CC BY Justin Ennis

Ein neues Pfingsten erwarten

Elemente einer ökumenischen Spiritualität

Spiritualität ist ein Lehnwort, das aus dem französischen Katholizismus kommt, und bedeutet wörtlich übersetzt „Frömmigkeit“, doch ist damit nicht die ganze Bedeutungsbreite dieses Begriffs abgedeckt. So versteht das Dictionnaire de Spiritualité Chrétienne unter Spiritualität jene Haltungen, Glaubensüberzeugungen und Praktiken, die das Leben des Menschen bestimmen und ihnen helfen, zu Wirklichkeiten jenseits der sinnlichen Wahrnehmung zu gelangen. Etwas einfacher gesagt kann man darunter das geistgewirkte Verhalten eines Christen vor Gott verstehen. Der Begriff umschließt demnach Glauben, Frömmigkeitsübungen und Lebensgestaltung und bezeichnet einen vom Geist geleiteten Lebensstil. Damit ist deutlich, dass der Begriff der Spiritualität zwei Dimensionen hat: Die eine gleichsam „von oben“, die sich der Verfügung des Menschen entzieht, das Wirken des Geistes Gottes, und die andere gleichsam „von unten“, die menschlichen Gegebenheiten und Bedingungen, in denen die christliche Existenz steht und die sie geistlich zu gestalten und zu durchdringen sucht. Damit steht Spiritualität notwendigerweise in der Spannung zwischen dem einen Heiligen Geist, der überall und in allem wirkt, und der Vielfalt menschlicher kultureller und sozialer Lebenswirklichkeiten und Lebensformen. Die Spannung zwischen Einheit und Vielfalt ist also im Wesen des Begriffs von Spiritualität selbst angelegt.

Spaltung

Darüber hinaus beinhaltet der Begriff der Spiri­tualität auch die Spannung und den Konflikt zwischen dem Heiligen Geist und dem Geist der Welt, wie er in der Bibel verstanden wird. Wir können sogar sagen: Bis zu einem gewissen Grad sind ­unterschiedliche Verstehensweisen von Spiritualität mit ein Grund für die Spaltungen der Christenheit. Sie hat sich nicht primär auseinander diskutiert und über unterschiedliche Lehrformeln zerstritten, sondern auseinandergelebt. Verschiedene Formen, den christlichen Glauben zu leben, sind sich fremd geworden bis zu dem Grad von Entfremdung, der zu wechselseitigem Unverständnis und so zu Spaltungen geführt hat. Kulturelle, soziale und politische Bedingungen und Zeitverhältnisse haben eine Rolle gespielt. Dass es dabei auch um die Frage nach der Wahrheit ging, soll damit nicht aus­geschlossen werden, doch historisch gesehen ist die Wahrheitsfrage jeweils in vielfältige menschliche Lebensbedingungen, in unterschiedliche konkrete Erfahrungswirklichkeiten eingebettet und zuweilen heillos mit ihnen verflochten. Dies lässt sich sowohl beim Schisma zwischen Ost und West im 11. Jahrhundert wie bei der westlichen Kirchenspaltung, die sich als Konsequenz der Reformation des 16. Jahrhunderts ergab, feststellen. Ost und West haben sich bereits im ersten Jahrtausend zunehmend sprachlich, kulturell und politisch auseinandergelebt und sind sich mit Misstrauen und Unverständnis begegnet. (... )

Entfremdung

Ähnlich verhielt es sich im 16. Jahrhundert. ­Luther konnte seine geistliche Erfahrung, die ihren Mittelpunkt in der Rechtfertigung sola fide und sola gratia hatte, nicht länger mit einer Spiritualität vereinbaren, die sich in der Ablassfrömmigkeit und dem ganzen „System“ einer priesterlich, sakramental und institutionell vermittelten Gnade ausdrückte, wie es sich im Spätmittelalter entwickelt hatte. Die damalige Ablasspraxis war zweifel­los in vielen Fällen missbräuchlich; aber auch eine gereinigte und theologisch neu durchdachte Praxis, wie sie im Heiligen Jahr 2000 von Millionen von Rom-Pilgern mit großem geistlichen Ernst vollzogen wurde, trifft bei vielen, auch bei vielen ökumenisch aufgeschlossenen reformatorischen Christen, nicht nur auf Unverständnis, sondern auch auf existenzielles und emotionales Miss­behagen und polemische Ablehnung. Hier gibt es ganz offensichtlich nicht nur doktrinäre, sondern auch emotionale Barrieren.

Eigensinn

Es ist keineswegs so, wie manche naiverweise annehmen, dass Lehre trennt, Spiritualität dagegen vereint. Es gibt so etwas wie eine pseudogeist­liche Unduldsamkeit und einen pseudogeistlichen ­Eigensinn, und leider waren viele unserer traditio­nellen Kontroversen von solch apologetischer und dogmatistischer Rechthaberei bestimmt, und statt zur Verständigung zu führen, haben sie die Kluft nur vergrößert und zementiert. Dem will ökumenische Spiritualität entgegenwirken.

