Radikal

Reformation als Wurzelbehandlung für die Kirche

Die Kirche ist in der Welt unter der Heiligen Schrift. Sie dient dem Menschen und dem Volk, dem Staat und der Kultur, indem sie hinsichtlich ihrer Botschaft und ihrer Gestalt dem ihr vorgeschriebenen Worte Gottes und seinem Heiligen Geist gehorsam zu sein bemüht ist.
Damit ist abgelehnt die Ansicht: Die Kirche habe dem Menschen damit zu dienen, dass sie ihm mehr gehorche als Gott, ihre Botschaft und ihre Gestalt seinen jeweiligen Überzeugungen, Wünschen und Zwecken anpasse und zur Verfügung stelle.

Barmer Theologische Erklärung, Januar 1934

Liebe Freunde,

Schmerzen gibt es solche und solche. Die einen stecke ich locker weg, die anderen wecken in mir Fluchtreflexe und Panik. So ist, ich gebe es zu, für mich jeder Gang zum Zahnarzt ein angstschweißtreibendes Unterfangen, obwohl mein Doktor äußert freundlich ist, alles geduldig erklärt und gleich zu Beginn eine schmerzbetäubende Spritze anbietet. Mir fuhr ein gehöriger Schreck in die Glieder, als er bei der Entfernung einer Amalgamfüllung stirnrunzelnd in seinen Mundschutz murmelte, es könnte eine Wurzelbehandlung anstehen, weil sich unter der Füllung die Karies in die Tiefe gefressen hatte. Die chronische Entzündung könne sogar Herz und Hirn schädigen! Der radikale Eingriff schien dann – vorerst – doch nicht notwendig, aber der Aufschub linderte meine Zahnarztphobie nur bedingt. Ein solcher Eingriff im hohlen Zahn ist wortwörtlich radikal: er geht an die Wurzel (lat. „radix“). Und alles, was an die Wurzel geht, ist heikel, kann aber heilsam sein.

Zahnlose Reformation?

Die Reformation war so etwas wie eine Wurzel­behandlung für die Kirche. Luther traf mit seinem Protest gegen den florierenden Ablasshandel den Nerv der Zeit und fühlte mit seinen 95 Thesen der Kirche auf den von Machtstreben und theologisch-exegetischer Verwahrlosung zerfressenen Zahn. Der Schmerz darüber war nicht länger zu ignorieren. Es ging darum, die Verbindung zur Wurzel zu erhalten, zurückzufinden zu den Fundamenten des Glaubens. Wenn die Kirche bleiben möchte, muss sie sich immer neu auf ihre Wurzeln besinnen.

Wie steht es nach 500 Jahren um uns als Kirche? Wir sind am diesjährigen Freundestag an Himmelfahrt der Frage nachgegangen, wo es einer radikalen Erneuerung durch den Heiligen Geist unter uns bedarf und was eine Neuausrichtung für uns bedeutet. Die Predigt über den Wurzelgrund unseres Glaubens von SMD-Generalsekretär Pfr. Gernot Spies möchten wir gern mit Ihnen allen teilen (S. 112), ebenso die Anstöße bzw. anstößigen Thesen aus dem Workshop mit Pfr. Burkard Hotz (S. 120). Ergänzend dazu legen wir Ihnen die Ausführungen des Greifswalder Theologen Michael Herbst über den Propheten Jona ans Herz, der vom „großen Fisch“ zum Glück nur verschluckt und nicht zerkaut wurde und die radikale Barmherzigkeit Gottes neu buchstabieren lernte. Seine Geschichte macht den ursprünglichen Auftrag der Kirche augenfällig (S. 124). Denn Ninive ist überall, und der Bedarf an einer lebendigen, fest in Christus verwurzelten, bußfertigen Kirche, die radikal von Gottes Barmherzigkeit lebt, ist groß.

Die Wurzel trägt

Paulus erinnert uns: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11, 18). Es sind die jüdischen Wurzeln, die uns als Christen tragen. Wer das Volk des ersten Bundes verstehen will, muss sich mit der Hebräischen Bibel (dem Alten Testament) auseinandersetzen, braucht aber auch ein vertieftes Verständnis für sein Denken und seine Tradition. Andernfalls werden wir die Aussagen Jesu und die Lehre des Paulus, erst recht die Rechtfertigung aus dem Glauben, nicht in ihrer Tiefe verstehen. „Neu“ ist der Neue Bund nur, wenn er Bezug nimmt auf den Bund Gottes mit Israel. Wir sollten bereit sein, die Schriften des NT auch aus jüdischer Perspektive zu lesen und zu durchdringen, um nicht einem hellenistisch-heidnisch geprägten Denken aufzusitzen, das wir dann für das ganze Evangelium halten. Oder wir laufen Gefahr, Luthers Engführung zu wiederholen und als Waffe gegen Israel und das Judentum zu wenden. Als Kommunität haben wir in diesem Gedenkjahr theologische Experten eingeladen, die uns neue und inspirierende Einsichten in diesen sensiblen Bereich vermitteln konnten. So ließen wir uns von Pfr. Dr. Lothar Triebel, Referent der EKHN-Synode, über die Entstehung der Synagoge im Altertum, die verheerenden Folgen von Luthers Judenhass und die wichtigen Fragen des aktuellen jüdisch-christlichen Dialoges unterrichten. Prof. Klaus Wengst zeigte uns das spezifisch Jüdische an der Gnadentheologie des Paulus auf und Prof. Klaus Berger die eschatologische Bedeutung Israels in den Evangelien und der Offenbarung. Wir werden uns noch länger mit diesen reichhaltigen und kontrovers diskutierten Impulsen beschäftigen.

