Einführung

In einem unserer Workshops an Himmelfahrt  ging es darum, wie sich Kirche – konkret unsere Evangelische Kirche – erneuern kann, ohne sich andauernd neu erfinden zu müssen. Die etwa 25 Teilnehmer berichteten über ihre Erfahrungen im kirchlichen Dienst, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich. Aus einem langjährigen Leiden an seiner eigenen Kirche hielt Pfarrer i. R. Burkard Hotz, der viele Jahre lang die Gemeinde in Rimbach/Odw. geleitet und sich in Synode und als Christ in der SPD engagiert hatte, ein leidenschaftliches Impulsreferat. Daraus entspann sich eine Diskussion, mit der wir noch lange nicht ans Ende gekommen sind. Wir möchten unsere Freunde und Leser einladen, diese Diskussion anhand der hier zusammengefassten Thesen, einzeln oder im Zusammenhang, weiterzuführen. Sie sind als thema­tisch breit gestreute Tiefenbohrungen gedacht, von denen aus jeder auf Zusammenhänge schließen kann, die in seinem eigenen kirchlichen Umfeld zum Tragen kommen. Vor allem aber laden wir Sie ein, mit uns dafür zu beten, dass wir uns als evangelische Christen wieder auf die Wurzeln unseres biblischen Glaubens besinnen, weil nur sie tief genug hinabreichen in das Leben spendende Grundwasser der Weisungen und Verheißungen für die Gemeinde Jesu und für alle Welt.          (red)

Nur für Durstlöscher

Anstößiges zu einer Besinnung auf das Eigentliche

Einheit des Leibes Christi

Als evangelische Christen in Deutschland mussten wir uns vom deutschen Papst fragen lassen: „Muss man dem Säkularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch Verdünnung des Glaubens? …Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Das ist die zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: Tiefer und lebendiger zu glauben.“ (Papst Benedikt beim Treffen mit dem Rat der EKD in Erfurt im September 2011)

Gnadenlehre

Die meisten Kirchen der Reformation haben den Fokus der Reformation aus dem Blick verloren. Nicht mehr die Frage nach Gottes Gnade und Vergebung ist für das eigene Selbstverständnis aus­schlaggebend, sondern die Frage nach der „gnädigen Akzeptanz“ durch die Gesellschaft. Die ständige Suche nach bedeutungsvollen gesellschaftlichen und politischen Themen und deren medien­wirksame Bearbeitung hat den weitgehenden Verlust der Gottesfrage zur Folge: reformatorische Theologie wird zunehmend bedeutungslos.

Erlösungsbedürftigkeit

Die konsequente Moralisierung des christlichen Glaubens verdrängt das Wissen um die Gottes- und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen. Das hat schwerwiegende Auswirkungen:

Die Bibel verliert für die Kirche und den Glauben des Einzelnen ihren grundlegenden Charakter als Gottes Wort und zerfällt in eine große Zahl einzelner antiker religiöser Schriften. Sie wird zum bloßen „Steinbruch“ persönlicher Vorlieben und ideologischer Trends.

Aus Jesus Christus, dem von Evangelium bezeugten Sohn Gottes, dem Erlöser von der Macht der Sünde, dem HERRN, der wiederkommt, wird die historisch diffuse Gestalt des Predigers einer Nächstenliebe, die niemanden ausgrenzt.

Mission als Ruf in die gläubige Nachfolge des Messias erübrigt sich, wenn alle ohnehin an einen Gott glauben bzw. nach Wahrheit suchen und sich Mühe geben. Der Sendungsauftrag verflacht zum „toleranten Dialog“ als dem Gebot der Stunde.

Schriftverständnis

Wo das Wort Gottes seinen Grundlagencharakter für Kirche und Christsein verliert, zerfällt das geistliche Immunsystem des Leibes Christi. Der Feind findet leicht viele Einfallstore, zersetzt den Geist der Unterscheidung und raubt der Kirche die Vollmacht zur Wahrheit. Sie ist nicht mehr fähig, Jesus Christus als Gottes Zuspruch der Vergebung unserer Sünden und als seinen gebietenden ­Anspruch auf unser ganzes Leben zu verkündigen.