Annäherung

Genau wie alle anderen ökumenischen Ansätze fängt sie nicht länger damit an, was uns trennt, sondern damit, was uns gemeinsam ist. Sie fängt mit gemeinsamen christlichen Erfahrungen an und – heute mehr als in der Vergangenheit – mit gemeinsamen christlichen Herausforderungen in unserer mehr oder weniger säkularisierten und multikulturellen Welt. Diese gemeinsamen Erfahrungen lassen uns auch unsere Unterschiede besser verstehen. Um zu einem tieferen ökume­nischen Verstehen und Übereinstimmen zu finden, ist ein spirituelles Einfühlungsvermögen nötig, das Verstehen einer unterschiedlichen und zunächst fremden christlichen und kirchlichen Lebens­gestalt, ein einfühlendes und mitfühlendes Verstehen von innen her, nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen. Ökumenische Spiritualität bedeutet ein Hören und Sich-Öffnen für den Anspruch des Geistes, der auch aus unter­schiedlichen Frömmigkeitsgestalten spricht; sie bedeutet die Bereitschaft zum Umdenken, aber auch ein Aushalten des Andersseins des Anderen, was Toleranz erfordert, Geduld, Respekt und nicht zuletzt Wohlwollen und jene Liebe, die sich nicht aufbläht, sondern über die Wahrheit freut (1. Kor 13,4.6).

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass ökumenische Dialoge gelingen, wenn all das eben Aufgezählte zu einem gewissen Grad auch eintritt; sie führen nur dann zum Erfolg, wenn es gelingt, Vertrauen aufzubauen und Freundschaft zu schließen. Wenn das nicht gelingt, dann ist jeder gescheit genug, um Einwände zu den Argumenten der anderen Seite zu finden. Dialoge dieser Art kommen nie an ein Ende; sie haben sozusagen eine eschatologische Dimension. Ob sie dann in den Himmel oder die Hölle führen, müssen wir dem lieben Gott überlassen. Besteht dagegen ein freundschaftliches Verhältnis und ein gemeinsamer spiritueller Grund, dann ändert sich die Situation. Das braucht nicht zu einem unmittelbaren Konsens zu führen und tut es auch normalerweise nicht, aber es hilft, besser zu verstehen, was der andere wirklich meint und warum ein unterschiedlicher Standpunkt eingenommen worden ist. Es hilft uns, den Anderen, die Andere in seiner und ihrer Andersheit zu akzeptieren.

Unterscheidung der Geister

Spiritualität verlangt nach einer Unterscheidung der Geister, denn sie ist keine ausschließlich emotionale Angelegenheit, von der die Wahrheitsfrage ausgeklammert werden soll, sondern hilft, ja treibt dazu an, dass wir die Wahrheit suchen. (...) Das Bekenntnis zu Jesus Christus ist das entscheidende Kriterium für die Unterscheidung der Geister: Keiner, der aus dem Geist Gottes redet, sagt: ­Jesus sei verflucht! Und keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist ­redet. (1. Kor 12,3) Damit ist das entscheidende ­christologische Kriterium einer ökumenischen Spiritualität benannt. Es wendet sich gegen die Gefahr eines spirituellen Relativismus und Synkretismus, welcher dazu neigt, die spirituellen Erfahrungen der verschiedenen Religionen neben­einander zu stellen, um sie zu vermischen oder ek­lektisch aus ihnen auszuwählen. Es wendet sich gegen die schwärmerische Versuchung, die ohne christologische Vermittlung einen unmittelbaren Zugang zu Gott behauptet.

Ökumenische Spiritualität wird deshalb in erster Linie eine biblische Spiritualität sein und sich in gemeinsamer Schriftlesung und im gemeinsamen Studium der Bibel auswirken, die für alle Christen das grundlegende gemeinsame Zeugnis dafür ist, dass Gott in der Geschichte sein Heilswerk in Jesus Christus vollendet hat. Schließlich können und dürfen wir: Abba, lieber Vater! (Röm 8, 15.26f) im Geist wie Jesus zu Gott rufen. Eine ökumenische Spiritualität ist eine Spiritualität des Gebets, das in der Gebetswoche um die Einheit der Christen seine besondere Mitte findet. Ein solches Gebet wird immer wieder Menschen versammeln, damit sie gemeinsam um das Kommen des Geistes beten, der die vielen Völker in einer Sprache vereint, damit sie gemeinsam um ein neuerliches Pfingsten beten. (Apg 1,13f) Wie Jesus selbst aus dem Gebet lebte, so auch die ökumenische Spiritualität. 

Gemeinschaft im Geist

Ökumenische Spiritualität ist eine auf Gemeinschaft bezogene Spiritualität. Sie leidet an den Wunden, welche die Spaltungen der Kirchen geschlagen haben und aus denen sie blutet. So ist sie das kritische Gewissen der Kirche und erinnert sie daran, sich nicht in konfessioneller Selbstgenügsamkeit auf sich selbst zurückzuziehen, sondern mutig jeden Schritt zur Förderung der christlichen Einheit, der möglich und verantwort­bar ist, zu gehen, indem sie am Austausch der Gaben teilnimmt, der die Reichtümer der ande­ren Traditionen aufgreift und nutzt, um auf diese­ Weise die größere ökumenische Einheit zu suchen. „Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive am anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein Geschenk für mich“ (P. Johannes Paul II, Novo millenio ineunte, S. 43). Versöhnung hebt die unterschiedliche Position des Anderen nicht auf; sie vereinnahmt ihn nicht und saugt ihn nicht auf. Im Gegenteil, Versöhnung erkennt den Anderen, die Andere in seinem/ihrem Anderssein an. Mit einer solchen Spiritualität der Gemeinschaft wird das eigentliche Ziel der ökumenischen Bewegung bereits vorweggenommen. Denn am Ziel wird keine uniforme Kirche stehen, sondern Einheit innerhalb legitimer Verschiedenheit, eine Einheit nach dem Vorbild der Trinität: ein Gott in drei Personen, der in einem innigen Liebesaustausch lebt.                n

Aus: Wege der Einheit. Perspektiven für die Ökumene. © Herder Verlag, Freiburg 2005, S. 206-226, gekürzt

Von

  • Walter Kardinal Kasper

    Priester und Philosoph, ist eremitierter Kurienkardinal und ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

    Alle Artikel von Walter Kardinal Kasper

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