200 Jahre Synagoge und Begegnung mit jüdischen Gästen

Einen konkreten Anlass für unsere Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zum Judentum bot der 200. Jahrestag der Einweihung der einstigen Synagoge in Reichelsheim im Jahr 1817. Begleitend dazu initiierte die OJC eine Präsentation der Bilder des Berliner Künstlers Alexander Dettmar aus dessen Großprojekt „Bilder der Erinnerung“. Bei der Vernissage referierte Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, über die Bedeutung der Synagoge für Juden in der Diaspora. Sie ist der öffentliche Gegenpol zur Familie, in der das Glaubensleben und seine Tradierung ihre eigentliche Mitte haben (S.128).

Vom einst blühenden jüdischen Leben in Reichelsheim sind nur die Fundamente der Synagoge erhalten. Die Familien sind, sofern sie nicht Opfer der Vernichtung wurden, geflohen und emigriert. Zum geistlichen Anliegen der OJC gehört der Einsatz für Versöhnung zwischen Menschen und Völkern. Aus diesem Grund haben wir zur Anbringung einer Gedenktafel an der Stelle des ehemaligen Gebäudes der Synagoge die Nachfahren Reichelsheimer Juden eingeladen. Wir konnten anknüpfen an eine Begegnung von 1995, die die politische Gemeinde initiiert und die OJC mitgetragen hatte. Elf Personen nahmen unsere Einladung an. Dankbar geben wir Ihnen Anteil an dieser denkwürdigen Begegnung (S. 131 ff).

Der Anfang gilt

Radikale finden sich in den Kirchen nur noch vereinzelt, dafür umso mehr im säkularen Raum. Feministen und Genderprotagonisten haben ganze Arbeit geleistet: Mit dem Ja des Bundestages zur „Ehe für alle“ wurde ihr fundamentaler Glaubenssatz, das biologische Geschlecht spiele in der Geschlechter- und Generationenfrage keine Rolle, nun auch rechtlich zementiert (S. 142). Obwohl die „Ehe für alle“ in Europa mittlerweile selbst in katholisch geprägten Ländern Einzug gehalten hat, erwischte sie uns Deutsche doch kalt im Vorwahlkampf. Gerade im 500. Jahr der Reformation mutet es seltsam an, dass allen voran die Kirchenleitung der EKD die Gesetzesnovelle bejubelt und den Ehebegriff – das „Ein-Leib-Werden“ von Mann und Frau – abgekoppelt vom biblischen Zeugnis auf alles auszuweiten bereit ist, was „Vertrauen, Verlässlichkeit und Verantwortung“ beinhaltet. Jesus selbst hat, als man versuchte, ihn in eine spitzfindige Debatte über die Gültigkeit bzw. Brüchigkeit des Ehebundes zu verwickeln, seine Kontrahenten auf die Anfänge­ und die Segensverheißung verwiesen. Auch heute müssen wir uns von ihm daran erinnern lassen:­ Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang schuf als Mann und Frau und sprach (1. Mose 2,24): „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein“? (Mt 19,4 – 6).
Der ehemalige Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der EKD, Axel Freiherr von Campenhausen, fasst es so: In der Bibel und den Bekenntnisschriften gibt es keine einzige Fundstelle, die als Ermutigung zu solcher Gleichmacherei dienen könnte.

Die Freiheit verdunstet

Diese schleichende gesellschaftliche Entwicklung bringt der anglikanische Theologe Ephraim Radner so auf den Punkt: Wir leben in einer neuen Epoche. Es gibt keinen sicheren Ort in der Welt oder in unseren Kirchen, wo man einfach nur noch Christ sein kann. Für Christen, die sich an der Bibel orientieren, stellt sich auf brisante Weise die Frage nach der Gestaltung neuer „Orte“. In den USA wird das jüngst erschienene Buch von Rod Dreher „The Benedict Option“ rauf und runter diskutiert und rezensiert. In ihm heißt es: Heute können wir sehen, dass wir (als Christen) an jeder Front verloren haben und dass die rasanten und unaufhaltsamen Ströme der Säkularisierung unsere dünnen Barrieren überwältigt haben.1 Er plädiert, ganz in der Tradition Bonhoeffers, für ein „neues Mönchtum“, um Räume für eine radikal evangeliumsorientierte Lebensweise zu schaffen. Das ist keine neue, aber eine reelle Option, die eine Reihe von Christen bereits in Kommuni­täten, Gemeinschaften und Gemeinden zu leben versuchen. Festzuhalten aber ist, dass der zu verteidigende Raum der Freiheit sich letztlich stets im Menschen selbst befindet, in seinem Denken und Handeln angesichts der äußeren Umstände, in die er gestellt ist. Der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Viktor Frankl, war mehrfach ausweglosen Situationen im Konzentrationslager ausgesetzt. Er wurde nicht müde zu mahnen: In jeder noch so unfreien Situation kann der Mensch, der sich in ihr befindet, sehr wohl „auch anders“. Sein Lebenswerk ist ein starkes Plädoyer gegen resignative Opferhaltung und für das Ergreifen der Freiheit, die dem Menschsein eignet als dem „Wesen, das immer entscheidet, was es ist“ (S. 138). Wir Christen haben die Gewissheit, dass diese Freiheit der Kern unserer Menschenwürde ist, zu der wir durch Christus wieder Zugang haben.

