen und zu handeln. Schließlich dürfen wir nie erlauben, dass das Wort ökumenisch auf eine introvertierte Weise gebraucht wird. Es darf nicht aus dem missionarischen und evangelistischen Rahmen herausgenommen werden, in den es hineingehört. Die christliche Oikumene hat nur dann das Recht, sich so zu nennen, wenn sie daran denkt, dass sie dazu da ist, das Salz der Erde zu sein, d.h. ‚die zukünftige Oikumene‘ inmitten der Oikumene darzustellen, die die ganze bewohnte Erde ist.“1

Ökumene ist also kein Unionssport für Kirchen – sie ist nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet – nicht eine einzige Kirche ist das Ziel, sondern der ganze Weltkreis – es geht nicht um Rechtgläubigkeit (confessio), sondern um Mission (missio Dei). Ökumene stellt die Frage nach unserem weltweiten christlichen Zeugnis, das sich zwar im Rahmen einer je verfassten Kirche wiederfindet, aber deutlich darüber hinaus auf das Reich Gottes abzielt. Menschen sollen Bürger dieses Reiches werden, nicht einer bestimmten Kirche – auf Jesu Namen sollen sie getauft und Jesu Willen gelehrt bekommen, nicht den einer bestimmten Theologie (vgl. Mt 28,18-20). Wir, die Bruchstückhaften und Ergänzungsbedürftigen, können nur zu IHM, dem Einzig-Einen hin einladen. Wir und alle, die wir mitbringen, können nur in Christus Einheit und Ewigkeit haben. Wie kann das gehen?

Aporetische Ökumene

Wir können Ökumene nicht machen. Aber wir können uns dem Gebet Jesu anschließen. ­Gefragt ist eine aporetische 2 Haltung. ‚Aporia‘ ist die Ratlosigkeit, ‚poreia‘ die Reise. Gemeint ist: Ich wandere, ohne den Weg zu kennen. Ich lebe im Vorletzten, nicht im Letzten – und alles, was ich denke, fühle, rede, tue, hat mit Vorletztem zu tun. In mir stecken Ohnmacht und Hilflosigkeit – und ich gestehe meine Hilfsbedürftigkeit. Das, was ich will, die Una Sancta, die eine heilige Kirche, kann ich nicht machen. Ich kann sie nur erbitten, erhoffen, erglauben, mich beschenken lassen. Eine aporetische Ökumene weiß: Es geht nicht um einen Weg, den wir zu gestalten hätten, sondern um einen, den wir zu gehen haben! „Die Worte ‚ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung … ein Gott und Vater‘ weisen weniger auf die Bereiche hin, in denen die Einheit zu wahren ist, als vielmehr auf die Gründe, die dazu verpflichten, jene Einheit zu wahren, auf die Fundamente der christlichen Einheit. Wir müssen einig sein, weil wir ein einziger Leib sind und den einen Gott zum Vater haben, nicht, damit wir ein einziger Leib sein können und den einen Gott zum Vater haben können.“3

Der Gedanke der aporetischen Ökumene ist eine Einladung: Lasst uns einen gegebenen Weg einer bereits gegebenen Einheit, deren Spur wir aber nur im Gehen entdecken, gemeinsam gehen. Und lasst uns auf diesem Weg jeder mit seinem konfessionellen Schatz einander und dieser Welt dienen. In diesem Gehen steckt eine vorsätzliche willentliche Unschärfe, die das noch nicht Fassliche aber doch Reale auszudrücken versucht. So leben wir heute schon etwas vom Morgen. Und inmitten der Zeit schon ein Stück Ewigkeit. Und in unseren Kirchen und unter Beobachtung unserer Welt schon etwas vom Reich Gottes und der Königsherrschaft Jesu. In kirchlicher Sprache ausgedrückt: praegustando – vorauskostend leben … einen Vorgeschmack auf das vollendete Reich Gottes nehmend und gebend. Nichts wird unser Zeugnis wirksamer und unser Sein fruchtbarer sein lassen.

Anmerkungen:

  1.  Willem A. Visser’t Hooft, Der Sinn des Wortes ökumenisch‘, S. 34, Hervorhebungen von mir
  2. Aporie bedeutet in der Philosophie die Unmöglichkeit, zur Lösung von Widersprüchen zu gelangen, Herkunft über lateinisch aporia „Verlegenheit“, von altgriechisch ἀπορία (aporía) „Ratlosigkeit“, wörtlich: „die Unmöglichkeit, einen Weg oder einen Ausweg zu finden.
  3. Raniero Cantalamessa, Die Kirche lieben, S. 37

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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