Kindschaft

Ganz konkret und grundlegend erfolgt die Zersetzung des Leibes Christi in Deutschland seit über 40 Jahren durch die gesellschaftlich anerkannte Praxis der Abtreibung. Geht man von 150.000 Abtreibungen im Jahr aus, so sind das in einem Jahrzehnt eine Million und 800.000 und in 4 Jahrzehnten mehr als 7 Millionen im Mutterleib getöteter Kinder. Dieses dem Molochkult vergleichbare schreckliche Geschehen zieht Gottes Gericht auf unsere Gesellschaft; ihr nicht nur demografischer Niedergang ist heute schon ­offensichtlich. Wer, wenn nicht die Kirche, müsste dagegen ihre Stimme erheben? Aber Abtreibung ist kein Thema in Theologie und Verkündigung. Nicht nur, dass Buße darüber keinen Raum hat: Nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein scheint es zu geben. Stattdessen macht sich unsere Kirche zum Sprachrohr einer „reproduktiven Gesundheit“, zu der selbstverständlich auch der leichte Zugang zu Abtreibungen als „Menschenrecht“ gehört.

Gebot Gottes

Durch diese seit Jahrzehnten gesellschaftlich praktizierte und kirchlich akzeptierte Überschreitung des göttlichen Gebotes: „Du sollst nicht töten!“ ist in unsere Gesellschaft, insbesondere aber auch in unser christliches Umfeld, der antigöttliche Geist des Todes eingezogen. In der Kirche bewirkt dieser Geist des Todes vor allem zweierlei, wie es Satan als Mörder und Lügner entspricht: Er zerstört und er verführt. Der Geist des Todes zersetzt durch die massenhafte Auswanderung der Menschen aus einer bedeutungslos geworde­nen Kirche. Er zerstört Gemeinden und ihre Verkündigung. Christen verlieren die Orientierung, die Fähigkeit zur Nachfolge Jesu und zum Widerstand in der Anfechtung. Der Geist des Todes zerstört Berufungen, er zerstört Ehen und Familien, gerade auch von Christen, und macht sie unfähig, den Glauben an ihre Kinder – an die nächste Generation – weiterzugeben.

Wahrheit

Der Geist des Todes verführt durch die Beseitigung der Wahrheit, durch „fake news“. Das aktuelle Paradebeispiel ist die „Ehe für alle“. Unsere Kirche­ folgt diesem Irrweg, propagiert ihn sogar. Sie übernimmt die Gender-Agenda und deren wirres Menschenbild, demnach die Identität eines Menschen aus seinem sexuellen Begehren herzuleiten wäre, und sie propagiert die modische Ansicht, dass die komplementäre Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau nur eine von beliebig vielen gleichwertigen Lebensformen sei.

Verkündigung und Mission

Parallel dazu wird der Islam als eine Religion des Friedens und der Menschenrechte gepriesen und ein gemeinsamer religiöser und rechtlicher Schulterschluss praktiziert. Die Kirche verweigert jede kritische Auseinandersetzung mit den Lehren des Islam auf der Grundlage von christlichem Bekenntnis und erlaubt nur den „Dialog“ und die „Kooperation“ mit dem Islam. Eine verquere Folge der großen Nähe zum Islam ist allerdings die immer massivere Distanz zu Israel und die zunehmende Entsolidarisierung mit den Juden. Im Namen des gesellschaftlichen Friedens praktiziert die Kirche mit großem medialem Aufwand ihre als Freiheit deklarierte gegenderte, ideologische und demografische Selbstzerstörung und torkelt wie eine Betrunkene einem wachsenden und rechtlich, politisch und religiös zunehmend übernahme­bereiten Islam in die Arme.