Der Wüstenvater Pachom (287 – 347 n Chr.), Verfasser der ersten schriftlich fixierten Mönchsregel, ermutigte einen frustrierten Bruder: Geh nicht fort von einem Ort zum anderen, indem du sagst: Ich werde Gott an diesem oder an jenem Ort finden. Gott sagt: „Ich erfülle den Himmel, ich erfülle die Erde… Siehe, der Räuber war am Kreuz und kam ins Paradies ... Siehe, Judas andererseits war in der Schar der Apostel und verriet seinen Herrn.“ Gott kann einem an den Abgründen des Lebens begegnen. Deswegen kommt er zu dem Schluss: An jedem Ort also suche Gott. Suche sein Antlitz allezeit. Suche ihn wie Abraham, der Gott gehorchte und seinen Sohn als Opfer darbrachte. Er nannte ihn: Mein Freund. So ist das Radikalste, zu dem Christus die Seinen beruft, seine Freundschaft. Ihm ist, wie es Bischof Cyprian von Karthago (200 – 258 n. Chr.) treffend formuliert, nichts vorzuziehen, weil er auch nichts vorgezogen hat.

Radiostation Ankawa in Erbil
Radiostation Ankawa in Erbil

Hoffnung für Freunde im Irak

Dass diese Freundschaft trägt, haben uns die Freunde im Irak glaubwürdig bezeugt. Sie halten die Hoffnung an den Orten der Zerstörung, Verunsicherung und Verzweiflung hoch. Seit unserm Besuch Januar 2017 in Erbil bei den Betreibern des christlichen Radios Ankawa konnten wir ihre Arbeit dank Ihrer Spenden mit 25.200 Euro unterstützen. Sie haben eine neue, geschützte Bleibe­ gefunden, damit das täglich über elf Stunden ausgesendete Liveprogramm Kurden, Araber und andere Christen in den Regionen Erbil, Dohuk, Mossul und Sulaimaniyya erreicht und ermutigt.

Ein anderer Ort, den wir besucht haben, war das vom IS verwüstete Bashega. Wir freuen uns, dass wir zum Aufbau einer Tahini-Fabrik (Sesampaste) und eines Minimarktes, in dem Christen und Jesiden Seite an Seite arbeiten sollen, 30.000 Euro überweisen konnten. Danke für Ihre Unterstützung und bitte helfen Sie auch weiterhin mit!

Unser Mehrgenerationenhaus wird in diesen Wochen eingenommen! Obwohl das Gebäude noch eingerüstet und die Baustelle aktiv ist, sind zwei Ehepaare, eine Familie und eine Ledige in das Mehrgenerationenhaus (S. 145) eingezogen. In den folgenden Wochen werden ihnen weitere Bewohner folgen. Wir freuen uns auf die kleine Feier im September, wenn wir das Haus auch geistlich einnehmen und einweihen werden. Es steht für die Hoffnung, dass wir nach fast 50 Jahren zu einer neuen Pionierzeit aufbrechen und erleben, dass Generationen es nicht nur miteinander aushalten, sondern das gemeinsame Leben fruchtbar gestalten können. Wir sind Gott für seine Bewahrung dankbar und herzlich danken wir auch unseren Freunden, die durch Gebet, Rat, Tat und Geld unser generationenverbindendes Unterfangen mit uns tragen.

Loslassen mussten wir wieder die zwölf jungen Freiwilligen, die das letzte Jahr mit uns geteilt haben. Sie machen Platz für die Neuen, die wir Ihnen im nächsten Salzkorn vorstellen werden. Wir müssen dann wie jedes Jahr miteinander vertraut werden und einander mit allem gebotenen Respekt auf den Zahn fühlen. Ganz ohne Phobien.

Allen Lesern und Freunden wünsche ich mit der ganzen Gemeinschaft einen segensreichen Herbst und sofern auch Sie in die anstehenden Reformationsfeierlichkeiten involviert sind, festen Biss und guten Mut!

Herzlich,

Ihr Konstantin Mascher, Prior
Reichelsheim, im August 2017

1  Today we can see that we’ve lost on every front and that the swift and relentless currents of secularism have overwhelmed our flimsy barriers. The Benedict Option, S. 9

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