Buße und Befreiung

In dieser Verfassung wird christliche Gemeinde von dem Bußruf des Evangeliums getroffen. Wir wollen ihn mit offenem Herzen und wachem Verstand hören. So ist die erste und entscheidende Umkehr der christlichen Gemeinde die Umkehr zu Jesus Christus, dem HERRN und Erlöser der Welt, zu Seinem Wort und zu Seinem Volk Israel. In der Hinwendung zu und der Ausrichtung auf Jesus Christus, wie ER uns in den beiden Testa­menten der Heiligen Schrift offenbart wird, wider­fährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt. Die Hinwendung zu Ihm, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben, beginnt mit dem Bekenntnis unserer Schuld, dass auch wir Komplizen des Todes geworden sind. Die Erfahrung der Vergebung öffnet uns die Augen für das Ausmaß der Macht des Todes und lässt uns mutig und hoffnungsvoll aus dieser Kultur des Todes ausziehen.

Nachfolge

In dieser doppelten Bewegung der Nachfolge: „Hin zu Jesus Christus, zu Seinem Wort und zu Seinem Volk – raus aus der Kultur des Todes, ihrer Ideologie und ihrer Praxis“ verbinden wir die vierfache Erkenntnis der Reformation: die Schrift allein, die Gnade allein, der Glaube allein, Jesus Christus allein mit den drei Evangelischen Räten: Keuschheit, Armut und Gehorsam als Formen gelebter Nachfolge. „So führt die christliche Gemeinde ihr eigenes Leben mitten in der Welt und gibt mit ihrem ganzen Wesen und Tun jeden Augenblick Zeugnis davon, dass das Wesen dieser Welt vergeht … und dass der HERR nahe ist.“ (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge S. 266)

Gemeinschaft

Die bußfertige Hinwendung zu Jesus Christus und der Auszug aus der Kultur des Todes findet ihre Gestalt in lebendigen Zellen und Gemeinden in Kombination mit großen und starken kinderfreundlichen Mehrgenerationenfamilien. In der Gemeinde fließen familiäre und kommunitäre Lebensformen zusammen, so dass hier ein hohes Maß an gemeinschaftlicher Eigenverantwortung (für Kinder und Alte) praktiziert wird und lebendige Christen sich immer wieder der ideologischen und ökonomischen Anpassung verweigern können. Biblische Modelle finden wir in den neutestamentlichen Gemeinden, die in einem heidnischen Umfeld leben. Die Gemeinden der Johannesoffenbarung sind hier besonders anschaulich durch die Erfahrungen der Verfolgung. Selbstverständlich bietet die alttestamentliche Exodusgemeinde das Urbild für den Auszug aus der heidnischen Kultur des Todes. Aktuell können uns Gemeinden in nicht-christlichen Mehrheitskulturen Ermutigung und Orientierung geben, deren Missionare wir herzlich einladen: „Kommt herüber und helft uns!“ (Apg 16, 9).

Reich Gottes

In einer Zeit, in der volkskirchliche Strukturen der geistlichen Erneuerung in der Nachfolge Jesu offenbar wenig förderlich sind, braucht es neue mutige und inspirierte Aufbrüche an der Kirchenbasis. Ein Leben mit dem neuen Herzen und dem neuen Geist, die der HERR nach Hesekiel 36, 26 schenkt, wird sich in sozial und auch finanziell eigenverantwortlichen Gemeinden und Gemeinschaften entfalten können und wirksam werden, die sich innerlich mehr in der Realität des Reiches Gottes als in den historisch bedingten kirchenpolitischen Gegebenheiten verankert wissen und deren geistliche Organisationsform sich nicht allein aus kirchlichen Strukturreformen erneuert, sondern aus der Wirklichkeit des lebendigen Leibes Christi.             

Der hier abgedruckte Impuls, der dem Workshop Semper reformanda – wie Kirche sich erneuert, ohne sich selbst neu erfinden zu ­müssen am Tag der Offensive 2017 zugrunde lag, ist eine Zusammen­fassung der Ausführungen von Burkard Hotz „Umkehr zum Leben“, ­erschienen in der Broschüre des Arbeitskreises der Geistlichen ­Gemeinde-Erneuerung Hannoversch Münden 2016, S. 6 –31.

Von

  • Burkard Hotz

    über 30 Jahre Pfarrer in Rimbach, einer Reichelsheimer Nachbargemeinde. Seit 2012 ist er im Ruhestand – aber weiterhin engagiert in der Seelsorge.

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